"Die Verschiedenheit aber macht reich"

Predigt von Bischof Dr. Stephan Ackermann im Pontifikalamt zur Eröffnung des Jubiläumsjahres der Bolivienpartnerschaft am 4. Okt. 2009 im Hohen Dom zu Trier

Schriftlesungen: Gen 2,18-24/ Hebr 2,9-11/ Mk 10,2-1

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Vertreterinnen und Vertreter des öffentlichen Lebens,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir haben die Schriftlesungen gehört: Es sind die Lesungen und damit das Wort Gottes an seine Kirche, das an diesem Sonntag rund um den Erdball in Eucharistiefeiern der Katholischen Kirche verkündet wird. Ob in Santa Cruz, in La Paz, in Sucre oder hier in Trier, es sind dieselben Schriftlesungen.

Trotzdem könnte man fragen: Sind es geeignete Schriftworte für den Beginn unseres Jubiläumsjahres anlässlich 50 Jahre Bolivien-Partnerschaft? Die Problematik des Ehebruchs: Ist das wirklich geeignet für heute Morgen? Ist das ein Wort, das uns eine Perspektive mitgibt für die Feier und den künftigen Weg? Natürlich könnte man sagen: 50 Jahre, das ist so etwas wie ein Goldjubiläum, so etwas wie eine „Goldhochzeit“ Trier - Bolivien. Insofern hat das Ganze schon irgendwie mit den Lesungen der Hl. Schrift zu tun. Wir dürfen ja auf 5 Jahrzehnte treue Weggefährtenschaft zwischen Trier und Bolivien zurückschauen. Wie viel Segen ist bisher schon aus dieser Partnerschaft erwachsen! Wie viele Beziehungen sind geknüpft worden - über die Grenzen und Entfernungen der Kontinente hinweg! Wie viele Freundschaften sind entstanden in dieser Partnerschaft!

Wenn wir Partnerschaft feiern und uns in diesem Jahr ihrer neu vergewissern wollen, dann wollen wir aber nicht nur jubilieren, sondern wollen auch überlegen: Wie geht der Weg weiter? Dazu kann uns das Wort der Schrift an diesem Sonntag vielleicht mehr mitgeben, als wir beim ersten Hören vermuten würden. Denn in den Lesungen steht in der Mitte das Thema Partnerschaft. Natürlich in dieser besonders dichten Weise, wie wir Partnerschaft verstehen in der Verbindung zwischen Mann und Frau in der Ehe. Doch ich glaube, wir dürfen an diesem Morgen das, was für die Partnerschaft zwischen Mann und Frau gilt, durchaus in einigen Aspekten übertragen auf die Partnerschaft zwischen unseren Ortskirchen und Ländern.

Die Lesungen dieses heutigen Tages geben uns zwei Einsichten:

Eine Partnerschaft lebt vom Unterschied

Die erste Einsicht mag zunächst einmal relativ simpel klingen. Sie heißt: Eine Partnerschaft lebt vom Unterschied. Der Mensch, so wie wir es gehört haben aus dem Buch Genesis, ist kein Einheitswesen. Von Gott ist nicht einer wie der andere geschaffen. Vor aller persönlich individuellen Unterschiedenheit von uns Menschen ist da die Polarität von Mann und Frau. Der Mensch als ein Wesen, geschaffen von dem einen Schöpfer (vgl. die Lesung aus dem Hebräerbrief), wird nicht uniform zur Welt gebracht. Ist es nicht bemerkenswert, dass Adam, der im Paradies Ausschau hält nach einer Hilfe, die ihm entspricht, gerade nicht als Hilfe den geklonten Adam bekommt - den, der eine Eins-zu-Eins-Reproduktion seiner selbst darstellt? Das würden wir doch erwarten. Das wäre doch die Hilfe, die wirklich ganz entspricht: Der, der genauso aussieht, genauso denkt, genauso ist. Aber nein! Die Hilfe, die Adam wirklich entspricht, ist Eva: Mensch wie Adam, Geschöpf Gottes und doch verschieden. Gemeinschaft, Partnerschaft in Unterschiedenheit. Partnerschaft nivelliert nicht einfach. Einheit gibt es nur da, wo es auch die Unterschiedenheit gibt. Da, wo es nur eine uniforme Masse gibt, gibt es keine wirkliche Gemeinschaft. Da ist vielleicht enges Nebeneinander, aber nicht wirklich Gemeinschaft oder gar Einheit. Der dreifaltige Gott, der Schöpfer, macht es uns selbst vor in seiner unausdenklichen Communio, in seiner Gemeinschaft. Der dreifaltige Gott ist Gemeinschaft in der Verschiedenheit der Personen. Diese Überzeugung steht in der Mitte unseres christlichen Bekenntnisses. Wären in der Trinität nur drei Väter, es gäbe nicht den Sohn. Wären da nur drei Söhne, es gäbe nicht den Vater. Gerade weil Gott selbst in sich Verschiedenheit lebt, ist in ihm Gemeinschaft, wie wir sie uns inniger nicht vorstellen können.

