Bischof Stephan Ackermann zum neuen Priesterbild im Bistum nach der Synode

Die priesterlich Berufung bleibt und verändert sich

Liebe Mitbrüder,

die Sommerpause liegt nun schon einige Zeit zurück, und die gewohnte Arbeit in der Pastoral hat wieder begonnen. Auf der Ebene des Bistums stehen für die kommenden Monate die nächsten Schritte der Konkretisierung der Beschlüsse unserer Diözesansynode an. Dabei richtet sich in besonderer Weise der Blick auf die Gestaltung des Lebens in den „Pfarreien der Zukunft“. Die entsprechenden Arbeitsgruppen zu den Themen „Rahmenleitbild“ der Pfarrei der Zukunft, „Leitungsteam und (Aufbau)Organisation“, „Verwaltungsprozesse und Pfarrbüros“ wurden vor den Sommerferien eingerichtet und haben inzwischen ihre Arbeit aufgenommen. Die zehn sogenannten Erkundungsteams werden derzeit auf ihre Aufgabe vorbereitet, und der Herr Generalvikar ist in diesen Wochen mit einem Team unterwegs zu Informationsveranstaltungen, bei denen es um die künftige Vermögensverwaltung in den Pfarreien geht.

In vielen Gesprächen, die ich seit dem Abschluss der Synode mit einzelnen oder mit Gruppen von Priestern in unserem Bistum geführt habe – dabei denke ich besonders auch an die drei großen Austauschforen, die wir im Oktober und November des vergangenen Jahres miteinander hatten – wurde unter anderem immer wieder die Frage gestellt, welche Auswirkungen die Synodenbeschlüsse auf das Priesterbild in unserem Bistum haben. Die Frage ist durchaus berechtigt. Denn wenn die Synode auch kein eigenes Bild des Diözesanpriesters entworfen hat (was auch nicht ihr Auftrag war), so macht sie doch Aussagen, die den priesterlichen Dienst berühren und Erwartungen an ihn formulieren. Diese betreffen unter anderem die Zusammenarbeit der Pfarrer mit denen, die ebenfalls haupt- oder ehrenamtlich in der Pfarrei Verantwortung tragen, wie auch die Zusammenarbeit der Priester untereinander. Gerade diese Aussagen haben bei manchem Mitbruder für Irritation und Verunsicherung gesorgt. Sie wurden teilweise verstärkt durch Äußerungen, die suggerierten, der priesterliche Dienst werde von der Synode in seiner Bedeutung relativiert oder gar als Auslaufmodell einer zu Ende gehenden Kirchengestalt gewertet.

Ich nehme diese Fragen und Irritationen ernst, wenngleich sich nach meiner Wahrnehmung im Synodendokument für solche Fehlinterpretationen kein wirklicher Anhaltspunkt findet. Deshalb bin ich froh, dass sich der Priesterrat in seinen beiden letzten Sitzungen intensiv mit dieser Thematik beschäftigt hat. Frucht dieser Beratungen ist unter anderem dieser Brief, mit dem ich mich heute an Sie wende. Denn der Priesterrat hielt es für wichtig, nicht nur im internen Kreis die Fragen des priesterlichen Dienstes zu besprechen, sondern, wenn möglich, ein bistumsweites Gespräch anzuregen. Die Grundlage dazu soll der Bischof legen, indem er eine inhaltliche Positionierung zur Bedeutung des priesterlichen Dienstes vornimmt.

Diesem Anliegen komme ich mit diesem Schreiben gerne nach. In ihm kann ich freilich keine umfassende Theologie des priesterlichen Amtes darlegen oder entwickeln. Mir geht es mit diesem Brief lediglich darum, vor dem Hintergrund unseres Synodendokuments eine grundlegende Verortung des priesterlichen Dienstes vorzunehmen. Dies möchte ich in drei Schritten tun: Zunächst werde ich noch einmal die wesentlichen Aussagen herausgreifen, die die Synode zum priesterlichen Dienst macht. In einem zweiten Schritt werde ich dann mehr grundsätzlich von der Theologie des priesterlichen Amtes her fragen, worin das Unverzichtbare bzw. Unverwechselbare des priesterlichen Dienstes für die Kirche auch unserer Zeit liegt. Schließlich will ich auf die spirituellen und pastoralen Konsequenzen für den priesterlichen Dienst im Hier und Heute schauen und einige Anstöße für die persönliche Reflexion und für das Gespräch geben.

