Bischof Stephan Ackermann: Predigt bei der Weihe ständiger Diakone am Pfingstsamstag 2014

Diakone: Kirche im Nahbereich erfahrbar machen

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt, liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Familien und Angehörige unserer Weihekandidaten,
liebe Weihekandidaten selbst!

Seit 1972 führt die Evangelische Kirche in Deutschland etwa alle zehn Jahre eine repräsentative Befragung ihrer Mitglieder durch. Im Frühjahr diesen Jahres wurden die Ergebnisse der jüngsten, der inzwischen fünften Studie vorgestellt. Sie sind auch für uns nicht uninteressant, da in vielem die Situation bei uns natürlich ähnlich ist.

Eine Beobachtung der Studie hat mich besonders aufhorchen lassen. Es hat sich gezeigt, dass trotz aller modernen Medien und digitaler Netzwerke die Kirche im Nahbereich das Entscheidende bleibt. Trotz aller Investitionen im Bereich der Medien gilt: Sehr viele Menschen – und ganz besonders in der jüngeren Generation – nehmen kaum etwas wahr von der Kirche. Und diejenigen, die etwas von der Kirche wahrnehmen, nehmen vor allem die Geistlichen vor Ort wahr. Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass das Engagement der Kirchen in den neuen Medien überflüssig wäre, nein, aber es zeigt sich doch, dass Kirche nach wie vor im Wesentlichen eine „Vor-Ort-Kirche“ ist.

Kirche: entscheidend ist "vor Ort"

Nun haben wir Katholiken in der Wahrnehmung der Medien nicht zuletzt durch den Papst vielleicht einen gewissen Vorteil gegenüber der evangelischen Kirche. Trotzdem stimmt sicher auch für uns: Der Blick auf den Nahbereich ist extrem wichtig. An den Erfahrungen, die Menschen hier machen, entscheidet sich vor allem, ob sie bleiben oder gehen. Wenn ich mit der Kirche nur noch Kontakt über die Medien habe, bin ich viel leichter bereit, mich von ihr zu distanzieren, als wenn ich jemand persönlich kenne und schätze. Wir wissen um die große Herausforderung, die auch aus diesem Grund die neuen großen seelsorglichen Räume darstellen. Auch unsere Synode wird in ihren Beratungen an diesem Punkt nicht vorbeigehen können.

Diakone: konkrete Personen, die sich interessieren…

Genau hier liegt für mich die besondere Chance und der Auftrag der Diakone: In ihrer Person und in ihrem Dienst stellen sie Kirche in der Nähe dar, machen Kirche im Nahbereich berührbar. Denn die Erfahrung der Kirche geht nicht zuerst und vor allem über Ideen und Lehren, sondern über konkrete Personen, die sich einer Aufgabe verschrieben haben, die sich für mich interessieren, mir zuhören, die an meiner Seite sind. Solche Personen brauchen nicht spektakulär und aufregend zu sein. In Werbung und Öffentlichkeit gibt es genug, die den großen Auftritt suchen. Wir aber leben von Menschen, die ansprechbar und verlässlich sind. Oft reicht die einfache Geste, das gute Wort, die Bereitschaft zuzuhören, ein freundliches Auftreten beim Hausbesuch …

Nun könnten Sie mir entgegenhalten: So richtig das alles ist, umso wichtiger wäre es, dass wir mehr wären, um Kirche im Nahbereich der Menschen berührbar zu machen. Stattdessen sind wir so wenige. Und Sie haben Recht. Ich hätte mich auch gefreut, wenn wir etwa heute morgen fünf statt zwei Weihekandidaten hätten … Wir können nicht flächendeckend in der Nähe präsent sein. Denn wirkliche Nähe braucht Zeit. Ich kann nur in einem Haus zu Besuch sein, nicht gleichzeitig in zwei.

Wirksam: die Predigt „im Wohnzimmer“

Deshalb fasziniert und tröstet mich immer wieder aufs Neue der Schluss der Apostelgeschichte, den wir heute, am letzten Tag vor Pfingsten hören: Der große Völkerapostel Paulus, der so viele Landschaften durchreist hat, der so viele Besuche gemacht hat, rastlos von Gemeinde zu Gemeinde geeilt ist, verbringt die letzten beiden Jahre seines Lebens unter Hausarrest in einer römischen Mietwohnung. Dort empfängt er alle, die zu ihm kommen. Was für ein bescheidenes Schlussbild! Der Apostel steht nicht auf dem Forum Romanum, sondern sitzt in einer Wohnung, womöglich am Stadtrand Roms. Dabei hatte er es doch auf dem Areopag in Athen mit den Intellektuellen Griechenlands aufgenommen! Und nun das. Allerdings musste Paulus schon auf dem Areopag die Erfahrung machen, dass das Echo auf seine Predigt geteilt blieb. Nur wenige schlossen sich ihm an, die anderen hatten für ihn nur Spott übrig oder Unverständnis (Apg 17,19-34).

