Sich neu bekräftigen lassen mit der Kraft des Glaubens

Predigt von Bischof Stephan Ackermann im Chrisam-Gottesdienst am 1. April 2015 im Trierer Dom


Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt!
Liebe Schwestern und Brüder,
vor allem liebe Kinder und Jugendliche!

Auf die Feier der Chrisammesse freue ich mich jedes Jahr. Denn sie hat eine besondere Atmosphäre: Zum einen sind wir in besonders anschaulicher Weise als Volk Gottes im Bistum Trier hier im Dom versammelt, und zum anderen atmet dieser Gottesdienst schon eine österliche Atmosphäre, obwohl wir noch in der Karwoche stehen. Aber die Öle, die wir weihen, haben ja auch nichts vom Geruch des Todes an sich, sondern verbreiten schon den Duft des neuen, österlichen Lebens: Das Öl, das für die Taufbewerber verwendet wird, ist so etwas wie ein Öl der Vorfreude auf die Gemeinschaft mit Christus. Das kostbare Chrisam steht für die Würde des priesterlichen, königlichen und prophetischen Gottesvolkes. Und selbst das Öl, mit dem die Kranken und die Sterbenden gesalbt werden, ist Zeichen für die österliche Lebensmacht Gottes, die kräftigt und heilt.

Die festliche Atmosphäre der Chrisammesse bildet somit einen wohltuenden Kontrast zu der resignativen Grundstimmung, von der so oft in unseren Pfarreiengemeinschaften, Verbänden und Gruppen die Rede ist. Warum ist das so wohltuend? Liegt das einfach daran, dass man ja nicht immer schlechter Stimmung sein kann und deshalb auch Anlässe zur Freude sucht? Wenn es so wäre, dann würden wir uns für einige Stunden selbst froh machen. Die Chrisammesse wäre dann so etwas wie ein gottesdienstliches Placebo, also eine Tablette, in der gar kein Wirkstoff ist und von der man nur glaubt, das sie hilft. Das wäre natürlich schlimm, wäre ein frommer Selbstbetrug.

Nachdenken über das Wort Resignation

Liebe Schwestern und Brüder, es mag verwunderlich klingen, aber ich glaube, dass wir den Sinn und die Bedeutung der Chrisammesse tiefer verstehen, wenn wir einmal bewusst über das Wort Resignation nachdenken. Was heißt das eigentlich? Rein umgangssprachlich verstehen wir unter Resignation eine tiefe Niedergeschlagenheit, Enttäuschung, ein Sich-Abfinden mit einer unabänderlich scheinenden Situation. Von seiner Entstehung und ursprünglichen Bedeutung her sagt „Resignation“ und „resignieren“ aber noch mehr: Wer re-signiert, gibt die „signa“, die Zeichen, zurück (Oder englisch, für diejenigen, die keine Lateiner sind: die „signs“). Mit den Zeichen waren die Siegel-Zeichen gemeint. Wer die Siegel führen darf (und das ist bis heute so), hat einen bestimmten Auftrag und eine entsprechende Vollmacht. Re-signieren heißt also im ursprünglichen Sinn: Ich gebe mit den Siegeln den Auftrag und damit auch die Vollmacht, die mir übertragen worden ist, zurück. In manchen Sprachen – etwa im Englischen – meint Resignieren (resign) den Rücktritt von einem Amt. Das ganz einfach auch ein Rücktritt aus Altersgründen sein. Im Deutschen schwingt in Resignieren aber immer Enttäuschung mit.

Wenn wir als Christen von Resignation sprechen, dann muss uns das nachdenklich machen. Denn wir verstehen uns als Menschen, die auch bezeichnet worden sind, die ein Siegel erhalten haben: das Siegel des Glaubens. Und dieses Siegel hat mit dem Öl und der Salbung zu tun. Paulus spricht in seinen Briefen mehrfach davon: „Gott, der … uns alle gesalbt hat, er ist es auch, der uns sein Siegel aufgedrückt und als ersten Anteil (am verheißenen Heil) den Geist in unser Herz gegeben hat" (2 Kor 1,21f; vgl. auch Eph 1,13f; 4,30).

Den Gläubigen erkennen

Und auch bei der Firmspendung heißt ja das Spendewort: Sei besiegelt durch die Gabe Gottes, den Heiligen Geist! Ehrlich gesagt, habe ich mich anfangs über diese Formulierung gewundert. Das Siegel, von dem hier die Rede ist, ist nämlich nicht das Kreuzzeichen, das dem Firmbewerber mit dem Chrisamöl auf die Stirn gezeichnet wird (Es heißt ja nicht: „Sei besiegelt durch das Zeichen des Kreuzes!“), sondern der Geist Gottes selbst! Wenn man aber näher darüber nachdenkt, ist das Spendewort gar nicht so verwunderlich. Denn bei der Besiegelung geht es ja nicht darum, dass hier ein Mensch eine Art von Stempel als Erkennungszeichen auf die Haut gedrückt bekommt. Es geht ja darum, dass das Herz des Menschen besiegelt wird. Jesus will sich mit seiner Person und seiner Botschaft in das Herz eines Menschen einschreiben. Dieses Sich-Einschreiben ist aber kein mechanischer Vorgang. Er geht nicht mit Öl oder mit den Händen, sondern geht nur im Geist. Nur der Geist Jesu erreicht das Innerste des Menschen. Deshalb ist er das Siegel des Glaubens.

