Konsequente Ausrichtung auf Christus - Hoffnung auch noch am Nullpunkt

Predigt im Pontifikalamt am Tag der Räte während der Heilig-Rock-Tage 2010

Dritter Sonntag der Osterzeit

Schriftlesungen: Apg 5,27b-32.40b-41/ Offb 5,11-14/ Joh 21,1-14

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
Schwestern und Brüder im Glauben!

Ich empfinde es als eine schöne Fügung, dass wir an dem Tag, der während der diesjährigen Heilig-Rock-Tage besonders im Zeichen der Räte in unserem Bistum steht, diesen Abschnitt aus dem Johannesevangelium hören, den uns der Diakon soeben vorgetragen hat. Vielleicht erinnert sich der ein oder andere von Ihnen noch daran, dass ich in meinem ersten Hirtenbrief an die Gemeinden zu Pfingsten im vergangenen Jahr auf dieses 21. Kapitel aus Johannes angespielt habe. Dabei war ich ausgegangen von einem Gedanken des Bischofs von Basel, Kurt Koch, der die Kirche im deutschsprachigen Raum irgendwie an einem »toten Punkt« sieht. Er bezieht dies vor allem auf die Situation der Seelsorge: die schwindende Kirchenbindung, die abnehmende Verwurzelung der Glaubensbotschaft im Leben der Christen, die bleibenden Schwierigkeiten in der Glaubensweitergabe ... Und das trotz aller Methoden und Konzepte, die in den letzten Jahren im Bereich der Pastoral und Katechese entwickelt wurden. Irgendwie herrscht eine Ratlosigkeit. Das meint er, wenn er vom »toten Punkt« spricht.

Den toten Punkt unterschreiten...

Liebe Schwestern und Brüder, ich gestehe Ihnen ehrlich, dass ich mir vor einem Jahr noch nicht habe vorstellen können, wie rasant wir mit der Kirche in Deutschland den »toten Punkt« noch unterschreiten werden. Das Bild der Kirche an Pfingsten 2009, es war noch Gold gegen das Bild der Kirche an Ostern 2010 nach den Debatten um sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche!

Doch schon damals fühlte ich mich erinnert an die Szene aus dem Schluss des Johannesevangeliums: die Begegnung der Jünger mit dem Auferstandenen am See Gennesaret. Zunächst erkennen die Sieben ihren Herrn nicht, der sie fragt, ob sie nicht etwas zu essen haben. Schon immer hat mich die ebenso kurze wie ehrliche Antwort der Jünger fasziniert. Sie lautet schlicht: »Nein.« Diese Antwort muss für die gelernten Fischer beschämend gewesen sein. Trotzdem beschönigen sie nichts.

Dabei hätten wir es ihnen nicht verdenken können, wenn sie anders reagiert hätten. Wenn sie etwa den Unbekannten am Ufer hingehalten hätten mit der Bemerkung: »Im Moment haben wir noch nichts. Hab’ noch etwas Geduld. Der Tag ist noch nicht ganz da. Frag’ später noch einmal.« Wir hätten auch verstanden, wenn die Frage des Fremden am Ufer unter den Männern im Boot zu Diskussionen geführt, wenn sie gegenseitige Schuldzuweisungen ausgelöst hätte. Etwa so: »Typisch Jakobus, er wollte, dass wir wieder auf den Teil des Sees fahren, von dem man doch weiß, dass dort nichts zu holen ist.« Oder: »Wir hätten besser doch nicht auf den besserwisserischen Thomas gehört und diese Art von Netz verwendet« ...

Wortwechsel - damals wie heute

Kein Wunder, wenn es solche Wortwechsel gegeben hätte. Es gibt sie ja in veränderter Form bis heute im Schiff der Kirche. Liebe Mitchristen, Sie kennen das: »Wenn die Verwaltungsratsmitglieder nicht so geizig und stur wären, sähe es mit der Jugendarbeit bei uns viel besser aus«, sagen Pfarrgemeinderatsmitglieder. »Wenn die Bischöfe nicht so feige wären, dann wären wir schon viel weiter«, sagt das Kirchenvolk. »Wenn die Leute doch mehr über ihren Kirchturm hinaus denken und nicht so sehr auf ihre Gemeinde fixiert wären, dann wäre die Kirche viel lebendiger«, denkt man sich als Bischof. Liebe Schwestern und Brüder, wir alle kennen dieses Stimmengewirr, verstricken uns nicht selten in offene oder heimliche Schuldzuweisungen gegeneinander.

An diesem Morgen auf dem See reagieren die Jünger anders. Sie geben ihre Schwäche zu. Sie lenken nicht ab. Das ist die Voraussetzung dafür, dass die Jünger trotz ihrer Erfahrung und all ihrer Kenntnisse als Fischer, auf das Wort Jesu hören und seiner Aufforderung folgen, ohne ihm besserwisserisch ins Wort zu fallen. Sie werfen das Netz gegen alle Erfahrung noch einmal auf der rechten Seite des Bootes aus.

