Ja zum Leben

Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2013 - "Fastenhirtenbrief" von Bischof Stephan Ackermann


Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Trier!

„Bedenke Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!“, so lautet das alte Begleitwort, das am Aschermittwoch beim Austeilen des Aschenkreuzes gesprochen wird. Das klingt beinahe wie eine christliche Schocktherapie. Wenn in der Liturgie des Aschermittwochs an die Vergänglichkeit des Menschen erinnert wird, dann geschieht das aber nicht, um uns Angst zu machen. Vielmehr soll es uns helfen, bewusster auf unser Leben zu schauen. Die Grenzen unseres Lebens in den Blick zu nehmen, kann uns ängstlich machen, es kann uns aber auch die Augen öffnen. Nehmen wir einen einfachen Vergleich: Der Gedanke daran, dass mein Urlaub nach einer begrenzten Zahl von Tagen wieder zu Ende ist, kann mir von Anfang an die Freude an ihm verderben. Er kann mir aber umgekehrt auch helfen, die Kostbarkeit der Urlaubszeit viel mehr zu schätzen, als wenn ich bloß in den Tag hinein leben würde. „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz“, sagt schon der Psalmist (Ps 90,12)

Geschenk und Gefahr unseres heutigen Lebensstandards

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer Zeit und auf einem Kontinent zu leben, wo die Lebenserwartung des Menschen höher ist, als sie es jemals zuvor war. Die Statistik sagt uns, dass das durchschnittliche Lebensalter für Männer in unserem Land 77 Jahre und 9 Monate beträgt. Für die Frauen beträgt es sogar mehr als 82 Jahre. Dass dies so ist, haben wir einerseits dem Frieden zu verdanken, den unser Land nun seit Jahrzehnten genießen darf. Wir haben es dem Wohlstand zu verdanken und insbesondere dem Fortschritt der Medizin: Bis ins hohe Alter können viele Menschen bei erstaunlich guter Gesundheit und hoher Mobilität selbstbestimmt leben. Das ist wirklich ein Segen und ein Geschenk, über das wir uns von Herzen freuen dürfen und für das wir dankbar sind.

In diesem Geschenk liegt aber auch eine Gefahr, auf die ich in meinem diesjährigen Fastenhirtenbrief Ihren Blick lenken möchte. Ich meine, die gestiegene Lebenszeit wie auch die gestiegene Lebensqualität haben unser Bild vom Leben insgesamt verändert: Mit einem menschenwürdigen Leben, das diesen Namen wirklich verdient, verbinden wir mehr und mehr die Vorstellung eines Lebens, das sich in Gesundheit und ohne Einschränkungen in seinen Möglichkeiten entfalten kann. Diese Vorstellung passt zudem genau zu den Erwartungen der Leistungsgesellschaft, in der wir leben: Ihr Ideal ist der gesunde, leistungsstarke, bewegliche Mensch. Dieses Ideal wird allerdings zunehmend zum Maßstab des Lebens überhaupt. Was eben noch Geschenk war, über das man sich freuen durfte, wird mit einem Mal zu einem Anspruch, den jeder Einzelne zu erfüllen hat, wenn er oder sie dazugehören will.

Die problematischen Auswirkungen dieses Lebensverständnisses machen sich vor allem an den Rändern des Lebens bemerkbar, das heißt: in den Lebensabschnitten, in denen der Mensch nicht im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte steht: Das gilt für das Leben vor der Geburt wie für die letzte Lebensphase des Menschen im Alter. Wie stark hier ganz neue Fragen auf uns eindringen, das zeigen die heftigen Debatten, die um die verbesserten Diagnosemethoden für Krankheiten schon bei Embryos geführt werden (zum Beispiel die PID oder der neue Bluttest für Schwangere), wie auch die Debatten um eine organisierte Beihilfe zur Selbsttötung sterbenskranker oder alter Menschen.

Nicht immer sind die Vorschläge, selbst wenn ihnen vielleicht eine gute Absicht zugrunde liegt, auch wirklich zum Wohl des Anderen: Wie viele Embryos etwa, bei denen das Down-Syndrom diagnostiziert wurde, erblicken nie das Licht der Welt, weil man ein Leben mit dieser Krankheit für unzumutbar hielt. Ob sich diese Menschen selbst auch so entschieden hätten? Oder denken wir an die Diskussion um die Sterbehilfe: Wo Beihilfe zur Selbsttötung in organisierter Form gesellschaftsfähig wird, auch wenn dies nicht kommerziell geschieht, wird sich die Einstellung gegenüber der letzten Phase des Lebens völlig verändern. Wie schnell wird man sagen: „Eine lange Bettlägerigkeit muss doch heute nicht mehr sein!“ Am Ende sind es die Gesunden und Starken, die festlegen, welches Leben menschenwürdig und lebenswert ist! Das aber wäre verhängnisvoll. Denn das Resultat wäre eine harte und kalte Welt. Ist es nicht erschreckend, dass nach einer aktuellen Umfrage schon heute angeblich jeder zweite Bundesbürger lieber den begleiteten Freitod wählen würde, als zum Pflegefall zu werden?!

