Bischof Stephan am Tag der Diakone 2014

Evangelisierung braucht eigentlich keinen "Auftrag"

Liebe Mitbrüder im diakonalen Dienst, liebe Ehefrauen unserer Diakone,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Wir haben uns an diesem Tag intensiv mit der Frage nach einer evangelisierenden Kirche beschäftigt und dabei auch die Frage gestellt, wie in ihr der Beitrag des Diakons aussieht. Nun ist der Begriff „evangelisierende Kirche“ eigentlich ja so etwas wie ein „weißer Schimmel“. Denn die Kirche ist nicht Kirche, wenn sie nicht evangelisiert, d. h, wenn sie nicht das Evangelium von Jesus Christus bezeugt. Schon Papst Paul VI. hat in Evangelii nuntiandi, seinem großen Schreiben über die Evangelisierung in der Welt von heute, klar festgehalten: „Evangelisieren ist … die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren“ (EN 13). Aus dieser Berufung heraus wird die Kirche geradezu „geboren“ (EN 15). Insofern stellt sich nicht die Frage, ob und wann die Kirche evangelisierend tätig sein kann oder soll. Wenn sie es nicht ist, ist sie nicht Kirche Jesu Christi.

Evangelisierung braucht eigentlich keinen Auftrag

Denn der Auftrag Jesu ist klar, wir haben es gerade im Evangelium gehört. Das letzte Wort des Auferstandenen vor seiner Himmelfahrt lautet: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“ (Mk 16,15). Über diesen sogenannten Sendungsbefehl Jesu wollen wir aber nicht vergessen, dass der erste Impuls, das Evangelium zu verkünden, etwas so Ursprüngliches ist, dass er gar keines Auftrages bedarf. Denken wir nur an die Begegnung der ersten Jünger mit Jesus, so wie sie der Evangelist Johannes schildert: Einer der beiden ist Andreas. Er geht nach dieser Begegnung unmittelbar zu seinem Bruder Simon und sagt zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden.“ Und dann führt er ihn zu Jesus (Joh 1,41f). Oder denken wir an die Menschen, die von dem erzählen, was sie mit Jesus erlebt haben, und die sich darin nicht stoppen lassen, obwohl er selbst es ihnen verbietet (vgl. Mk 7,36). Und nach Ostern bekennen Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat, dass sie unmöglich von dem schweigen können, was sie gehört und gesehen haben (Apg 4,19f).

Wir teilen mit anderen, was uns gut tut

Wer wirklich Jesus begegnet ist, wer von seiner Botschaft getroffen wurde, der kann nicht anders, als selbst zu einem Boten des Evangeliums zu werden. Das entspricht übrigens einem ganz natürlichen Impuls, der in uns Menschen hineingelegt ist: Wenn wir auf etwas stoßen, das uns gut tut, das unseren Horizont erweitert, unser Leben bereichert etc., dann teilen wir dies in aller Regel anderen Menschen mit. Wir sagen etwa: „Dieses Buch musst du lesen! Diesen Film musst du gesehen haben! Oder vielleicht sogar auch: Das ist eine neue Pizzeria, toll, da müsst ihr mal hingehen!“ Mögen die Dinge nicht einmal sehr tiefgründig sein, wenn sie uns begeistern, dann entwickeln wir einen regelrechten „Missionseifer“, um anderen davon zu erzählen und sie zu bewegen, es uns nachzutun. Warum tun wir uns im Glauben damit oft so schwer? Etwa deshalb, weil wir nicht wirklich davon überzeugt sind, dass das Evangelium frohe Botschaft, ja die beste Botschaft für jeden Menschen ist? Das muss uns nachdenklich machen.

Also: Evangelisieren ist ein Urimpuls derer, die Jesus und seiner Botschaft begegnen und sich davon berühren lassen. Aber es ist eben nicht nur ein unmittelbarer Impuls, sondern auch der klare Auftrag Jesu. Doch der Auftrag ist eigentlich erst das Zweite. Er ist sekundär. Das bedeutet nicht, dass er unwichtig wäre! Im Gegenteil: Als solche, die Jesus Christus begegnet sind, denen er seine Botschaft anvertraut hat, stehen wir in einer Verantwortung. Denken wir an die große Rede vom Endgericht in Mt 25, in der sich Jesus als Richter identifiziert mit den Geringsten, d. h. mit denen, die Durst haben und Hunger, die krank sind und gefangen (VV. 31-46). Jemand hat einmal treffend gesagt: Am Ende wird der Herr denen, die er wegschickt, nicht nur sagen: „Ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben.“ Vielleicht wird er auch sagen: „Ich war hungrig nach Sinn, und ihr habt mir diesen Hunger nicht gestillt, obwohl ihr es mit dem Evangelium hättet tun können“…

Achtsamkeit: Was will & braucht der / die Andere?