Da dieses Siegel aber äußerlich nicht zu sehen ist, wie kann man es dann überhaupt erkennen? Woran erkenne ich, ob jemand das Siegel des Glaubens trägt, anders gesagt: dass er geprägt ist vom Glauben an Jesus Christus? Die Frage enthält im Grunde schon die Antwort: Die Prägung eines Menschen erkenne ich (nur) an seinem Lebensstil, daran, wie er/ sie lebt. Es klingt widersprüchlich, aber es ist wahr: Was eingeprägt worden ist, muss sich im Leben des Glaubenden ausprägen. Anders kann man das Siegel des Glaubens, d.h. des Geistes nicht erkennen.

So war es schon bei Paulus: Er hat die Mitglieder der Gemeinden nicht an äußeren Merkmalen erkannt, sondern an den Wirkungen, den „Früchten“, den Gaben und Charismen, die der Geist Gottes in ihn hervorgebracht hat. Über sie freut er sich immer wieder und dankt Gott dafür (vgl. Röm 1,8-12; 1 Kor 1,4ff; 1 Thess 1,6). Zugleich mahnt er: „Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes, dessen Siegel ihr tragt für den Tag der Erlösung. Jede Art von Bitterkeit, Zorn, Geschrei und Lästerung und alles Böse verbannt aus eurer Mitte!“ (Eph 4,29f)

Resignation als Versuchung des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder! Von Resignation in der Kirche zu sprechen, ist also nicht harmlos. Freilich ist nicht immer eine Resignation in diesem tiefen und ursprünglichen Sinn gemeint. Das weiß ich. Und doch ist es nicht überflüssig, eine Gewissenserforschung darüber zu machen, ob die vielen alltäglichen Enttäuschungen Zeichen für eine Resignation sind, die tiefer geht und bedrohlich ist, also eine Resignation ist, die so tief geht, dass sie Gott das Siegel des Glaubens zurückgeben will. Eine solche Resignation dürfen wir nicht zulassen! Denn sie rührt an das Fundament des Glaubens selbst. Sie ist eine Resignation, die nicht nur enttäuscht ist darüber, dass die kirchlichen Verhältnisse nicht mehr so sind wie sie es einmal waren oder darüber, dass uns trotz so vieler Anstrengungen nur wenig sichtbarer Erfolg beschieden ist. Es gibt eine Resignation, die der Kraft Gottes nichts mehr zutraut, d. h. dem Geist, den der Herr uns geschenkt und mit dem er uns besiegelt hat. Es gibt eine Resignation, die eine wirkliche Versuchung des Glaubens ist. Sie zweifelt nicht nur an den Bischöfen, dem Generalvikariat in Trier, sondern an der Kraft und Gegenwart Gottes selbst. Dieser Versuchung dürfen wir nicht nachgeben!

Die Zeichen Gottes bewusster anschauen

Liebe Schwestern und Brüder, wenn ich das so sage, dann mag Ihnen das vielleicht zu bestimmend und zu hart klingen. Ich kann das verstehen. Vielleicht hilft es dann, sich daran zu erinnern, dass die Silbe „re“ im Deutschen nicht nur dann benutzt wird, wenn es um eine Rückgabe geht. Wir benutzen die Silbe „re“ auch dann, wenn es darum geht, etwas noch einmal, etwas wieder zu tun, etwas zu bekräftigen. Deshalb sprechen wir von reaktivieren, reanimieren, revitalisieren usw. Wenn wir Resignation in dem Sinne verstehen, d. h. als Bereitschaft, die Zeichen, die Gott uns schenkt, wieder bewusster anzuschauen; das Siegel des Geistes in uns kräftigen lassen, uns an das Siegel Gottes neu zu erinnern, es wieder neu hervorzuholen, dann ist Re-Signation im Glauben etwas, auf das wir nicht verzichten wollen!

Eben hierin könnten auch der Sinn und die Bedeutung der Chrisammesse liegen: In ihr machen wir uns nicht selbst froh, indem wir die Schwierigkeiten und Enttäuschungen des Alltags für eine gewisse Zeit verdrängen, sondern wir feiern „Re-Signation“ in dem Sinn, dass wir das Siegel des Glaubens und des Geistes, das Gott jedem von uns eingeprägt hat, neu aufleuchten lassen. Also: Weg von der Resignation im umgangssprachlichen Sinn, hin zur Resignation im zweiten Sinn einer Neuentdeckung dessen, was Gott an Gaben in uns hineingelegt hat. Die Öle, die wir in dieser Feier weihen, sind ein besonders sprechendes Zeichen dafür. Wenn sie eingesetzt werden, bitten wir darum, dass Gottes lebensspendende Macht, seine Kreativität, seine Kraft zu hoffen und zu lieben, stark wird in denen, die mit dem Öl gesalbt werden; dass – anders gesagt - in den Gesalbten das Siegel Gottes eingeprägt oder erneuert wird. Beten wir also darum, dass all die Menschen, die im Laufe des Jahres mit dem Öl, das wir nachher weihen, in Berührung gebracht werden, diese Bestärkung erleben. Amen

Weiteres:

Chrisammesse 2015

in der Predigt