Umso mehr, liebe Schwestern und Brüder, möchte ich bei dieser Gelegenheit all denjenigen unter uns danken, die Ja gesagt haben zu einem behinderten Kind, und denjenigen, die schwerkranke oder alte Angehörige pflegen. Sie verdienen unseren besonderen Respekt und unsere Wertschätzung. Danken möchte ich auch all denen, die sich im Bereich der Caritas, der Sozialstationen, aber auch der Förder-Schulen tagtäglich engagieren und Menschen ganz unterschiedlichen Alters trotz Einschränkungen dazu helfen, dass sie ein glückliches Leben führen können und sich angenommen wissen.

Grenzen als Chancen

Es ist ja ein Trugschluss zu glauben, dass nur ein gesundes, einschränkungsfreies Leben ein menschenwürdiges, gar ein erfülltes Leben wäre. Eher hat der französische Schriftsteller André Gide Recht, wenn er sagt: „Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können … Es gibt jedenfalls einen Gesundheitszustand, der es uns nicht erlaubt, alles zu verstehen. Vielleicht verschließt uns die Krankheit einige Wahrheiten; ebenso verschließt uns die Gesundheit andere … Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner Seite hin ein bisschen beschränkt gewesen wäre – wie solche, die nie gereist sind.“

Körperliche Einschränkungen können also auch Chancen beinhalten. Die Menschheit trägt diese Erfahrung immer schon mit sich. Nicht umsonst werden Seher und Weise in der Tradition häufig als blind dargestellt. Denken wir nur an den griechischen Dichter Homer oder den Seher Bileam im Alten Testament (vgl. Num 22). Dahinter steht die Entdeckung, dass eine eingeschränkte äußere Wahrnehmung die innere Feinfühligkeit und Tiefe verstärken kann. Stephen Hawking, der bekannte englische Physiker im Rollstuhl, hat über sich selbst gesagt, er hätte nicht eine Welt in seinem Kopf entstehen lassen können, wenn er nicht durch seine Behinderung so sehr im Umgang mit der alltäglichen Welt eingeschränkt gewesen wäre. (Vgl. M. Lütz: Gesundheit – das höchste Gut? Die religiöse Überforderung des Gesundheitsbegriffs (Kirche und Gesellschaft 333), Köln 2006, 11.)

Vertiefte Dankbarkeit für das Geschenk des Lebens

Liebe Schwestern und Brüder! Wenn die Fastenzeit uns dazu einlädt, bewusst die eine oder andere Einschränkung unseres üblichen Lebensstils auf uns zu nehmen, dann ist das nicht Ausdruck einer lebensverneinenden Haltung. Im Gegenteil: Es geht darum, bewusster und tiefer zu leben, indem wir sensibler werden für die Wirklichkeit Gottes, für uns selbst und besonders für unsere Mitmenschen, gerade auch für diejenigen, die mit Begrenzungen leben müssen, mögen diese körperlicher, geistiger oder auch sozialer Art sein. Wenn wir das Aschenkreuz empfangen, wenn wir uns für die 40 Tage der Fastenzeit einen Fastenvorsatz wählen und uns so selbst eine Einschränkung auferlegen, dann soll uns das dankbarer und auch ehrfürchtiger machen für das Geschenk des Lebens. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, formuliert unser Grundgesetz. „Die Gabe des Lebens ist heilig“, würden wir in der Sprache des Glaubens sagen. Deshalb ist dem Leben des Menschen in allen seinen Phasen mit Ehrfurcht zu begegnen. Deshalb ist das menschliche Leben wertvoll und einzigartig in seinen Höhen und Tiefen, in seinen Stärken und Schwächen. Deshalb treten wir Bischöfe – auch gegen Widerstände – immer wieder ein für den Schutz dieses Lebens.

In der letzten der drei Versuchungen, die wir eben im Evangelium des Ersten Fastensonntags gehört haben, fordert der Teufel Jesus dazu auf, sich vom Tempel herabzustürzen (Lk 4,9). Vielleicht wollte der Teufel damit auch testen, wie viel Jesus dieses Leben wert ist, das er vom göttlichen Vater empfangen hat. Jesus widersteht der Versuchung. Er stürzt sich nicht hinab. Er wirft das Leben nicht weg, um Gott auf die Probe zu stellen. Er wird nicht einmal vom Kreuz herabsteigen, sondern die Situation der Ohnmacht, der Schwäche und der Schmerzen aushalten. So wird er zu dem, von dem der Prophet Jesaja sagt: „Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut.“ (Jes 53,2f) Doch gerade so hat Jesus, der Sohn Gottes, dem menschlichen Leben auch in seiner Schwäche, seiner Zerbrechlichkeit, ja Unansehnlichkeit unwiderrufliche Würde gegeben. Dies glauben zu dürfen, ist Geschenk und Auftrag zugleich.

Liebe Schwestern und Brüder, ich wünsche Ihnen, dass die vor uns liegende Fastenzeit Sie in der Freude über das Geschenk des Glaubens sowie in unserem gemeinsamen christlichen Auftrag bestärkt. Dazu segne Sie der dreifaltige Gott, † der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Ihr Bischof
†  Stephan

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