Bischof Stephan Ackermann in der Schluss-Andacht der Herbst-Sitzung 2014 der Bischofskonferenz

Bischof sein heute...

Liebe Mitbrüder! Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Auf dem Stapel für meine Ferienlektüre in diesem Jahr lag ein Zeitschriften-Artikel, dessen Titel schon vor dem Sommer meine Aufmerksamkeit erregt hatte. Seine Überschrift lautete: „Bischof und Kirchenvolk – enttäuschte Liebe?“ (Wilhelm Damberg: Bischof und Kirchenvolk – enttäuschte Liebe?, in: Lebendige Seelsorge 65 (2014), 171-177.) Es ist nicht der einzige Artikel, der in diesem Jahr zum Thema Bischofsamt erschienen ist. Andere Artikel trugen etwa die Überschrift „Bischof in dieser Zeit“ (Hans Joachim Meyer: Bischof in dieser Zeit. Wesentliches und Zeitbedingtes unterscheiden, in: Salzkörner 20/1 (25.02.2014), 8 f.) oder „Was zeichnet einen guten Bischof aus?“ (Hubertus Lutterbach: Was zeichnet einen guten Bischof aus? Historische Durchblicke aus aktuellem Anlass, in: Herder Korrespondenz 3/2014, 143-147.) Offensichtlich haben die Autoren den Eindruck, aktuell sei eine günstige bzw. wichtige Zeit für Hinweise zum Thema „Bischof-Sein heute“. Die Beiträge mögen für uns der Anstoß sein, in unserer Andacht, die wir in jedem Jahr zum Ende unserer Vollversammlung feiern und in der uns Bischöfen das Reliquiar des großen und heiligen Bischofs Bonifatius aufs Haupt gelegt wird, ein wenig innezuhalten und uns die Frage nach dem Bischof-Sein in dieser Zeit gefallen zu lassen.

Enttäuschte Liebe?

Gehen wir dazu noch einmal zu dem Artikel „Bischof und Kirchenvolk – enttäuschte Liebe?“ zurück, der von dem Bochumer Historiker Wilhelm Damberg stammt. (Im Folgenden referiere ich sehr verkürzt die wesentlichen Gedanken W. Dambergs.) Damberg zeigt auf, dass sich in der Kirche in Deutschland in den vergangenen 150 Jahren gewaltige Veränderungen vollzogen haben. Er erinnert daran, dass die Bischöfe im 19. Jahrhundert vor allem „durch Unterweisung und Sakramente die Mittel bereitzustellen [hatten], um die Gläubigen in die Lage zu versetzen, ihr Seelenheil zu gewinnen“ (Damberg, S. 172). Sie hatten dazu keine großen Behörden, die die Seelsorge und das kirchliche Leben insgesamt in ihren Bistümern von oben herab steuern konnten. Vielmehr gab es eine Vielzahl von Personen − Klerikern und Laien −, von Vereinen, Verbänden und natürlich Ordensgemeinschaften, die in einer ebenso lebendigen wie unübersichtlichen Vielfalt das kirchliche Leben gestalteten. „In Fragen ‚pastoraler Innovation‘ verhielten sich die Bischöfe zumeist abwartend“ (Damberg, S. 172). Die Diktatur des Dritten Reiches führte dann dazu, dass die von Laien eigenständig getragenen Organisationen durch die totalitäre „Gleichschaltung“ zerschlagen wurden. Überleben konnten praktisch nur die kirchlichen Aktivitäten, die sich „unter den Schutzmantel des bischöflichen Amtes“ (173) flüchteten. In der Zeit des Wiederaufbaus nach 1945 setzte sich die starke Hinordnung des kirchlichen Lebens auf Bischof und Bistum fort. Sie wurde noch verstärkt durch die Einführung der Kirchensteuer um das Jahr 1950. Dadurch konnten die Bischöfe nun selbst neben den Pfarreien und Orden stärker zu pastoralen Akteuren werden.

Hohe Ansprüche, mehr Handlungsfelder, Blick auf den Bischof

Zur selben Zeit kam aber noch etwas hinzu: das Zweite Vatikanische Konzil. Bekanntlich hat das Konzil dem Bischofsamt eine ganz besondere Aufmerksamkeit gewidmet und zwar nicht nur unter dem Aspekt der Kollegialität der Bischöfe zusammen mit dem Bischof von Rom, sondern auch im Blick auf die Funktion des Bischofs in seiner Diözese. Das entsprechende Dekret beschreibt den Bischof als den eigentlichen Lehrer, Priester und Hirten des Bistums. Damit wurden der Anspruch an das Amt des Bischofs zusätzlich gesteigert und auch die bischöflichen Handlungsfelder ausgeweitet. Nach dem Urteil des Historikers Damberg verschmelzen nun im Bischof „die Funktionen eines leitenden Seelsorgers, eines Verwaltungschefs und des öffentlichen Repräsentanten einer Großorganisation“. Dabei darf der Bischof seinen Blick nicht nur nach innen auf die Gläubigen richten, sondern soll sich auch um die Nicht-Gläubigen sorgen (174). Dass die immer stärker werdende Bedeutung der Medien diese Fokussierung auf das Bischofsamt zusätzlich verstärkt, erleben wir tagtäglich.

