"Den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen"

Liebe Mitchristen im Bistum Trier!

Kurz vor Beginn der Fastenzeit begann die erschütternde Aufdeckung von zahlreichen Fällen sexuellen Missbrauchs, der vor allem von Priestern in den zurückliegenden Jahrzehnten verübt wurde: Wir werden seither mit menschlichen Abgründen in bisher nicht geahntem Ausmaß konfrontiert. Seitdem mich die Bischofskonferenz zum besonderen Beauftragten für alle Fragen im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im Bereich der Kirche bestellt hat, haben mich zahlreiche Hinweise und Schilderungen von Opfern weit über den Bereich unseres Bistums hinaus erreicht. Was ich da lesen musste, hat mich schmerzlich berührt, ja zum Teil regelrecht schockiert.

In den Medien habe ich in meiner Rolle als Beauftragter immer wieder versucht deutlich zu machen, dass wir uns dieser dunklen Seite in der Kirche stellen wollen, dass wir Bischöfe nicht nur alles rechtlich Geforderte, sondern darüber hinaus auch alles uns Mögliche tun wollen, um den Opfern und der Wahrheit späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Darüber hinaus haben wir versprochen, die vor acht Jahren erlassenen Leitlinien zum Umgang mit Missbrauchsfällen kritisch zu überprüfen und eine noch stärkere Aufmerksamkeit auf die Vorbeugung von Straftaten dieser Art zu legen.

Die vielen Medienanfragen ließen mir bisher noch keine Gelegenheit, mich direkt an die Gläubigen im Bistum Trier zu wenden. Das möchte ich nun hiermit ausdrücklich tun. Denn in vielen Gesprächen der letzten Wochen habe ich erfahren, wie sehr Menschen in unseren Gemeinden, ehrenamtlich Aktive, die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und insbesondere natürlich die Priester durch die aktuellen Vorgänge und Diskussionen aufgewühlt werden.

Ich sehe, wie Menschen bitter enttäuscht sind über Priester, die sie für integer und vorbildlich hielten. Ich höre, wie in Pfarreien, in denen es in den zurückliegenden Jahrzehnten offenkundige Missbrauchsfälle gab, alte Wunden wieder aufbrechen und die Gemeinden von ihrer Geschichte gewissermaßen wieder eingeholt werden. Ich erlebe, wie Gläubige darunter leiden, dass sich in die notwendige Aufdeckung der Wahrheit hämische Kirchenkritik mischt, die die Chance sieht, die Kirche als verlogene und lebensfeindliche Institution an den Pranger zu stellen. Ich nehme wahr, wie sich in manch einem ein schlechtes Gewissen regt, weil man doch Dinge gewusst, aber nichts gesagt hat. Und schließlich erlebe ich, dass viele Menschen sich ermutigt fühlen, über eigene Erfahrungen von Gewalt in der Kinder- und Jugendzeit zu sprechen. Oft geht es dabei nicht um sexuelle, sondern um körperliche Gewalt in Form von Strafen. Dass die Themen sich häufig vermischen, wundert mich nicht. Die Psychologen bestätigen uns, dass sexuelle und körperliche Gewalt nicht selten eine zerstörerische Allianz miteinander eingehen.

Die Missbrauchsenthüllungen fallen zusammen mit der diesjährigen Fastenzeit, in der im Gottesdienst und in den Gebeten der Kirche Schuld und Bekenntnis, Umkehr und Buße, Versöhnung und Heilung eine beherrschende Rolle spielen. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich in den zurückliegenden Jahren manches Mal gedacht habe, ob die Kirche es während der heiligen Vierzig Tage nicht übertreibt mit ihrer Rede von Schuld und Sünde. In diesem Jahr allerdings bekommen die Gebete für mich eine ganz konkrete Bedeutung auch über mein persönliches Leben hinaus (1). Unter dem Eindruck der aktuellen Situation hören sich die Gebete gar nicht übertrieben büßerhaft, sondern erschreckend realistisch an. Sie erinnern uns daran, dass wir die geistliche Seite der aktuellen Diskussionen mit in den Blick nehmen sollen. Als Kirche sind wir ja mehr als eine weltliche Organisation oder ein Verein, der rein menschlich-sachlich Aufklärungsarbeit zu leisten hat.

