Eröffnungs-Gottesdienst des Heiligen Jahres und der "Heiligen Pforte" im Bistum

Gott ist die Tür der Barmherzigkeit

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Mit seiner Entscheidung, im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit nicht nur die traditionellen heiligen Pforten in den päpstlichen Basiliken in Rom zu öffnen, hat Papst Franziskus einen ganz besonderen Akzent gesetzt. Er macht damit deutlich, dass er nicht nur die jahrhundertealte Tradition fortsetzen will, nach der Rompilger am Ziel ihrer Pilgerfahrt beim Durchschreiten einer Heiligen Pforte die Gnade des Ablasses gewinnen können. Mit der Öffnung von Heiligen Pforten weltweit sagt uns der Papst, dass das Symbol der Pforte und der Tür uns Wesentliches sagen darüber, wer und wie Gott selbst ist.

Als erstes sagt uns das Symbol der geöffneten Pforte: Gott ist keine in sich verschlossene Macht, die wir mit unseren Gebeten schleifen oder erstürmen müssten, damit sie sich uns öffnet. Nein, Gott ergreift von sich her die Initiative und kommt auf den Menschen zu. Das ist das Zeugnis der Bibel, angefangen von Abraham, der den Ruf Gottes erfährt. Es verwirklicht sich unüberbietbar in Jesus Christus, in dem Gott uns sein innerstes Wesen zeigt. So bezeichnet Jesus sich selbst als die Tür zum Vater (Joh 10,9/ Joh 14,6). Jesus ist das wahre Tor zur Barmherzigkeit Gottes. Die Öffnung von Heiligen Pforten in unseren Kathedralen, die ja in der Regel massive Gebäude darstellen, erinnert daran: Gott ist keine verschlossene Burg. Er ist offen für uns.

Gott ist offen und will Gemeinschaft

Aber es ist noch mehr: Gott öffnet sich uns nicht nur. Er erschließt sich uns nicht nur in Jesus Christus, sondern er lädt uns auch ein in seine Nähe. Er möchte Gemeinschaft mit uns. Jesus beschreibt dies im Gleichnis vom barmherzigen Vater. Dieser wird nicht müde, Ausschau zu halten nach seinem Sohn, der in der Fremde unterwegs ist. Die Tür des väterlichen Herzens und des Hauses wurden nicht verschlossen. Sie blieben immer offen (Lk 15,11-32). So ist Gott. Er liebt die Menschen als seine Kinder und hält sein Haus offen für uns, auch wenn wir dies nicht verdient haben. Dass Gott so ist, ist alles andere als selbstverständlich. Wir sehen es an der Reaktion des älteren Bruders im Gleichnis, der sich die Gerechtigkeit des Vaters wünscht, aber mit seiner Barmherzigkeit Schwierigkeiten hat.

Im Evangelium haben wir eben die Gerichtspredigt des Täufers gehört. Wir wissen, dass auch Johannes sein Gottesbild, sein Bild vom ersehnten Messias korrigieren und erweitern musste. Seine Verunsicherung hat sich bis ins Evangelium niedergeschlagen in der Frage, die er durch seine Jünger an Jesus stellen lässt: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Lk 7,19) Johannes musste lernen, dass Gott zwar der Richter ist, der nicht das Unrecht Recht nennt und der die Spreu vom Weizen trennt, der aber auch derjenige ist, der rettet. Gott tritt nicht nur als der Beurteilende dem Menschen gegenüber, sondern er steht zugleich an dessen Seite. Ja, in Christus tritt Gott selbst sogar an die Stelle des Menschen, des Sünders, um so den neuen Weg zur Gerechtigkeit zu eröffnen. Gott spricht nicht nur das Urteil, sondern trägt es selbst mit. So ist der Richter zugleich auch der Retter.

Gottes Hausgenossen

Die Heilige Pforte steht damit gerade auch für das Geschenk des Christseins: Als barmherziger Vater nimmt Gott uns Menschen (wieder) auf in sein Haus. Und er geht noch weiter: Er lädt uns nicht nur als Gäste in sein Haus, sondern er gibt uns bei sich Heimatrecht. Deshalb kann der Epheserbrief voller Freude und Stolz sagen: „Wir sind nicht mehr Fremde ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes“ (Eph 2,19).

