Erste Eindrücke zum nachsynodalen apostolischen Schreiben „Amoris Laetitia“ von Papst Franziskus

Dokument einer großen pastoralen Sensibilität

Bischof Dr. Stephan Ackermann - 8. April 2016

Mit Amoris Laetitia (AL) hat P. Franziskus erneut ein umfangreiches päpstliches Schreiben vorgelegt, das auch wieder spürbar seine persönliche Handschrift trägt. Zugleich merkt man dem Schreiben an, dass es dem Papst wichtig ist, die Ergebnisse der beiden Bischofssynoden zum Thema Ehe und Familie einzubeziehen. So werden die Schlussrelationen der beiden Synodenversammlungen häufig zitiert. Zugleich stellt er das Schreiben in den Kontext der Lehrverkündigung seiner Vorgänger (vor allem Johannes Paul II. wird häufig zitiert), aber auch seiner eigenen Lehrverkündigung. P. Franziskus verweist oft mit wörtlichen Zitaten auf seine bisherigen Enzykliken, aber auch seine Ansprachen zum Thema Ehe und Familie bei den wöchentlichen Generalaudienzen.

Die Charakteristika der 9 Kapitel variieren: Es gibt eher beschreibende Teile, spirituell-meditative Passagen, konkrete pastoral-praktische Hinweise und anspruchsvolle moraltheologische Erörterungen. Insgesamt aber ist es ein durch und durch pastorales Schreiben. Deutlich ist auch, dass der Papst es sich mit den heiklen Fragen, insbesondere mit der Frage der Wiederverheiratet-Geschiedenen, nicht leicht gemacht hat (vgl. AL 296-312). Wenn ich P. Franziskus in dieser Frage richtig verstehe, dann ist es ihm ein Anliegen, die Fixierung auf die Frage der Kommunionzulassung der Wiederverheiratet-Geschiedenen, die es in den Diskussionen der letzten beiden Jahre immer wieder gegeben hat, dadurch aufzubrechen, dass er ein fast unerbittliches Augenmerk darauf legt, allen Gläubigen – in welchen Situationen sie sich auch befinden mögen – die konkrete Erfahrung der kirchlichen Communio zu ermöglichen. In dieser Richtung sind seine Mahnungen mehr als eindeutig (vgl. zum Beispiel AL 246).

Der Gesamtduktus des Textes ist von einem positiven Grundzug geprägt. Davon zeugt schon der Titel Amoris Laetitia: Die „Freude der Liebe“, wobei amor ja zunächst die ganz menschliche, auch sinnliche Liebe meint (AL spricht vom „frohen Genießen“: vgl. 147-152).

Mit seinem Schreiben will der Papst werben für das Ideal des katholischen Eheverständnisses, an dem er ebenso wenig Abstriche macht wie am Anspruch des Evangeliums insgesamt (vgl. etwa AL 301). Er lässt auch keinen Zweifel daran, dass nach katholischer Sicht nur die auf Dauer angelegte Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau als Ehe bezeichnet werden kann (AL 56.67.251). Zugleich ist es ihm wichtig, die „Bodenhaftung“ (AL 6) zu bewahren, d.h. die vielfältige und komplexe Realität unserer Welt und vor allem des Lebens in Ehe und Familie in den Blick zu nehmen.

Diejenigen, die in den Diskussionen der letzten beiden Jahre die Befürchtung hatten, dass die Synode bzw. der Papst die katholische Ehelehre ändern wird, werden AL mit Beruhigung zur Kenntnis nehmen. Wer das Schreiben aber mit wacher Aufmerksamkeit liest, der spürt auch, dass AL nicht dazu angetan ist, sich ruhig zurückzulehnen in der Meinung, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Von seinem pastoralen Ansatz her ist AL durchaus geeignet, eine heilsame Unruhe zu stiften, insofern der Papst deutlich macht, dass alles pastorale Handeln der Kirche von der Grundbewegung des guten Hirten Jesus Christus, der gekommen ist zu sammeln und in die Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, zu führen, geprägt sein muss (vgl. AL 309). P. Franziskus spricht immer wieder von der „Logik der Integration“ (vgl. z. B. AL 296.299). Der Weg Jesu ist für P. Franziskus der „Weg der Barmherzigkeit und der Eingliederung (…) Der Weg der Kirche ist der, niemanden auf ewig zu verurteilen, die Barmherzigkeit Gottes über alle Menschen auszugießen, die sie mit ehrlichem Herzen erbitten (…) Denn die wirkliche Liebe ist immer unverdient, bedingungslos und gegenleistungsfrei.“ (AL 296)

Zum pastoralen Ansatz des Schreibens gehört es, dass der Papst immer wieder darauf hinweist, dass Schwarzweißmalerei und eine holzschnittartige Einteilung in Gut und Böse für die Beurteilung von pastoralen Situationen nicht statthaft ist (vgl. etwa AL 298.304f). Unmissverständlich macht er auch deutlich, dass die kirchliche Lehre nicht als Knute gegen die Gläubigen zu gebrauchen ist (AL 308).