I. Zum „Priesterbild“ der Synode

Auch wenn die Synode kein explizites Priesterbild entwirft, so war den Synodalen durchaus bewusst, dass ihre Ergebnisse auch das Weiheamt berühren, ja sogar „herausfordern“. Deshalb formuliert das Schlussdokument: „Die Synode hat nur in Diskussionsansätzen danach gefragt, wie die theologische Hinordnung des Weiheamtes auf die Würde aller Getauften vertieft und in der Kirche von Trier gelebt werden kann. Es gilt, diese Diskussion aufzugreifen und fortzuführen.“ (Abschlussdokument Abschn. 5, S. 37.)

Für mich liegen die Herausforderungen für das Verständnis des priesterlichen Dienstes vor allem in den folgenden drei Akzentsetzungen:

1. Größere Vielfalt an Priesterbildern

Durch die von der Synode vorgesehene Reduzierung der Pfarreienzahl auf etwa 60 wird die in unserem Bistum vorherrschende Gleichsetzung zwischen Priestersein und Pfarrersein aufgebrochen. War bisher für die Mehrzahl der Priester in unserem Bistum ihr Priestersein wesentlich von der Leitungsverantwortung als Pfarrer einer Pfarrei(engemeinschaft) geprägt, so wird sich das künftig ändern. Eine kleinere Zahl von Mitbrüdern wird Leitungsverantwortung im umfassenden Sinn für eine Pfarrei wahrnehmen. Durch den seit März vorliegenden Vorschlag, die Zahl der Pfarreien sogar auf 35 zu beschränken, wird diese Veränderung noch verstärkt.

Das Priesterbild der Synode ist also deutlich weniger leitungsbetont als bisher. Dadurch treten die Verkündigung, die Feier der Gottesdienste, insbesondere der Sakramente wie auch die seelsorglich-diakonische Dimension des priesterlichen Dienstes stärker hervor. Die Synode trägt damit einem Anliegen Rechnung, das mir seit dem Beginn meines Dienstes als Bischof sowohl aus den Reihen der Mitbrüder wie der Gläubigen immer wieder vorgetragen worden ist: Nämlich die Priester von Aufgaben des Managements und der Verwaltung zu entlasten, damit sie (endlich) ihrem seelsorglichen Auftrag wieder mehr gerecht werden können. Ist der Priesterdienst nicht mehr so stark von dieser Leitungsaufgabe dominiert, so gewinnt das Priesterbild an Vielfalt zurück. Denn auch für die Priester erhält dann das Stichwort von einer stärkeren Orientierung an den persönlichen Charismen, das der Synode ebenfalls wichtig war, eine neue Bedeutung.

Von daher ist es eigentlich verwunderlich, dass die Synodenbeschlüsse im Presbyterium nicht mehr Erleichterung hervorrufen. Andererseits sind die hervorgerufenen Verunsicherungen insofern verständlich, als in unserem Bistum das Priesterbild über lange, lange Jahre stark dominiert wurde vom Bild des „Pastors“, der vor allem als der Mann an der Spitze eines (immer größer werdenden) pastoralen Gebildes gesehen wurde und sich auch selbst so verstand.

Damit kommt eine zweite synodale Akzentsetzung in den Blick, die sich auf den priesterlichen Dienst auswirkt.

2. Stärkere Akzentuierung der Kollegialität

Die Synode legt sehr großen Wert auf die kollegiale Wahrnehmung des kirchlichen Auftrags. Sie sieht die Priester – so wie alle pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – eingebunden in Teams, die nicht nur hauptamtlich und zum Teil auch multiprofessionell, also nicht nur mit Fachleuten der Theologie und Pastoral, besetzt sind. Multiprofessionalität ist insbesondere für das Leitungsteam einer Pfarrei vorgesehen.

Unbeschadet der Gesamtverantwortung des jeweiligen Pfarrers spricht die Synode von „geteilter“ bzw. „gemeinsamer“ Verantwortung all derjenigen, die das pfarrliche Leben mittragen. Auch die Personen, die in der kategorialen Pastoral eingesetzt sind, sind in das Konzept der gemeinsamen pastoralen Verantwortung einzubeziehen („Kategorie ist Teil des Netzwerkes / ist integriert“). (Vgl. Abschlussdokument Anlage 2.10, S. 47; Anlage 2.11, S. 48; Anlage 2.27-29, S. 52f.) Die Betonung der Kollegialität ist für die Synode nicht bloß eine Frage des pastoralen Stils, sondern sie ist theologisch begründet in der Communio des Volkes Gottes.

