Pfingsten: Glaube an Gottes schöpferische Vernunft

"Wort zum Sonntag" auf SWR 1 an Pfingsten - von Weihbischof Dr. Stephan Ackermann


Verehrte Hörerinnen und Hörer!

Zu den Wissenschaften, die in den letzten Jahren mit staunenerregenden Forschungsergebnissen aufwarten konnten, gehört zweifellos die Hirnforschung. Immer neue Methoden werden entwickelt, um dem Geheimnis unseres Denkens auf die Spur zu kommen. Mit Hilfe von sogenannten bildgebenden Verfahren kann sichtbar gemacht werden, welche Hirnpartien bei bestimmten Vorgängen aktiv sind. In Gelb und Orange leuchten sie auf den Bildschirmen.

Mit diesen Erkenntnissen taucht aber auch die Frage auf, was denn Denken überhaupt ist. Sind tatsächlich wir es, die denken, oder werden wir gedacht? Manche Hirnforscher haben bereits die radikale Konsequenz gezogen: Sie halten das Ich des Menschen für eine Illusion und das, was wir Geist nennen, für eine gigantische Selbsttäuschung, die letztlich in nichts anderem besteht als in einem komplexen Zusammenwirken physiologischer und chemischer Prozesse in den Nervenzellen. Nur weil wir Menschen es bisher nicht besser wussten, so behaupten sie, konnten wir uns dem Glauben hingeben, es gäbe ein Ich, das selbstständig denkt, fühlt und entscheidet. Es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis die wahren Zusammenhänge entschlüsselt sind und uns die Augen aufgehen, wie es wirklich um uns steht. Dann ist es freilich auch um unsere Freiheit geschehen. Denn dann sind wir keine eigenständigen Subjekte mehr, die darüber entscheiden, was sie sagen oder tun. Wir bleiben zurück als ausführende Organe, die lediglich das umsetzen, wozu uns elektrische Reize und chemische Prozesse in unserem Gehirn stimulieren.

Theorien dieser Art - zumal dann, wenn sie mit einem entsprechenden Pathos vorgetragen werden - erschrecken. Doch sollten wir uns nicht vorschnell in die Enge treiben lassen. Denn wieso sollten wir einer Behauptung Glauben schenken, die ihrer eigenen Logik nach nicht mehr sein kann als das Produkt einer mehr oder weniger zufälligen Verkettung chemischer Reaktionen im Gehirn derer, die sie sich ausgedacht haben?

Mir scheint es da vernünftiger, der Botschaft des Pfingstfestes zu glauben, das wir Christen an diesem Sonntag feiern. Pfingsten ist das Bekenntnis zur Existenz des Geistes Gottes, zur Überzeugung, dass der Ursprung unserer Welt nicht in einer Eruption des Zufalls liegt, sondern in Gottes schöpferischer Vernunft. Die ist nicht nur auf den Raum der Kirche begrenzt, sondern steht als Schöpfergeist am Beginn allen Lebens. Nicht umsonst stellt die katholische Liturgie heute ein Wort aus dem Buch der Weisheit an ihren Anfang: »Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis. In ihm hat alles Bestand« (Weish 1,7). Genügend Hinweise dazu hat der Schöpfer selbst ausgestreut: In der atemberaubenden Schönheit der Natur, im faszinierenden Zusammenwirken ihrer Gesetze, in der überbordenden Vielfalt der Arten ...

Pfingsten bliebe allerdings ein naives Schöpfungsfest, sähen wir nicht auch die zerstörerischen Kräfte, die in der Schöpfung vorhanden sind, und die entsetzlichen Versuchungen, die selbst in den allerbesten Endeckungen des menschlichen Geistes lauern. Augustinus hat Recht, wenn er sagt: »Wissen allein macht traurig.« Wäre der Geist Gottes nur Vernunft, so müsste uns das bodenlos deprimieren angesichts der Komplexität und der Gefährdungen, denen wir Menschen ausgesetzt sind.

Nun ist aber der Geist, den der Auferstandene am Pfingsttag den Jüngern schenkt, nicht bloß der Geist der göttlichen Vernunft, sondern der Liebe, mit der er nicht nur die Seinen, sondern alle Menschen liebt. An Pfingsten entpuppt sich diese Liebe als die eigentliche Vernunft. Die Vernunft, die am Ursprung unserer Welt steht, heißt Liebe. Sie ist die geheime Formel, »die den Erdkreis zusammenhält«. Sie ist die einfachste und die zugleich anspruchsvollste Formel, die wir Menschen kennen. Mit ihr kann man die Welt und die Menschen über alle Barrieren von Sprache, Kultur und Bildung hinweg verstehen.

Ich wünsche Ihnen ein frohes Pfingstfest!

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