Es gab gravierende Fehler - wir haben die Vorgaben nicht konsequent umgesetzt

Bischof Stephan Ackermann schreibt an Christinnen und Christen im Bistum und an Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter; es geht um den Umgang mit neu bekanntgewordenen Fällen von sexuellem Missbrauch in Saarbrücken.

Liebe Mitchristen im Bistum Trier,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge,
liebe Diakone und Priester!

Die Veröffentlichung von zwei neuen, wenngleich Jahrzehnte zurückliegenden Fällen sexueller Gewalt an Minderjährigen durch Priester hat viele Menschen in unserem Bistum erschüttert und verwirrt. Im Blick auf die Vorgänge in der Pfarrei in Saarbrücken-Burbach, über die die Frankfurter Rundschau am 8. Dezember 2011 berichtete und die dann auch Thema von Artikeln in den Regionalzeitungen in unserem Bistum waren, wurden Kritik und Vorwürfe mir gegenüber und gegenüber meinen verantwortlichen Mitarbeitern in der Bistumsleitung laut. »Hat die Kirche immer noch nichts aus den Geschehnissen der letzten anderthalb Jahre gelernt? Wird weiter vertuscht? Ist Bischof Ackermann Opfer seines eigenen Anspruchs, den er gerade auch als Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für Fragen sexuellen Missbrauchs aufgestellt hat? Wieso hat der Bischof nicht gehandelt, wenn er schon seit Anfang des Jahres alles gewusst hat?« Solche und ähnliche kritischen Fragen wurden und werden an mich gestellt. Sie treffen mich sehr, zumal ich mich seit mehr als anderthalb Jahren mit einem hohen Maß meiner Kräfte und meiner Zeit dafür einsetze, der schmerzlichen Tatsache von sexueller Gewalt im Raum der Kirche ehrlich ins Auge zu schauen, Meldungen von Opfern vorbehaltlos aufzunehmen und ihnen nachzugehen und mich mit allen Kräften für einen wirksamen Schutz von Kindern und Jugendlichen engagiere.

Gravierende Fehler

Angesichts der Ereignisse in Saarbrücken-Burbach muss ich aber eingestehen: es gab gravierende Fehler. Wir haben die in den sogenannten Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger formulierten Vorgaben nicht so konsequent umgesetzt, wie wir dies hätten tun müssen. Wir haben im Januar erste Hinweise erhalten auf das Vorliegen von sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch den Pfarrer. Das hat uns auch veranlasst, ihn zu einer Selbstanzeige zu drängen. Von dem vollen, uns heute bekannten Umfang der Vergehen, wie sie auch in der Frankfurter Rundschau öffentlich wurden, haben ich und die Verantwortlichen im Bischöflichen Generalvikariat erst im Sommer, nach meiner Rückkehr vom Weltjugendtag in Madrid, erfahren. Dennoch hätten die im Januar an uns ergangenen Hinweise der Polizei und das dem Personalverantwortlichen gegenüber gemachte anfanghafte Geständnis des Täters genügt, um eine Beurlaubung aussprechen zu können und die Pfarrei unsererseits gezielter informieren zu müssen.

Aufsicht hat nicht gegriffen

Warum war es nicht dazu gekommen? Der Täter selbst war am Heiligen Abend 2010 aufgrund eines brutalen Überfalls im Pfarrhaus schwer verletzt worden. Er war daher gar nicht im Dienst, als die ersten Vorwürfe bekannt wurden, und ist offiziell bis zum Eintritt in den Ruhestand am 1. September auch nicht mehr in den aktiven Dienst zurückgekehrt. Wir müssen feststellen, dass, als sich seit April sein Gesundheitszustand derart besserte, dass er wieder an Messen teilnehmen und im Juni sogar bei einer Kindergarten-Einweihung auftreten konnte, unsere Kontroll- und Aufsichtsmechanismen nicht so gegriffen haben, wie sie hätten greifen müssen.