3. Explizitere Betonung der Verwurzelung des sakramentalen Dienstamtes in der Taufe und der Verortung des Priesters im Volk Gottes

„Die gemeinsame Würde der Getauften prägt das Zueinander und Miteinander von Geweihten und haupt- und ehrenamtlich tätigen Laien. Sie ist im alltäglichen Umgang wie in der Wahrnehmung von Leitung, Aufgaben und Funktionen ernst zu nehmen.“ (Abschlussdokument Abschn. 3, S. 25.)  Mit dieser Aussage erinnert die Synode daran, dass alle Dienste und Ämter in der Kirche ihre bleibende Wurzel in der Taufe haben. Denken wir nur an die berühmte augustinische Formulierung des „Mit euch bin ich Christ, für euch bin ich Bischof“ (Sermo 340,1).

Zugleich betont die Synode, dass das priesterliche Amt im Dienst an den Getauften steht. In einem Text der Deutschen Bischofskonferenz, der zeitgleich zu unserer Synode erschien, lautet dies so: „Der Dienst des Priesters zielt dahin, dass alle Getauften immer tiefer Christus selbst erkennen und lieben und so immer tiefer in ihre allen Getauften gemeinsame priesterliche Berufung hineinfinden und aus ihr leben.“ („Gemeinsam Kirche sein“ – Wort der deutschen Bischöfe zur Erneuerung der Pastoral (Die deutschen Bischöfe 100), Bonn 2015, 37.)

Sowohl unser Synodendokument wie auch der Text der Bischofskonferenz sind geprägt von einem Ton des Zutrauens und der Ermutigung gegenüber den Gläubigen. Dieser Ton soll insgesamt das Miteinander in der Kirche, nicht zuletzt das Miteinander von Frauen und Männern in ihr bestimmen. „Seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde“, schreibt schon der 1. Petrusbrief (1 Petr 5,3).

Nimmt man all diese Aussagen der Synode zusammen, so spürt man in der Tat die Herausforderung, die diese für den priesterlichen Dienst darstellen. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass wir als Priester aufgrund der Synodenbeschlüsse die Befürchtung haben müssten, nicht mehr gebraucht oder gewollt zu sein. Freilich ist von uns – wie auch von allen anderen – die Bereitschaft zur Veränderung gefragt. Es gilt Abschied zu nehmen von einem bestimmten, tradierten Bild des Priesters als Pfarrer, das seine Gültigkeit hatte und zweifellos die meisten von uns geprägt hat. Könnte aber nicht gerade im Ernstmachen mit den Synodenbeschlüssen die Chance bestehen, wesentliche Dimensionen des priesterlichen Dienstes, die in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten waren, wieder neu zu entdecken und zurückzugewinnen?

II. Die bleibende Bedeutung des priesterlichen Dienstes

Eine solche Neuentdeckung kann freilich nur auf dem Fundament des bleibenden Wesens des priesterlichen Amtes, sozusagen von seinem harten „dogmatisch-theologischen Kern“ her gelingen. Worin besteht er?   Er besteht in dem, was die Tradition als das In persona Christi-Handeln des Priesters bezeichnet hat, präziser noch ausgedrückt als Agere in persona Christi capitis, d. h. in Christi „Funktion“ als Herr und Haupt seiner Kirche. Wie können wir heute die traditionelle lateinische Formel so übersetzen, dass sie einerseits ihrem theologischen Gehalt gerecht wird und andererseits nicht in dem Sinn missverstanden wird, mit ihr sei der Priester als „Chef“ über alle anderen eingesetzt?

(Für diesen Abschnitt habe ich mich u. a. inspirieren lassen von einem Vortrag, den Kardinal Kurt Koch im Jahr 2012 in Vallendar gehalten hat. Er ist dokumentiert unter dem Titel: „Treuhänder eines Anderen. Zur Identität des Priesters in priesterarmer Zeit“, in: G. Augustin/ K. Kard. Koch (Hg.): Priestertum Christi und priesterlicher Dienst (Theologie im Dialog 9), Freiburg/ Br. 2013, 24-57, den ich gerne zur Lektüre empfehle. Hilfreich sind auch immer noch die entsprechenden Ausführungen von G. Greshake in seinem Buch: Priestersein in dieser Zeit. Theologie – Pastorale Praxis – Spiritualität, Freiburg 2000, v. a. Zweiter Teil, 3. Kapitel (101-121).)

