Fürchtet Euch nicht!

Predigt von Bischof Stephan Ackermann zur Priesterweihe am 9. Juli 2011

 Schriftlesungen: Gen 49,29-33; 50,15-26a/ Mt 10,24-33

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Seelsorge,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Eltern und Verwandten unserer Weihekandidaten,
vor allem: liebe Weihekandidaten selbst!

Sie, liebe Weihekandidaten, haben sich keine besonderen biblischen Texte für diesen Weihegottesdienst ausgesucht, sondern haben es bei den Schiftlesungen belassen, die auf den heutigen Samstag fallen. Von diesen Lesungen her wollen Sie sich ein Wort der Ermutigung und der Richtungsweisung für Ihren künftigen Dienst als Priester geben lassen. Man muss nicht lange suchen, um ein solches Wort zu finden. Denn es gibt einen Satz, der taucht in beiden Texten auf, sowohl in der Geschichte um Josef und seine Brüder, als auch in den Worten Jesu an seine Apostel. Es ist die Aufforderung Fürchtet euch nicht! (Gen 50,18; Mt 10, 26.28.31). Im Evangelium fällt der Satz gleich drei Mal. Offensichtlich war es Jesus wichtig, die Apostel zu ermutigen und ihr Vertrauen zu bestärken.

Bestärkung der Jünger Jesu Christi braucht es auch heute und erst recht für diejenigen, die sich mit ihrem ganzen Leben und unwiderruflich in den Dienst der christlichen Botschaft stellen. Nicht zuletzt deshalb feiern wir so festlich die Liturgie der Priesterweihe. Die Festlichkeit des Weihegottesdienstes (wie auch der Primizen) kann und will aber auch nicht die Fragen übertönen, die einen beschleichen und die einem das Herz beben lassen können. Sie, liebe Presbyterandi haben sich in den Jahren des Studiums und der Vorbereitung mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Sie stolpern heute morgen nicht blauäugig in irgendein Abenteuer. Niemand marschiert unüberlegt und wie selbstverständlich zum Weihealtar. Vielleicht liegt heute morgen das Bangen eher auf der Seite Ihrer Angehörigen und Freunde. Vielleicht sind sie es, die der ermutigenden Aufforderung bedürfen Fürchtet euch nicht!

Denn natürlich fragt man sich als wacher Zeitgenosse: Wie wird das mit der Kirche in unserem Land in den nächsten Jahrzehnten weitergehen? Auf wieviel Kritik, auf wieviele Umwälzungen wird sie – und damit alle, die in ihr ein Amt innehaben - sich noch einstellen müssen? Wird die Kirche weiter an Ansehen und Rückhalt bei den Menschen verlieren? Das alles sind Fragen, die in dem Gesprächsprozess, den wir Bischöfe initiiert haben und der gestern mit einer Auftaktveranstaltung in Mannheim begonnen hat, eine Rolle spielen. Und wie wird es mit unseren drei Mitbrüdern Weihekandidaten selbst sein: Werden sie die vielfältigen Herausforderungen, die auf sie zukommen werden, meistern? Werden sie in der Lebensform als Priester froh werden? Werden sie die Versprechen, die sie gleich ablegen, einlösen können? Schwestern und Brüder, die Fragen zeigen, dass Worte der Ermutigung heute durchaus angebracht sind. Wie vertreibt nun Gott die Angst derer, die sich ihm anvertrauen? Schauen wir dazu noch einmal näher auf die beiden biblischen Texte.

Um den Abschnitt aus dem Buch Genesis richtig zu verstehen, müssen wir uns noch einmal kurz die Geschichte von Josef in Erinnerung rufen: Josef war der Liebling seiner Eltern. Aber nicht nur das: Auch er selbst fühlte sich als etwas Besonderes. Deshalb waren seine Brüder neidisch auf ihn; sie begannen, ihn zu hassen und beschlossen, ihn zu töten. Schließlich schrecken sie doch vor dem Äußersten zurück und verkaufen ihn an eine Händlerkarawane. So wird Josef nach Ägypten verschleppt. Aufgrund seiner Talente aber, vor allem seiner Begabung, Träume zu deuten, steigt er zum Verwalter des ägyptischen Reiches auf, wird zum mächtigsten Mann nach dem Pharao. Als eine Hungersnot ausbricht, die auch in seiner Heimat Kanaan wütet, ziehen Josefs Brüder nach Ägypten, um dort Brotgetreide zu kaufen. Josef erkennt seine Brüder wieder, gibt sich ihnen aber nicht direkt zu erkennen. Erst später enthüllt er seinen Geschwistern seine Identität, und die Familie findet wieder zusammen. So zieht auch der Vater Jakob in seinem hohen Alter nach Ägypten und stirbt dort. Hier setzt die Lesung, die wir gehört haben, ein: Als Jakob stirbt, haben die Brüder Angst, dass Josef sich nun, da der Vater tot ist, an ihnen rächen könnte. Doch Josef reagiert anders. Er sagt »Fürchtet euch nicht! Ihr habt zwar Böses im Sinn gehabt, aber Gott hat daraus Gutes gemacht. Er hat das Unrecht, das ihr mir angetan habt, zum Segen werden lassen für viele Menschen« (vgl. Gen 50,20f).

