Eine originäre Aufgabe katholischer Einrichtungen:

Sterben in Würde, Sterbende begleiten

Statement von Bischof Dr. Ackermann zur Auftaktveranstaltung des Projektes
„Hospiz- und Palliativkultur in katholischen Einrichtungen und Diensten
des Gesundheits- und Sozialwesens in der Diözese Trier“

am 10. November 2017

Vor ziemlich genau zwei Jahren, am 6. November 2015, hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz zur Strafbarkeit der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung verabschiedet.  Die Debatte um dieses Gesetz hatte damals das Thema „Sterben in Würde“ noch einmal stark in den Blick der Öffentlichkeit gerückt, vor allem unter dem Aspekt, wie viel Autonomie dem Menschen im Sterbeprozess zukommt.

Auch wenn wir in der Regel über „Sterbehilfe“ sprechen geht es aber im Letzten wahrscheinlich mehr um unser Verständnis des Lebens als um den Tod. Die Frage nach dem menschenwürdigen Sterben hängt nämlich wesentlich an der Frage nach einem menschenwürdigen Leben! Wie verstehen wir das? Wann ist die Grenze erreicht? Gilt nur das völlig selbstbestimmte Leben als menschenwürdig?

Umfragen in der Bevölkerung brachten damals eine eigenartige Spannung zu Tage: Zwar befürworteten mehr als 70 % die Sterbehilfe, aber rund Dreiviertel der Deutschen gaben auch an, sich zu den Themen Palliativversorgung und Sterbehilfe nicht ausreichend informiert zu fühlen.

Wenn wir uns als Kirche gegen Sterbehilfe aussprechen und für ein „Sterben in Würde“ einsetzen, dann braucht es von unserer Seite vor allem Information und Engagement im Bereich der Hospiz- und Palliativkultur. Deshalb habe ich damals dieses Projekt angestoßen, das heute vorgestellt wird.

Am 1. Dezember 2015, drei Wochen nach der Entscheidung des Bundestages gegen die geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung, trat das Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung in Deutschland in Kraft.  Es stellt eine entsprechende Ergänzung dar. Der Förderung der Selbsttötung soll die Förderung einer Hospiz- und Palliativkultur entgegengesetzt werden, die den Menschen in seiner letzten Lebensphase begleitet und ein „Sterben in Würde“ ermöglicht. Das ist notwendig und wichtig. Und hier wollen wir als katholische Kirche mit unseren Einrichtungen und Diensten Impulse geben und Zeichen setzen.

Würde des Menschen als Gottes Ebenbild

Der erste und wichtigste Impuls kommt dabei aus unserem christlichen Verständnis vom Menschen. Das Grundgesetz nimmt dieses Verständnis auf, wenn es im Artikel 1 formuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Dieser Leitsatz ist unser gemeinsamer Auftrag für alle Situationen menschlichen Lebens. Er ist sozusagen ein unverzichtbarer Kompass für eine menschenwürdige Zukunft. Er verkörpert die zentrale biblische Botschaft, dass jeder Mensch Geschöpf und Ebenbild Gottes (Gen 1,26) ist, wie es die Bibel wiederum in ihren ersten Sätzen als Leitsatz unseres Glaubens sagt. In dieser Gottebenbildlichkeit des Menschen gründet seine Würde. Sie besagt, dass der Mensch im Voraus mit all seinen Leistungen, seinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten von Gott bedingungslos bejaht und geliebt ist. Die Menschenwürde ist daher unantastbar und kommt allen Menschen zu, unabhängig von der Einschätzung anderer oder ihrer Selbsteinschätzung: den Gesunden, den Kranken und Behinderten, und auch den Sterbenden.

Jesus hat die fragwürdigen gesellschaftlichen Umgangsformen mit Kranken und Behinderten zu seiner Lebenszeit durch sein Wirken durchbrochen und hat die Notleidenden mit ihrer Würde in die Mitte der Gesellschaft gestellt, ihnen neuen Lebensmut und Lebenswillen ermöglicht. Das ist das Leitbild für uns als katholische Kirche und verpflichtet uns, uns immer wieder für die Unverfügbarkeit menschlichen Lebens einzusetzen. Daran zeigt sich nicht zuletzt auch, wie human, „menschlich“ eine Gesellschaft ist.

