Neu werden aus der Nähe zu Jesus

Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit 2014 - von Bischof Stephan Ackermann


Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Trier!

zu Beginn der diesjährigen Fastenzeit grüße ich Sie alle ganz herzlich! Diese heiligen vierzig Tage bieten uns im Lauf des Kirchenjahres in besonderer Weise die Chance, unser Leben aus dem Glauben heraus zu erneuern. Und in diesem Jahr bekommt die Fastenzeit ein besonderes Gewicht, weil sie in die Zeit unserer Diözesansynode fällt, die wir im Advent feierlich eröffnet haben und die sich bis in den Herbst des kommenden Jahres erstrecken wird. Denn auch bei unserer Synode geht es in einem gewissen Sinn um eine Erneuerung aus dem Glauben. Die Synode soll uns dabei helfen, nicht bloß bei den altbekannten Antworten und Rezepten stehen zu bleiben. Vor allem geht es bei der Synode darum, stärker als bisher gemeinsame Antworten auf die Glaubens- und Lebensfragen zu finden, die uns im Bistum beschäftigen. Doch wie geht das?

„Anpassung“ an Jesus Christus

Ich habe vor kurzem noch einmal die Beschlüsse der Würzburger Synode in die Hand genommen. Vor 40 Jahren, also zehn Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, haben alle deutschen Bistümer in Würzburg gemeinsam eine Synode abgehalten: Es waren die unruhigen Jahre nach den Studentenprotesten von 1968 und der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ (Text hier) von Papst Paul VI. zu Fragen der Ehe und der Weitergabe des Lebens. Schon damals gab es ein tiefes Bedürfnis nach einer gemeinsamen Vergewisserung über den Weg der Kirche in dieser Zeit.

Im zentralen Dokument der Synode bin ich bei folgender Aussage hängen geblieben: „Die Krise des kirchlichen Lebens beruht letztlich nicht auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber unserem modernen Leben und Lebensgefühl, sondern auf Anpassungsschwierigkeiten gegenüber dem, in dem unsere Hoffnung wurzelt und aus dessen Sein sie ihre Höhe und Tiefe, ihren Weg und ihre Zukunft empfängt: Jesus Christus mit seiner Botschaft vom ‚Reich Gottes‘“ (Unsere Hoffnung II,3).

Dieser Satz hat mich in einem doppelten Sinn nachdenklich gemacht: Schon vor vierzig Jahren bringt er eine Krise des kirchlichen Lebens zum Ausdruck und deutet einen Ausweg aus der Krise an, wie er damals schon von vielen gefordert wurde, nämlich: Die Kirche muss sich dem modernen Leben und Lebensgefühl anpassen. Dann wird sie die Krise überwinden. Diese Antwort kommt uns bekannt vor. Es ist die Antwort, die auch heute gegeben wird. Allenthalben schallt sie uns entgegen: Die Kirche muss sich den realen Lebensverhältnissen der Menschen anpassen. Sie muss, mit einem Wort gesagt, moderner werden, wenn sie nicht noch mehr an Glaubwürdigkeit und Ansehen verlieren will.

„Stimmt das denn etwa nicht?“, so werden Sie fragen. „Sagen Sie, Herr Bischof, das denn nicht auch selbst?“ Richtig ist: Die Kirche – also wir – müssen die Welt, in der wir leben, mit allen ihren Entwicklungen sehen und wahrnehmen. Denn wir sind als Kirche in diese Welt gesandt. Dennoch kann es bei der Erneuerung unserer Kirche nicht um ein oberflächliches Modernisierungsprogramm gehen. Genau das meint die Würzburger Synode, wenn sie sagt, dass die Krise des kirchlichen Lebens nicht nur in der Schwierigkeit der Anpassung an die Gegenwart liegt. Die Synode geht sogar noch weiter, indem sie feststellt, dass der eigentliche Grund für die Krise der Kirche darin liegt, dass es uns so schwer fällt, uns an Jesus anzupassen.

Unser eigentliches Problem liegt also nicht darin, dass wir zu weit von der Welt weg sind, sondern dass wir zu weit weg sind von Jesus und seiner Botschaft. Ein provozierender Satz. Er stellt unsere übliche Denkweise auf den Kopf.

„Denn er wusste, was im Menschen ist“

Man versteht diesen Satz nur richtig, wenn man die Überzeugung teilt, die ihm zugrunde liegt. Und die lautet: den Menschen nahe zu sein und Jesus nahe zu sein, das ist kein Gegensatz! Er, Jesus, ist nämlich nicht nur wahrhaft Gott, sondern auch wahrhaft Mensch. „Er wusste, was im Menschen ist“, sagt der Evangelist Johannes (Joh 2,25). Jesus kennt die Sehnsucht und die Abgründe des Menschen. Denn er wurde uns Menschen in allem gleich. Er kennt uns besser als wir uns selbst kennen. Auch wenn er selbst nichts Böses getan hat (vgl. Hebr 4,15), so hat er doch die Versuchungen am eigenen Leib erfahren, denen der Mensch ausgesetzt ist. Daran erinnert das Evangelium des ersten Fastensonntags in jedem Jahr.

Und auch das Leid der Menschen lässt Jesus ganz an sich heran: Er berührt die Aussätzigen, kämpft gegen die Dämonen, öffnet sein Herz für die Ausgegrenzten und Schuldigen. Jesus hat in seinem Wirken aber nicht nur die dunklen Seiten des Menschen erlebt, sondern auch die Kraft zum Guten und den Mut, zu dem Menschen fähig sind, indem sie seiner Botschaft glauben und ihm nachfolgen.