Gott vertreibt durch den Mund des Josef die Angst der Menschen, indem er die Perspektive des Glaubens anbietet. Wer glaubt, darf die Erfahrung machen, dass selbst das, was zunächst aussieht wie pures Unglück, purer Schmerz, pures Scheitern, sich wenden kann in Segen und Glück. In der Rückschau enthüllt sich die Unglücksgeschichte des Josef als Heilsgeschichte, in der mehr Segen liegt als geahnt. Freilich braucht die Perspektive des Glaubens oft den langen Atem des Glaubens; sie braucht die Hoffnung, die darauf setzt, dass Gott es wirklich gut mit uns meint.

Perspektive des Glaubens öffnen

Liebe Weihekandidaten, wir wünschen Ihnen, dass Sie als Priester diesen langen Atem des Glaubens haben und nicht verlieren. Zugleich wünschen wir Ihnen, ja ich bitte Sie darum, dass Sie den Menschen, zu denen Sie gesandt werden, diese Perspektive des Glaubens eröffnen. Diese Perspektive ist nämlich nicht nur die Perspektive des alttestamentlichen Josef, sondern sie ist ganz und gar christlich, ist österlich. Es ist die Perspektive des »dritten Tages«: Dass Jesus zum Tod verurteilt wird und stirbt, war menschlich gesehen das schlimmste Unglück, das passieren konnte. Vom dritten Tag her, von der Auferstehung her kehrt sich die Perspektive um. So wird das, was geschehen ist, zum Segen nicht nur für Jesus, sondern für das Geschick der ganzen Welt.

Liebe Schwestern und Brüder, schauen wir nun also auf Jesus selbst, für den der alttestamentliche Josef, der von seinen eigenen Brüdern verraten und verkauft wurde, ja irgendwie eine Vorahnung war. Wie Josef sagt Jesus zu seinen Aposteln Fürchtet euch nicht! Doch seine Begründung ist eine andere als die des Josef. Eigentlich sind es sogar drei Begründungen, die Jesus anführt gegen die Angst. Zwei davon können wir unmittelbar nachvollziehen: Fürchtet euch nicht vor denen, die euch Böses tun. Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird(Mt 10,26). M.a.W.: Das Unrecht wird nicht ewig siegen, sondern die Wahrheit wird ans Licht kommen. Und ein zweites Argument, das uns noch beruhigender scheint als das erste: »Kein Spatz fällt zur Erde, ohne den Willen eures Vaters. Ihr seid mehr wert als viele Spatzen. Deshalb fürchtet euch also nicht!« (Mt 10,29ff).

Zwischen diesen beiden Gründen, die Jesus zur Beruhigung anführt, nennt er aber noch einen anderen Grund. Er sagt: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch vor dem, der Seele und Leib ins Verderben der Hölle stürzen kann(Mt 10,28). Ist das ein gutes Wort? Soll das beruhigend sein? Wird hier nicht eine Furcht eingetauscht gegen eine andere und die Hörer kommen vom Regen in die Traufe? Nein. Denn Furcht ist nicht gleich Furcht. Die Furcht, zu der uns Jesus auffordert, ist etwas anderes als die ängstliche Furcht, die um sich selbst kreist; ist etwas anderes als Existenzangst. Die Furcht, zu der Jesus uns auffordert, ist die Ehrfurcht vor dem lebendigen Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde, die Furcht vor dem, der alles ins Dasein gerufen hat, die Furcht vor dem, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden. Vor ihm sollen wir uns nicht ängstigen, aber wir sollen ihm mit Ehrfurcht begegnen. Dann gewinnen wir die rechten Maßstäbe für unser Menschsein.

Wie dies konkret geht, haben Menschen in der Begegnung mit Jesus erfahren. Immer wieder ist ja vom Staunen und der Furcht der Menschen die Rede, die Jesu Worte hörten und seine Taten sahen, und sagten: »Hier spricht einer ganz anders als die Schriftgelehrten. Hier spricht einer mit unerhörter Vollmacht« (Mk 1,22.27). Das heißt: Hier spricht einer das Wort, das in die Herzmitte meines Lebens trifft. Hier sagt einer die Wahrheit. Hier zeigt einer, worauf es wirklich ankommt. Das zu spüren, ist in der Regel beglückend und erschreckend zugleich. Wenn ein Mensch nämlich der Wahrheit seines Lebens begegnet, kommt er an dieser Wahrheit nicht vorbei. Andernfalls läuft er Gefahr sein Leben zu verfehlen. Wo jemand aber an sich selbst vorbeilebt, nimmt auch seine Seele Schaden. Denn sie ist die innerste Mitte des Menschen und sein Beziehungspunkt zu Gott. Wo dagegen jemand das Glück hat, Gott und seiner Wahrheit zu begegnen und sie ergreift, wird er Selbstvertrauen und Freiheit gewinnen.