Hilfe beim Sterben statt zum Sterben

Die gegenwärtigen Entwicklungen in unserer Gesellschaft, gerade im Bereich der Medizin, fordern uns heraus, die Würde des Menschen in den besonders verletzlichen Phasen des Lebens, am Beginn sowie im Alter und im Sterben zu betonen. Das Ende des Lebens ist der Tod eines Menschen und nicht sein Sterben; das Sterben ist Teil des Lebens, seine letzte Phase! Das gilt auch dann, wenn das Sterben eines Menschen eine besonders schwierige und schmerzhafte Phase seines Lebens ist. Deshalb bedürfen sterbende Menschen nicht der Hilfe zum Sterben (assistierter Suizid), sondern einer Hilfe im Sterben (Hospizbewegung). Hier möchte ich verstärkend das bekannte Wort zitieren: „Der Mensch soll nicht durch die Hand, sondern an der Hand eines Menschen sterben!“

Auf Gott hin gewendet heißt die Rede vom Geschöpf und Ebenbild Gottes, dass wir als Christen die Souveränität des Schöpfers, seine absolute Souveränität über Leben und Tod anerkennen. Die Entscheidung, wann ein Leben endet, liegt nicht in unserer Entscheidungsgewalt. Das Leben ist unantastbar. Auf der anderen Seite steht das Prinzip der Selbstbestimmung des Menschen, das der Schöpfer in seine Geschöpfe hineingelegt hat. Hier kommen wir auch theologisch-ethisch immer wieder an den Punkt, an dem Abwägungen nötig werden. Ich denke an den ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD, Nikolaus Schneider, und seine Frau, die an Krebs erkrankt war. Beide haben der Wochenzeitung DIE ZEIT im Juli 2014 ein Interview gegeben, in dem genau diese Problematik zutage trat: Nikolaus Schneider erklärte damals, er würde aus Liebe zu seiner Frau auch gegen seine persönliche Überzeugung handeln und ihr bei der Selbsttötung helfen, so wie sie es möglicherweise erbittet.

Das sind Fragen, die sich tagtäglich in Familien stellen, wo Menschen sterben. Es stellt sich je konkret die Frage nach den medizinischen Maßnahmen. Deshalb ist es meines Erachtens wichtig, nicht nur grundsätzlich und abstrakt über das Thema „Sterben in Würde“ zu sprechen, sondern auf die konkreten Erfahrungen von Menschen zu hören, die diese Abwägungen tagtäglich vornehmen und sich dabei der unantastbaren Würde des Lebens und unserem biblisch-christlichen Menschenbild verpflichtet fühlen.

Konkrete Erfahrung in Familien und Einrichtungen

Solche „Experten“ gibt es viele in unseren Kranken- und Alteneinrichtungen, in der christlichen Hospizbewegung, aber auch zu Hause in den Familien. Ihnen allen möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich für ihre Arbeit und ihr Engagement danken. Die Menschen, die die Hand des Sterbenden ergreifen und halten, haben ein ganz konkretes Gesicht. Dass der Mensch an der Hand eines Menschen sterben soll, wird so eine gelebte Realität.

Nichtsdestotrotz ist es aber auch eine Realität, dass viele Menschen heute artikulieren, im Sterben nicht auf die Hilfe eines anderen Menschen angewiesen sein, keinem anderen zur Last fallen zu wollen. Wenn dieser Wunsch in unserer Gesellschaft so stark wird, macht mich das hellhörig. Der Psychiater Manfred Lütz hat darauf aufmerksam gemacht, dass in der Regel Menschen diesen Satz sagen, die selbst nicht auf die Hilfe anderer angewiesen sind. Aber während sie diesen Satz sagen, ist vielleicht ihr Nachbar betroffen. „Alle Menschen sind auf die Hilfe anderer Menschen angewiesen. In der Mitte des Lebens etwas weniger, und da können wir dann Menschen am Beginn und am Ende helfen. Das ist Menschlichkeit.“ (KELLER, Claudia: Ein Streitgespräch zwischen Manfred Lütz und Dieter Birnbacher, in: HerKorr Spezial Oktober 2017, 7.)
Christlich gesprochen heißt das: „Einer trage des anderen Last!“ (Gal 6,2) Es geht auch beim Sterben um die Solidarität untereinander und miteinander, die unsere Gesellschaft heute so stark einfordert. Auch daran muss sich messen lassen, wie human, „menschlich“ eine Gesellschaft ist.