Im Schreiben findet sich kein konkret greifbarer Entwicklungsschritt in Bezug auf die kirchliche Lehre. Das wird sicher manchen enttäuschen. Dem Papst ist das bewusst, aber er wirbt um Verständnis dafür, wenn er schreibt: „Wenn man die zahllosen Unterschiede der konkreten Situationen […] berücksichtigt, kann man verstehen, dass man von der Synode oder von diesem Schreiben keine neue, auf alle Fälle anzuwendende generelle gesetzliche Regelung kanonischer Art erwarten durfte. Es ist nur möglich, eine neue Ermutigung auszudrücken zu einer verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der je spezifischen Fälle. Und da ‚der Grad der Verantwortung (…) nicht in allen Fällen gleich (ist)‘, müsste diese Unterscheidung anerkennen, dass die Konsequenzen oder Wirkungen einer Norm nicht notwendig immer dieselben sein müssen.“ (AL 300) Und weiter formuliert der Papst: „Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ‚irregulären‘ Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.“ (AL 301)

Um die Weise, wie P. Franziskus in seinem Dienst vorgeht, richtig zu verstehen, halte ich folgende Aussagen, die sich gleich zu Beginn von AL finden, für sehr wichtig: „Indem ich“, so der Papst, „daran erinnere, dass die Zeit mehr wert ist als der Raum, möchte ich erneut darauf hinweisen, dass nicht alle doktrinellen, moralischen oder pastoralen Diskussionen durch ein lehramtliches Eingreifen entschieden werden müssen. Selbstverständlich ist in der Kirche eine Einheit der Lehre und der Praxis notwendig; das ist aber kein Hindernis dafür, dass verschiedene Interpretationen einiger Aspekte der Lehre oder einiger Schlussfolgerungen, die aus ihr gezogen werden, weiter bestehen. Dies wird so lange geschehen, bis der Geist uns in die ganze Wahrheit führt (vgl. Joh 16,13), d. h. bis er uns vollkommen in das Geheimnis Christi einführt und wir alles mit seinem Blick sehen können. Außerdem können in jedem Land oder jeder Region besser inkulturierte Lösungen gesucht werden, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen. Denn ‚die Kulturen [sind] untereinander sehr verschieden, und jeder allgemeine Grundsatz […] muss inkulturiert werden, wenn er beachtet und angewendet werden soll‘“ (AL 3). In diesem Sinn ist auch AL – anders als man dies bei einem nachsynodalen Schreiben vermuten würde – ein Dokument, das nicht eine Thematik abschließt, sondern eine Entwicklung eröffnet, ja zu einer Weiterentwicklung des gesamten kirchlichen Lebens ermahnt.

Das päpstliche Schreiben enthält ausgesprochen und unausgesprochen für die Bischöfe und die gesamte kirchliche Gemeinschaft eine Reihe von „Hausaufgaben“: Dazu gehören eine intensivierte Ehevorbereitung, sowie eine achtsame Begleitung gerade der jungen Ehepaare. Dadurch, dass der Papst immer wieder die Wichtigkeit einer klugen Unterscheidung von Situationen betont, bedarf es auch einer verstärkten Gewissensbildung, um zu einem rechten Urteil zu kommen. Dem anspruchsvollen Ansatz von AL wird man sicher auch nicht gerecht werden können ohne das Angebot entsprechender Qualifizierungsmaßnahmen für diejenigen, die in der Pastoral tätig sind, vor allem natürlich die Priester.

Nicht zuletzt verpflichtet AL die Verkünder des Glaubens – zu denen in besonderer Weise ja die Bischöfe gehören – auf eine größere Sensibilität in der Sprache, um „einen Rahmen und ein Klima [zu schaffen], die uns davon abhalten, im Reden über die heikelsten Themen eine kalte Schreibtisch-Moral zu entfalten, und uns vielmehr in den Zusammenhang einer pastoralen Unterscheidung voll barmherziger Liebe versetzen, die immer geneigt ist zu verstehen, zu verzeihen, zu begleiten, zu hoffen und vor allem einzugliedern.“ (AL 312)

Amoris Laetitia ist das Dokument eines Papstes, der wirklich Hirte und Brückenbauer der ganzen Kirche sein will. So wichtig die Kontroversen und zum Teil auch heftigen Auseinandersetzungen im Umfeld der beiden Synodenversammlungen waren (der Papst selbst hatte ja explizit zum offenen Wort ermutigt), könnte einen nun fast eine gewisse Scham überkommen. Denn im Licht des päpstlichen Schreibens wird deutlich, dass der kirchenpolitische Schlagabtausch für die ebenso kostbare wie zerbrechliche Realität von Ehe und Familie, unangemessen ist. Insofern ist es wohltuend, dass das Schreiben alles vermeidet, was dazu angetan sein könnte, die Synode nach Gewinnern und Verlierern aufzuteilen.

8. April 2016

Stephan Ackermann
Bischof von Trier

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