Überlegungen zur gesellschaftlichen Macht von Emotionen

Leidenschaften und Verantwortung

Ansprache beim Martinsempfang des Katholischen Büros in Mainz am 17.11.2016


Verehrte Gäste unseres Martinsempfangs,
liebe Anwesende!

Die Wahl von Donald Trump zum künftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika liegt nun eine gute Woche zurück. Nach der ersten Fassungslosigkeit und dem Unverständnis, das weite Teile der Politik und der Gesellschaft über den Ausgang des Wahlergebnisses erfasst hatte, ist immer wieder die Frage gestellt worden: Wieso haben sich die Experten derart verschätzen können?

In mir hat dieser Vorgang und die damit einhergehenden Irritationen die Nachdenklichkeit für ein Thema bestärkt, das mich schon länger beschäftigt und auch in politischen Kommentaren immer mehr seinen Niederschlag findet: Es geht um die Bedeutung von Gefühlen und Stimmungen, die in unseren westlichen Gesellschaften vorhanden sind und eine, wenn auch schwer zu fassende, so doch unbestreitbare Größe darstellen, die sich an der Wahlurne – aber eben nicht nur da – Bahn bricht.

Der bekannte Kasseler Soziologe Heinz Bude hat vor einigen Monaten ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Das Gefühl der Welt“. In ihm reflektiert er über die Macht von Stimmungen und stellt fest: „Stimmungen stellen eine Realität eigener Art dar, die als Reflex auf Lebensumstände und Systembedingungen nur unzureichend begriffen werden. Seit 2008 wissen wir, wie Stimmungen das Geschehen auf den Finanzmärkten beeinflussen; immer schon ahnten wir, dass Stimmungswechsel für politische Machtwechsel verantwortlich sind.“

(Heinz Bude: Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen, München 2016, 9.)

Ich kann hier nicht in eine intensivere Begriffsarbeit einsteigen und fragen, wie genau sich der Begriff „Gefühl“ vom Begriff der „Stimmung“ unterscheidet. Aber wahrscheinlich gehen Sie mit, wenn ich sage, dass mit dem Wort „Gefühl“ eher ein individuelles und augenblickshaftes Empfinden gemeint ist, wohingegen „Stimmung“ eher einen Zustand beschreibt, der über einen einzelnen Moment und ein einzelnes Individuum hinausgeht. So sprechen wir ja etwa von der Stimmung einer Landschaft oder der Stimmung, die in einer Gruppe herrscht.

Sicher hat Heinz Bude recht, wenn er schreibt: „Der Mensch orientiert sich […] nicht nur mithilfe seines Verstands, seiner Kategorien, Theorien und Wertüberzeugungen in der Welt, sondern genauso mit seinen Empfindungen, seinen Ahnungen, seinen Emotionen und seinen Grundbefindlichkeiten“ (33). Damit wird er übrigens auch bestätigt von Erkenntnissen aus der Philosophie und der Theologie. Denn nicht erst die Psychologie und die Soziologie beschäftigen sich mit Gefühlen. Wenn man sich ein wenig in das Thema vertieft, entdeckt man das Stichwort „Gefühl“ auch in philosophischen und theologischen Lexika. Man kann der Frage des Gefühls von Aristoteles bis Sartre nachgehen und erfahren, dass schon regelrechte „Theorien der Gefühle“ entwickelt worden sind. Unstrittig ist für alle Autoren, dass im Handeln des Menschen Vernunft, Wille und Gefühle eng zusammenspielen. Wahrscheinlich, so die Wissenschaftler, sind in unserem Leben nicht einmal die Bereiche, in denen die pure Vernunft gefragt ist, frei von emotionalen Anteilen.

(Vgl. Peter Kaufmann: Gefühl, III. Ethisch, in: LThK³ IV, Freiburg 1995, 344f, und Verena Mayer: Gefühl, in: Neues Handbuch philosophischer Grundbegriffe 1, Freiburg 2011, 865-878, insbes. 876.)

Also auch von daher verdienen Gefühle und Stimmungen mehr als bisher nicht nur in unseren persönlich-individuellen Beziehungen, sondern auch auf der Ebene von Gesellschaften unsere Aufmerksamkeit – zumal, wenn es darum geht, Vernunft und Gefühle in eine ausgewogene Balance zu bringen.