Die Wahrheit finden

Liebe Weihekandidaten, mit Ihrem Dienst als Priester, vor allem als Verkündiger, sollen Sie den Menschen helfen, die Wahrheit zu finden. Sie sollen – einfacher gesagt – den Menschen, denen Sie begegnen werden, helfen zu erkennen, worauf es wirklich ankommt, was zählt und was bleibt, was in diesem Sinne unsere ganze Ehrfurcht verdient und worum wir uns nach Kräften bemühen sollen. Wenn Sie sich gleich zur Allerheiligenlitanei flach auf den Boden ausstrecken, dann machen Sie ohne Worte deutlich, wem allein solche Ehrfurcht zukommt. Sie liegen ausgestreckt vor dem allmächtigen Gott, nicht weil er uns angstvoll kriechend vor sich sehen will, sondern in der Hoffnung, von ihm ganz neu und wirklich auf die Füße gestellt zu werden, um festen Stand zu haben für Ihren Dienst, ja für Ihr ganzes Leben. Denn das ist unsere Überzeugung: die Gottesfurcht vertreibt die Menschenfurcht. Das heißt nicht, dass Priester mit dem Zeitpunkt Ihrer Weihe von jeglichen Ängsten befreit wären. Beileibe nicht. Es gibt genügend Situationen, vor denen einem mulmig ist als Priester, auch als Bischof: Das mag ein schwieriges Gespräch sein. Das mag eine Predigt sein; ein Konflikt, dem man nicht ausweichen kann ... Jesus verspricht seinen Jüngern nicht totale Angstfreiheit. Doch er will, dass wir frei sind von der menschlichen Ur-Angst, die vor allem Angst um sich selbst ist. Anschauliche Beispiele dafür sind übrigens die sechs Priester, die in diesem Jahr in unserem Land seliggesprochen wurden: In der Zeit der Hitlerdiktatur hat ihr Glaube sie mit einem Mut und einer Freiheit ausgestattet, die selbst dem sicheren Tod trotzte. Die Märtyrerpriester sagen uns: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können.

Kein Priester muss heutzutage in unserem Land wegen seines Glaubens um Leib und Leben fürchten. Umso mehr brauchen wir, brauche ich als Bischof Priester, die keine Angst haben: keine Angst, von sich weg auf die Menschen zuzugehen, auch auf diejenigen, die uns distanziert oder gar misstrauisch gegenüber stehen; die keine Angst haben vor ungewohnten Situationen, vor Veränderungen und Herausforderungen; keine Angst haben, andere an ihrem Auftrag zu beteiligen; etwas zu wagen; keine Angst haben, Ängste zuzugeben und dazuzulernen. Liebe priesterliche Mitbrüder, Jesus sagt uns allen (nicht nur den Weihekandidaten) heute: Fürchtet euch nicht! Habt keine Angst! Denn Angst macht eng. Angst ist ein schlechter Ratgeber. Angst ist keine Frucht des Geistes Gottes. Angst führt in Exil und Gefangenschaft.

Liebe Presbyterandi! Als gemeinsamen Weihespruch haben Sie kein Schriftwort ausgewählt, sondern ein Gebetswort. Es ist der Anfang unseres Trierer Pilgergebetes, dem auch das Leitwort für die Heilig-Rock-Wallfahrt im nächsten Jahr entnommen ist. Sie wollen damit bewusst den Beginn Ihres priesterlichen Dienstes hineinstellen in den Weg des Vorbereitungsjahres auf die Wallfahrt hin. Jesus Christus, Heiland und Erlöser. Heiland und Erlöser: Das ist nicht bloß die Hinzufügung zweier zusätzlicher Namen für Jesus. Nein, das ist ein Bekenntnis: Wenn wir Jesus als Heiland anrufen, dann bekennen wir, dass er derjenige ist, der die Kraft hat zu heilen und uns die Augen dafür zu öffnen, dass – auch wenn es oft so anders aussieht - sein Weg mit uns Heilsgeschichte ist, wie Josef und seine Verwandten es erfahren durften. Und wenn wir Jesus Erlöser nennen, dann deshalb, weil wir ihm die Kraft zutrauen, die befreit, nicht zuletzt von unserer menschlichen Urangst unterzugehen. Der Herr fordert also nicht nur die Furchtlosigkeit, er schenkt sie auch.

Jesus Christus, Heiland und Erlöser. - Der Weihespruch unserer drei Mitbrüder ist ein programmatisches Wort über diese Stunde hinaus. Er ist Bekenntnis und Gebet. Ihm vertrauen wir nun sie und uns alle an. Amen.

Weiteres:

Fürchtet Euch nicht!

in der Predigt