Es ist Zeit, wieder zu einer Synode zusammenzukommen...

Predigt von Bischof Stephan Ackermann am Hochfest Petrus und Paulus, 29. Juni 2012 im Trierer Dom

Schriftlesungen: Apg 3,1-10/ Gal 1,11-20/ Mt 16,13-19)


Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wenn wir heute abend mit diesem festlichen Gottesdienst das Patronatsfest unseres Domes und der Stadt Trier feiern, dann geht unser Blick vor allem auf Petrus, den Sprecher des Zwölferkreises, dem Jesus in besonderer Weise seine Kirche anvertraut hat. In der Liturgie und in der Heiligenverehrung der Kirche wird aber am 29. Juni nicht nur Petrus gefeiert, sondern mit ihm zusammen Paulus, der Völkermissionar. Weil beide in Rom ihre Gräber gefunden haben, werden sie auch beide gemeinsam verehrt.

Petrus und Paulus: Umarmung und Segen

Eine alte Überlieferung sagt, die beiden Apostel seien sich auf ihrem Weg zum Martyrium in der Nähe der heutigen Basilika St. Paul vor den Mauern noch einmal begegnet. Sie hätten sich umarmt und gegenseitig gesegnet. Dieses Motiv hat auch Eingang gefunden in die christliche Bildkunst: Die brüderliche Umarmung der Apostel Petrus und Paulus. Das Neue Testament weiß davon zwar nichts, aber wir dürfen davon ausgehen, dass sich Petrus und Paulus mehrfach begegnet sind. Von der ersten Begegnung haben wir in der Lesung aus dem Galaterbrief gehört: Es war drei Jahre nach der Bekehrung des Paulus. Damals ging er nach Jerusalem, um Petrus-Kephas, die Autorität der christlichen Urgemeinde, kennenzulernen.

Erstaunliche Verbindung

So alt die Tradition der gemeinsamen Verehrung von Petrus und Paulus nun schon ist, so erstaunlich ist sie doch. Denn hier werden zwei sehr unterschiedliche Persönlichkeiten miteinander verbunden: Petrus, der einfache Fischer vom See Gennesaret und Paulus, der Intellektuelle mit römischem Bürgerrecht; Petrus, Zeuge der ersten Stunde und »erster« der Apostel, wie er genannt wird, und dagegen Paulus: derjenige, der Jesus während seines irdischen Wirkens nie kennengelernt hat und der von sich selbst sagt, eigentlich sei er es nicht wert, Apostel genannt zu werden, denn schließlich sei er der Letzte, dem sich der Auferstandene geoffenbart habe (vgl. 1 Kor 15,8f). Und doch weiß Paulus sich durch diese Berufung den Erstberufenen ebenbürtig. Denn selbstbewusst schreibt er an die Christen in Korinth: »Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin« (1 Kor 15,10).

Spannung und Spannweite der Kirche

In den Heiligen des heutigen Hochfestes wird in gewisser Weise die ganze Spannweite der Kirche verkörpert. In dieser Spannweite zwischen Petrus und Paulus haben viele Platz. Die Kirche braucht beide Persönlichkeiten: Nur »Petrus-Typen« wären zu wenig, aber auch nur »Paulus-Typen«.

»Warum braucht Paulus Petrus?«, fragt der Bibelexperte Thomas Söding: »Weil die Kirche nicht vor Damaskus, sondern in Galiläa angefangen hat. Warum braucht Petrus Paulus? Weil die Kirche nicht nur in Jerusalem bleiben konnte, sondern bis nach Rom und ans Ende der Welt kommen musste. Die Kirche braucht die Petrusgeschichten, weil sie die Erinnerungen an Jesus braucht; sie braucht aber auch die Paulusgeschichten, weil sie Kraft des Neuanfangs braucht und den Geist der Reform« (T. Söding in: Bilder-CiG Nr. 39/2011, 439).

