"Das Leben Teilen – Solidarisch mit behinderten Menschen im Osten Europas"

Predigt von Bischof Stephan Ackermann zur Eröffnung der Renovabis-Pfingstaktion 2013

[Lesungen: Apg 14,21b-27/ Offb 21,1-5a/ Joh 13,31-33a.34-35 ]

Liebe Mitbrüder im bischöflichen, priesterlichen und diakonischen Dienst!
Liebe Gäste und Freunde!
Schwestern und Brüder im Glauben!

Wenn wir heute voller Freude und Dankbarkeit auf das 20-jährige Bestehen von RENOVABIS, der großen Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, schauen, dann können wir das nicht tun, ohne zugleich an das Geschenk zu denken, das all dem voraus liegt: der Fall des Eisernen Vorhangs und die Überwindung der Spaltung Europas. Persönlich kommt mir dabei eine Situation in den Sinn, die ich 1988, ein Jahr vor der Wende, an der Grenze zu Rumänien erlebt habe. Es war noch die Zeit unter der Diktatur von Nicolae Ceausescu. Mit einigen anderen jungen Priestern war ich unterwegs nach Temesvar und Alba Iulia, um dort Mitbrüder zu besuchen. An der streng bewachten Grenze hielten wir an. Die Grenzsoldaten forderten uns auf auszusteigen. Schon nach wenigen Augenblicken war klar, dieser Grenzübertritt wird geraume Zeit in Anspruch nehmen. Eine ausführliche Befragung begann. Unter anderem wurden wir gefragt, ob wir verbotene Gegenstände bei uns führten. Als Beispiele wurden uns genannt: Pistole, Tränengas, Bibel …! Ich war sprachlos. Noch nie hatte ich die Bibel in einer solchen Reihenfolge gehört. Ich wusste nicht, dass sie genauso gefährlich eingeschätzt wird wie eine Waffe.

Heute, aus der Rückschau betrachtet war die Frage des Grenzsoldaten prophetisch: Ohne die Sprengkraft der christlichen Botschaft wären die totalitären Systeme im Osten Europas wohl nicht so gefallen, wie wir es erlebt haben. Gott sei Dank ging es ohne Pistolen aus!

Türen öffnen sich – in ungeahnte Gegenden

In der Lesung, die wir eben gehört haben, berichten Paulus und Barnabas voller Freude der Gemeinde in Antiochia, dass Gott ihnen eine Tür zu Menschen und Gegenden geöffnet hat, mit der sie nicht gerechnet haben. Dass mit den Ereignissen von 1989 und den darauf folgenden Jahren die Tür zwischen Ost und West geöffnet wurde, das haben wir auch dem Wirken Gott zu verdanken! Das konnte nicht ohne Auswirkungen auf die Kirche in Ost und West bleiben. Insofern erscheint uns die Gründung von RENOVABIS heute logisch und selbstverständlich. Die Gründungsgeschichte zeigt aber, dass dies damals durchaus nicht selbstverständlich war. Umso mehr danken wir denen, die überzeugungsstark und zäh das Anliegen der Solidarität mit den Menschen im Osten unseres Kontinents vorangebracht haben.

Ich bin froh, dass zwei Personen unter uns sind, die die Gründungsphase von RENOVABIS maßgeblich mitgestaltet haben: Frau Rita Waschbüsch, damals die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Von ihm ging die Initiative zur Gründung aus. Und Weihbischof Leo Schwarz. Er war von Seiten der Bischöfe „Geburtshelfer“ und zehn Jahre lang Vorsitzender des Aktionsausschusses. Ihnen gebührt unser Dank. Nehmen Sie ihn auch stellvertretend für all diejenigen, die damals an Ihrer Seite waren. Als Bischof bin ich stolz, dass beide Trierer sind. So hat doch das Bistum, das ganz im Westen der Republik liegt, seinen Beitrag für Osteuropa geleistet.

Kirchliche Entdeckungs-Geschichte Ost:West und West:Ost

Zunächst sah es nach der großen Wende in Europa so aus, als ob die Tür, die geöffnet worden war, nur von Ost nach Westen aufgestoßen worden war. Es war die Perspektive vor allem für die Menschen, die über Jahrzehnte in Unfreiheit hatten leben müssen und nun den Westen entdecken konnten. Aber gerade auch im Raum der Kirche zeigte sich, dass es auch im Osten viel zu entdecken gibt: den Reichtum kirchlicher Tradition und Spiritualität, vor allem den Reichtum des Zeugnisses derjenigen, die trotz eines verordneten Atheismus am Glauben festgehalten und ihn weitergegeben haben. Diese kirchliche Entdeckungsgeschichte geht weiter! Längst erfolgt der Austausch von Gaben und Sorgen in beide Richtungen! Wir sind bereichert durch die Unterschiede und werden zusammengeführt durch gemeinsame Anliegen.

