Nicht als Konfessionen ...

Als Christen sind wir gemeinsam gefragt

Bischof Dr. Stephan Ackermann
Grußwort im Festakt zum Reformationsjubiläum

am 30. Oktober 2017 in der Ludwigskirche, Saarbrücken

Verehrte Festversammlung,
vor allem liebe evangelischen Schwestern und Brüder!

Morgen also ist er da, der eigentliche Jubiläumstag: 500 Jahre seitdem Martin Luther seine berühmten 95 Thesen veröffentlicht hat. In einer ganzen Dekade ist die Evangelische Kirche in Deutschland auf dieses Datum zugegangen. So ist es nicht verwunderlich, dass wir am Vorabend des Reformationstages 2017 schon Bilanz halten oder, anders gesagt: versuchen, die Früchte der Vorbereitungszeit und insbesondere des Jubiläumsjahres ein wenig einzusammeln.

Ich freue mich und danke aufrichtig dafür, dass ich bei diesem Festakt sprechen darf, um im Namen der katholischen Christinnen und Christen meinen Gruß und Glückwunsch zu entbieten und auch ein wenig Rechenschaft darüber zu geben, wie sich das 500. Jubiläum der Reformation aus der Sicht eines katholischen Bischofs anfühlt.

Ich kann mich noch gut an die Sitzung erinnern (ich war gerade Weihbischof geworden), in der in unserer Bischofskonferenz die Information durchsickerte, dass die evangelische Kirche eine Reformationsdekade zur Vorbereitung auf 2017 plane. Da gab es doch ein gewisse Nervosität und die Befürchtung, es könnten zehn schwere Jahre für uns werden.

Katholische Befürchtungen: nicht bestätigt

Und es kam so: Tatsächlich gab es im letzten Jahrzehnt sehr schwere Jahre für die katholische Kirche in Deutschland. Doch der Grund dafür waren, wie wir wissen, nicht die evangelische Kirche und die Reformationsdekade. Darüber hinaus wurde immer klarer, dass keine „Jubel- und Profilierungsfeier des Protestantismus mit antikatholischen Spitzen“ geplant wurde. Im Gegenteil: Je näher das Jubiläumsjahr rückte, umso deutlicher wurde, dass die Jubiläumsveranstaltungen eine ökumenische Dimension haben sollten. Dies wurde vor allem dadurch gesichert, dass das Jubiläumsjahr nicht als Lutherfest, sondern als Christusfest ausgerichtet wurde. Christus ist unsere verbindende Mitte. Er verbindet alle, die als Christen seinen Namen tragen. Ihn können wir gemeinsam feiern. Da spielt die Unterscheidung zwischen „Jubiläumsfeier“ und / oder „Gedenken“ keine Rolle mehr.

Christus in der Mitte verbindet

Ich bin dem früheren Ratsvorsitzenden und Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, immer noch dankbar, dass er sich für diese Akzentuierung des Jubiläumsjahres so stark gemacht hat. Damit haben es uns die evangelischen Schwestern und Brüder leicht gemacht, uns an ihrem Jubiläum zu beteiligen statt schmollend außen vor zu bleiben.

So kann man wohl mit Recht sagen, dass das 500. Jubiläum der Reformation das bisher ökumenischste Jubiläum aller Zeiten war. Und ich glaube auch, dass die sogenannte „Kirchenbasis“ diesmal nicht die Kirchenleitungen hinter sich her ziehen musste. Dafür gab es viel zu viele Initiativen gerade auch auf der Ebene der Kirchenleitungen.

Ich jedenfalls schaue dankbar und bereichert auf das Jubiläumsjahr zurück: Es hat meinen Blick und mein Herz geweitet. Das Jubiläum hat mich dazu geführt, mich mehr als jemals zuvor mit der Gestalt Martin Luthers zu beschäftigen und nach Wittenberg, als wichtiger Wirkungsstätte Luthers zu fahren. Seit kurzem blüht auch eine Lutherrose in meinem Garten.

