Predigt in der Chrisam-Messe 2017 - im Trierer Dom

Salbung gehört zum Christsein dazu - <br/>und bedeutet Sendung

Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Mitbrüder im Dienst als Diakon, Priester und Bischof,
liebe Kinder und Jugendliche!

Es ist nicht verwunderlich, dass in den biblischen Lesungen dieser Messe, in der wir die heiligen Öle weihen, das Wort vom Salben eine wichtige Rolle spielt: Bei seiner Antrittsrede in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazaret gibt Jesus sich als der Gesalbte Gottes zu erkennen, indem er das Wort des Propheten Jesaja auf sich bezieht: „Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. – Heute hat sich dieses Schriftwort erfüllt.“ Für Jesus ist diese Aussage so zentral, dass sie zu seinem Namen geworden ist: Christus heißt ja: der Gesalbte.

Aber im selben Atemzug sagt er nicht nur, dass er der Gesalbte ist, sondern auch der Gesandte. Salbung und Sendung gehören untrennbar zusammen. Darüber möchte ich mit Ihnen heute Morgen nachdenken. Denn auch wir tragen als Christen die Salbung in unserem Namen, und wir sind ja tatsächlich auch gesalbt worden: Vielleicht schon bei der Taufvorbereitung (mit dem Katechumenenöl), aber ganz gewiss bei der Taufe mit dem Chrisamöl und bei der Firmung. Die Priester haben dann noch eine dritte Salbung erhalten: in ihre Hände, mit denen sie segnen und die Gaben von Brot und Wein darbringen. Die Bischöfe schließlich empfangen sogar eine Salbung auf den Kopf: Sie sollen sich in ihrem Denken und Handeln ganz von Christus leiten lassen.

Jesus: Vom Geist selbst gesalbt

Wenn wir das Neue Testament aufmerksam durchlesen, dann finden wir aber nirgendwo einen Bericht darüber, dass Jesus gesalbt worden wäre. Wir wissen, dass Johannes Jesus im Jordan getauft hat, aber er hat ihn nicht gesalbt. Von einer Salbung ist nirgendwo die Rede, und doch nennen wir Jesus den „Gesalbten Gottes“. Allerdings berichten die Evangelisten, dass in dem Moment, als Jesus aus dem Wasser steigt, Gottes Geist in Gestalt einer Taube auf ihn herabkommt (vgl. z. B. Lk 3,22).

Dieser Hinweis führt uns zum eigentlichen Sinn der Salbung. Denn immer, wenn von der Salbung die Rede ist, dann ist auch die Rede vom Geist Gottes. Wir haben es gehört: Jesus sagt mit dem Propheten: Der Geist des Herrn ruht auf mir. Er ist die eigentliche Salbe, nicht ein aus Oliven gewonnenes Öl! Der Geist Gottes stärkt und kräftigt und heilt. Das Öl ist ausdrucksstarkes Zeichen, für das, worauf es eigentlich ankommt: Gottes Geist, d. h. sein Wort, seine Botschaft, seine Nähe hält Einzug im Leben eines Menschen. Wie das Öl, das unter die Haut geht und einzieht, zieht Gott in das Leben eines Menschen ein.

Daran wird auch der Apostel Paulus die Christen erinnern, wenn er schreibt: „Gott, der uns … alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat.“ (2 Kor 1,21f).

Gottes Geist als eigentlicher „Wirkstoff“

Der Geist Gottes also ist der eigentliche „Wirkstoff“, mit dem wir gesalbt sind. Bei der Spendung des Firmsakraments bitten wir ja ausdrücklich um seine Wirkungen, die wir auch „Gaben“ nennen: Stärke, Erkenntnis, Einsicht, gläubige Ehrfurcht … Zu den Gaben, den Wirkungen des Geistes gehören natürlich auch der Mut und die Liebe.

Wenn wir von diesen Wirkungen noch nie etwas gespürt hätten, dann wären wir jetzt nicht hier. Wir sind aber hier, weil wir schon die Erfahrung machen durften und dürfen, welche Kraft das Wort Gottes hat, wie sehr es meinem Leben Sinn gibt; und wie sehr Gottes Nähe Trost und Ermutigung in schwierigen Situationen ist; und weil wir erleben durften und es auch heute wieder sehen, welche gemeinschaftsstiftende Kraft der Glaube hat, weil er nicht nur mein Herz, sondern die Herzen vieler anderer berührt. Das tut gut. Das kräftigt. Vielleicht können wir sogar sagen: „Das geht mir herunter wie Öl. Das ist Balsam für meine Seele …“ Was müssten wir nicht alles vermissen, wenn wir der Botschaft Jesu nie begegnet wären und den Menschen, die auch von dieser Botschaft berührt sind?! Um wie viel ärmer wären wir! Und um wie viel schwächer!

