Predigt in der Christmette 2014 im Trierer Dom

Gott redet uns zu Herzen mit immer derselben alten Botschaft

Liebe Mitfeiernde, liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Der erste, der im Evangelium dieser Nacht das Wort ergreift, ist der Engel mit seiner Botschaft an die Hirten: „Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteil werden soll: Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Messias, der Herr.“ Was er sagt, das ist die Nachricht dieser Nacht! Für die Hirten kommt diese langersehnte Nachricht über den Messias so überraschend und beglückend zugleich, dass sie sich gleich auf den Weg zur Krippe machen.

Wie anders ist das für uns: Denn inzwischen ist diese Nachricht schon 2.000 Jahre alt. Wie oft haben wir die Weihnachtsbotschaft schon gehört! Nüchtern betrachtet muss man sagen: Für uns hat diese Nachricht überhaupt keinen Neuigkeitswert mehr. Sie ist eine uralte Nachricht und doch immer wieder neu verkündet. Eigentlich unvorstellbar für die Medien- und Kommunikationsgesellschaft, in der wir leben! In ihr gilt doch: Nichts Schlimmeres als Meldungen, die keinen Neuigkeitswert besitzen. Deshalb ja auch die immer schnellere Jagd nach Neuigkeiten. Und wir laufen mit, haben uns angepasst, sind fast immer online, connected, um die breakingnews mitzubekommen. „Euch ist heute der Retter geboren, er ist der Messias, der Herr.“ – Das sind die Breaking News der Heiligen Nacht. Aber das war einmal … Kein Wunder also, dass sich die eigentliche Nachricht der Heiligen Nacht heutzutage nicht in den Schlagzeilen wiederfindet. Geben Sie in den kommenden Tagen doch einmal bei der Berichterstattung acht, was dort über die Weihnachtsfeiern vermeldet wird. Wird es etwa morgen über die Urbi et Orbi-Ansprache des Papstes heißen: „Papst Franziskus verkündet, dass Gott Mensch geworden ist. In Christus ist der Retter der Welt geboren“? Sicher nicht. Die Zusammenfassungen werden höchstwahrscheinlich anders lauten: „Papst mahnt Frieden im Nahen Osten an. Papst ruft auf, Gewalt und Verfolgungen zu beenden ...“

Die Botschaft der Weihnacht

Liebe Schwestern und Brüder, woher kommt diese Verlegenheit in der Berichterstattung über Weihnachten? Ist das nur deshalb so, weil die Weihnachtsbotschaft schon so alt ist und keinen Neuigkeitswert mehr besitzt? Oder liegt es vielleicht auch daran, dass viele gar nicht so recht wissen, was man mit der Aussage anfangen soll: Christ, der Retter ist da. In ihm ist Gott Mensch geworden. Deshalb nimmt man lieber die praktischen Folgerungen, die die Verkündiger ziehen, sucht man den politischen Aussagen der Predigten. Aber trifft das den eigentlichen Kern der Weihnachtsbotschaft? Sie ist doch gar keine Handlungsanweisung und kein moralischer Appell. Der Engel sagt nicht, was die Hirten tun sollen. Er sagt, was Gott getan hat und wie er zur Welt steht. Er sagt: Mit dieser Nacht ist nichts mehr so wie vorher. Mit dieser Nacht hat sich alles radikal geändert, weil Gott sich in dem Menschen Jesus so an diese Welt gebunden hat, dass er sich nie mehr von ihr distanziert, sie nie mehr verloren gibt. Darum geht es. Das ist die Botschaft der Weihnacht.

Doch woher weiß ich, ob das wirklich wahr ist? Wenn wir ehrlich sind, ist das nicht nur die Frage kritischer Zeitgenossen, sondern eine Frage, die auch der glaubende Mensch kennt. Woher weiß ich, dass der Sohn Gottes wirklich in diese Welt gekommen ist? Er lebt ja nicht mehr in der Weise unter uns, dass wir ihn sehen und berühren könnten, wie seine Eltern und seine Jünger dies konnten. Woher also sollen wir wissen, ob das wahr ist, was der Engel sagt. Es spricht ja augenscheinlich auch so vieles dagegen. Wie ist also die Wahrheit der Botschaft zu beweisen?

