Gott hat seine erste Liebe nicht verlassen

Erstes Hirtenwort von Bischof Stephan - zum Pfingstfest 2009 und anlässlich des Amtsantritts als Bischof von Trier

Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Trier!

Am vergangenen Sonntag haben wir festlich den Tag meiner Einführung als Bischof von Trier begangen. Die Liturgie sowie der anschließende Empfang haben mich sehr bewegt. Ich möchte ausdrücklich noch einmal all denen danken, die auf verschiedene Weise zum Gelingen dieses Tages beigetragen haben. Sie haben es möglich gemacht, dass so viele Menschen im Dom und darüber hinaus an der Feier teilnehmen konnten. Auf diese Weise wurde der Akt der Amtseinführung wirklich zu einem Fest des Bistums!

In einer altertümlichen Formulierung bezeichnet man das, was wir Amtseinführung nennen, als Besitzergreifung der Diözese durch den Bischof. So mag es in früheren Jahrhunderten durchaus gewesen sein. Der vergangene Sonntag hat mich spüren lassen, dass heutzutage eher das Umgekehrte gilt: Die Diözese ergreift von ihrem Bischof Besitz. Das ist in seinen Ausmaßen schon etwas erschreckend, aber auch Mut machend. Es ist erschreckend, weil in dieser Art von Besitzergreifung so viele Erwartungen zum Ausdruck kommen. Mut machend ist es, weil darin die Botschaft steckt: »Wir nehmen dich an als unseren Bischof.« Ohne eine solche Annahme durch das Volk Gottes kann niemand wirklich Bischof sein.

Kein fertiger Plan in der Schublade

Oft bin ich in den letzten Wochen gefragt worden, welche Schwerpunkte ich denn in meinem neuen Dienst setzen werde. Stets habe ich mich dann mit allzu programmatischen Aussagen zurückgehalten. Denn obwohl mir das Bistum von Kindesbeinen an vertraut ist und ich als Weihbischof bereits Mitverantwortung in der Leitung des Bistums getragen habe, war es eben doch nur ein eingeschränkter Blickwinkel, aus dem heraus ich geurteilt und gehandelt habe. Die neue Verantwortung erfordert nun einen neuen Blick auf das Ganze. Das möchte ich bewusst tun, und dazu möchte ich mir auch die Zeit nehmen, die notwendig ist.

Es kommt hinzu, dass wir uns angesichts der aktuellen kirchlichen Herausforderungen derzeit ohnehin mit umfassenden pastoralen Konzepten schwer tun. Sie kennen die Stichworte: Schwund des Glaubensbewusstseins, abnehmende kirchliche Bindung vieler Gläubiger, Rückgang personeller und finanzieller Mittel ... Mit ihnen verbindet sich unübersehbar ein fundamentaler Wandel der traditionellen Gestalt der Kirche und der uns bisher vertrauten Formen. Obwohl es immer wieder viele gute Einzelideen und –initiativen gibt, fehlt bisher ein durchgreifender Entwurf zu einer wirklichen Neuausrichtung. Auch ich habe keinen fertigen Plan in der Schublade.

Muss man sich genieren, dies zuzugeben? Ich meine nicht. Denn wir stehen im Bistum Trier damit nicht allein. Das ist die Situation in allen Ortskirchen in Deutschland, ja im Grunde sogar in ganz Westeuropa. Wie schmerzlich, bisweilen regelrecht lähmend dies vor allem für die Hauptamtlichen in der Seelsorge ist, weiß ich und habe es immer wieder erlebt. Ich weiß auch, dass sehr viele Ehrenamtliche in unseren Gemeinden und alle, denen der Glaube und die Kirche am Herzen liegen, ebenfalls unter dieser Situation leiden. Mein Mitbruder Kurt Koch, der Bischof von Basel, hat kürzlich die pastorale Situation, in der wir uns befinden, sehr pointiert, ja drastisch charakterisiert. Nach seiner Einschätzung sind wir irgendwie an einem »toten Punkt« angelangt und wissen nicht genau, wie es weitergeht.

Nichts beschönigen

Mir ist diese Ehrlichkeit sympathisch. Denn sie verbindet uns nicht nur mit den Glaubensbrüdern und –schwestern, die Ähnliches erleben, sondern sie verbindet uns sogar mit der Kirche des Anfangs, genauer gesagt mit der Situation der Jünger zwischen Ostern und Pfingsten. Die allerersten fünfzig Tage nach Ostern waren wahrhaftig auch keine reine Jubelzeit. Das können wir im Neuen Testament sehen: Obwohl die Jünger dem Auferstandenen mehrfach begegnen durften, herrschen immer noch Zweifel, Angst und Ratlosigkeit. Erst der Pfingstgeist wird diese Phase beenden, wie wir eben in der Lesung gehört haben.