Das Thema wird uns weiter beschäftigen

Sie können sich vielleicht vorstellen und glauben mir hoffentlich, wie sehr ich das bedauere. Der ganze Vorgang tut mir auch deshalb persönlich sehr leid, weil ich wahrnehme, dass viele ehrenamtlich und hauptamtlich Aktive in unserem Bistum, ohne dass sie etwas dafür können, erneut verdächtigt werden, Spott ertragen müssen oder sich gar für die Kirche schämen. Manch einer hatte vielleicht schon gehofft, dass wir das belastende Missbrauchsthema endlich hinter uns lassen könnten. Dem ist leider nicht so. Nach meiner Einschätzung wird uns das Thema weiter beschäftigen, auch was die Aufarbeitung zurückliegender Unrechtstaten angeht. Mögen sexuelle Straftaten rechtlich gesehen verjähren, in den Opfern hinterlassen sie Spuren, die sie ein Leben lang zeichnen.

Der Lernprozess geht weiter

Umso mehr möchte ich Ihnen, liebe Mitchristen, noch einmal deutlich versichern, dass es für mich kein Abweichen von der Linie einer Nulltoleranz gegenüber dem schändlichen Verbrechen sexueller Gewalt gibt. Die jüngsten Ereignisse und Diskussionen zeigen mir aber noch einmal in schmerzhafter Deutlichkeit, dass wir in einem Lernprozess stehen. Die Inkraftsetzung von Leitlinien und Ordnungen garantiert trotz bestem Willen nicht automatisch eine fehlerfreie und in allem professionelle Umsetzung, zumal es hier nicht um sachliche Routinen, sondern um das Leben von Menschen in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen geht.

Auch kritische Anregungen sind erwünscht

Ihnen zu versprechen, dass ab heute nie wieder Fehler in der Aufarbeitung von Fällen sexueller Gewalt passieren, wäre vermessen. Ich verspreche Ihnen aber, dass ich zusammen mit meinem Generalvikar, den beiden Missbrauchsbeauftragten und meinem Beraterstab für Fragen sexuellen Missbrauchs, mit den Personal- sowie den Kommunikationsverantwortlichen im Generalvikariat alles daran setzen werde, aus den begangenen Fehlern zu lernen für einen noch angemesseneren Umgang mit den Opfern, aber auch mit den betroffenen Gemeinden. Dazu sind wir verpflichtet. Das bedarf aber auch gemeinsamer Anstrengungen. Deswegen bin ich für alle, gern auch kritische Anregungen dankbar. Aus diesem Grund werde ich zu Beginn des kommenden Jahres alle Interessierten, insbesondere die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter des Bistums, zu einem konstruktiven Meinungsaustausch ins Bischöfliche Generalvikariat einladen.

Neue Fachstelle – gemeinsame Anstrengungen

Wir können die schmerzliche Herausforderung, die die Problematik sexueller Gewalt darstellt, nur gemeinsam meistern. Nach den ersten wichtigen Entscheidungen und Maßnahmen, die wir seit 2010 deutschlandweit getroffen haben, stehen wir nun vor einer weiteren Phase der Aufarbeitung. Von einer Kultur der Achtsamkeit, die wir mehr als bisher etablieren wollen, habe ich selbst in den zurückliegenden anderthalb Jahren immer wieder gesprochen. Diese Idee kann nur von uns gemeinsam mit Leben erfüllt werden. Dazu soll auch eine neue Fachstelle für Kinder- und Jugendschutz helfen, die im Neuen Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird.

Bitte um Vertrauen und Solidarität

Indem ich Sie um Ihr Vertrauen und Ihre Solidarität bitte, wünsche ich Ihnen allen, Ihren Familien und all denen, die zu Ihnen gehören, den ermutigenden und aufrichtenden Glanz des göttlichen Lichtes, das in der dunklen Nacht von Bethlehem aufgestrahlt ist.
Bischofswappen
Ihr Bischof
+ Stephan

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