Kirche im Nahbereich

Wir wissen es zwar nicht, aber vielleicht war am Ende die Predigt in der Wohnung unter Hausarrest in Rom wirksamer als die Rede auf dem Areopag. Paulus in „Untersuchungshaft“ (R. Pesch), gebunden, sehr beengt in seinem Wirkbereich, aber das Wort Gottes, die Kraft des Auferstandenen, sie ist frei. Das Schlussbild der Apostelgeschichte zeigt Kirche im Nahbereich, bei den einfachen Leuten. Aber welche Wirkung hat die Botschaft von Rom aus in die ganze Welt entfaltet! Verachten wir also nicht die Kirche in der Nähe, im Haus, in der Nachbarschaft, in einfachen, unspektakulären Verhältnissen … Denken wir an das Bildwort vom Senfkorn, das aufgeht, zu einem Baum wird und am Ende vielen Vögeln in seinen Zweigen Platz gibt (Mt 13,31f).

„Apostel im Zivilberuf“

Liebe Schwestern und Brüder! Wir können zwar nicht sagen, Paulus war der erste Diakon im Zivilberuf, aber vielleicht so etwas wie der erste Apostel im Zivilberuf. Denn er konnte von seiner Wohnung aus wohl nicht „hauptamtlich“ in der römischen Gemeinde wirken, und immer wieder hat er auch darauf hingewiesen, dass er den Gemeinden nicht zur Last fallen wollte, sondern seinen Unterhalt mit seinen eigenen Händen verdient hat (2 Thess 3,7ff).

Werfen wir schließlich noch ein Blick auf das Evangelium: Es ist der Schluss des Johannesevangeliums: Nachdem Jesus mit den Jüngern am See von Tiberias Mahl gehalten hat, sagt er zu Simon Petrus: Folge mir nach! (Joh 21,20.22) Warum sagt er das? Er hatte Petrus doch am selben See längst in die Nachfolge berufen. Der Ruf war die Initialzündung dafür, dass Petrus Jesus überhaupt gefolgt ist. Warum jetzt noch einmal die Wiederholung?

Ich glaube, es hängt damit zusammen, dass die Nachfolge nach Ostern eine andere Qualität als vorher hat. Vor Ostern ist Petrus Jesus nachgefolgt als dem, der machtvoll spricht und erstaunliche Taten vollbringt. Zugleich blieb da aber immer die Gefahr, Jesus und seinen Auftrag misszuverstehen. Wir wissen, dass auch Simon Petrus davon nicht frei war: Das soll nicht geschehen, Herr, dass du gefangen genommen und getötet wirst!(Mt 16,21f) Bis dahin hatte er noch nicht den Jesus gesehen, der den Jüngern die Füßen wäscht und ihnen sagt: Ich habe euch ein Beispiel gegeben! Gerade im Abendmahlsaal, als Petrus den Herrn bei seinen Abschiedsreden fragt: Herr, wohin willst du gehen? sagt Jesus ihm ausdrücklich: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.(Joh 13,36)

Nach Ostern bekommt das Wort des Anfangs für die Jünger einen neuen Ton, eine andere Qualität und Tiefe. Jetzt ist es der Ruf in die Nachfolge unter den endgültigen Bedingungen.

Nachfolge unter endgültigen Bedingungen

Ähnliches werden auch unsere beiden Weihekandidaten in den zurückliegenden Jahren erlebt haben: Da ist die ursprüngliche Erfahrung, in die besondere Nachfolge Jesu Christi gerufen zu sein. Jetzt, in dieser Stunde der Weiheliturgie wird dieser Ruf Jesu noch einmal erneuert. Durch die Erfahrungen der Vorbereitungszeit in den letzten Jahren hat sich der Ruf in die Nachfolge auch bei unseren beiden Kandidaten verändert. Es ist zwar immer noch derselbe Ruf, und doch hat er einen anderen Klang. Der Ruf ist gewachsen. Die Kandidaten haben den, der sie ruft, tiefer kennen lernen können. Mit der Handauflegung in der Weihe wird dieser Ruf erneuert und endgültig besiegelt.

Aber auch danach bleibt es wichtig, sich dem Ruf immer wieder neu auszusetzen. Denn vor allen konkreten Aktivitäten unseres Dienstes ist die Nachfolge Jesu das Entscheidende. Aus ihr entspringt alles andere. Nachdem Jesus dem Petrus seine Kirche anvertraut hat, sagt er ihm noch einmal: Folge mir nach! Das ist das erste und das letzte Wort Jesu an uns alle, nicht nur an die Apostel, nicht nur an die Diakone. Jeder Getaufte soll dieses Wort in ganz persönlicher Weise leben. Deshalb wollen wir ihm sagen: „Ja, Herr, ich will Dir nachfolgen, in welche Situation und zu welchen Menschen Du mich auch führen magst. Halte Du nur Deine schützende Hand über mich! Dann kann ich gehen. Dann wird mein Leben gut.“ Amen.

Weiteres:

Diakonen-Weihe 2014

in der Predigt