Diakone: Das Auge des Bischofs und der Kirche

Predigt von Bischof Stephan Ackermann bei der Weihe der ständigen Diakone am Pfingst-Samstag 2013 im Trierer Dom

Phil 4,4-9 / Mk 10,13-16
Schrifttexte vom Gedenktag der seligen Sr. Blandine Merten OSU


Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Familien und Angehörige unserer Weihekandidaten,
liebe Weihekandidaten selbst!

„Gottes neuester Streich“, so lautete die Überschrift über einem Artikel, der Anfang dieses Monats in einer Wochenzeitung erschienen ist (T. Assheuer in der ZEIT vom 02.05.2013, 45) . In diesem Artikel wurde die von dem großen Internet-Konzern Google entwickelte „Datenbrille“ vorgestellt: „Google Glass“. Diese Brille soll eine Sehhilfe ganz neuer Art werden. Sie verbindet das menschliche Auge direkt mit dem Internet. Der Benutzer kann die Brille aufsetzen und findet in ihr oben rechts einen winzigen Monitor. Schaut das Auge einfach geradeaus, dann sieht es die normale Welt. Bewegt sich das Auge leicht nach oben, dann schaut es in die Welt des Internet mit seinen Bildern, Daten, Texten. Mit der Brille soll es möglich sein, Informationen zu den Gegenständen, auf die man blickt, aus dem Internet abzurufen, ja sogar das, was das Auge sieht, als Video aufzuzeichnen. Gesteuert wird diese Brille mit einer Kopfbewegung. Natürlich, vieles von dem kann man heute schon mit den entsprechenden Apps, den Anwendungen, auf unseren Smartphones machen. Ich kann mein Smartphone wie einen Fotoapparat auf Denkmäler richten und mir anzeigen lassen, was ich dort sehe. Ich brauche dann keinen Reiseführer mehr.

Vollendung der Schöpfung?

Und doch, diese Brille hätte noch einmal eine neue Qualität: Denn schon im Einfallswinkel des Auges würden die Sehfunktion unseres Körpers und die digitale Technik quasi miteinander verschmelzen. So hatte der Verfasser des Zeitungsartikels auch den Untertitel gewählt: „Die Schöpfung kommt zur Vollendung“. Das ist natürlich übertrieben. Richtig ist aber, dass damit die Wahrnehmungsmöglichkeiten des Menschen erheblich erweitert werden.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will hier nicht über Sinn oder Unsinn einer solchen Erfindung urteilen. Sicher ist es grundsätzlich zu begrüßen, dass unser Blickfeld und unsere Informationsmöglichkeiten gestärkt werden. In jedem Fall wird aber auch diese Brille mir nur Informationen geben über das, was ich anschaue und worauf ich meine Blicke richten. Deshalb ist es aber mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar wichtiger, dass wir uns auch darum bemühen, unser natürliches Sehfeld zu erweitern. Das gilt für uns nicht nur als Menschen, sondern gerade auch als Christen. Wir sollen nicht mit einem verengten, festgefahrenen Blick durch diese Welt laufen.

Das eigene Sehfeld erweitern - auch auf die am Rande

Wir wissen, dass unser Sehen mit der Zeit träge wird, dass sich Sehgewohnheiten einschleifen, dass wir „blinde Flecken“ in unserem Sehverhalten haben. Das kann daran liegen, dass sich bestimmte Dinge nicht so aufdrängen wie andere, weil sie nicht so plakativ und schrill daherkommen. Das kann auch daran liegen, dass wir bestimmter Bilder überdrüssig sind, vor allem dann, wenn sie unangenehm und schmerzlich sind. Was für uns als einzelne gilt, das gilt auch für eine Gemeinschaft, das gilt auch für die Kirche. Deshalb brauchen wir Menschen, die in besonderer Weise ein Auge haben, ja sind Auge für die Situationen und Menschen, die wir leicht oder gerne übersehen: die, die am Rand stehen, die der Hilfe bedürfen, alle diejenigen, die keine lautstarke Lobby haben.

Von den Diakonen hat man ja in der Frühen Kirche gesagt, sie seien das „Auge des Bischofs“ und damit der ganzen Kirche. Die Diakone sollen also diejenigen sein, die mit besonders wachem Auge durch die Welt gehen und einen Blick haben für Bereiche und Menschen, die oft nicht im Blickfeld der Allgemeinheit stehen.

