Führe zusammen, was getrennt ist

Bischof Stephan Ackermann - Wort zum Sonntag in SWR 2 - 8. Mai 2011

»Und führe zusammen, was getrennt ist.« – Dieser Satz hat für mich als Bischof von Trier in der nächsten Zeit eine ganz besondere Bedeutung. Er entstammt einem Pilgergebet, das im Jahr 1959 aus Anlass der damaligen Wallfahrt zum Heiligen Rock gebetet wurde. -
»Jesus Christus, Heiland und Erlöser,
erbarme dich über uns und über die ganze Welt.
Gedenke deiner Christenheit
und führe zusammen, was getrennt ist.«

Vorgestern habe ich offiziell im Dom für die Christen im Bistum Trier das Vorbereitungsjahr zu einer neuen Wallfahrt im Jahr 2012 eröffnet. Die Bitte »Und führe zusammen, was getrennt ist« ist das Motto. Der Anlass zur Wallfahrt ist ein historisches Datum: 1512 wurde die Tunika Christi auf Drängen Kaiser Maximilians I. aus dem Hochaltar des Domes entnommen. Dort war sie Jahrhunderte lang unsichtbar verschlossen. Als die Leute hörten, dass der Kaiser die kostbare Reliquie sehen wollte, entstand sozusagen eine »Bewegung von unten«. Jeder wollte dieses uralte Kleidungsstück sehen, das der Tradition nach der Leibrock Christi ist. So kam es zur ersten Wallfahrt.

Spirituelle Authentizität wichtiger als materielle "Echtheit"

Ob Teile des Heiligen Rockes, der seitdem in unterschiedlichen Zeitabständen gezeigt wird, im historischen Sinn echt sind, das lässt sich heute nicht mehr nachweisen, auch wenn Gewebefragmente in die Zeit der Antike zurückreichen. Unabhängig von der Frage der »materiellen Echtheit« kann man aber sagen: Christen verehren nachweislich seit dem 12. Jahrhundert die »Tunika Christi« in Trier - als Zeichen für die Gegenwart des Mensch gewordenen Gottes in Jesus von Nazaret. Das steht historisch fest - und diese »spirituelle Authenthizität« ist wichtiger als jede Antwort auf die Frage: »Ist der Hl. Rock denn eigentlich echt?«

»Und führe zusammen, was getrennt ist.« – Unzählige Menschen hat in den vergangenen Jahrhunderten das Christussymbol des Heiligen Rockes pilgernd, betend und glaubend zusammengeführt. Die Bitte aus dem Pilgergebet von 1959 soll die erste Heilig-Rock-Wallfahrt im 3. Jahrtausend wie ein roter Faden prägen. Mein Wunsch als Bischof ist es aber auch, dass die Gläubigen im Jahr zuvor die Chance eines geistlichen Vorbereitungsweges nutzen, um sich innerlich bereits auf einen Pilgerweg zu begeben, bevor die Reise nach Trier auch äußerlich beginnt.

Bitte um Einheit: Über die Kirche(n) hinaus

Denn wer sich auf den Weg zu Christus macht, wer glaubt, dass Christus sogar mit ihm unterwegs ist, der braucht Zeit, um darüber nachzudenken, was das bedeutet. Dazu kann das Leitwort mit seiner Bitte um Einheit helfen: Natürlich denken wir dabei an die Einheit der Kirche. Denn die fortdauernde Spaltung bedrückt uns; auch die Spannungen, die es unter uns Katholiken gibt, lassen uns nicht kalt. Mit der Bitte um Einheit denken wir aber auch über den Raum der Kirchen hinaus: Wieviele, gerade junge Menschen, leiden unter innerer Zerissenheit. In unserer Gesellschaft wächst die Kluft zwischen Arm und Reich. Bürgerwille und Politik finden oft nur schwer zueinander. »Gott, führe zusammen, was getrennt ist!«

Die erste christliche Wallfahrt, so hat Weihbischof Leo Schwarz aus Trier es einmal formuliert, beginnt am Ostermorgen, als sich die Frauen auf den Weg zum Grab machen, um dem toten Leib Jesu die letzte Ehre zu erweisen. Das Auferstehungsgeheimnis überwältigt sie und gibt von diesem Augenblick an den christlichen Pilgerwegen eine ungeahnte Kraft und Ausrichtung. Die Christen im Bistum Trier machen sich seit diesem Wochenende innerlich auf den Weg. Sie alle, liebe Hörerinnen und Hörer, lade ich ein, sich im nächsten Jahr anzuschließen, um die Lebendigkeit zu spüren, die bis heute von Jesus Christus ausgeht. Sie hat die Kraft zusammenzuführen, was getrennt ist.

Ihnen und Ihren Familien einen gesegneten Sonntag!

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