Desillusionierung?

Vor diesem Hintergrund fragt der Historiker, ob die herausfordernden, ja schmerzlichen Prozesse, die wir in unserer deutschen Kirche derzeit erleben, nicht auch damit zusammenhängen, dass sich eine große Desillusionierung vollzieht. Diese sei deshalb so schmerzlich, weil einerseits die Ansprüche, die nun enttäuscht werden, so hoch sind und wir uns andererseits in unserem kirchlichen System ganz gut eingerichtet hatten. Professor Damberg sieht die Enttäuschung auf beiden Seiten: Bischöfe, Kleriker und pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind enttäuscht, dass all das, was man in den letzten Jahrzehnten an Maßnahmen in das Volk Gottes investierte, nicht so recht gegriffen hat. Das Kirchenvolk seinerseits ist enttäuscht, weil es hautnah die „Demontage“ einer kirchlichen Infrastruktur erlebt, mit der man bisher gut gefahren ist. Die geschichtlichen Entwicklungen der letzten 150 Jahre führten dazu, dass die Bischöfe für die uns vertraute Kirchenstruktur mehr und mehr die Verantwortung übernommen haben. Jetzt werden sie gewissermaßen auch für deren Niedergang haftbar gemacht (177).

Liebe Schwestern und Brüder, ich empfinde diese Analyse sehr aufschlussreich, um besser zu verstehen, in welcher Situation wir uns befinden. Sie ist auch irgendwie entlastend. Aber man fragt sich natürlich: Was bedeutet das? Welche Konsequenzen sollen wir nun daraus ziehen? Nun ist es nicht die Aufgabe des Historikers, uns die Antwort zu liefern, doch der Artikel von Prof. Damberg gibt die Richtung einer Antwort an. Diese Antwort ist einfach und schwer zugleich: Sie fordert nämlich Bischöfe und Volk Gottes dazu auf, die hohen Erwartungen, die wir aneinander haben, wieder auf ein realistischeres Maß zu bringen.

Doch auch das ist leichter gesagt als getan. Denn wie gelingt das, liebe Mitbrüder, liebe Schwestern und Brüder? Über diese Frage möchte ich mit Ihnen abschließend noch etwas nachdenken. Denn wenn uns empfohlen wird, allzu hohe gegenseitige Ansprüche abzusenken, dann kann das ja nur die Ansprüche betreffen, die sich auf eine bestimmte, geschichtlich bedingte Art, Kirche zu sein, beziehen. Die Ansprüche dagegen, die sich aus dem Glauben selbst ergeben, können wir nicht absenken oder gar aufgeben. Sie müssen bleiben.

Der ursprüngliche Anspruch: formuliert bei der Wahl des Matthias

Wenn ich nach dem ursprünglichen und unaufgebbaren Anspruch des Glaubens Ausschau halte, so finde ich ihn wunderbar formuliert in der Wahl des Apostels Matthias. Wir haben sie eben als Lesung gehört. Die Bedingungen, die dort für das Amt des Apostels aufgestellt werden, lauten:
(1.) Er muss mit den Zwölf zusammen gewesen sein, als Jesus, der Herr bei ihnen ein- und ausging, angefangen von seiner Taufe bis zu seiner Himmelfahrt, und: (2.) Er muss Zeuge der Auferstehung sein (Apg 1,21 f).
Das sind die Grundbedingungen des apostolischen Amtes und damit auch für das Amt des Bischofs. Ich meine sogar, es sind letztlich die Grundbedingungen, der ursprüngliche Anspruch an einen jeden Christen: Mit Jesus vertraut sein und Zeuge seiner Auferstehung sein.

Nun können wir natürlich mit Jesus und den Jüngern nicht so zusammen sein, wie Matthias das konnte. Wir können aber Jesu Leben und seine Botschaft immer tiefer kennen lernen, indem wir uns in die Schriften des Neuen Testaments versenken und sie immer wieder betrachten. Auf diese Weise wächst die persönliche Vertrautheit mit Jesus, die den Aposteln bei der Wahl des Matthias so wichtig war. Diese Vertrautheit führt dazu, dass unser Denken und Handeln mehr und mehr vom Denken und Handeln Jesu selbst geprägt wird. Zugleich wächst in der Vertrautheit mit Jesus auch die Vertrautheit mit denen, die Jesus erwählt hat, das heißt mit seiner Kirche. Ohne sie könnten wir Jesus gar nicht richtig kennen lernen. Wir stünden nämlich in der Gefahr, nur bei unserem persönlich-privaten Jesusbild zu bleiben.