Das Wort vom »toten Punkt« lässt mich übrigens an eine ganz bestimmte Begebenheit der ersten fünfzig Tage denken. Ich meine das Erlebnis des wunderbaren Fischfangs, wie es im 21. Kapitel des Johannesevangeliums geschildert wird (Joh 21,1-14). Es beginnt deprimierend: Die Jünger, nach dem Tod Jesu zurückgekehrt nach Galiläa, arbeiten eine ganze Nacht auf dem See, doch sie fangen nichts. In der Morgendämmerung schließlich sehen sie einen Mann am Ufer, den sie zunächst nicht als Jesus erkennen. Dieser fragt sie: »Habt ihr nicht etwas zu essen?« Sie antworten ihm: »Nein.« Immer wieder, wenn ich diese Stelle höre, überrascht mich die Ehrlichkeit dieser Auskunft. Obwohl die Antwort für gelernte Fischer beschämend sein muss, beschönigen die Jünger nichts. Die harte Realität wird nicht abgemildert. Man rettet sich nicht mit irgendwelchen Erklärungsversuchen. Die Antwort lautet kurz und knapp: »Nein. Wir haben nichts. Eigentlich beherrschen wir unser Handwerk. Doch wir sind an einem toten Punkt.«

Diese einfache, nüchterne Ehrlichkeit ist faszinierend. Warum? Weil sie die Wende einleitet. Denn sie schafft die Voraussetzung dafür, dass die Jünger trotz ihrer Erfahrung und all ihrer Kenntnisse, auf Jesu Wort hören und seiner Aufforderung folgen, ohne ihm besserwisserisch ins Wort zu fallen. Sie werfen also das Netz auf der rechten Seite des Bootes noch einmal aus. Der Fang ist so überreich, dass sie das Netz gar nicht einholen können.

Ein konkreter Auftrag, eine überraschende Erfahrung

Passt dieses Bild nicht in die pastorale Situation unseres Bistums? Wie sehr haben wir uns in den vergangenen sechs Jahren damit beschäftigt, unsere »Netze« herzurichten. Mit viel Mühe und manchem Ringen haben wir gemeinsam versucht, unsere pastoralen Strukturen den aktuellen und künftigen Herausforderungen anzupassen. Das war und ist richtig und bleibt wichtig. Denn ohne Strukturen fiele in unserer Welt alles auseinander und hätte auf Dauer keinen Bestand. Andererseits sind Strukturen nicht alles. Was nützen dem Fischer die besten Netze, wenn er sie an der falschen Stelle einsetzt! Gleichwohl gilt: Wir werden die Frage nach zeitgemäßen Strukturen der Seelsorge nie wirklich hinter uns lassen können. Immer wieder werden wir die Strukturen auf ihre Tauglichkeit überprüfen müssen.

Zugleich sollten wir aber mehr Aufmerksamkeit darauf verwenden, nach der Gegenwart Jesu in unserer Umgebung Ausschau zu halten. Nur dann werden wir seinen Anruf hören. Die aktuelle kirchliche Situation mag uns unklar und verschwommen vorkommen wie eine Landschaft im Morgendunst. Doch der Glaube sagt uns: Der Herr ist da. Er wartet auf uns, so wie auf die Jünger am See. Er will mit uns Kontakt aufnehmen, und er hält einen Auftrag für uns bereit. Das kann sich im persönlichen Leben etwa darin zeigen, dass ein Wort der Heiligen Schrift mich unvermutet anrührt und mich mein Leben in einem anderen Licht sehen lässt. Im Leben einer Pfarrgemeinde könnte der Anruf Jesu, des Auferstandenen, hörbar werden in einem konkreten Auftrag, den man für ein bestimmtes Anliegen verspürt. Ich denke etwa an den Einsatz in der Hospizarbeit oder in den so genannten Tafelprojekten. Es könnte aber auch die überraschende Erfahrung eines Neuaufbruchs sein, mit dem niemand ernsthaft gerechnet hatte: zum Beispiel unter Jugendlichen, die neu die Faszination des Glaubens entdecken.

Eine ganz besondere Chance

Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich also vom »toten Punkt« gesprochen habe, so sehe ich der Zukunft unseres Bistums keineswegs pessimistisch entgegen. Im Gegenteil. Wenn wir der Erzählung vom wunderbaren Fischfang glauben, beinhaltet die Erfahrung der leeren Netze und Hände ja eine ganz besondere Chance. Und zweitens beschreibt diese Erfahrung nicht die gesamte Wirklichkeit des kirchlichen Lebens. Ich erinnere mich noch gut an die letzte Silvesterpredigt meines verehrten Vorgängers, Bischof Reinhard. In ihr hat er uns kurz vor seinem Abschied die Schätze unseres Bistums in Erinnerung gerufen.