Sie werden die Meldung auch gelesen haben: Die Oxford Dictionaries haben nach Brexit und dem Sieg von Trump den Begriff „post-truth“ zum Wort des Jahres gekürt haben. Mit dem Begriff „post-truth“, der im Deutschen mit „postfaktisch“ wiedergegeben wird, ist gemeint, dass in öffentlichen Diskussionen, insbesondere im Wahlkampf, die wirklichen Fakten eine wesentlich geringere Rolle spielen als die gefühlte Wahrheit. Das ist verhängnisvoll.

Angst und andere negative Gefühle

Aber schauen wir nun näher hin, um welche Gefühle es sich denn vor allen Dingen handelt. Welche Gefühle machen sich gesellschaftlich-politisch aktuell besonders bemerkbar? Vor allem scheint es das Gefühl der Angst zu sein, das Menschen überkommt; und zwar der Angst vor dem gesellschaftlichen und sozialen Abstieg. Die Kommentatoren der US-Wahlen sehen vor allem in den weißen Männern der unteren Mittelschicht die Gruppe derjenigen, die Trump zum Sieg verholfen hat. Das ist die Gruppe derjenigen, die sich als Absteiger und Verlierer der Globalisierung empfinden. In ihrer Kränkung darüber und in ihrer Angst, noch weiter abzurutschen, versprechen sie sich von Trump eine Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse und auch ihres Selbstbewusstseins („Make America great again!“).

Mit der Angst gehen in der Regel andere negative Gefühle einher. Sie stellen sich ein, wenn die Angst sich bestätigt sieht: Es ist das Gefühl der Ausgrenzung, das Gefühl abgehängt zu sein. Es stellen sich Enttäuschung und Verbitterung ein, die leicht zu Aggression und Wut werden, wenn sie gezielt angesprochen werden. Nach Bude verfügt Donald Trump über die Fähigkeit, die Verbitterung dieser Menschen regelrecht zu „riechen“. Insofern liegt das „Erfolgsrezept“ von Trump wie der Populisten hierzulande und in Europa darin, diesen Menschen ein Sprachrohr zu geben.

Das erschreckt uns, und darüber mokieren wir uns, aber Gesellschaft und politisch Verantwortliche müssen sich selbstkritisch fragen lassen, warum Menschen, die sich in der beschriebenen Gefühlslage befinden, kein seriöseres Sprachrohr finden. Hans Joas, der bekannte Sozialphilosoph, hat vor wenigen Tagen davor gewarnt, die Trump-Wähler nach einfachen Kategorien einzusortieren. „Es sei durchaus nachvollziehbar, wenn etwa Arbeiter in Industrieregionen aufgrund akuter Jobverluste der Ansage einer stärker protektionistischen Wirtschaftspolitik folgen. Dass diese Sorgen nicht ernst genommen wurden, sondern ihnen in einer ‚herablassenden Haltung‘ seitens der Eliten begegnet wurde, zeuge von einer weitreichenden Entfremdung von Politik und Bürgern, die letztendlich die Wahl Donald Trumps befördert habe.“ (Gespräch mit Kathpress, 11.11.2016)

Politisch korrekt?

Man konnte lesen, dass sich im amerikanischen Wahlkampf Menschen selbst bei anonymisierten Umfragen gegenüber dem Befrager nicht trauten zuzugeben, dass sie Trump favorisieren. Wir wissen, dass politisch korrektes Sprechen in den USA in einem für unsere Maßstäbe exzessiven Maß geübt wird. Wenn aber politisch korrektes Sprechen zu solchen Ergebnissen führt, dann muss einen das nachdenklich machen.

Aus dem Gefühl der Angst kann das Gefühl der Wut werden. Wut entspringt aber auch dem Gefühl der Ohnmacht gegenüber den vermeintlich oder tatsächlich übermächtigen Institutionen. Der Begriff des „Wutbürgers“ ist ja auch bei uns zu einer bekannten Vokabel geworden. Wenn ich mit meinen Beobachtungen nicht ganz falsch liege, dann manifestiert sich der „Wutbürger“ oft mehr in lokalen und regionalen Projekten. Er versucht, (jenseits der konkreten Materie, um die sich der Streit dreht) in unserer globalisierten Welt die verloren gegangene Erfahrung von Selbstwirksamkeit wiederzugewinnen, also das Gefühl, etwas bewegen zu können. Dieses Gefühl will man sich zurückholen, und sei es nur dadurch, dass man ein Projekt verhindert und es damit der Politik „einmal zeigt“.