Paulus verkörpert somit in der Kirche das Missionarische, den Drang zum Neuaufbruch. Petrus steht dagegen vor allem für die Rückbindung an den Ursprung der christlichen Botschaft und die Autorität derer, die Jesus in seinem Lehren und Wirken von Anfang an begleitet haben.

Charismen, die einander ergänzen

Wie sehr diese beiden unterschiedlichen Charismen und Aufträge, für die Petrus und Paulus stehen, sich in der Kirche ergänzen, zeigt sich bei dem, was man später als Apostelkonzil bezeichnet hat. Dort sind sich Petrus und Paulus das zweite Mal in Jerusalem begegnet. Den Anlass für die Versammlung der Apostel gab die überraschende Erfahrung, wie aufgeschlossen auch Heiden für die Botschaft Jesu Christi sind, ja, dass sie nicht selten sogar empfänglicher dafür sind als die Juden. Paulus und Barnabas müssen auf ihren Missionsreisen immer wieder darüber staunen, wie sehr Menschen, die nicht in den Glauben Israels hineingeboren und in ihm verwurzelt sind, von Jesu Wort und Geist erfüllt werden und sich bekehren. Diese Erfahrung stellte die Apostel vor die Frage, ob man nicht sozusagen auf direktem Weg Christ werden könne, ohne den »Umweg« über das Judentum, richtiger gesagt: ohne auf die Tora, das jüdische Gesetz verpflichtet zu werden. Die Apostel selbst – Paulus eingeschlossen - waren ja schließlich darin noch groß geworden. Als Paulus diese heikle Frage der Versammlung vorlegt, ist es Petrus, der dem Paulus zu Hilfe kommt. Er selbst hatte nämlich schon eine ganz ähnliche Erfahrung im Haus eines heidnischen Soldaten gemacht (vgl. Apg 10,23b-48). Deshalb sagt er: »Gott hat längst die Entscheidung gefällt ... Denn er hat den Heiden denselben Geist gegeben wie uns« (vgl. Apg 15,7f). Daraufhin beschließen die Apostel, dass die Heiden – von minimalen Auflagen abgesehen – von der Befolgung des Gesetzes frei bleiben. Durch diese mutige Entscheidung verließ der Glaube an Jesus Christus den Status einer innerjüdischen Sekte und konnte zu einer Weltreligion werden.

Konflikte zwischen den beiden Aposteln

Aus dem Galaterbrief wissen wir, dass es zwischen den beiden Aposteln nicht immer so einvernehmlich zuging wie in Jerusalem: Als Petrus bei einem Besuch in der Gemeinde von Antiochia unter dem Druck einer konservativen Gruppe wieder wankelmütig und gesetzlich-eng wurde, hat Paulus ihn deswegen offen kritisiert (Gal 2,11-16).

Die Spannung, die in diesem Beispiel deutlich wird, begleitet die Kirche bis auf den heutigen Tag: Da ist einerseits der Impuls, überkommene Grenzen auf Neues hin zu überschreiten, und andererseits die Treue zum Ursprung und zum Überlieferten. Gerade diese Spannung macht aber einen ganz wesentlichen Teil der Lebendigkeit der Kirche aus, soll sie doch die ihr ein für alle Mal anvertraute Botschaft immer wieder neu in die wechselnden Gegebenheiten von Welt und Geschichte hinein übersetzen. Wie sehr das auch für unsere Zeit gilt, muss ich nicht eigens betonen. Alle, denen das Evangelium und die Kirche am Herzen liegen, wissen um die großen Herausforderungen, in die wir hineingestellt sind mit dem Auftrag, glaubwürdige Zeuginnen und Zeugen Jesu Christi zu sein.

Der heutige Festtag mag uns insofern beruhigen, als er uns daran erinnert, dass Herausforderungen und Spannungen, ja auch Auseinandersetzungen die Kirche von Anfang begleiten und zu allen Zeiten um den richtigen Weg der Glaubensgemeinschaft gerungen werden muss.