Wie kein Anderer ist Jesus Gott und den Menschen nahe. Deshalb ist er nicht nur ganz Mensch, sondern auch derjenige, der uns zeigt, was Menschsein dann ist, wenn wir dem Willen Gottes ganz gehorchen. Jesus ist der Eine, durch dessen Gehorsam wir gerecht gemacht werden, sagt Paulus in der heutigen Lesung (Röm 5,19). Das heißt: Durch Jesus gewinnen wir Menschen unser wahres Menschsein zurück, wie es uns von Gott geschenkt ist. Wir brauchen also keine Angst davor zu haben, dass wir uns von der Welt und den Menschen entfernen, wenn wir Jesus nahe sind.

Gottverbunden und menschennah zugleich: die Heiligen

Das zeigen uns die Heiligen, unter ihnen auch diejenigen, die oft als von der Welt entrückt gelten, weil sie mit einer ganz besonders innigen Nähe zu Jesus Christus begabt waren. Ich meine die Mystiker. Denken wir nur an die heilige Teresa von Avila. Bei ihrem Beten wurde sie immer wieder von Ekstasen ergriffen und hat doch die Bodenhaftung nie verloren. Andere Ordensfrauen, die sie kennenlernten, stellten freudig fest: „Gepriesen sei Gott, der uns eine Heilige sehen ließ, die wir alle nachahmen können. Sie spricht, schläft und isst wie wir, und ihre Art ist nicht umständlich.“

Oder denken wir an Pater Pio, den vielverehrten italienischen Kapuzinerheiligen des 20. Jahrhunderts: Er war derart mit Jesus verbunden, dass er sogar dessen Wundmale trug. Das hinderte Pater Pio aber nicht daran, für die Menschen da zu sein, die zu Tausenden nach Süditalien pilgerten, um bei ihm Rat und Hilfe für sich und ihre Angehörigen zu suchen.

Vielleicht, liebe Mitchristen, kennen Sie ja auch selbst einen der vielen unbekannten Heiligen. Damit meine ich Menschen, die von einer tiefen Gottesverbundenheit geprägt sind und zugleich eine große Lebensweisheit besitzen. Denn es gilt: Wer Jesus nahe ist, der ist den Menschen nahe. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Jesus bis heute auf die Menschen oft ansprechender, ja „moderner“ wirkt als wir, seine Kirche! Darum ist es so nötig, dass wir nie aufhören, uns Jesus anzugleichen.

Das heißt, wir müssen uns stets darin überprüfen, ob wir seinem Denken und Handeln gleichen, und dürfen keine Mühen im Nachdenken darüber scheuen, was das heute für uns als Einzelne und als Kirche bedeutet. Denn nur Jesus kann uns im Tiefsten erneuern. Wenn wir uns dagegen einfach den Verhältnissen dieser Welt anpassen, ihren Strömungen und Entwicklungen, dann mögen wir zwar für den Moment modern erscheinen. Doch, wie sagt ein schönes Wortspiel: „Vieles, was heute modérn ist, wird morgen schon módern.“

Die Würzburger Synode hatte also Recht, wenn sie die Gläubigen dazu aufforderte, sich vor allem Jesus anzugleichen und nicht einfach der Welt, um so nicht nur den Abstand zwischen ihm und uns zu verringern, sondern auch den Menschen von heute nahe zu sein. Die Fastenzeit bietet die Gelegenheit, sich dies bewusster vorzunehmen.

Einige konkrete Vorschläge

Gerne möchte ich Ihnen einige konkrete Vorschläge machen, die dazu helfen können, den Abstand zwischen Jesus und uns zu verringern:

  • Vertrauen Sie in Situationen, in denen Sie unsicher sind, wie Sie reagieren oder entscheiden sollen, nicht nur auf Ihre eigenen Empfindungen und Überlegungen und die Ratschläge Ihrer Umgebung. Fragen Sie sich einmal bewusst: Wie hätte Jesus in meiner Situation reagiert und entschieden?
  • Für die Antwort kann es hilfreich sein, das Neue Testament zur Hand zu nehmen und eines der Evangelien mit dieser Frage durchzublättern.
  • Die Verbundenheit zu Jesus lässt sich auch dadurch vertiefen, dass Sie sich zwischendurch einmal die Zeit nehmen, als Gebet eines der schönen Lieder zu lesen und zu bedenken, die sich in unserem Gotteslob unter der Rubrik „Jesus Christus“ finden (vgl. GL 548-568.857-863).
  • Natürlich bietet es sich in der Fastenzeit an, den Kreuzweg zu beten (z. B. im GL 775), um zu betrachten, wie menschlich Jesus war und was er alles für uns ausgehalten hat.

Liebe Schwestern und Brüder! In unserer Diözesansynode geht es um die Erneuerung unseres kirchlichen Lebens, so habe ich zu Beginn gesagt. Eine solche Erneuerung wird nicht gelingen, wenn wir uns bloß den Verhältnissen unserer Zeit anpassen. Angesichts der Kurzlebigkeit unserer Welt würden wir dann nur allzu bald wieder als altmodisch dastehen. Nein, wirkliche Erneuerung ist nur möglich aus der Nähe zu Jesus Christus. Denn sein Evangelium veraltet nicht. Es ist bis heute verheißungsvoll und herausfordernd zugleich. Wir haben es nicht hinter uns. Jesus und seine Botschaft bleiben uns voraus und treiben uns voran. Deshalb führt der Weg christlicher Erneuerung über eine entschiedenere Angleichung an Jesus Christus. Das gilt für den Weg unserer Bistumssynode, aber es gilt zuerst und vor allem für den Weg jedes Einzelnen von uns.

Auf diesem Weg stärke Sie mit seinem Segen der dreifaltige Gott,  † der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

            Ihr Bischof
            †  Stephan

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