Zeuge des Auferstandenen sein

Schließlich kommt die zweite Grundbedingung für das Apostelamt hinzu. Sie lautet: Zeuge der Auferstehung sein. Richtiger müsste man wohl sagen: Zeuge des Auferstandenen zu sein. Niemand war ja Zeuge der Auferstehung selbst. Was die Osterzeugen bestätigen, ist dies: Jesus lebt und ist mir als Auferstandener begegnet. Sie bezeugen nicht so sehr einen Vorgang in der Geschichte, sondern vor allem die Gegenwart des lebendigen Christus!

In einer Ansprache zum Profil des Bischofs hat Papst Franziskus zu Beginn dieses Jahres an diese Begebenheit der Apostelgeschichte erinnert und ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Bischöfe vor allem Zeugen des Auferstandenen sein müssen. Natürlich hat der Papst auch noch andere Ansprüche des Bischofsamtes formuliert, u. a. die Beziehungsfähigkeit eines Kandidaten, seine Aufrichtigkeit, seine Bildung und Rechtgläubigkeit, Selbstbeherrschung, Väterlichkeit und Transparenz. (Vgl. die Ansprache an die Teilnehmer an der ordentlichen Sitzung der Kongregation für die Bischöfe am 27. Februar 2014.) Doch am Ende resümiert er: „All diese unverzichtbaren Gaben müssen … ein Ausdruck des zentralen Zeugnisses des Auferstandenen … sein.“

Liebe Schwestern und Brüder, ich bleibe dabei: Wenn auch die Apostelgeschichte die unerlässlichen Grundanforderungen für den apostolischen, das heißt den bischöflichen Dienst formuliert, so gelten diese letztlich doch für jedes Glied des Volkes Gottes. Sie können uns deshalb helfen, die vielfältigen Ansprüche, die wir aneinander und an die Kirche haben, kritisch zu überprüfen. Mit ihrer Hilfe können wir besser erkennen, wo unsere Ansprüche überzogen sind, zeitbedingt, vielleicht sogar verfehlt.

Grundlegende Fragen an uns selbst

Um den „harten Kern“, das heißt den eigentlichen Anspruch unseres christlichen Auftrags neu in den Blick zu bekommen, sollten wir uns zwischendurch immer wieder selbstkritisch fragen:

  • Setze ich mich treu und regelmäßig der Nähe des Wortes Jesu aus, auch dann, wenn es mir schon (allzu) bekannt, ja alltäglich, erscheint? Um die Botschaft Jesu tiefer zu erfassen, helfen uns auch die Glaubenszeugnisse derer, die im Laufe der Geschichte so wie wir das Wort gehört und in ihr Leben aufgenommen haben − angefangen von den Zwölf.
  • Sind wir aufmerksam für den lebendigen Christus? Das heißt: Gestalten wir unseren Dienst und unseren Alltag so, dass man uns anmerkt, dass wir an die Kraft des Auferstandenen glauben und nicht nur an unsere eigenen Kräfte? Sind wir zum Beispiel bereit, uns von ihm überraschen zu lassen, das heißt von seiner Gegenwart und seinem Wirken, wo wir sie überhaupt nicht erwartet haben? Legen wir vor allem durch unser Tun Zeugnis davon ab, dass Jesus Christus der wahre Herr und Hirte seiner Kirche ist, der sie durch alle Gefährdungen hindurch geleitet?

Liebe Schwestern und Brüder! Selbstverständlich sind solche Fragen keine „Zauberformel“. Sie ersparen uns nicht den mühsamen Prozess, im konkreten Alltag zwischen den verschiedenen Ansprüchen, in denen wir stehen, abzuwägen, um dann die notwendigen Entscheidungen zu treffen. Doch die Rückbesinnung auf das Zeugnis der Apostel kann uns helfen, die wesentlichen Orientierungspunkte unseres bischöflichen Dienstes, ja jedes christlichen Zeugnisses, immer wieder in den Blick zu bekommen: die Vertrautheit mit Jesus und seiner Botschaft und das Zeugnis für seine Lebendigkeit. Beides zusammen hilft uns, in allem Ringen dieser Zeit, die entscheidenden Maßstäbe für unser Handeln zu gewinnen. Amen.

Weiteres:

Schlussandacht Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz 2014

in der Predigt