Krise auch als Chance

Ich sehe darin ein Schlüsselbild für die Situation, in der wir auch heute alle miteinander stehen. In der Krise haben wir die Chance, uns neu auf den Kern der kirchlichen Botschaft auszurichten, auf Jesus Christus, so wie es die Jünger an diesem enttäuschenden Morgen taten. Wir können als Kirche derzeit kaum auf uns zeigen, um Menschen von der Schönheit des Glaubens zu überzeugen. Damit will ich nicht übersehen, was in unseren Gemeinden Großartiges geleistet wird. Ich übersehe nicht das Engagement, das Herzblut, die Lebendigkeit, mit der Tausende in unserem Bistum aktiv sind, auch wenn es in der Regel nicht auf der großen Bühne der Welt spielt. Unsere »Netze« sind in Wahrheit nicht völlig leer.

Dank an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Räten

Deshalb danke ich Ihnen, die Sie in unseren Räten auf der Ebene der Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften, der Dekanate und auf der diözesanen Ebene Verantwortung tragen und das kirchliche Leben maßgeblich mitgestalten. Ich danke Ihnen in diesen Wochen besonders für Ihre Solidarität zu Jesus und seiner Kirche. Denn ich weiß, dass nicht nur wir Bischöfe in der Öffentlichkeit herangenommen werden, sondern auch Sie. Ich höre die Fragen, die Menschen Ihnen stellen: »Wie kannst du bei diesem ›Laden‹ noch mitmachen? Kirche ist doch ein sinkendes Schiff. Dafür gibst du deinen Namen und deine Zeit her? ...« Als Ihr Bischof sage ich Ihnen: Danke, dass Sie es tun! Denn die Kirche ist mehr und größer als ihre dunklen Seiten. In einem Zeitungsbericht über den Beginn der Heilig-Rock-Tage hieß es sinngemäß: »Wenn man die Gottesdienste und das Leben um den Trierer Dom herum erlebt, hat man den Eindruck, als ob es die aktuellen Debatten um die Kirche überhaupt nicht gäbe. Man hat geradezu den Eindruck, als ob man in eine andere Welt versetzt würde.« Wie schön, wenn Menschen das so empfinden!

Die Heilig-Rock-Tage, so wie die Osterzeit insgesamt, zeigen, dass die Wirklichkeit des Glaubens größer ist als das, was uns alltäglich umtreibt und bedrückt. Damit sollen nicht die dunklen Seiten naiv glanzvoll übertüncht werden. Die Diskussionen der letzten Wochen haben schmerzlich gezeigt, dass etwa die vergangenen Jahrzehnte der Volkskirche, die in der Rückschau oft geradezu nostalgisch verklärt werden, nicht nur so glanzvoll waren, wie man es gerne darstellt. Und auch der nachkonziliare Schwung der Kirche beschreibt nicht das Ganze der 1970er Jahre.

Leere und Ratlosigkeit zugeben und aushalten

Insofern ist aktuell nicht die Stunde, in der wir als Kirche mit unseren Erfolgen und Taten glänzen könnten. Wie müssen zugeben, wo Leere und Ratlosigkeit herrschen. Und wir dürfen es auch. Vom heutigen Evangelium her kann uns das ein Ansporn sein zur Neuorientierung an Jesus Christus. Denn letztlich ist allein er glaubwürdig. Nur seinetwegen kann man Gott glauben. Er allein löst wirklich den Anspruch ein, den er aufrichtet. Deshalb können und sollen wir auf ihn schauen und auf ihn zeigen. Jesus ist das »Gütesiegel« der Kirche, ja das »Gütesiegel« Gottes selbst.

Was eine konsequente Ausrichtung auf Jesus Christus bewirkt, zeigt uns das heutige Sonntagsevangelium in einem schönen Detail. Darauf möchte ich zum Schluss Ihren Blick lenken. Schauen wir noch einmal auf Petrus: Die Situation, die hier beschrieben wird, war für ihn und die anderen Apostel nicht ganz neu. Schon einmal begegneten die Jünger Jesus auf dem See. Denken wir an den Bericht des Matthäus, der erzählt, wie das Boot der Jünger bei einer nächtlichen Fahrt vom Wind und den Wellen hin und her geworfen wird. Da kommt Jesus über das Wasser auf das Boot zu, und Petrus ruft: »Herr, wenn du es bist, dann befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme« (Mt 14,28). Wir wissen, wie die Geschichte weitergeht, kennen die Angst des Petrus zu versinken.

Wie anders diesmal: Nachdem Johannes den Mann am Ufer erkannt hat, fordert Petrus von Jesus kein Wunder. Er sucht keine Absicherung. Er springt einfach. Da ist keine Angst mehr vor dem Wasser, obwohl das Wasser ihn diesmal gar nicht trägt. Petrus muss schwimmen. Das ist nach Ostern offensichtlich nötig, aber es ist auch möglich! Dass Petrus es nun kann, darin besteht die Ostergnade. Diese Gnade ist nicht nur das Geschenk eines Augenblicks. Sie ist auch die Frucht des Lernwegs, den Petrus zurückgelegt hat: er, der Verleugner, der seine Schuld beweint hat; er, der Erfolglose, der zugegeben hat, dass er nichts vorweisen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, wir wollen darum bitten, dass auch uns diese Ostergnade zuteil wird. Sie wird uns neuen Mut geben für die nächsten Schritte unseres Weges als einzelne und als Bistumsgemeinschaft. Amen

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Konsequente Ausrichtung auf Christus - Hoffnung auch noch am Nullpunkt

in der Predigt