Dankbar für mehr ökumenische Nähe

Vor allem aber schaue ich dankbar auf die vielen Anlässe zur Begegnung, zum Austausch, zum gemeinsamen Zeugnis. Das Jubiläum hat die Gelegenheit gegeben, über die schon vorhandenen regelmäßigen Kontakte hinaus uns näher zu kommen. Das gilt auch für das menschliche Miteinander. Außenstehenden mag dies nicht so entscheidend vorkommen. Doch strittige theologische Fragen – und es gibt sie ja noch – lassen sich eben besser verhandeln, wenn es eine größere Vertrautheit miteinander und ein Vertrauen zueinander gibt; wenn man weiß, was dem Partner besonders am Herzen liegt, und wo er bzw. sie besonders verletzlich ist.

Auf der Basis dessen, was gewachsen ist, lässt sich weiterbauen, davon bin ich fest überzeugt. Auf der Basis des Vertrauens lassen sich auch auftauchende Irritationen (und solche wird es ja auch künftig geben) leichter aushalten.

Einheit als Maß der Glaubwürdigkeit der Kirche

Zum großen Ziel der Einheit der Kirchen gibt es keine Alternative. Das ist uns von Christus selbst her vorgegeben. Für ihn bemisst sich an der Einheit seine Jünger sogar die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Botschaft. Nicht umsonst bittet Jesus am Abend vor seiner Passion den himmlischen Vater: „Alle sollen eins sein […]: damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.” (Joh 17,21)

Woran müssen wir nach den Reformationsfeierlichkeiten ökumenisch arbeiten? Der katholische Theologe Thomas Söding hat recht, wenn er selbstkritisch feststellt: „Die katholische Kirche sagt: Mehr sichtbare Einheit, erklärt aber wenig, wie vielfältig die Einheit ist und wie sie sichtbar wird. Die evangelische Kirche spricht von ‚versöhnter Verschiedenheit‘, vergisst aber zuweilen die Einheit und erklärt wenig, ob Verschiedenheit oder Vielfalt der treffende Ausdruck ist.“ (ÖKI 43-44/ 2017,15f)

Der Ernstfall der Ökumene aber besteht vor allem in dem gemeinsamen Zeugnis, das wir als Christen in einer religiös, weltanschaulich, kulturell pluralen und sich weiter pluralisierenden Welt geben oder nicht geben. Jenseits aller konfessionellen Unterschiede und Grenzen, so begründet sie theologisch sein mögen, kommt es darauf an, dass wir uns nicht nur Christen nennen, sondern als solche in unserem Denken und Handeln auch erkennbar sind.

Als Christen und Kirche gefragt, nicht als Konfessionen

Als Christen – ob evangelisch oder katholisch – haben wir keine Zukunft, wenn wir uns zuerst und vor allem definieren über unseren ererbten gesellschaftlichen Status, über bloß äußerliche Frömmigkeitsformen und Traditionen. Wir haben auch keine Zukunft, wenn wir uns vor allem als Moralagentur verstehen oder von den Menschen so wahrgenommen werden: Besserwisser mit erhobenem Zeigefinger …

Wir haben Zukunft und sind glaubwürdig – als evangelische, katholische, freikirchliche, orthodoxe Christen –, wenn die Menschen in der Begegnung mit uns spüren, dass wir aus einer wirklichen Verbundenheit mit Jesus Christus leben, der für uns nicht Vergangenheit ist, sondern der Lebendige, der Auferstandene, der Weggefährte an unserer Seite.

Als Christen erkennbar sein

Wo in der Begegnung mit Christen dies spürbar wird, d. h. wo Christen sich überzeugt, aber ohne Schaum vor dem Mund, mit aufrichtiger Dialogbereitschaft, aber ohne beliebig zu werden, mit echtem Interesse am Anderen, ohne aufdringlich zu sein, als Christen zu erkennen geben, wird unsere Gesellschaft insgesamt davon profitieren, gerade in einer Zeit der Selbstvergewisserung angesichts vielfältiger Herausforderungen.

In diesem Sinn sage ich den evangelischen Geschwistern „Herzlichen Glückwunsch und Gottes Segen!“, freue mich auf den weiteren Weg und hoffe, mit vielen anderen, dass der morgige 31. Oktober 2017 kein „Schlusspunkt“ wird, sondern ein „Doppelpunkt“ ist, hinter dem wir die Ökumene weiterschreiben aus voller Überzeugung, aber auch „vergnügt, erlöst, befreit“.

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