In Anlehnung an ein berühmtes Wort von Papst Leo dem Großen (+ 461), der in einer Weihnachtspredigt seinen Zuhörern zurief: »Christ, erkenne deine Würde!« , forderte Bischof Reinhard uns sinngemäß auf: »Kirche von Trier, erkenne deine Schätze!« Und die haben wir in verschiedenster Hinsicht. Das können wir mit Stolz und Dankbarkeit sagen. Dabei mag man im ersten Augenblick an die Schätze der Vergangenheit denken: die lange Tradition des Glaubens in unserem Bistum; die vielen Heiligen und Seligen, die ihren Glauben unter unseren Vorfahren gelebt haben; die Wallfahrtsorte; die vielen großartigen Kirchen- und Klosterbauten, die die Landschaften bis heute unübersehbar prägen. Doch Bischof Reinhard hat seinen Aufruf nicht nostalgisch-rückwärtsgewandt verstanden. Es ging ihm um die geistlichen Schätze, die in diesem Erbe für uns heute stecken und die wir neu in uns wachrufen sollen.

Wie Recht er mit dieser Überlegung hat, durfte ich selbst in den vergangenen drei Jahren als Weihbischof immer wieder bei den Visitationen, bei Gottesdiensten und Besuchen in den Gemeinden erleben. Auf wie viel Einsatzbereitschaft und Kreativität, auf wie viel Engagement, Ideenreichtum und echte Mitsorge bin ich dort gestoßen! Nicht zu vergessen die erfrischenden Begegnungen mit den Jugendlichen bei den Firmungen. Manche verborgene Bereitschaft zum Glauben wartet nur darauf, entdeckt und gefördert zu werden.

Eine besonders schöne Gelegenheit, um die in unserem Bistum vorhandene Glaubensfreude zu erleben, stellen für mich immer wieder die Heilig-Rock-Tage dar. Dabei sind sie nur ein winziger Ausschnitt aus dem gesamten Leben unseres Bistums. Schon heute freue ich mich auf die nächste große Heilig-Rock-Wallfahrt, die für uns ja nicht erst im Jahr 2012 beginnt, sondern schon mit der Vorbereitung auf dieses Ereignis. Es wäre schön, wenn der Prozess der Vorbereitung und Durchführung der Wallfahrt für uns alle ein belebender und Mut machender Meilenstein auf dem Weg des Glaubens würde.

Lassen Sie uns, liebe Schwestern und Brüder, diesen gemeinsamen Weg des Glaubens mit einem wachen Blick für die Realitäten und einem österlich-zuversichtlichen Herzen beginnen. Ausdrücklich möchte ich auch die Orden und geistlichen Gemeinschaften bitten, uns auf diesem Weg mit ihren je eigenen Charismen und nach ihren Möglichkeiten zur Seite zu stehen.

Die Liebe des pfingstlichen Anfangs ist da

Was könnte uns auf unserem Weg in die Zukunft mehr ermutigen als das Kirchengebet, mit dem wir die Pfingstmesse eröffnet haben. Es spricht mich seit meiner Studienzeit besonders an. In ihm heißt es: »Allmächtiger Gott, (...) erfülle die ganze Welt mit den Gaben des Heiligen Geistes, und was deine Liebe am Anfang der Kirche gewirkt hat, das wirke sie auch heute in den Herzen aller, die an dich glauben.« Mir ist dieses Gebet deshalb so kostbar, weil es uns ins Gedächtnis ruft, dass Gott seine erste Liebe nicht verlassen hat.

Die Liebe des pfingstlichen Anfangs ist auch heute noch in der nahezu zweitausend Jahre alten Kirche da. Diese Liebe ist gewissermaßen vom Herrn in seiner Kirche hinterlegt und kann jederzeit von uns und in uns aktiviert werden, wenn wir es nur wollen. Diese Liebe hat die Jünger befähigt, ihren Herrn zu erkennen. Sie ist es auch, die die Kraft zum Neuanfang gibt. Sie befähigt zu neuer Aufmerksamkeit und zu neuen Einsichten, sie gibt Mut zu neuen Wegen und führt uns als Gemeinschaft zusammen. Diese Liebe möge uns begleiten und segnen.

In pfingstlicher Freude grüßt Sie herzlich
Ihr
Stephan Ackermann
Bischof von Trier

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