"Die Kirche tritt in eine neue Phase ein"

Silvesterpredigt von Bischof Stephan Ackermann 2011 im Trierer Dom

Schriftlesungen: Hebr 11,1.9-11.27-12,3


Liebe Mitbrüder im geistlichen Dienst,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

»In dieser unserer Zeit sieht sich die Kirche einer schweren Krise der menschlichen Gesellschaft gegenüber. Diese Krise ist von großen Umwälzungen begleitet. Während die menschliche Gesellschaft auf dem Wege zu einer neuen Weltordnung ist, hat die Kirche große Aufgaben zu bewältigen wie in den schwierigsten und ernstesten Zeiten ihrer Geschichte. Von der Kirche wird heute verlangt, dass sie die verästelten Strukturen der heutigen Gesellschaft mit dem Leben des Evangeliums erfülle. Diese Aufgabe ist ihr gestellt in einer Welt, die sich zwar ihres modernen wirtschaftlichen und technischen Fortschritts rühmt, die aber an einer gesellschaftlichen Krise leidet, die sie ohne Gott zu beheben versucht hat. Wir müssen zudem feststellen, dass die Menschen unserer Tage in ihrer geistigen Entwicklung mit den äußeren, materiellen Errungenschaften nicht Schritt gehalten haben. Hierin liegt der Grund für die Vernachlässigung der unvergänglichen geistigen Werte.«

Mit diesen Worten hat fast auf den Tag vor fünfzig Jahren Papst Johannes XXIII. die globale gesellschaftliche und kirchliche Situation seiner Zeit beschrieben. Die zitierten Sätze stammen aus dem Dokument, mit dem der Papst am ersten Weihnachtstag 1961 das Zweite Vatikanische Konzil offiziell einberief. [Apostolische Konstitution Humanae salutis, dt. Übersetzung in: HerderKorrespondenz 16 (1962), 225-228.] Doch Papst Johannes wäre nicht Papst Johannes, wenn er die geistige Situation seiner Zeit nur so düster eingeschätzt hätte. Wenige Zeilen später erinnert er an die Aufforderung Jesu, die »Zeichen der Zeit« sehr wohl zu unterscheiden und glaubt daher, »in all der großen Finsternis nicht wenige Anzeichen zu sehen, die eine bessere Zukunft der Kirche und der menschlichen Gesellschaft erhoffen lassen.«

Papst Johannes: optimistischeres Bild von Kirche

Die Situation der Kirche beschreibt der Papst insgesamt übrigens optimistischer, als wir dies heute – wenigstens für die westliche Welt - tun würden. Bei aller Veränderung, in der sich die Kirche befinde, sei ihre Einheit fester und beständiger geworden, ihre Lehre weiter entfaltet, ihre Heiligkeit trete deutlicher zutage.

Wenn sich ab dem kommenden 11. Oktober, dem Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils, die verschiedenen Etappen dieses großen Kirchenereignisses zum fünfzigsten Mal jähren, dann wird häufiger Gelegenheit sein, nicht nur, Rückschau zu halten, sondern auch eine erneute Lektüre der Konzilsdokumente vor dem Hintergrund unserer aktuellen Kirchensituation vorzunehmen.

Halten wir auch jetzt, auf der Schwelle in ein neues Kalenderjahr, wieder ein wenig inne und werfen einen kurzen Blick auf die derzeitige Situation der Kirche in Deutschland und in unserem Bistum.

I. Rückblick auf wichtige kirchliche Ereignisse im Jahr 2011

Blick auf die Kirche in Deutschland

Ich benenne nur einige wenige Eckpunkte, die mir wesentlich erscheinen: Mit der Kirche in Deutschland stehen wir in dem vom Vorsitzenden unserer Bischofskonferenz im vergangenen Jahr angeregten Gesprächsprozess. Ein markantes Ereignis darin war das erste groß angelegte Gesprächsforum unter dem Titel »Im Heute glauben. Wo stehen wir?« Es führte kurz vor den Sommerferien etwa 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen deutschen Diözesen, aus den Orden, den Verbänden und unterschiedlichen kirchlichen Einrichtungen in Mannheim zusammen. Nach dem Eindruck der meisten Teilnehmenden, den auch ich teile, war das Treffen geprägt von einer spürbaren Verbundenheit im Glauben, einer hohen Identifikationsbereitschaft mit der Kirche und einem freimütigen Umgang miteinander. So ist es nicht verwunderlich, dass dieses Forum weitere Erwartungen für den Fortgang des Gesprächsprozesses geweckt hat. Diese Erwartungen in ein gutes, konstruktives Miteinander zu bringen, darum wird es nun in der Folge gehen.