Seien Sie "das Auge des Bischofs" und der Kirche

Liebe Mitbrüder, die Sie heute die Diakonenweihe empfangen, Ihnen lege ich diesen Auftrag ans Herz. Ich tue dies auch um unsretwillen. Denn wir alle brauchen immer wieder die Erinnerung an Jesu Auftrag, der sich besonders den Kleinen, den Hilfsbedürftigen und Schwachen zugewandt hat. Im Evangelium, dass wir soeben gehört haben, wurde dies noch einmal ganz deutlich: Menschen wollen ihre Kinder zu Jesus bringen, damit er sie segnet. Leider sind es ausgerechnet die Jünger, die die Leute abweisen, weil ihnen das Anliegen lästig ist. Jesus aber hat ein Auge für die Kinder, die hier, so meine ich für all diejenigen stehen, die sich schwer selbst Gehör verschaffen können. Jesus sorgt dafür, dass die Kinder nicht außen vor bleiben, sondern in die Mitte gelangen (vgl. Mk 9,36). Nicht anders ist Jesus z. B. auch mit dem Mann umgegangen, dessen Hand verdorrt war, und dem er sagt: „Steh auf und stell dich in die Mitte“ (Mk 3,3). Es gehört zum Kern der Botschaft Jesu, Menschen vom Rand in die Mitte der menschlichen Gemeinschaft zu nehmen.

Christen sollen "an die Ränder" gehen

Unser neuer Papst Franziskus hat uns schon mehrmals an diesen Auftrag erinnert, wenn er sagt, dass wir als Christen an die Ränder gehen sollen: „Nicht nur an die geographischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, der Unwissenheit“ usw. (Rede in der Generalkongregation der Kardinäle). Dieser Auftrag gilt allen Getauften. Doch was in der Kirche für alle gilt, das ist immer einigen ganz besonders aufgetragen. So soll der Auftrag Jesu in seinen verschiedenen Ausfaltungen sichtbar werden, damit das ganze Volk Gottes immer wieder erinnert und herausgefordert wird, sich seiner Berufung zu stellen.

Deshalb haben wir verschiedene Lebensformen, Dienste und Ämter in der Kirche. An ihnen soll jeweils deutlich werden, was letztlich allen aufgetragen ist: Die Priester sollen durch ihren Dienst den Getauften helfen, ihr gemeinsames Priestertum zu leben, das darin besteht, das eigene Leben als Opfergabe an Gott zu verstehen (vgl. Röm 12,1). Die Eheleute sollen in ihrer Treue etwas von der Treue sichtbar machen, die Gott durch alle Höhen und Tiefen der Geschichte hindurch seinem Volk bewahrt. Die Ordensleute sollen mit ihrer Lebensform der Armut, der Jungfräulichkeit und des Gehorsams deutlich machen, dass es mehr gibt als uns die Welt bieten kann und Jesus uns den neuen Himmel und die neue Erde versprochen hat, auf den hin wir leben sollen. Die Diakone stehen in besonderer Weise für Jesus, der in seiner Liebe zum Diener aller geworden ist und dem wir es nachtun sollen.

Lebenszeugnis macht die Verkündigung glaubwürdiger

Liebe Weihekandidaten, mit der Diakonenweihe werden sie zum Dienst an den Menschen, aber auch am Wort Gottes, das heißt zur Verkündigung bestellt. Ihre Verkündigung wird umso glaubwürdiger, das wissen wir, wenn sie vom Zeugnis des Lebens gedeckt ist. Und dieses Zeugnis fängt oft bei ganz bescheidenen Dingen an. Nicht umsonst legt der Apostel, wie wir es in der Lesung aus dem Philipperbrief gehört haben, Wert auf ganz konkrete menschliche Qualitäten: Die Angeredeten sollen wahrhaft sein, edel, rechtschaffen lauter, liebenswert …, so dass sie schon durch ihr Auftreten ansprechend sind (Phil 4,8f) . Liebe Mitbrüder, verachten Sie die schlichten menschlichen Tugenden nicht! Sie sind die erste, ursprünglichste Brücke zu den Menschen.

Das Kleine wird groß

Liebe Mitbrüder, Sie haben die Schrifttexte dieser Feier nicht willkürlich ausgewählt, sondern sie gehören zum Gedenktag der sel. Sr. Blandine, deren Gedenktag wir heute in unserem Bistum begehen. Sie, die Lehrerin und Ordensfrau, hat auch mehr durch ihr leuchtendes Lebensbeispiel als durch große Worte den Glauben bezeugt. Ihr war keine lange Lebenszeit vergönnt: Bereits mit 35 Jahren ist sie an Tuberkulose verstorben. Dennoch hat sie eine erstaunliche Strahlkraft über ihren Tod hinaus erlangt. Denn auch das Kleine wird groß, wenn es in der Bindung an unseren großen Gott getan wird. Er ist ja der, der all unsere Grenzen und „all unser Verstehen übersteigt“ (Phil 4,7) . Amen.

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Diakone: Das Auge des Bischofs und der Kirche

in der Predigt