Leben teilen – und zusammenführen

In diesem Sinn verstehe ich den Themenschwerpunkt der diesjährigen Aktion, die unter dem Leitwort steht: Leben teilen. Solidarisch mit behinderten Menschen im Osten Europas. Das ist wahrhaftig kein Anliegen, dass bloß auf Osteuropa beschränkt bliebe! Auch wir hier in den westlichen Ländern Europas brauchen immer wieder neue Bereitschaft und Phantasie, um Menschen mit Behinderung noch mehr als bisher einen Platz in der Mitte unserer Gesellschaft und unseren Gemeinschaften zu ermöglichen. Dabei wollen wir uns inspirieren lassen von dem Einsatz und der Phantasie, mit der sich gerade auch katholische Christen in Osteuropa um Menschen mit Behinderung kümmern, und das in der Regel mit viel bescheideneren Mitteln.

Neue Barrieren

Viele Barrieren sind schon abgebaut worden. Aber viele Barrieren bestehen immer noch. Am schwersten zu überwinden, so sagen uns die Betroffenen und die Fachleute, sind die Barrieren in unseren Köpfen. Hier dürfen wir nicht nachlassen. Umso erschütternder finde ich es, wenn neue Barrieren errichtet werden. Was meine ich damit? Ich meine damit die unverständliche Tatsache, dass auf der einen Seite Menschen mit Behinderung mehr als jemals zuvor die Chance haben, am gesellschaftlichen und sozialen Leben teilzuhaben, andererseits aber verbesserte Diagnosemöglichkeiten während der Schwangerschaft oder sogar davor dazu führen, dass Menschen mit einer voraussichtlichen Behinderung der Eintritt ins Leben verwehrt wird. Wer soll das begreifen?

Um dieser Entwicklung entgegenzutreten, braucht es eine intensive Form von Solidarität von Christen in Ost und West. Im Eintreten für das Leben müssen wir uns gegenseitig stärken, sonst können wir den Auftrag Christi nicht erfüllen. Sein Auftrag heißt Liebe: „Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben“ (Joh 13,34b). Christi Liebe, das wissen wir, galt besonders den Menschen am Rande, den Ausgegrenzten und Schwachen. Sie stellte er gegen alle Widerstände in die Mitte.

Das "neue Jerusalem": Die Stadt der Inklusion

Liebe Schwestern und Brüder! Ich finde es wunderbar, dass uns die Schriftlesungen dieses österlichen Sonntags aber nicht nur den Auftrag Jesu in Erinnerung rufen, sondern auch das große Ziel, zu dem wir unterwegs sind: die „heilige Stadt, das neue Jerusalem“ (Offb 21,2). Bei ihr stehen alle Tore offen, Tag und Nacht. Alle Völker dürfen mit dem Reichtum ihrer Kulturen in sie einziehen (Offb 21,25f), aus Ost und West, aus Nord und Süd. In diese Stadt sind alle Menschen eingeladen. In ihr ist niemand mehr ausgegrenzt. Da gibt es keine Trauer mehr, keine Tränen, keine Klage, keine Mühsal. In ihr ist die „Inklusion“ vollendet.

Dem Himmel auf Erden den Boden bereiten

Der Seher Johannes sieht diese Stadt aus dem Himmel herabkommen. Sie ist das Gegenteil von Babel, der Stadt, die sich die Menschen ohne Gott selbst bauen wollten und die von der Erde in den Himmel reichen sollte (Gen 11,4). Das himmlische Jerusalem ist Geschenk Gottes. Wenn das aber so ist, was bleibt dann noch für uns zu tun? Wozu dann all unsere Anstrengungen für eine gerechte und soziale Gesellschaft, wenn es am Ende doch Gott ist, der alles neu macht? So mag man fragen.

Ich glaube, liebe Schwestern und Brüder, unsere Aufgabe besteht darin, so zu leben, dass wir uns am Ende in dieser Stadt zuhause fühlen, dass wir uns nicht als Fremdkörper vorkommen, sondern zu ihr passen, weil wir ihr inneres Gesetz, die Liebe, kennen. Wenn wir dieses Gesetz nicht nur vom Verstand her kennen, sondern in unserem Leben eingeübt haben, dann gibt es schon etwas von diesem Himmel hier auf Erden. Dann bereiten wir dem Himmel den Boden, und dann dürfen wir uns einmal voller Stolz als Bürgerinnen und Bürger der Stadt Gottes verstehen. Amen, halleluja.

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