Was heißt das nun konkret? Ich sehe für uns als Christen drei spezifische Herausforderungen:

1. Die Wirklichkeit wahrnehmen, so schmerzlich sie auch ist.

In meiner Silvesterpredigt hatte ich eingeladen zur Haltung eines »Gehorsams der Sachlichkeit«, der schlicht darin besteht, die Dinge und Verhältnisse erst einmal sie selbst sein zu lassen und sie nicht durch unser Wunschdenken zu verzerren. Das heißt mit anderen Worten, dass wir darauf verzichten, die Dinge so zu sehen, wie wir sie gerne hätten. Vielleicht besteht unser größter Verzicht der diesjährigen Fastenzeit in dem Eingeständnis, dass die Wirklichkeit der Kirche, gerade auch in den zurückliegenden noch stark volkskirchlich geprägten Jahrzehnten, nicht so glanzvoll war, wie wir sie bisher gesehen haben. In meiner Predigt hatte ich erinnert an die frühchristliche Formel »Was nicht angenommen wird, kann auch nicht erlöst werden.« Das gilt auch in diesen Monaten: Menschen haben ihnen Anvertrauten schweres Leid angetan und andere haben die notwendige Hilfe verweigert. Wenn wir diese schmerzlichen Tatsachen nicht akzeptieren, werden sie ungelöst und unerlöst weiter schwelen.

2. Zu unterscheiden wissen.

Die vielen Vergehen sexuellen Missbrauchs der vergangenen Jahrzehnte, die nun – Gott sei Dank – ans Licht kommen, können den Eindruck erwecken, als ob die Kirche insgesamt und vor allem ihre Amtsträger verdorben und verlogen seien. Manch einem ist in der öffentlichen Diskussion daran gelegen, diesen Eindruck zu verstärken. Deshalb gilt es zu unterscheiden zwischen berechtigten Anfragen und übertriebenem Misstrauen. Schon jetzt droht sich eine gefährliche Optik breitzumachen, die vor allem die Priester unter einen Generalverdacht stellt. Von den Zahlen und Fakten her wissen wir, dass dies sachlich nicht gerechtfertigt ist. Ich bitte daher, einer solchen allgemeinen Verdachtsopik entgegenzutreten. Ansonsten befürchte ich eine wachsende »Sterilität« von Seelsorge. Es wäre wirklich schlimm, wenn es zum Beispiel unmöglich wird, ein Kind tröstend in den Arm zu nehmen. Im Gegenzug bitte ich die Priester, Diakone und alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pastoral und in unseren Schulen um eine noch entschiedenere Klugheit im Bezug auf Nähe und Distanz zu den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen.

3. Miteinander verbunden bleiben im Geheimnis der Kirche.

Gerade als Katholiken sind wir oft stolz darauf, zu der Gemeinschaft zu gehören, die über die Bischöfe und Apostel zurückreicht bis zu Jesus Christus selbst. Die Kirche unserer Tage ist keine andere als die Kirche des Anfangs. Wir sind stolz, Glieder der Kirche zu sein, die sich ausgebreitet hat über den ganzen Erdball und trotzdem eine einzige ist in vielen Völkern, Nationen und Sprachen. Wir sind stolz auf die Schar der Heiligen und andere große Gestalten des Glaubens. In diesem Glauben sind wir miteinander verbunden. In den letzten Wochen müssen wir uns allerdings auch zu der dunklen Kehrseite unserer Glaubensüberzeugung bekennen: Denn wir spüren, dass die verbrecherischen Handlungen einiger (zumal dann, wenn diese im offiziellen Auftrag der Kirche standen) nicht bloß auf sie persönlich zurückfallen: Sie verdunkeln auch das Gesicht der Kirche. Wir tragen vielfach an einer Last, die wir nicht verschuldet haben. Das spüren wir an der Kritik, die uns entgegenschlägt.