Sendung: Die Wirkung der Salbung „nach außen“

Zur Salbung kommt aber nun noch der Aspekt der Sendung hinzu. Denn ja, wir empfangen Gottes stärkende Nähe für uns, aber nicht nur für uns. Um es noch einmal im Bild der Salbe oder des duftenden Öls zu sagen: Diese ziehen nicht nur ein, gehen nicht nur unter die Haut, sondern haben durch ihren guten Geruch auch eine Wirkung nach außen, sozusagen in die Welt hinein. Das symbolisiert den Aspekt der christlichen Sendung, des Auftrags. Jesus hat es uns vorgemacht: Das Geschenk seines Lebens ist seine innige Verbindung, zu Gott, seinem Vater. Zugleich enthält dieses Geschenk den Auftrag seines Lebens: die Menschen zu Gott zu führen, damit auch sie ganz als Kinder Gottes leben.

Parfüm will an die Luft

Liebe Schwestern und Brüder, sich die Salbung Gottes geben zu lassen, d. h. den Glauben, ohne die Sendung, ohne den Auftrag anzunehmen, der damit verbunden ist, wäre purer Egoismus und würde der Gabe Gottes widersprechen. Denn sie soll ja eingesetzt werden. Um es noch einmal im Bild der Salben und Öle zu sagen: Eine Parfümerie, in der wohlriechende Cremes und Salben nur verschlossen gelagert sind, ohne jemals verwendet zu werden, hat keinen Sinn. Parfüms können nur ihre Wirkung entfalten, wenn man sie einsetzt und an die Luft lässt.

Manchmal habe ich den Eindruck, als ob wir in der Kirche wie ein Parfümladen wirken, in dem es viele verschiedene gute Salben und Öle gibt. Viele stehen aber bloß im Regal, sind verschlossen und verstauben, weil wir nicht den Mut haben, sie, uns (!) zu öffnen, den Glauben zu zeigen und zur Entfaltung kommen zu lassen. Eine Kirche, die einem solchen Laden gleicht, verfehlt ihren Sinn.

Neu gedacht: „Wozu sind wir Kirche“ statt nur „Wie sind wir…“

Unsere Bistumssynode hat diese Gefahr gesehen. Deshalb fordert sie dazu auf, dass wir für die Zukunft nicht zuerst und vor allem die Frage stellen: „Wie wollen wir Kirche sein?“, sondern: „Wozu sind wir Kirche unter den Menschen im Bistum Trier?“ Die Frage so zu stellen, heißt zu bekennen, dass wir einen Auftrag für diese Welt haben – als Kirche und jeder einzelne in ihr. Kirche ist nicht für sich selbst da. Und Christ bin ich nicht bloß zu meinem eigenen Nutzen.

Im Stundengebet, im Brevier gibt es in einem Morgengebet die Bitte: Lass uns den Auftrag dieses Tages erkennen (Laudes vom Dienstag der 1. Woche). Immer wenn ich diese Bitte am Beginn eines Tages ausspreche, frage ich mich, worin wohl der besondere Auftrag dieses Tages bestehen mag. Manchmal scheint er auf der Hand zu liegen, weil an diesem Tag eine größere Aufgabe angepackt werden muss. Da ist es leicht, den Auftrag zu erkennen. Oft aber sehe ich am Beginn eines normalen Werktags keinen besonderen Auftrag.

Den Auftrag dieses Tages erkennen…

Aber wahrscheinlich ist mit dieser Bitte auch nicht unbedingt etwas Spektakuläres gemeint. Auch in den kleinen Dingen des Alltags können und sollen wir unseren christlichen Auftrag verwirklichen: Vielleicht erfülle ich also den Auftrag eines Tages durch ein gutes, aufmunterndes Wort, das ich einem Menschen in einer schwierigen Situation gebe. Vielleicht erfülle ich den Auftrag eines bestimmten Tages dadurch, dass ich mich gegen eine Ungerechtigkeit zur Wehr setze, von der Menschen betroffen sind. Vielleicht besteht aber der Auftrag auch darin, gemeinsam mit anderen meinen Glauben nicht zu verstecken, sondern freimütig dazu zu stehen. Könnte es nicht eine Übung sein, sich am Ende eines jeden Tages bewusst zu fragen: Wie habe ich heute meinen Auftrag als Christ/Christin wahrgenommen?

Liebe Schwestern und Brüder! Lassen wir uns durch die Feier der Chrisam-Messe bestärken in unserer Freude über unser Christsein, in unserer Dankbarkeit, die Salbung durch Gottes Geist, durch seine Nähe, empfangen zu haben, und erneuern wir unsere Bereitschaft, unseren christlichen Auftrag als einzelne und als Kirche zu erfüllen.

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Chrisam-Messe 2017

in der Predigt