Aus der zweiten Jahreshälfte ragt natürlich in besonderer Weise der Besuch von Papst Benedikt XVI. in seiner deutschen Heimat hervor. Wenn es auch bereits der dritte Aufenthalt des Papstes in seiner Heimat war, so war es doch der erste offizielle Staatsbesuch und die erste Pastoralreise durch verschiedene Regionen unseres Landes. Dadurch trug die Reise auch unterschiedliche Akzente: Da waren zuerst und vor allem die festlichen Gottesdienste. Da waren die Begegnungen mit den staatlichen Repräsentanten. Darüber hinaus gab es eine Vielzahl von Begegnungen mit verschiedenen Gruppen, unter denen die Vertreter der großen Religionen und christlichen Konfessionen besonders hervorzuheben sind. So nahmen nicht nur die Katholiken, sondern eine breite Öffentlichkeit regen Anteil an diesem Ereignis.

Papst Benedikt zeigte sich durch sein Amt und seine Persönlichkeit einmal mehr als eine Gestalt, die die Schwestern und Brüder im Glauben stärkt, die über die Grenzen der Kirche hinaus fasziniert und inspiriert, aber auch durch die beiden großen Ansprachen außerhalb der Liturgie zur Diskussion anregte.

Blick auf das Bistum

Schauen wir nun auf den Weg unseres Bistums im zurückliegenden Jahr: Die Freude über die Bischofsweihe, die wir Anfang Juni feiern durften, kann ich nicht unerwähnt lassen. Mit Dr. Helmut Dieser ist nun nach zweijähriger Vakanz die Stelle eines dritten Weihbischofs in unserem Bistum wieder besetzt.

Ebenso muss ich den Weltjugendtag erwähnen. Über 500 junge Leute aus unserem Bistum machten sich auf nach Madrid, um dort mit weiteren 300 jungen Christen aus den Bistümern Luxemburg, Lüttich, Troyes und Langres an diesem weltkirchlichen Glaubensfest teilzunehmen. Besonders beeindruckt hat mich in diesen Tagen die Bereitschaft der jungen Leute, sich – trotz der spanischen Sommerhitze von rund 40 Grad im Schatten - stundenlang mit Fragen des Glaubens zu beschäftigen und Gottesdienst zu feiern. Stark berührt hat mich auch die freundliche, aufmerksame, ja zum Teil regelrecht fürsorgliche Art, in der die Weltjugendtagsteilnehmer miteinander, v.a. mit den Behinderten in der Gruppe, umgingen. Für mich liegt in der Glaubensgemeinschaft, die um die Weltjugendtage herum wächst, ein wirkliches Hoffnungspotenzial für die Zukunft (nicht nur der Kirche).

Ein entscheidendes Datum stellte dann der 1. September dar: Zu diesem Tag wurden die neuen Pfarreiengemeinschaften und Kirchengemeindeverbände gebildet. Die neuen Strukturen machen zugleich eine neue Art der Zusammenarbeit erforderlich. Ich bin mir wohl bewusst, dass diese Umstellung eine ganz erhebliche Zäsur im Leben unserer Kirchengemeinden bedeutet, zumal auch das Maß an Verantwortung, das die Gremien übernehmen, größer wird. Umso dankbarer bin ich, dass die Umstellung, die im Vorfeld mit mancherlei Ängsten und Irritationen behaftet war, aufs Ganze gesehen mit einem hohen Maß an Sachlichkeit und der spürbaren Bereitschaft, neue Wege zu gehen, angenommen worden ist.