»Einer trage des anderen Last« heißt es im Galaterbrief (6,2). Dieser Satz gilt besonders für die Last der Wunden, die die Opfer zu tragen haben. Ist uns das bewusst? Ihre Last blieb großenteils über Jahrzehnte verborgen. Sie trugen daran allein. Das darf so nicht bleiben. Sie brauchen unsere Solidarität. Wir müssen mittragen: Das geschieht dadurch, dass wir ihre Geschichte anhören, dass wir, wo und wie immer es möglich ist, uns um Aufklärung bemühen, dass wir ihnen Gerechtigkeit und Hilfe widerfahren lassen, dass sie in unserem Beten bewusst einen Platz haben. Ich persönlich werde in absehbarer Zeit die Opfer, die sich für den Bereich unseres Bistums gemeldet haben, einladen, um sie kennen zu lernen, sie zu hören und mich der Verantwortung zu stellen, die ich als Bischof von Trier habe.

Ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal die Männer und Frauen, die möglicherweise Opfer sexuellen Missbrauchs durch Mitarbeiter des Bistums geworden sind, ermutigen, sich bei Dr. Rainer Scherschel, unserem Missbrauchsbeauftragten, zu melden. Ihm, sowie den Damen und Herren, die ihm in seiner Aufgabe zur Seite stehen, danke ich von Herzen für ihr kompetentes Engagement und ihre Mitsorge: Dorothee Bohr, Trier, Dr. Albert Esser, Koblenz, Dorothee Lappehsen-Lengler, Saarbrücken, und Peter Rütten, Wittlich. In der Karwoche werden wir den bereits angekündigten Zwischenbericht geben über die Missbrauchssituation in unserem Bistum, soweit sie uns nun bekannt geworden ist.

Im Zugehen auf das Heilige Jahr 2000 hat Papst Johannes Paul II. darauf hingewiesen, dass die Kirche die Schwelle des neuen Jahrtausends nicht überschreiten könne, ohne die Gläubigen dazu anzuhalten, sich durch Reue von Irrungen, Treulosigkeiten und Inkonsequenzen zu reinigen. Der Papst sagte wörtlich: »Das Eingestehen des Versagens von gestern ist ein Akt der Aufrichtigkeit und des Mutes, der uns dadurch unseren Glauben zu stärken hilft, dass er uns aufmerksam und bereit macht, uns mit den Versuchungen und Schwierigkeiten von heute auseinanderzusetzen.« (Tertio Millennio Adveniente, 33). Am 1. Fastensonntag 2000 setzte er dann in einem Gottesdienst den viel beachteten Akt des »Mea culpa« im Namen der Kirche. Er nannte diesen Akt auch eine »Reinigung des Gedächtnisses«, damit die Kirche »demütiger und wachsamer« den Weg des Evangeliums weitergehen könne (Novo Millennio Ineunte, 6). Ich habe in den letzten Wochen immer wieder an diese Formulierung des Papstes denken müssen. Es findet in der Tat eine »Reinigung des Gedächtnisses« der Kirche in Deutschland statt. Wenn diese Reinigung uns demütiger und wachsamer zugleich macht, kann sie zur Gnade werden.

Liebe Mitchristen, in den noch verbleibenden Tagen der Fastenzeit und in der Karwoche werden in unseren Gemeinden und Gemeinschaften noch viele Kreuzwegandachten gebetet werden. Ich rege dazu an, an jedem Ort mindestens einen dieser Kreuzwege im Gedenken an die Schmerzen zu beten, die den unschuldigen Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurden. Beten wir auch für die Täter: dass sie ihre Schuld einsehen und annehmen und dass Gottes Barmherzigkeit sie trifft. Nur so wird Hoffnung auf Versöhnung auch dort möglich, wo wir sie mit unseren Kräften nicht bewirken können.

Ihr
Stephan Ackermann
Bischof von Trier

(1) Am Montag der 3. Fastenwoche etwa haben wir gebetet: »Barmherziger Gott, deine Kirche kann nicht bestehen ohne dich, sie lebt allein von deiner Gnade. Reinige und festige sie und führe sie mit starker Hand.«

Weiteres:

Den Opfern Gerechtigkeit widerfahren lassen

in der Predigt