In einem bestimmten Sinn ist nämlich das Handeln In persona Christi nicht nur den Priestern vorbehalten. Sollen nicht alle Getauften so leben und handeln, dass in ihnen Gottes Menschenfreundlichkeit und Liebe spürbar wird, dass, konkreter gesagt, man durch sie in gewisser Weise Christus selbst begegnen kann? Unter diesem Anspruch stehen die Priester gemeinsam mit allen Getauften.

Die Rede von Christus als dem Haupt weist aber noch auf eine andere wesentliche Dimension des christlichen Lebens und damit der Kirche hin: Sie steht für das, was wir uns Menschen beim besten Willen nicht aus eigener Kraft geben können. Sie steht für das, was Christus uns geschenkt hat und immer wieder neu schenkt: sein Evangelium, sein Lebensbeispiel, seine Hingabe bis zum Tod, die dadurch gewirkte Versöhnung mit Gott, dem Vater, und die Kraft seines Geistes. All das hat sich die Kirche ja wahrhaftig nicht selbst erarbeitet oder gar verdient! All das können wir uns und der Welt nicht aus uns selbst heraus geben. Es ist Gabe – von Jesus Christus her. Gerade für sie steht der Priester mit seinem Dienst. So paradox es auch klingt: Unsere eigentliche Aufgabe als Priester besteht darin, das „zu geben, was wir nicht haben“! (F. Steffensky)

Wenn also für den priesterlichen Dienst vom Handeln In persona Christi capitis die Rede ist, dann ist damit nicht eine Überordnung des Priesters über die Gemeinde Gottes gemeint. Vielmehr geht es um die Vorordnung, die Vor‑Gabe, die der ganzen Kirche von Christus geschenkt wird, ja, die er selbst ist und die der Priester mit seinem Dienst hüten und bewahren, aber zugleich auch teilen und weiterschenken soll. Aus diesem Auftrag ergibt sich – um es noch einmal zu sagen – nicht, dass der Priester über seinen Mitglaubenden steht. Es gibt aber durchaus Situationen, in denen der Priester im Gegenüber zur Gemeinde steht. Das gilt vor allem für die Feier der Sakramente als der „Zeichen der Nähe Gottes“, insbesondere für die Feier der Eucharistie, in der uns Christus in seinem Wort, in Fleisch und Blut entgegenkommt. Ähnliches gilt für die Verkündigung und die Auslegung des Wortes Gottes generell.

Mit Karl Rahner kann man die Feier und Spendung der Sakramente verstehen als die höchste Verdichtung, den sakramental höchsten „Intensitätsgrad“ der Wortverkündigung, da sich in den Sakramenten Gott selbst durch sein heilschaffendes und belebendes Wort den Feiernden unwiderruflich zusagt. Das Zweite Vatikanische Konzil sieht in der Verkündigung der Frohen Botschaft sogar die erste und ursprünglichste Aufgabe des Priesters: „Das Volk Gottes wird an erster Stelle geeint durch das Wort des lebendigen Gottes, das man mit Recht vom Priester abverlangt. Da niemand ohne Glaube gerettet werden kann, ist die erste Aufgabe der Priester als Mitarbeiter der Bischöfe, allen die frohe Botschaft Gottes zu verkünden.“ (Presbyterorum Ordinis  4)

An Authentizität und Kraft gewinnt der priesterliche Dienst selbstverständlich dann, wenn die Mitfeiernden spüren, dass bei allem notwendigen Gegenüber, das der Botschaft entspringt, auch der Priester selbst nicht außerhalb oder über dem steht, was er verkündet, sondern sich ebenfalls herausfordern lässt von der Botschaft Gottes. Darüber hinaus gewinnt der priesterliche Amtsträger an Glaubwürdigkeit, wenn er sich nicht beschränkt auf die amtliche Verkündigung des Evangeliums und den Vollzug sakramentaler Handlungen (so sorgfältig und überzeugend er dies auch tun mag), sondern wenn er dies durch einen entsprechenden Lebens- und Amtsstil beglaubigt. Dann wird auch das Diakonische des Amtspriestertums sichtbar. Denn in allem, was wir tun, muss erkennbar sein, dass wir nicht die Eigentümer dessen sind, was uns von Christus und seiner Kirche anvertraut ist, sondern dass auch wir unter der Vor-Gabe des Herrn stehen, bloß „Treuhänder eines Anderen“ (Kurt Koch) sind, „Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes“ (1 Petr 4,10).