Glaubenswahrheiten im Leben

Tatsächlich müssen sich Glaubenswahrheiten anders beweisen als mathematische Wahrheiten. Das geht nicht am Schreibtisch und vor dem Bildschirm, sondern nur im konkreten Leben. Glaubenswahrheiten müssen sich wie alle Lebenswahrheiten im Leben als wahr erweisen. Denn sie sind ja keine theoretischen, bloß für wahr zu haltende Wahrheiten. Vielleicht liegen also die Berichterstatter doch gar nicht so falsch, die nicht die ursprüngliche Botschaft des Engels wiederholen, sondern die nach den praktischen Konsequenzen fragen, die die Weihnachtsbotschaft hat. Ob nämlich ein Glaubensbekenntnis wahr ist, das entscheidet sich wesentlich im Leben der Gläubigen, anders gesagt: an der Wirkung, die dieses Bekenntnis auf das Leben der Gläubigen hat. Wenn Du glaubst, dass es wirklich wahr ist, was der Engel den Hirten verkündet hat, dann frage Dich, was diese Wahrheit für Dein Leben bedeutet! Hat sie keine Bedeutung, dann kannst Du sie, dann wirst Du sie auch wieder vergessen.

Die Wahrheit der christlichen Botschaft erweist sich an ihrer lebensverändernden Kraft

Die Botschaft, dass Gott aus Liebe zu uns Menschen Mensch geworden ist und sich unlöslich mit der Welt und den Menschen verbunden hat, gewinnt erst dann Bedeutung, wenn sie sich im Leben von Menschen auswirkt. Bekenntnisse, Predigten, ja nicht einmal die festlichsten Gottesdienste allein können die Wahrheit der christlichen Botschaft unter Beweis stellen. Hinter viel Weihrauch kann auch Schwindel sein … Die Wahrheit der christlichen Botschaft erweist sich an ihrer lebensverändernden Kraft! Gott sei Dank kennt die Glaubensgeschichte dafür unzählige Beispiele, öffentlich bekannte und unbekannte. Und doch wollen die Menschen immer wieder neu von der Wahrheit des Glaubens überzeugt werden, nicht bloß durch den Blick zurück und nicht durch große theoretische Schlachten um die Wahrheit, sondern am liebsten durch das Zeugnis ihrer Zeitgenossen, d. h. durch Menschen, die dieselben Fragen haben wie sie, vor ganz ähnlichen Herausforderungen stehen, die die Freuden und Sorgen derselben Zeit mit ihnen teilen,

  • aber etwa eine Hoffnung besitzen, die sie nicht aus eigener Kraft heraus haben;
  • die ihre Weise, mit den Mitmenschen umzugehen, immer wieder vom Evangelium korrigieren lassen;
  • denen man anmerkt, dass sie nicht total aufgehen im Hier und Jetzt, sondern Sinn dafür zeigen, dass es mehr gibt als die Dinge dieser Welt.

Liebe Schwestern und Brüder, unter Predigern kursiert die schöne Anekdote von einem Pastor, zu dem nach einem Festgottesdienst – vielleicht war es ja nach einem Weihnachtsgottesdienst – einige Pfarrangehörige kamen und ihn beiseite nahmen, um ihn diskret darauf hinzuweisen, dass er nun schon fünf Jahre lang immer dieselbe Festpredigt halte. Sie vermuteten, dass dem Pastor dies gar nicht aufgefallen sei. Er habe halt aus Versehen immer wieder dasselbe Predigtmanuskript herausgeholt. Der Pastor reagierte zu ihrem Erstaunen überhaupt nicht überrascht, sondern sagte mit einem verschmitzten Lächeln: „Ja, ich weiß, dass ich schon jahrelang immer dasselbe predige, aber ihr habt ja auch bisher nicht danach gelebt!“

Ob Gott nicht oft so ähnlich denkt: Er redet uns zu Herzen mit immer derselben alten Botschaft, Jahr für Jahr, Weihnachten um Weihnachten und hat doch die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass wir ihm glauben und danach leben. Amen

Weiteres:

Christmette am Heiligen Abend 2014

in der Predigt