Ein geeigneter Tag, eine Synode auszurufen

Das Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus ist deshalb aber auch ein geeigneter Tag, um bekannt zu geben, dass ich mich nach Beratung mit verschiedenen Gremien und nach Anhörung des Priesterrates dazu entschlossen habe, eine Diözesansynode durchzuführen. Seit den ersten Jahrhunderten werden Synoden auf verschiedenen Ebenen der Kirche abgehalten. Sie sind ein besonderes Instrument intensiver gemeinsamer Beratung der Bischöfe mit dem Papst und untereinander sowie mit dem ganzen Volk Gottes.

Gemeinsame Wege im Bistum

In unserem Bistum haben wir in den letzten Jahren einschneidende Veränderungen in den Strukturen und in der Organisation auf den Weg gebracht. Und vor kurzem haben wir als großes Glaubensfest die Heilig-Rock-Wallfahrt feiern können mit vielen Pilgerinnen und Pilgern aus unserem Bistum und weit darüber hinaus. Sowohl bei den notwendigen Strukturveränderungen als auch bei der Heilig-Rock-Wallfahrt haben wir auf eine breite Beteiligung der Gläubigen im Bistum gesetzt und sind dabei nicht enttäuscht worden. Im Gegenteil: Unser gemeinsames Bewusstsein als Christen im Bistum Trier wurde gestärkt.

Neue inhaltliche Vergewisserung

Zugleich spüren wir aber auch, dass es darüber hinaus einer intensiven inhaltlichen Vergewisserung bedarf über die Fragen: Wie wollen wir persönlich und gemeinsam unseren Weg des Glaubens im Bistum Trier gehen in den sich rasant ändernden Rahmenbedingungen des 3. Jahrtausends? Wie können wir uns neu inspirieren lassen von der Botschaft Jesu Christi, damit sie unser Leben noch stärker prägt? Oder noch einmal anders - in der Sprache der Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. - gefragt: Wie können wir uns in neuer und vertiefter Weise evangelisieren lassen und evangelisierend wirken?

Im Oktober beginnt die Zeit, die dem besonderen Gedenken des II. Vatikanischen Konzils gewidmet ist, der großen synodalen Versammlung der Bischöfe der Welt, die genau vor 50 Jahren begonnen hat. Die letzte Diözesansynode im Bistum Trier liegt noch weiter zurück. Sie fand unter Bischof Matthias Wehr im Jahr 1956 statt. Nach dem Konzil haben die deutschen Bistümer bekanntlich eine gemeinsame Synode abgehalten, die nach ihrem Tagungsort die »Würzburger Synode« genannt wird. Sie fand zwischen 1971 und 1975, also vor 40 Jahren, statt. In ihr ging es vor allem um die Umsetzung der Beschlüsse des II. Vatikanums in Deutschland.

Zeit, wieder zusammenzukommen - und dafür zu beten

Liebe Schwestern und Brüder! Ich meine, es ist an der Zeit, in unserem Bistum wieder zu einer Synode zusammenzukommen. Wesentlich für das Gelingen der Diözesansynode wird allerdings eine intensive Vorbereitung sein. Das hat uns auch die Heilig-Rock-Wallfahrt gezeigt. Dass sie so viele Menschen angezogen und im Innersten berührt hat, war auch Frucht der sorgfältigen Vorbereitung.

Deshalb darf ich mit der heutigen Ankündigung der Synode zugleich die herzliche Bitte verbinden, den Vorbereitungsweg auf die Synode zu mit Ihrem Gebet zu begleiten, damit wir in petrinischer Treue zum Ursprung und zur Kirche als ganzer und zugleich mit paulinischem Freimut gestärkt auf dem Weg des Glaubens in unserem Bistum weitergehen. Amen.

Weiteres:

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in der Predigt