Angesichts dieser Herausforderungen sowie der kirchlichen Stimmungslage insgesamt, die – nicht zuletzt wegen der Debatte um die Fälle sexuellen Missbrauchs - von einer stärker kirchenkritischen Öffentlichkeit mitbestimmt wird, schien der Termin für die Pfarrgemeinderatswahlen, der für das letzte Oktoberwochenende angesetzt war, denkbar ungünstig. Doch auch hier darf ich im Rückblick dankbar feststellen, dass bistumsweit größere Einbrüche bei der Wahlbeteiligung und Kandidatenfindung ausgeblieben sind. Wenn auch die Wahlbeteiligung (entgegen ersten Einschätzungen) etwas niedriger ausgefallen ist als bei den Wahlen im Jahr 2007, werden in den nächsten vier Jahren wieder rund 6.000 Frauen und Männer in den neugewählten Räten das Leben in unseren Gemeinden und Pfarreiengemeinschaften verantwortlich mitgestalten. In meinen Gesprächen während der Visitationen darf ich immer wieder erleben, mit wie viel Herzblut sich unsere Räte engagieren.

II. Wo stehen wir?

Liebe Schwestern und Brüder! Wenn ich nun über die konkreten Einzelereignisse des kirchlichen Lebens hinaus versuche, das Gesamtpanorama in den Blick zu nehmen, dann will mir scheinen, dass wir als Kirche in unserem Land, aber speziell auch in unserem Bistum in eine neue Phase eintreten. Wir leben in einer Zeit, in der bisher gegebene volkskirchliche Strukturen zerbrechen oder bereits zerbrochen sind. Was sich in den zurückliegenden Jahrzehnten bereits schleichend und unmerklich vollzog, lässt sich nicht mehr übersehen und wird massiv in Gemeinden, Gruppen und Verbänden spürbar.

[Alex Lefrank SJ ist sogar der Meinung, dass die gesellschaftlichen Voraussetzungen für die volkskirchliche Gestalt von Kirche bereits seit der Aufklärung im Schwinden begriffen sind. Vgl.: Kirche im Umbruch – Wohin soll es gehen?, in: Pastoralblatt 63 (2011), 259-266.]

Verstärkt mit den Grundinhalten beschäftigen

Angesichts der glaubensgeschichtlichen Situation, in der wir uns befinden, und nach den strukturellen Anpassungen, die wir vorgenommen haben, bzw. in Kürze im Rahmen der Kostensenkung in Angriff nehmen werden, ist es an der Zeit, dass wir uns in neuer Weise und verstärkt mit den Grundinhalten unseres Glaubens beschäftigen. Dass der Wunsch und die Bereitschaft dazu gegeben sind, aber auch die Notwendigkeit dazu besteht, wird für mich unter anderem aus folgenden Beobachtungen erkennbar:

  • Ich sehe das vielfältige Interesse, sich auf das geistliche Vorbereitungsjahr für die Heilig-Rock-Wallfahrt einzulassen: in kreativen Aktionen, in Gesprächskreisen, Recollectionen, in Exerzitien im Alltag, in der Vorbereitung von Pilgerwegen usw. Für nicht wenige Christen im Bistum Trier hat das so zentrale und zugleich sperrige Glaubenswort von der Erlösung durch das Vorbereitungsjahr einen neuen, lebendigeren Klang bekommen.
  • In Fortbildungsangeboten für Verwaltungsräte beispielsweise signalisieren die Teilnehmer, dass sie nicht nur fachliche Unterstützung für ihre ehrenamtliche Aufgabe haben wollen, sondern auch Möglichkeiten zur Vertiefung des Glaubens, um dadurch ihr konkretes Engagement besser in das größere Ganze einbringen zu können.
  • Durch die Priestergespräche, die ich in den letzten beiden Jahren in den Dekanaten geführt habe, ist mir bewusst geworden, dass die von den Priestern vielfach erbetene Unterstützung für ihren Dienst nicht bloß durch eine Entlastung im Bereich der Verwaltungsaufgaben erreicht werden kann, so richtig und wichtig dies auch ist.

    Ein wesentlicher Belastungsfaktor liegt aber in der Tatsache, dass in den größeren seelsorglichen Räumen ganz viele unterschiedliche, nicht selten widerstreitende Interessen von Gruppen und Einzelnen zu managen sind. Das kostet nicht nur die Pfarrer, sondern alle, die in der Seelsorge stehen, Kraft. Die Situation verschärft sich, je kleiner die Gruppe derjenigen wird, die das gläubige Leben vor Ort aktiv mitträgt.