Das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl des Nicht-beachtet- und Nicht-gesehen-Werdens kann aber natürlich noch viel gravierendere Folgen haben, nämlich dann, wenn es zum Nährboden wird für das Entstehen von kruden Fantasien und Ideologien und schließlich Attentäter hervorbringt, mögen diese nun individuelle Amokläufer sein oder solche, deren Wut dazu noch ideologisch oder religiös aufgeladen ist …

Positive Gefühle & Engagements

Aber es wäre doch ein zu düsteres Bild, wenn man den Eindruck vermitteln würde, dass unsere Gesellschaft auf die Breite hin von Unsicherheit, Angst oder gar Aggression bestimmt wäre. Wir erleben viele Beispiele einer positiven Emotionalität. Denken wir nur an das großartige Engagement von so Vielen im Bereich der Flüchtlingsarbeit, nicht nur im letzten Jahr, sondern bis heute. Bürgerinnen und Bürger engagieren sich aus menschlicher Solidarität bis zur Belastungsgrenze in der Betreuung von Menschen, die bei uns Zuflucht suchen. Und diejenigen, die sich engagieren, fühlen sich in der Regel selbst dadurch positiv gestärkt. Auch in Kirchengemeinden ist dies zu spüren: Indem Ehrenamtliche einen neuen, gemeinsamen Auftrag für sich entdecken, ist an nicht wenigen Stellen neuer Schwung in Pfarrgemeinden gekommen. Sicher hat dies auch mit dem guten Gefühl zu tun, mitten in der Zerrissenheit und Komplexität dieser Welt etwas Sinnvolles tun und bewirken zu können. Für mich ist das Engagement in der Flüchtlingsarbeit ein sehr positives Beispiel für eine Selbstwirksamkeitserfahrung, ohne Wutbürger werden zu müssen!

Flüchtlinge aufnehmen, die um uns herum Welt wahrnehmen...

Lassen Sie mich noch ein weiteres positives Beispiel aus dem Bereich der Kirchengemeinden erzählen, dass in eine ganz ähnliche Richtung weist: Die Trierer Diözesansynode, die wir in den vergangenen drei Jahren abgehalten haben, legt dem Bischof und dem Bistum eindringlich ans Herz, die oft stark binnenkirchliche Orientierung zu überschreiten. Konkret geht es darum, weniger zu fragen: „Wie wollen wir Kirche sein?“, sondern sich die Frage zu stellen: „Wozu sind wir Kirche?“, anders gesagt: „Was ist unser Auftrag in der Gesellschaft und unter den Menschen, mit denen wir leben?“

Vor diesem Hintergrund hat die Pfarreiengemeinschaft Neuwied im vergangenen Monat einen Impulstag gestaltet. Mitglieder des Pfarreienrates wollten die Wirklichkeit der Menschen in Neuwied besser kennenlernen und sich fragen, was dies für ihre Arbeit bedeutet. Ein wesentliches Element dieses Tages waren vier Erkundungstouren: So hat eine Gruppe mit einem Mitarbeiter des Jugendamtes die öffentlichen Plätze in der Stadt aufgesucht, an denen Jugendliche sich aufhalten, nicht immer zur Freude der Passanten und der Stadtverantwortlichen … Eine andere Gruppe hat sich im Krankenhaus besonders mit den Fragen von Krankheit, Pflege und modernem Klinikum beschäftigt. Die Citymanagerin der Stadt war angefragt für eine Erkundung unter dem Aspekt des veränderten Geschäftslebens der Stadt. Und schließlich hat eine Mitarbeiterin vom Jobcenter von ihrer Arbeit berichtet.

Nach den Erkundungsgängen haben die Ratsmitglieder ihre Beobachtungen zusammengetragen und sie gemeinsam reflektiert. Bei dieser Reflexion ließen sie sich leiten von einer der Grundaussagen unserer Synode: dass nämlich „Gottes Ja zu allem, was dem Leben dient, und Gottes Nein zu allem, was das Leben zerstört“ der Motor und das Maß des kirchlichen Lebens sind (Abschlussdokument Abschnitt 1). „Was bedeutet dies konkret für Lebenssituationen von Menschen in der Stadt Neuwied und für das Engagement christlicher Gemeinde?“, so die Frage.