Es fällt nicht so schwer, diese Erkenntnis zu übertragen auf die Partnerschaft, die wir feiern. Auch da heißt es: Partnerschaft nivelliert nicht. Partnerschaft toleriert auch nicht bloß die Unterschiede, indem man sagt: „Na gut, es ist eben so. Man muss eben irgendwie damit klar kommen.“ Nein, echte Partnerschaft wertschätzt, respektiert in dankbarer Weise Unterschiede. Bei aller Herausforderung, die das natürlich bedeutet. Die Verschiedenheit aber macht reich. Sie macht nicht arm, auch da nicht, wo wir herausgefordert sind durch die Unterschiedlichkeit von Sprache, von Geschichte und Kultur.

Wir wollen keine Kopie der Trierischen Kirche auf bolivianischem Boden. Und ich glaube, dass es für unsere bolivianischen Freunde und Partner auch sinnlos und überflüssig wäre, hier in Deutschland eine Kopie der Bolivianischen Kirche zu haben. Nein, wir wollen die Gemeinschaft in der Verschiedenheit von Kultur und Sprache, aber eben in der Gemeinsamkeit des Glaubens. Das ist die erste Einsicht.

Da, wo ich mich öffne für die Sorgen des Anderen, da gibt es eine Form von Ineinander

Und dann die zweite Einsicht. Sie knüpft an das Wort an, das Jesus den Pharisäern sagt, indem er den Schöpfungsbericht - die Genesis - aufgreift und sagt: Frau und Mann, die beiden werden nicht mehr zwei sein, sondern sie werden eins sein. Ein Fleisch werden sie. „Ein Fleisch werden“ ist für uns Menschen der innigste Ausdruck für Einheit, von Intimität. Aber recht besehen, verspricht dieser Satz etwas, das er nicht halten kann: Wir Menschen werden nicht ein Fleisch. Wir kommen aus unserer Haut nicht heraus, sagt der Volksmund, und er hat Recht. Weiter kommen wir nicht. Wirkliche Einheit, ein wirkliches Mit-, ja Ineinander wird da möglich, wo wir ein Geist werden. Wehe der Beziehung, die nur ein Fleisch ist, in der es keine geistige Gemeinsamkeit gibt! Erst da, wo wir einander erzählen von unserer Geschichte, wo ich vom anderen höre, wo das, was der andere mir sagt, von mir aufgenommen wird, geht der Andere in gewisser Weise in mich ein, mit seiner Geschichte, mit seinen Überzeugungen, mit seinen Sorgen. Da, wo ich mich öffne für die Sorgen des Anderen, da gibt es eine Form von Ineinander. Der Andere lebt in mir mit dem, was er mit mir teilt.

Aber wir sind eben Menschen, das heißt Wesen aus Fleisch und Blut. Wir sind nicht reiner Geist. Und deshalb braucht es auch das Andere, braucht es auch die räumliche Nähe, das konkrete Miteinander, braucht es ein Kennen von Angesicht zu Angesicht. Auch die Partnerschaft zwischen unseren Kirchen braucht die konkrete Begegnung; braucht die Erfahrung einander zu kennen, einander zu erzählen, mitzubekommen, wo und wie leben unsere Partnerinnen und Partner. Und dann wächst auch die innere, die geistige Einheit über die geographische Entfernung der Kontinente hinweg. Und sie wächst weiter, wenn wir uns nicht sehen.

Aber noch einmal: Es braucht beides. Das Wort „Fleisch“, so wie es in den Lesungen dieses Tages verstanden ist, ist positiv gemeint. Das heißt: Wir Menschen haben die Möglichkeit konkreter Begegnung des Miteinanders. Wir haben aber auch die Notwendigkeit, „fleischlich“, das heißt: konkret, sinnenfällig einander nahe zu sein.

Ein großes Erntejahr

Liebe Schwestern und Brüder,
in vielen Gemeinden unseres Bistums wird an diesem Sonntag das Erntedankfest gefeiert. Mit dem Jubiläumsjahr, das wir beginnen, beginnt auch so etwas wie ein großes Erntejahr unserer Partnerschaft zwischen Trier und Bolivien, und auch zwischen Hildesheim und Bolivien. Es beginnt ein großes Erntejahr, in dem wir danken wollen für die Früchte, die gewachsen sind durch die Gnade Gottes, in dem wir aber auch danken wollen für den Einsatz der Vielen, die sich engagiert haben und engagieren, die zum Teil regelrecht ihr Leben gegeben haben in dieser Partnerschaft.

Wenn wir die eucharistischen Gaben zum Altar bringen, dann danken wir immer für die Früchte der Erde und des menschlichen Einsatzes. Wir wollen dankbar sein, und wir wollen unsere Bereitschaft erneuern zum weiteren Einsatz in dieser Partnerschaft. Und schließlich wollen wir darum beten, dass die Früchte, die auch weiter aus dieser Partnerschaft erwachsen, uns nicht nur menschlich gut tun und bereichern (was schon sehr viel ist). Nein, wir wollen darum bitten, dass auch das geschieht, was in jeder Eucharistiefeier auf dem Altar geschieht: Dass diese Gaben, die wir bringen, schon etwas sind vom Vorgeschmack der neuen Welt des Reiches Gottes, der Familie, der Menschheit, die versöhnt ist mit Gott und untereinander. Amen

Weiteres:

Die Verschiedenheit aber macht reich

in der Predigt