    Deshalb habe ich beim diesjährigen Priestertag die Überzeugung geäußert, dass wir eine wirkliche Veränderung unserer Situation »nicht werden erreichen können, ohne eine Stärkung des Glaubensbewusstseins des Volkes Gottes im Bistum Trier insgesamt. Nur wenn wir den Menschen in den Gemeinden und Gemeinschaften unseres Bistums helfen, bewusster und froher Christen zu sein, werden wir wieder selbstgewisser und froher (Seelsorge betreiben) können. [...] Deshalb wird es für uns in den kommenden Jahren darum gehen, dass wir uns im Bistum gemeinsam unseres Christseins und Kircheseins neu vergewissern. Die großen Themen, die dazu anstehen, kennen wir. Schlagwortartig seien noch einmal genannt:

    • Wie sind wir glaubwürdige Zeugen der Botschaft Jesu Christi, so dass auch Menschen, die der Botschaft distanzierter gegenüberstehen, aufmerksam, ja neugierig auf sie werden?
    • Wie bekommen die Feier des Glaubens und das Hören auf das Wort Gottes in unseren Gemeinden wieder den zentralen Stellenwert, der ihnen eigentlich zukommt?
    • Wie schützen wir uns vor der Gefahr einer zu starken Beschäftigung mit unseren binnenkirchlichen Problemen, die uns die Kraft raubt zu dem vom Evangelium her geforderten Einsatz für den Nächsten (vgl. Lk 10,36f) in sozial-caritativem und gesellschaftlichem Engagement?
  • Ein weiteres Zeichen dafür, dass eine verstärkte Auseinandersetzung mit den eigentlichen Inhalten des Glaubens ansteht, sehe ich in dem »Jahr des Glaubens«, das Papst Benedikt XVI. ausgerufen hat. Es soll am 11. Oktober 2012, dem fünfzigsten Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils beginnen und am Christkönigssonntag 2013 enden.
  • Ich gebe ehrlich zu, dass mich diese Initiative des Papstes zunächst befremdet hat: »Der Papst ruft ein Jahr des Glaubens aus? Klingt das nicht fast so, als ob der Glaube in ›normalen‹ Jahren für den Papst und die Kirche keine Rolle spielten? Ist nicht jedes Jahr für die Kirche ein Jahr des Glaubens?«, so habe ich mich gefragt. Liest man jedoch die Begründung, die der Papst zur Ausrufung dieses Glaubensjahres gibt, dann stellt man fest, dass er die Situation ebenso nüchtern wie hellsichtig sieht.

Er schreibt: »Vom Anfang meines Dienstes als Nachfolger Petri an habe ich an die Notwendigkeit erinnert, den Weg des Glaubens wiederzuentdecken, um die Freude und die erneute Begeisterung der Begegnung mit Christus immer deutlicher zutage treten zu lassen. [...] Nun geschieht es nicht selten, dass die Christen sich mehr um die sozialen, kulturellen und politischen Auswirkungen ihres Einsatzes kümmern und dabei den Glauben immer noch als eine selbstverständliche Voraussetzung des allgemeinen Lebens betrachten. In Wirklichkeit aber besteht diese Voraussetzung nicht nur nicht mehr in dieser Form, sondern wird häufig sogar geleugnet. Während es in der Vergangenheit möglich war, ein einheitliches kulturelles Gewebe zu erkennen, das in seinem Verweis auf die Glaubensinhalte und die von ihnen inspirierten Werte weithin angenommen wurde, scheint es heute in großen Teilen der Gesellschaft aufgrund einer tiefen Glaubenskrise, die viele Menschen befallen hat, nicht mehr so zu sein.« [Motuproprio Porta fidei]

III. Heilig-Rock-Wallfahrt und synodaler Prozess: Als Pilger auf dem Weg des Glaubens

Liebe Schwestern und Brüder! Die bevorstehende Heilig-Rock-Wallfahrt gibt uns die wunderbare Möglichkeit, Seite an Seite mit all denen, die nach Trier kommen werden, die Freude und Begeisterung der Begegnung mit Christus, von der der Papst spricht, zu erneuern. Nochmals rege ich deshalb dazu an, die kommenden Monate bis zur Wallfahrt und die Wallfahrt selbst als eine Art geistliches »Exerzitium« für unser Bistum zu verstehen und sich darauf einzulassen.