Nachher haben Gesprächsteilnehmer berichtet, dass dieses Gespräch eine sehr dichte Erfahrung für sie gewesen sei. Die Ratsmitglieder hätten gewissermaßen gelernt, mit neuen Augen auf die scheinbar so vertraute Realität ihrer Stadt zu schauen. Abschließend habe man sich auf einen der Balkone des Krankenhauses begeben, um von dort auch noch einmal ganz konkret auf die ganze Stadt zu schauen und sich bewusst zu machen, wie sehr und auf welch vielfältige Weise (auch unter welchen Belastungen) Menschen versuchen, ihr Ja zum Leben in dieser Stadt zu leben.

Nüchterne Emotionalität und Glaube

Sehr geehrte Damen und Herren, schon der kurze Bericht zeigt, welch positive Kraft ausgeht von einer gelungenen Verbindung zwischen dem nüchtern-sachlichen Blick auf die Realitäten einerseits, der Bereitschaft, sich emotional berühren zu lassen andererseits und der Botschaft des Glaubens.

Ähnliches könnte ich berichten von der Erfahrung des diesjährigen Weltjugendtags, zu dem Papst Franziskus Ende Juli eingeladen hatte. Wir erinnern uns: Es war die Zeit unmittelbar nach dem furchtbaren Attentat in Nizza, der Ermordung des Priesters in Nordfrankreich, dem Anschlag im fränkischen Ansbach, den Amokläufen bei Würzburg und in München. Hunderttausende Jugendliche aus der ganzen Welt kamen in Krakau zusammen. Zigtausende von ihnen hatten sich bereits vorher für einige Tage in verschiedenen polnischen Diözesen aufgehalten. Sie kamen dorthin nicht bloß als Besucher, sondern engagierten sich – angestoßen durch das Motto der Barmherzigkeit – in konkreten sozialen Projekten vor Ort.

Die Bischöfe und Jugendvertreter unter uns, die mit dabei waren, können bestätigen, dass dies wahrhaftig kein Welttreffen der katholischen Frustrierten und Verängstigten war. Im Gegenteil: Das Treffen war ein wohltuender Gegenakzent in den Stimmungslagen unseres gesellschaftlichen Alltags gerade der letzten Monate. Mögen Weltjugendtage auch punktuelle Ereignisse sein, so zeigen die Erfahrungen doch, dass diese Treffen für viele junge Leute inhaltlich und emotional tiefgehende und lebensprägende Erlebnisse darstellen.

Gefühle als Wirklichkeit ernstnehmen

Wenn wir an dieser Stelle eine kurze Zwischenbilanz über die bisherigen Überlegungen ziehen, so hat sich uns die Bedeutung von Emotionen nicht nur im Leben des Einzelnen, sondern auch in der Gesellschaft gezeigt. Emotionen verdienen unsere Aufmerksamkeit. Noch einmal anders gesagt: Bei allen Zahlen, Fakten und Sachthemen sind Gefühle als Wirklichkeit – individuell und sozial – ernst zu nehmen.

Ich meine, dass es über das Ernstnehmen hinaus wichtig ist, Emotionen Raum und Sprache zu geben. Das gilt natürlich nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst, also auch für Menschen, die politische und gesellschaftliche Verantwortung tragen (und hier schließe ich Kirchenverantwortliche natürlich mit ein). Wahrscheinlich, liebe Damen und Herren, hören Sie schon im Hintergrund das vielbeschworene Wort von der Authentizität, und Sie liegen damit nicht falsch. Wir wissen, dass die Menschen bei aller sachlichen Kompetenz, die man von Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft, Kirche oder wo auch immer erwartet, auch die Person hinter dem Amt erkennen wollen, d. h. einen Menschen mit Gefühlen. Wir wissen auch, dass dies leichter gesagt als getan ist angesichts der Mail- und Kommentarflut, die über einen hereinbrechen kann, wenn man Emotionen zeigt. Andererseits zeigt die Erfahrung auch, dass die digitalen und medialen Reaktionen durchaus nicht Eins zu Eins dem entsprechen, was die Mehrheit der Menschen empfindet. Aber natürlich geht es nicht nur oder vor allem darum, dass das Spitzenpersonal die Menschen im Land an seinen Emotionen teilhaben lässt. Deshalb abschließend einige Gedanken zu der Frage, wie es gelingen kann, Emotionen und Gefühlen die Bedeutung zu geben, die ihnen zukommt.