Damit werden wir noch auf einen zweiten Aspekt gestoßen. Zum Evangelisieren gehört nämlich nicht nur die Begeisterung für das Evangelium und das Sich-dem-Auftrag-verpflichtet-Wissen, sondern auch der Blick und die Sensibilität für den Anderen. Auch Jesus selbst schaut und hört doch zuerst immer auf die Menschen, die ihm begegnen. Die beiden Jünger, die ihm nachgehen, fragt er: „Was wollt ihr?“ (Joh 1,38). Und so macht er es immer wieder auch mit den Kranken: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ (vgl. Mk 10,51/ Joh 5,6). Und immer wieder ist die Rede davon, dass Jesus Menschen, die zu ihm kommen, intensiv ansieht (vgl. z. B. Mt 9,2/ Mk 3,5; 6,34; 10,21/ Lk 5,20), mit ihnen spricht und ihnen dann das Wort gibt, das sie brauchen.

Evangelisieren setzt eine hohe Aufmerksamkeit auf diejenigen voraus, denen ich das Evangelium in Wort und Tat bezeuge. Es gibt nämlich auch einen Evangelisierungseifer und eine -begeisterung, die Menschen zurückschrecken lassen, die nicht überzeugen, die fehl am Platz sind. Wahrscheinlich hat es jeder von uns schon erlebt: Jemand überfällt mich regelrecht mit seinem Glaubenseifer. Oder: Jemand kann sich überhaupt nicht zurückhalten, anderen immer wieder sein eigenes Bekehrungserlebnis zu erzählen, ohne sensibel dafür zu sein, ob das Gegenüber dafür überhaupt offen ist oder nicht… Um evangelisierende Kirche im Sinne Jesu Christi zu sein, braucht es die Gabe der Aufmerksamkeit für den Anderen und die feinfühlende Unterscheidung, was wann „dran“ ist. Es geht eben nicht bloß darum, die Botschaft auszurichten, ohne Rücksicht auf die Situation und die Umstände, in denen mein Gegenüber sich befindet. Nein, wir wollen den Menschen die Botschaft Jesu so verkünden, dass sie für den Anderen Frohe Botschaft werden kann.

Verkündigung in Taten und (wo nötig) in Worten…

Was ist nun der Beitrag des Diakons in einer evangelisierenden Kirche? Wahrscheinlich liegt er darin, besonders sensibel zu sein für die Menschen, denen er begegnet, d. h. die Augen offenzuhalten, mitzuhelfen, dass die Botschaft nicht über die Köpfe hinweg und unabhängig von den Menschen und ihren Sehnsüchten verkündet wird. Das heißt auch, genau hinzuschauen, ob möglicherweise zunächst ein anderer, viel elementarerer Hunger gestillt werden muss als der seelische Hunger ist. Der Bericht über die Wahl der Sieben erinnert uns daran: Es braucht beides, den Dienst an den Tischen, d. h. den Einsatz für die ganz konkreten Bedürfnisse der Menschen, und den Dienst am Wort. Wichtig ist, aufmerksam darauf zu achten, was jeweils richtig und notwendig ist.

Papst Franziskus hat ja schon mehrmals seinen Namensvetter, den heiligen Franziskus, zitiert mit einem Satz, den dieser seinen Mitbrüdern mitgegeben hat: „Geht, verkündet das Evangelium, und sollte es nötig sein, auch mit Worten!“ (vgl. etwa Predigt in der Basilika St. Paul vor den Mauern am 14. April 2013). Zunächst ist damit natürlich gesagt, dass - mehr als alle Worte - bei der Verkündigung des Evangeliums das Zeugnis des eigenen Lebens zählt. In sehr vielen Situationen wird das Zeugnis ohne Worte ohnehin das einzig Mögliche sein. Aber es gibt eben auch die Situationen, in denen es darauf ankommt, das Evangelium mit klaren Worten zu verkünden, damit Menschen es tiefer kennen- und verstehen lernen.

Unterscheiden, was jetzt am meisten hilft

Es braucht für die Evangelisierung also nicht nur die Begeisterung. Es braucht auch mehr als Verantwortungssinn für den Auftrag, den uns der Herr gegeben hat. Es braucht die Gabe der Unterscheidung dafür, was jeweils am meisten hilft. Bitten wir um Bestärkung und Erneuerung in all diesen drei Qualitäten: Begeisterung, Verantwortungssinn und der Gabe der Unterscheidung. Amen.

Weiteres:

Evangelisierung als Urimpuls

in der Predigt