Die Weihwasserbecken an unseren Kirchentüren wollen uns daran erinnern. Beim Betreten des Raumes bekreuzigen wir uns mit dem Wasser, das uns an unsere Taufe erinnert, d.h. an unsere Würde als Kinder Gottes, an unser Heimatrecht. Wir kommen nicht als Fremde. Wir sind nicht bloß Gäste (auch nicht in diesem Dom), sondern wir dürfen uns in ihm daheim wissen. Von Martin Luther wird bekanntlich berichtet, dass er, wenn er (wieder einmal) unter großen Anfechtungen seines Glaubens zu leiden hatte, mit Kreide über den Türsturz seiner Zelle schrieb: „Ich bin getauft.“ Wenn er dann aus seiner Zelle hinaustrat, waren ihm diese Worte Erinnerung an seine Würde als getaufter Christ. Zugleich verstand er die Taufe auch als einen Schutz, der ihn umgab.

Gott ist auch die Tür zu den Anderen

Freilich liegt in der Taufwürde auch eine Verpflichtung: Wenn Gott keine geschlossene „Festung“ ist, dann soll und kann ich auch als Christ nicht herumlaufen wie ein verschlossener Tresor. Vielmehr soll ich das Geschenkte teilen, soll mit anderen Worten Zeuge der Barmherzigkeit und Großzügigkeit Gottes sein. Das meint die Lesung aus dem Philipperbrief, wenn es dort heißt: „Eure Güte werde allen Menschen bekannt“ (Phil 4,5). Diese Güte ist nicht eine Großzügigkeit, die Menschen angeboren oder in die Wiege gelegt ist. Diese Güte hat ihren Grund in der Nähe Gottes. Deshalb fügt der Apostel direkt hinzu: „Der Herr ist nahe“. Die Güte, um die es hier geht, entspringt aus der Freude über die Nähe Gottes. Sie befähigt Menschen dazu, großzügig und gütig zu sein, auch da, wo sie es rein menschlich gar nicht sein könnten.

Liebe Schwestern und Brüder! Das Leitwort des Heiligen Jahres heißt „Barmherzig wie der Vater“. Es unterstreicht unsere Verpflichtung, die Erfahrung des barmherzigen Gottes mit anderen zu teilen. Daran anknüpfend könnte eine spirituelle Übung während des Heiligen Jahres darin bestehen, sich am Ende eines Tages nicht bloß zu fragen: Habe ich heute alles richtig gemacht? Bin ich mit meinen Mitmenschen höflich und korrekt umgegangen? Vielmehr könnte ich mich fragen, ob einer von den Menschen, die mir heute begegnet sind, durch mich etwas von der Güte Gottes erfahren konnte. Konnte jemand etwas erfahren von dem Gott, der nicht rechthaberisch auf seinem Recht beharrt, sondern großzügig mit uns umgeht? Konnten Menschen in meiner Umgebung und mit meiner Hilfe aufatmen, weil Großzügigkeit und Barmherzigkeit spürbar wurde?

Gottes Barmherzigkeit erleben und leben

Liebe Schwestern und Brüder, Gott sei Dank gibt es nicht nur einmal die Gelegenheit, durch die Heilige Pforte hier im Trierer Dom und auch an anderen Stellen in unserem Bistum hindurchzugehen. Nein, wir dürfen diese Pforten im Laufe des Jahres immer wieder neu durchschreiten – dankbar und verbunden mit der Bitte, Gottes Güte, Gottes Barmherzigkeit und Großzügigkeit sehen zu dürfen, damit diese Eigenschaften auch in uns wachsen. Dann können wir als einzelne und als Kirche insgesamt mehr und besser Zeichen und Werkzeug von Gottes Barmherzigkeit in dieser Welt sein.

Weiteres:

Die Heilige Pforte

in der Predigt