1. Raum zur Begegnung geben

Die angeführten Beispiele aus der Flüchtlingsarbeit, der Pfarreiengemeinschaft Neuwied oder auch vom Weltjugendtag erinnern daran, dass nirgendwo anders als in der Begegnung zwischen Menschen Verstand und Gefühl gleichermaßen so im Spiel sind und sich nicht voneinander trennen lassen. Die Konsequenz daraus heißt, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen und mit ihnen in Kontakt zu sein.

Nun können Sie sagen: „Gerade wir hier, die zum Martinsempfang Versammelten, tun dies ja tagtäglich im Kontakt mit Bürgerinnen und Bürgern, Gläubigen und weniger Gläubigen, Jungen und Alten, uns Nahen und Fernstehenden, schlichten Menschen und Intellektuellen usw.!“ Ja, das stimmt. Doch jeder von uns, der länger in der Verantwortung steht, weiß um die Möglichkeiten, sich – trotz aller Begegnung zu schützen, sich gewissermaßen zu immunisieren. Das gehört einerseits zur Professionalität, ohne die man seinen Auftrag auf Dauer nicht ausführen kann, andererseits kann es zu dem kommen, was man „professionelle Deformation“, nennt: Wir sind unter Menschen und sind es doch nicht. Wir hören, was sie sagen, aber ignorieren ihre Botschaft.

Wenn es aber stimmt, dass gerade in Begegnungen zwischen Personen immer beides – Sache und Emotion, Herz und Verstand – im Spiel ist, dann heißt dies, Begegnungen zu ermöglichen, in denen beides seinen Platz hat. Dies bedeutet auch, Platz zu geben für negative Emotionen. Bei allen notwendigen und auch einzufordernden Regeln von Respekt und Anstand und der gehörigen Sensibilität für das Gegenüber darf nicht eine (vermeintliche) politische Korrektheit wie ein Fallbeil über allen hängen und das Gespräch verunmöglichen. Das erfordert eine hohe Kultur des Dialogs, die bereit ist, dem anderen auch in seinem Anderssein, in seiner Verschiedenheit von mir zu begegnen, sei diese Verschiedenheit weltanschaulich, religiös, generationenbedingt, ethnisch-kulturell oder einfach dadurch gegeben, dass mir Gedanken und Gefühle des Anderen fremd sind und es auch bleiben.

2. Positive Emotionen verstärken

Wenn heute Morgen in den Schlagzeilen der Zeitungen der Kandidat als künftiger Bundespräsident mit dem Wort zitiert wird: „Ein Bundespräsident muss ein Mutmacher sein“, dann bekennt Frank-Walter Steinmeier sich damit nicht nur zu der gesellschaftlichen Macht von Gefühlen, sondern zeigt auch die Richtung an. Denn es wäre zu wenig, wenn wir dabei stehen blieben, Gefühlen bloß Raum zu geben. Sie sollen ja nicht destruktive, sondern konstruktive Kraft für unser Gemeinwesen entwickeln. Das aber geht nicht mit Gefühlen von Verunsicherung, Angst, Aggression oder Wut … Dazu braucht es: Vertrauen, Mut, Neugier, Lebensfreude … Auch dazu sind Begegnungen – wirkliche, personale Begegnungen! – zwischen Menschen unverzichtbar.

Denn dort, wo sich mir jemand ehrlich zuwendet, mir zuhört, meine Gefühle aushält, meine Sorgen anhört, meinem Ärger standhält, besteht die Chance, dass sich Unsicherheit und Angst abbauen und Hoffnung wächst. Und auch da, wo ich selbst die Erfahrung mache, dass jemand mich braucht, wird mein Lebensmut gestärkt. (Vgl. die schönen Zeilen von Bert Brecht: Der, den ich liebe/ Hat mir gesagt/ Dass er mich braucht./ Darum/ Gebe ich auf mich acht/ Sehe auf meinen Weg und/ Fürchte mich vor jedem Regentropfen/ Dass er mich erschlagen könnte.)

