Mutter-Tag

Bischof Stephan Ackermann - Wort zum Sonntag - 9. Mai 2010 (SWR 2)

Heute haben die Blumenläden Hochkonjunktur. Nicht zufällig, denn es war der Verband deutscher Blumenhändler, der Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts den Muttertag bei uns eingeführt hat. Er ist alles andere als ein kirchlicher Feiertag, aber ein Datum, das jedes Jahr neu die verschiedensten Emotionen auslöst. Sicher profitieren Kommerz und Kitsch kräftig an diesem Tag. Man kann sich auch fragen, wie viele Alibiblumensträuße heute mit oder ohne Gewissensbisse abgegeben werden, weil für häufigere Besuche bei der älter gewordenen Mutter mal wieder keine Zeit war. Aber es gibt auch wunderschöne Zeichen der Sympathie und der Dankbarkeit, die heute den Tag bestimmen. Besonders durch die kleinen Kinder, die auf ihre Weise sagen, wie lieb sie ihre »Mama« haben.

Du sollst Mutter und Vater ehren..,

Nehmen wir den nicht so prominenten Vatertag noch hinzu, dann steht ein Tag wie der heutige aber auch symbolhaft für das vierte der Zehn Gebote, die Gott uns als Orientierung und Auftrag gegeben hat: Du sollst Vater und Mutter ehren! (Ex 20,12) Wie bei allen Beziehungen ist das manchmal gar nicht so leicht. Gut, wer seine Eltern aus ganzem Herzen lieben kann; Respekt, wer es bei schwierigen Beziehungen schafft, sie zumindest zu achten. Manche Rosen, die heute geschenkt werden, behalten ihre Dornen. Manche Wunden in Familien, die es schwer mit sich haben, schmerzen heute besonders.

... und auch die Kinder

Für manche Eltern ist aber auch schon das ganz natürliche Loslassen ein schwieriger Prozess: Er hat mit Verzicht zu tun, mit Freiheit lassen, ist aber vielleicht das kostbarste Geschenk, das Eltern geben können. Sicher, Mütter und Väter haben ihre eigenen Vorstellungen, wie das Leben ihrer Kinder aussehen könnte. Sie kennen deren Stärken und Schwächen. Schlimm, wenn sie versuchen, eigene zerplatzte Träume in den Kindern zu verwirklichen. Schmerzlich aber auch, wenn gut und lange überlegter Rat nicht angenommen wird. Da wird die Liebe auf einen harten Prüfstand gestellt. Doch jede und jeder muss den eigenen unverwechselbaren Weg finden. Begleitet von der Sorge der Eltern, die sicher niemals aufhört. Begleitet aber von einer Sorge, die nicht klammert und einengt, sondern frei lässt und zutraut. Auf diese Weise ehren Eltern auch ihre Kinder.

... wie Maria

Es gibt eine Mutter, auf die das in besonderer Weise zutrifft. Eine Frau, der besonders viel geschenkt, aber auch besonders viel zugemutet wurde: Maria. Im Maimonat wird sie auf vielfältige Weise verehrt.

In seinem zum Klassiker gewordenen Film über das Matthäusevangelium zeichnet der Regisseur Pier Paolo Pasolini ein beindruckendes Bild der Gottesmutter – als Mutter. Maria spricht in diesem Film kein einziges Wort. Es gibt nur Gesten, alles verdichtet sich in ihrem Gesichtsausdruck. An ihm kann man ablesen, was Maria empfunden haben muss: Die Erleichterung über die Geburt unter den unmöglichsten Umständen. Die Ratlosigkeit über das so altklug erscheinende Kind, das derart aus dem Rahmen fiel. Mehr als einmal war sie wohl verwundert, über seine Art, Klischees und Tabus zu brechen. Es wird sie geschmerzt haben, als ihr Sohn Jesus alle möglichen, teilweise abenteuerlichen, Leute wichtiger nahm als seine eigene Familie. Ohnmächtig musste sie schließlich zusehen, als sich alles gegen den Sohn wendet, und sie ihm nicht helfen kann. Ihr Gottvertrauen wurde hart geprüft. Aber es hat sie getragen. Durch den Karfreitag hin zu Ostern.

Liebe geht mit

Pasolinis Darsteller waren keine gelernten Schauspieler. Die Rolle der alten Maria hat er seiner eigenen Mutter anvertraut. Ihre Gesten stammen aus einer Tiefe, die keine noch so gute Schauspielkunst erreichen kann. Aus dem Leben selbst. Aus der eigenen facettenreichen Sorge, die sie als Mutter empfunden hat. Die Liebe geht alle Wege mit.

Allen Müttern, den Vätern und den Kindern, wie alt sie auch sein mögen, wünsche ich einen frohen und gesegneten Sonntag!

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