Menschen sind angewiesen auf andere Menschen –
und brauchen Hoffnung

Professor Johannes Brantl, Moraltheologe an unsere Theologischen Fakultät Trier, betont den Anspruch, „jenen Menschen, die versucht sind, sich in ihre Verzweiflung zurückzuziehen und in ihr unterzugehen, solidarisch beizustehen und Hilfe anzubieten, damit sie weiter hoffen können, wenn alle menschlichen Hoffnungen zerrinnen.“ (  BRANTL, Johannes, Jedem seinen eigenen Tod? Suizidprävention in theologisch-ethischer Perspektive, in: ETHICA 16 (2008) 1, 37)  Und dies gilt nicht allein für den Sterbenden selbst, sondern auch für seine Angehörigen. Von einer Hospizhelferin weiß ich, dass viele Angehörige den Wunsch haben, dass das Leid einfach weggenommen werde, weil wir es nicht mehr unbedingt gewohnt sind, Leid auch auszuhalten. Oft leiden also die Angehörigen noch stärker, weil sie hilflos sind und nicht wissen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Gerade hier ist christliche Solidarität gefragt, einander im Leid beizustehen und die Hoffnung wachzuhalten, die Hoffnung auf Erlösung, Vollendung, Auferstehung. In diesem Anspruch kommt sicher ein wichtiger Aspekt unseres christlichen Engagements bei der Begleitung Sterbender zum Ausdruck; es geht hier auch um ganz konkrete Seel-Sorge.

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Palliative Care als „Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Patienten und ihren Familien, die mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung konfrontiert sind. Dies geschieht durch Vorbeugung und Linderung von Leiden mittels frühzeitiger Erkennung, hochqualifizierter Beurteilung und Behandlung von Schmerzen und anderer Probleme physischer, psychosozialer und spiritueller Natur.“ (mehr)  Es geht also um Lebensqualität, nicht um den Tod. Die Begründerin der Palliative Care, die englische Ärztin, Krankenschwester und Sozialarbeiterin Cicely Saunders arbeitet nach dem Grundsatz, nicht nur dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben zu geben.

Palliativ Care erhöht Lebensqualität

Wissenschaftliche Studien belegen auch die höhere Lebensqualität, und sogar auch ein längeres Leben für Patienten, die palliativmedizinisch betreut werden. Was ich hier als unseren christlichen Anspruch formuliert habe, wird in den vier Säulen der Palliative Care verwirklicht. Es braucht 1. Kommunikation: Das heißt einen offenen Dialog zwischen allen Beteiligten, um in der konkreten Situation gute Entscheidungen am Lebensende treffen zu können. Es braucht 2. Symptomkontrolle, also medizinische Begleitung, um Schmerzen zu lindern. Es braucht 3. psychosoziale Begleitung des Sterbenden wie seiner Angehörigen, um der Einsamkeit und der Hilflosigkeit zu begegnen, und es braucht 4. spirituelle Begleitung, um die „letzten Fragen“ der Sterbenden aufzugreifen und ihnen christliche Hoffnung zu geben auf den Gott, der sie geschaffen hat, und der sie auch im Tod halten und zu einem neuen Leben führen wird. (Vgl. zu diesen Abschnitten: Borasio, Gian Domenico, Jox, Ralf F.: Palliative Care und assistierter Suizid, in: HerKorr Spezial Oktober 2017, 21-23)

In diesem Sinne hoffe ich, dass wir mit dem Projekt Hospiz- und Palliativkultur in katholischen Einrichtungen und Diensten des Gesundheits- und Sozialwesens in der Diözese Trier Impulse setzen für ein „Sterben in Würde“ und sterbenden Menschen und ihren Angehörigen wichtige Hilfe leisten. Und ich danke Ihnen allen schon jetzt sehr herzlich für die Bereitschaft, sich gemeinsam in diesem Projekt zu engagieren!

Weiteres:

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