Predigt am Tag der Deutschen Einheit - während des 3. Synodenplenums 2014

Ein Mehr an Liebe gegen das Zuviel an Unfrieden

Liebe Schwestern und Brüder,

ich habe gestern Abend in der Eröffnungsansprache gesagt: Überforderung ist keine Frucht des Geistes Gottes. Wenn wir das Evangelium von heute Morgen hören, dann muss man fragen: Was stimmt da nicht? Entweder das, was der Bischof gestern Abend gesagt hat, oder das, was Jesus heute Morgen sagt. Denn das ist ja pure Überforderung: „Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand“. Wie auch die anderen berühmten Worte: „Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“, und: „Gib nicht nur das Hemd, sondern lass auch noch den Mantel“.

So oft wir diese Stellen aus der Bergpredigt hören, spüren wir die brennende Kluft zwischen dem, was Jesus da sagt, und dem, was wir tun, wozu wir bereit sind, wozu unsere Kräfte reichen. Wir spüren die Kluft, die sich da auftut. Und ich habe den Eindruck, auch wenn man älter wird und je länger man Christ oder Christin ist, es ist eine Kluft, die sich trotzdem nicht schließt. Und so sehr man diese Jesusworte auch interpretieren mag, die Spannung bleibt. Das spüren wir. Man kann sagen: „Das bleibt utopisch, das bleibt visionär. Aber das muss wohl auch so sein. Das ist eben die Rhetorik Jesu, damit die Menschen aufgerüttelt werden, damit sie überhaupt verstehen, worum es ihm geht. Deshalb spricht er so. Das ist eben eine bestimmte Redefigur.“

Überforderung? Rhetorik? Utopie?

Aber wenn man doch länger darüber nachdenkt, dann muss man sich fragen: Ist das tatsächlich einfach nur rhetorisch oder visionär oder gar utopisch? Ist es nicht letztlich das einzig Realistische? Wenn wir unsere Welt anschauen mit dem Unfrieden, der Unversöhntheit, der Gewalt, dem Hass, mit dem, was es da an „Zuviel“ gibt an Ungerechtigkeit und Aggression, besteht dann nicht tatsächlich der einzige Weg darin, diesem „Zuviel“ an Unfrieden ein „Mehr“ an Versöhntheit, an Großzügigkeit, ein Mehr an Zuvorkommenheit, an Hoffnung und Liebe entgegenzusetzen? Wenn wir nicht ein „Mehr“ geben, dann bleibt das „Zuviel“ des anderen. Es ist das Gesetz der Liebe Christi, nicht einfach passiv alles über sich ergehen zu lassen, sondern mit diesem „Mehr“ an Liebe die Kette von Ungerechtigkeit, von Entzweiung und Aggression zu unterbrechen. Ich glaube, wenn man es sich näher anschaut, dann merkt man: Das ist eigentlich der Weg, wie überhaupt die Welt sich zum Besseren wenden kann. (Vgl. diesen Gedanken auch in der Angelus-Ansprache von P. Benedikt XVI. am 18. Februar 2007)  

Das Mehr an Liebe gegen das Zuviel an Unfrieden

Es bleibt trotzdem schwer. Denn da ist trotzdem der Karfreitag, zuallererst für Jesus selbst. Der Karfreitag bedeutet, dass dieser Weg - menschlich gesehen - scheitert und wir erst von Ostern her sehen dürfen: Ja, es ist doch der Weg, der von Gott bestätigt wird. Aber wie oft stecken die zurück, sind diejenigen die Gelackmeierten, ziehen die den Kürzeren, die dem Wort Jesu folgen? Umso schöner ist es deshalb, dass es Situationen gibt, wo es doch gelingt, wo das „Mehr“ an Gewaltlosigkeit und Friedlichkeit zur Wende verhilft und tatsächlich sichtbar die Kette, die Dynamik unserer normalen Welt unterbricht.

Ich will zum Schluss einfach ein paar Sätze von Christian Führer zitieren. Er war zur Wendezeit der Pfarrer an der Nikolaikirche in Leipzig, in der sich die Montagsdemonstranten vor ihrem Zug durch die Stadt getroffen haben. Pfarrer Führer ist im Juli dieses Jahres nach langer Krankheit verstorben. Er ist immer wieder gefragt worden nach diesen Wochen und Tagen im Jahr 1989. Und er hat folgendes dazu gesagt:

„Wir standen auf dem Standpunkt: Die Nikolaikirche ist für alle offen; unter den Armen des gekreuzigten und auferstandenen Christus haben alle Platz. Unsere Gottesdienste waren ganz einfach: Wir wiederholten nur wenige biblische Texte, die Seligpreisungen, den Psalm 85, das Vater Unser; dazu vier bis fünf Lieder, die gut bekannt waren. Aus diesen wenigen Texten - das betrachte ich als das eigentliche ‚Wunder‘ - sprang der Geist der Gewaltlosigkeit von Jesus auf die Menschen über. Er beschützte uns, dass wir uns dann auf der Straße nicht provozieren ließen. Bis zuletzt war die Stasi davon überzeugt, irgendwann würden wir unsere Handgranaten aus dem Keller holen. Das war ihr Fehler. Denn bis zuletzt kamen wir nur mit einer Kerze in der Hand. Aber wenn man eine Kerze trägt und sie nicht ausgehen soll, braucht man beide Hände, eine zum Halten der Kerze und die andere zum Schutz gegen den Wind. Man ist ganz wehrlos. So haben wir das SED-Regime in die Knie gezwungen.“

Und einer der führenden SED-Leute hat später bekannt: „Wir waren auf alles vorbereitet, auf Gewalt und Waffen, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

„Utopie“ entfaltet Kraft

Was für unsere normalen Ohren visionär, ja utopisch klingt, das hat damals seine ganze Kraft entfaltet. Warum sollte es nicht wieder geschehen?

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3. Oktober 2014

in der Predigt