„Wir wollen ja nicht Herren eures Glaubens sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude“, schreibt Paulus (2 Kor 1,24). Wie oft schon ist dieses Wort aus dem Zweiten Korintherbrief als Primizspruch oder als gemeinsamer Weihespruch gewählt worden. Lassen wir uns ruhig noch einmal an dieses Wort erinnern, auch wenn der Enthusiasmus der Neupriesterzeit verflogen ist!

Aus dem bisher Gesagten ist klar, dass das Prinzip des In persona Christi Agere nicht zu verstehen ist ohne den Gedanken der Repräsentanz. Denn der Priester kommt und handelt nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Jesu.

(In bestimmten Situationen handelt der Priester natürlich auch im Namen der Kirche, ist er „nicht nur Werkzeug des erhöhten Herrn, sondern auch Organ der Kommunität“! Vgl. zu dieser Thematik G. Greshake: a.a.O., Zweiter Teil, 4. Kapitel (122-146).)

Das ist sein Dienst; dafür braucht es ihn.

(Vgl. das Jesuswort an die Apostel: „Wer euch hört, der hört mich“ (Lk 10,16). Oder paulinisch formuliert: „Wir sind … Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst Euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20).)

Hier liegt zugleich auch seine Vollmacht und die Leitungsverantwortung, die jedem Priester übertragen ist. Er kann diese nicht abgeben, und man kann sie ihm auch nicht abnehmen, selbst wenn er nicht der Leiter der Gesamtpfarrei ist.

Zu dieser undelegierbaren Verantwortung gehört aber auch die Wachsamkeit gegenüber den Versuchungen der Macht. Kardinal Koch beschreibt sie so: „Für den geweihten Amtsträger muss dies vor allem bedeuten, dass er überall dort seinen Dienst verrät, wo er sich selbst in den Vordergrund schiebt, statt sich so zurückzunehmen, dass Christus durch ihn handeln kann, und wo es ihm nicht um die ‚Erscheinung des Herrn‘ geht, sondern wo er vor allem die ‚Epiphanie‘ des eigenen Ich pflegt und das Wort Jesu an seine Jünger auf sich selbst anwendet: ‚Ohne mich könnt ihr nichts tun.‘“ (A.a.O, 39) Noch einmal anders gesagt: Wo wir uns als Priester selbst breitmachen und in den Vordergrund schieben und dadurch Christus und seine Botschaft verdecken, geben wir den Menschen nur uns selbst, und damit geben wir – nach einem Wort von Papst Benedikt XVI. – auf jeden Fall zu wenig.

III. Priestersein im Bistum Trier nach der Synode

Liebe Mitbrüder, ich denke, dass meine Ausführungen die bleibende Wichtigkeit des Priesteramtes deutlich gemacht haben. Die Synode bestreitet diese Wichtigkeit nicht. Sie fordert uns aber heraus, uns auf die Bedeutung des priesterlichen Dienstes zu besinnen. Mit diesem „Uns“ meine ich an erster Stelle uns Priester, aber dieses „Uns“ ist noch weiter gefasst. Es zielt auf das „Wir“ der gesamten Bistumsgemeinschaft. Gemeinden, Gemeinschaften, Verbände und Gruppierungen, alle, die mit uns im Dienst des Bistums tätig sind und Verantwortung tragen, werden durch die Synode zu einer Besinnung auf die Bedeutung und die heute angemessene Gestalt des priesterlichen Dienstes herausgefordert, um ihn neu zu bejahen.

Der priesterliche Dienst bleibt für die Kirche unverzichtbar, und er ist auch nicht durch andere pastorale Dienste und Aufträge ersetzbar. Das dispensiert uns nicht von der Verpflichtung, intensiv darüber nachzudenken und darüber zu sprechen, was an diesem Dienst wirklich unverzichtbar und unersetzbar ist und was nur so scheint. Der „harte Kern“ des Priestertums kann sich – das zeigt sowohl die Kirchengeschichte als auch die aktuelle Vielfalt der Weltkirche – in unterschiedlichen Weisen konkretisieren und entfalten. Dabei spielen die unterschiedlichen pastoralen „Böden“ und Einsatz-„Felder“ sowie die jeweiligen gesellschaftlich-sozialen „Witterungsbedingungen“ eine nicht unwesentliche Rolle: Mal mag der Schwerpunkt der priesterlichen Aufgaben mehr auf der (Erst‑)Verkündigung liegen, mal mehr im Heiligungsdienst, mal mehr im diakonisch-sozialen Einsatz, mal mehr im Dienst der Sammlung und der Leitung zugunsten der Einheit der Gemeinden.