3. Auf der Suche nach Narrativen, die positive Emotionen wecken

Immer wieder wird uns gesagt, wie wichtig für uns Menschen – gerade auch zur emotionalen Bestärkung – sogenannte Narrative, große sinngebende Erzählungen sind. Und immer wieder wird beklagt, dass die großen Narrative von Gemeinschaft, von Gleichheit, von Freiheit und Gerechtigkeit, die Europa so sehr geprägt haben, durch die verheerenden Erfahrungen der Geschichte demontiert seien. Auch die Idee Europas als Friedensprojekt habe an Strahlkraft verloren. Neue Erzählungen seien heute nötig, um die Herzen der Menschen zu gewinnen und sie zum Handeln zu bewegen. Man mag sich über die Richtigkeit der Analyse streiten, aber tatsächlich scheinen aktuell keine großen Erzählungen am Horizont sichtbar, die eine gesamtgesellschaftliche, gar gesamteuropäische Kraft zu entfalten vermögen. Ein Narrativ im Sinne von „Make Europe/ Germany great again.“ scheint uns zu kurz gegriffen.

Statt "make Europe great again" Zuflucht zu den kleinen Geschichten

Vielleicht müssen wir einstweilen Zuflucht nehmen zu den kleinen positiven Geschichten, die Menschen tagtäglich erleben und die ihnen und ihren Mitmenschen Lebensmut geben. Sie verdienen es, auf den Leuchter gestellt zu werden, um Orientierung anzubieten in einer Welt vielfältiger Verunsicherung und Desorientierung.

Aber als Christen wollen und sollen wir auch immer wieder erinnern an die großen Narrative der biblischen Botschaft, ausgespannt zwischen der Erzählung von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau nach dem Ebenbild Gottes (Gen 1,26f), der großen Verheißung des Gottesfriedens beim Propheten Jesaja (Jes 2,1-5; 11,1-10), wenn die Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet sind, und der Vision des Johannes, der die himmlische Stadt sieht, deren Mitte Gott selbst ist und die in sich Platz hat für den Reichtum aller Völker (Offb 21,9-27).

Vor allem aber haben wir die Evangelien mit der Botschaft Jesu: Denken wir nur an die Bergpredigt mit den Seligpreisungen (Mt 5,1-12), an die Gleichnisse Jesu, etwa vom barmherzigen Samariter (Lk 10,30-37), vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn (Lk 15,11-32), von der Saat des Reiches Gottes, die unscheinbar und doch wirksam aufgeht in den Herzen von Menschen (Mt 13,31f).

Unser Land, ja ganz Europa sind doch nicht zu verstehen ohne diese Erzählungen und ihre Prägung. Sie haben nach wie vor orientierende Kraft und enthalten ein großes Hoffnungspotenzial, weil sie sich über die Jahrhunderte nicht abgenutzt haben trotz aller Irrwege der Christen und der Kirchen, trotz aller kämpferisch-atheistischen Bestreitungen. Die biblischen Erzählungen bleiben Grundnarrative für das, was wir als europäische Werte bekennen: Für den Respekt vor der unantastbaren Würde und vor den unveräußerlichen Rechten jedes Menschen, für die Sorge um sein Wohlergehen, für den Kampf gegen Ungerechtigkeit, Hunger und Armut, für den Einsatz für Frieden und Freiheit.

(Zu den „europäischen Narrativen“ lassen sich neben den biblischen Geschichten auch die gelungenen Biographien vieler Heiligengestalten zählen. Sie sind eingegangen in Literatur, Ikonographie, bildende Kunst, Architektur: So z. B. Martin, der Namensgeber des Empfangs, Nikolaus, Benedikt, Franziskus, Elisabeth …)

Biblische Erzählungen: bis heute stark und wahr

Die biblischen Erzählungen sind bis heute nicht von der Geschichte widerlegt. Sie haben ihre Kraft und Wahrheit behalten, eine Kraft, die eben auch imstande ist, Emotionen Raum zu geben: der Freude, der Trauer, der Angst, der Hoffnung, dem Mut, dem Mitleid, der Wut und dem Hass, der Schuld; aber vor allem: Der Liebe. Die Erzählungen der Bibel sind längst nicht mehr exklusives Eigentum von Juden und Christen, sondern sie sind Menschheitserbe. Diese Narrative müssen wir nicht neu erfinden. Wir dürfen sie immer wieder neu entdecken!

Den Kirchen ist es natürlich in besonderer Weise aufgetragen, sie vor dem Vergessen zu bewahren. Aufgabe aller Christen ist es, sie mit Leben zu erfüllen, damit sie nicht wie weltferne Märchen klingen, sondern in den Köpfen und in den Herzen der Menschen ihre visionäre Kraft entfalten können.

Weiteres:

Leidenschaften und Verantwortung

bei anderen Anlässen