Bei verschiedenen Gelegenheiten und in den diözesanen Gremien habe ich auch bereits den Gedanken geäußert, dass die Wallfahrt in gewisser Weise ihre Fortsetzung finden könnte in einem mehrjährigen synodalen Prozess in unserem Bistum. Die grundlegend positiven Rückmeldungen, die ich bisher dazu erhalten habe, ermutigen mich, diese Idee heute Abend noch einmal zu bekräftigen. Wenn auch sowohl die inhaltliche wie methodische Ausgestaltung eines solchen synodalen Prozesses noch offen sind, so ist doch nach den ersten Beratungen schon klar, dass es in diesem Prozess nicht darum gehen soll, am Ende eine Vielzahl von Positionspapieren oder Dokumenten zu produzieren, deren Umsetzung – gleich aus welchen Gründen – unrealisierbar bleibt.

Und wie auch immer der thematische Zuschnitt eines solchen Prozesses sein wird, so wird für mich ein wichtiges »Erfolgskriterium« darin liegen, ob dieser Prozess dazu beiträgt, das, was in den Sakramenten der Christwerdung (Taufe, Firmung und Eucharistie) als Gabe und Aufgabe in einen jeden von uns hineingelegt worden ist, stärker zur Entfaltung zu bringen, mit anderen Worten: nicht nur Christ zu heißen, sondern es zu sein bzw. es mehr und mehr zu werden.

Für unseren Weg des Christwerdens und -seins möchte ich abschließend ein Leitmotiv vorschlagen. Es ergibt sich wie von selbst aus dem Motiv des gemeinsamen Weges und der Einladung zur Wallfahrt. Es ist das Bild des Pilgers. In den kommenden Monaten liegt es besonders nahe. Als Pilger werden wir gemeinsam unterwegs sein, aber nicht ziellos, ins Blaue hinein, sondern auf Jesus Christus zu. Der Heilige Rock bietet uns dazu den sichtbaren Kristallisationspunkt - nicht mehr, aber auch nicht weniger. Der, von dem er spricht und auf den er verweist, lässt sich in keine Vitrine bannen. Auch dafür steht der Heilig Rock. Der unsichtbare Gott, sichtbar in unserer Welt und Zeit erschienen, bleibt doch zugleich der Unfassbare, der Geheimnisvolle. »Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater hinaufgegangen«, sagt der Auferstandene zu Maria Magdalena (Joh 20,17). Und zu den Elf im Abendmahlssaal hatte er gesagt: »Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden«(Joh 16,7).

Der Heilige Rock, ausgebreitet auf der Pilgerstraße in unserem Dom, will Zeichen dafür sein, dass der Herr uns voraus ist, uns immer voraus bleibt auf dem Weg zu Gott, dem Vater. Doch gerade indem er geht, kommt er zu uns, ist er uns im Geist sogar näher als je zuvor. So ist er nicht nur der Zielpunkt unseres Glaubensweges, sondern auch treuer Gefährte auf dem Weg.

Die Weggefährtenschaft mit ihm verbindet uns zugleich mit all denen, die seinen Namen tragen. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir den Wallfahrtsweg nicht nur als Katholiken, sondern in ökumenischer Verbundenheit mit unseren christlichen Schwesterkirchen hier in Deutschland gehen.

Der gemeinsame Pilgerweg geht nach der Wallfahrt weiter

Schon jetzt wollen wir uns als Bistumsgemeinschaft vornehmen, dass unser gemeinsamer Pilgerweg nicht mit dem letzten Wallfahrtstag am 13. Mai endet, sondern dass er durch die Wallfahrt gestärkt, weitergeht, indem wir uns neu unseres Glaubens und unseres christlichen Auftrags für diese Zeit vergewissern. Das fünfzigjährige Konzilsjubiläum, das mit dem kommenden Herbst beginnt, kann uns dabei hilfreich sein, sieht doch das Zweite Vatikanum im »pilgernden Volk Gottes« ein Schlüsselmotiv für das Verständnis Kirche insgesamt. Gleich in ihren ersten Sätzen beschreibt die große Pastoralkonstitution Gaudium et Spes die Kirche als Gemeinschaft aus Menschen, »die, in Christus geeint, vom Heiligen Geist auf ihrer Pilgerschaft zum Reich des Vaters geleitet werden und eine Heilsbotschaft empfangen haben, die allen auszurichten ist.« [GS 1. Vgl. auch Nr. 45 sowie etwa SC 8; LG 8/ 14].

Gehen wir in dieser Haltung ins Neue Jahr und erbitten dazu Gottes Segen.

Weiteres:

Die Kirche tritt in eine neue Phase ein

in der Predigt