Wenn es also je nach Zeit, Ort und Umständen durchaus verschiedene Ausprägungen des priesterlichen Dienstes gibt, so sollten dennoch immer alle Dimensionen des Dienstes beim einzelnen Priester, wenn auch in unterschiedlicher Intensität, gegeben sein. Ansonsten nimmt der Priester menschlich und geistlich Schaden, und sein Amt verliert an Plausibilität. In diesem Sinn stellt die in den letzten Jahrzehnten immer stärker gewordene Betonung des Leitungsamtes im Bild des Priesters eine Verengung dar. Das Synodendokument zeigt, dass auch die Synodalen dies so wahrgenommen haben. Es ist aber nicht erst die Synode, die uns in unserem priesterlichen Selbstverständnis herausfordert. Vielmehr ist es die kirchengeschichtliche Stunde, in die wir hineingestellt sind. Die Synode weist uns lediglich mit Dringlichkeit darauf hin und verstärkt ihrerseits den Veränderungsprozess. Dafür können wir dankbar sein. Denn auf diese Weise kommt die Frage nach dem Wesen des priesterlichen Dienstes neu in den Blick. Wir dürfen die Größe und die Schönheit unserer Berufung wiederentdecken. Wenn uns das gelingt, dann bekommt der Priesterberuf wieder neue Attraktivität, und wir können aus voller Überzeugung um Mitstreiter für unseren Dienst und um Nachfolger werben. Und ich bin sicher, dass sich dann auch junge Männer neu für den priesterlichen Dienst begeistern lassen.

Die primäre Aufgabe und der Kern dieses Dienstes bestehen darin, den Menschen das Wort Gottes auszurichten, wann und wo immer es geht (vgl. 2 Tim 4,2-5). „Verkünder des Wortes sein“: Das mag selbstverständlich klingen. Doch sind wir es tatsächlich? Werden wir dieser Aufgabe gerecht? Glauben wir fest an die Kraft des Evangeliums, oder setzen wir letztlich doch mehr auf unsere eigenen Kräfte und die Macht der Strukturen? Das sind die Fragen, denen wir uns zu stellen haben. Die Menschen in unseren Gemeinden hingegen müssen sich fragen lassen, ob sie vom Priester wirklich die Botschaft Christi hören wollen, die tröstet und stärkt, aber eben immer auch ein Wort ist, das dem Menschen entgegentritt und anspruchsvoll ist, weil es von dem, der es wirklich hört, erwartet, das ganze Leben nach ihm auszurichten.

Liebe Mitbrüder, meiner Ansicht nach gibt es für uns keinen Grund, kleinmütig zu sein. Denn das Geschenk unserer Berufung ist größer als die Herausforderungen, vor die wir gestellt sind. Das Wort, das Jesus nach seiner Begegnung mit der samaritischen Frau an seine Jünger richtet, gilt auch heute: „Blickt umher, und seht, dass die Felder weiß sind, reif zur Ernte!“ (Joh 4,35ff) So bitte ich Sie herzlich noch einmal darum, in loyaler Bereitschaft den uns von der Synode gewiesenen Weg mitzugehen.

Ich würde mich freuen, wenn dieser Brief Ihnen nicht nur zur persönlichen Reflexion Anregung bietet, sondern auch dem Austausch untereinander in Gruppen und Gemeinschaften dient. Gerne nehme ich Rückmeldungen Ihrerseits entgegen und freue mich auf die Gespräche in der kommenden Zeit. Ich denke dabei besonders auch an die schon angekündigten Austauschforen für die Priester im aktiven Dienst.

Ich möchte diesen Brief nicht schließen, ohne Ihnen allen noch einmal ausdrücklich für Ihre treue Bereitschaft zu danken, den priesterlichen Dienst in dieser Zeit rasanter Veränderungen und der damit verbundenen Herausforderungen auszuüben. Oft sind die Erwartungen, die heute an die Priester gestellt werden, einander entgegengesetzt und bringen Sie in große Spannungen. Dessen bin ich mir sehr bewusst. Umso wichtiger ist es, dass wir miteinander in einem guten Kontakt sind, um uns immer wieder unseres gemeinsamen Auftrags zu vergewissern.

In der Verbundenheit dieses Auftrags und mit den besten Segenswünschen grüßt Sie

Ihr Bischof

+ Stephan

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Brief an die Priester (September 2017)

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