Predigt im Oster-Hochamt 2015

Ostern geht weiter

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Schon seit den ersten Jahrhunderten der Kirche haben sich die Prediger mit dem österlichen Lauf der beiden Jünger Petrus und Johannes zum Grab beschäftigt. Dabei haben sie immer wieder auch versucht zu ergründen, warum es dem Evangelisten so wichtig war festzuhalten, dass die beiden zusammen loslaufen, dass aber Johannes, der im vierten Evangelium als der „Liebesjünger“ Jesu bezeichnet wird, schneller am Grab ist als Petrus. Im Grunde ist das angesichts des Ereignisses, um das es hier geht, eine völlige Nebensächlichkeit des damaligen Morgens. Weil sie aber berichtet wird, muss sie einen tieferen Sinn auch für die nachfolgenden Generationen haben.

Der "Wettlauf zum Grab" am Ostermorgen

In der jüngsten Zeit ist eine Deutung klassisch geworden, die sagt: Petrus und Johannes werden hier nicht nur als die individuellen Personen von damals beschrieben, sondern sie sind auch exemplarische Figuren für glaubende Menschen überhaupt: Johannes als der Liebesjünger steht für die Menschen, die eine ganz innige persönliche Beziehung zu Jesus haben. In Petrus, dem Sprecher des Zwölferkreises, hingegen wird schon das künftige Amt in der Kirche sichtbar. Und das ist klar: Die Liebe ist schneller, beschwingter. Das Amt in der Kirche hinkt immer etwas hinterher, ist schwerfälliger, braucht mehr Zeit, um zu begreifen, was vorgeht …

Aber, am Grab angekommen, lässt Johannes, obwohl er schneller da war, dem „Amt“ den Vortritt. Er geht erst nach Petrus ins Grab; aber von ihm heißt es: „er sah und glaubte“. Offensichtlich reichten ihm die Zeichen, die er sah. Von Petrus wird dies nicht berichtet. Er braucht anscheinend länger, braucht zum Glauben eine andere, intensivere Begegnung. So sagen die Quellen, dass der Auferstandene Petrus erschienen sei (Lk 24,34/ 1 Kor 15,5). Wie aber diese Erscheinung näherhin aussah, darüber schweigen die Quellen.

Werfen wir auch noch einen Blick auf Maria Magdalena: Sie ist die erste, die das leere Grab entdeckt. Aber auch sie, die doch eine ganz besondere Beziehung zu „ihrem Meister“ hatte, findet nicht direkt zum Glauben an die Auferstehung. Zunächst denkt sie, der Leichnam sei gestohlen. Selbst als sich Jesus er zeigt, erkennt sie ihn nicht sofort, sondern hält ihn für den Gärtner!

Ostern: Ein Prozess in unterschiedlichen Geschwindigkeiten

Offensichtlich gab es also unterschiedliche Geschwindigkeiten, wie die Jünger und Freunde Jesu zum Glauben an die Auferstehung kamen. Zugespitzt könnte man sagen: Ostern ist nicht nur ein Faktum, ein Datum, sondern ein Prozess! Das Ostern Jesu geschieht am „dritten Tag“. Damit hat er den Tod überwunden, ein für alle Mal, und ist der Lebendige in der Gemeinschaft mit Gott, seinem Vater.

Das Ostern der Jünger aber, das heißt ihre Erfahrung, dass Jesus lebt, geschieht nicht mit einem Schlag, sondern wächst. Da haben die Jünger uns offensichtlich nichts voraus. Der Glaube an die Auferstehung war nicht mit einem Mal da. Von Anfang an gab es unterschiedliche „Geschwindigkeiten“, in denen die Menschen um Jesus zum Glauben kamen: Wenn wir der Beschreibung des vierten Evangeliums folgen, scheint Johannes derjenige zu sein, der als erster zum Glauben kommt, relativ bald folgt Maria Magdalena, dann Petrus. Von den beiden Emmaus-Jüngern wissen wir, dass sie am Abend des ersten Tages der Woche Jesus als den Auferstandenen erkennen. Bei Thomas hat es bekanntlich länger gedauert, mindestens acht Tage (Joh 20,26). Und die Apostelgeschichte sagt zusammenfassend, dass Jesus den Aposteln über 40 Tage hinweg erschienen sei (Apg 1,3).

Glaubende haben ihr „persönliches Tempo“

Liebe Schwestern und Brüder! Schon die verschiedenen „Gangarten“ hin zum leeren Grab und von ihm zurück sagen uns, dass Menschen in einem je persönlichen Tempo zum Glauben an die Auferstehung gelangen. Schon dem engsten Umfeld Jesu werden unterschiedliche Geschwindigkeiten zugestanden. Sollte das nicht auch für alle Glaubenden aller Zeiten gelten? In einem jeden Glaubenden beginnt doch gewissermaßen der österliche Prozess neu. Nach Jahrzehnten, vielleicht sogar nach Jahrhunderten, in denen man dachte, dass alle Menschen im christlich geprägten Europa mit der gleichen Geschwindigkeit und im gleichen Rhythmus zu Christen werden können, wenn sie nur vollständig eingegliedert sind, lernen wir zu sehen, dass dies nicht der Fall ist, wohl nie wirklich der Fall war.

Aber das sind nicht nur unterschiedliche Geschwindigkeiten, sondern auch unterschiedliche Weisen, wie die Jüngerinnen und Jünger zum Glauben an den Auferstandenen kommen: Bei den einen ist es das Wissen, vom Herrn ganz persönlich gekannt und angesprochen zu sein (Magdalena). Bei anderen (denken wir an die Emmaus-Jünger) liegt die Ostererfahrung vor allem darin, dass sich ihnen ein umfassender Sinn und Horizont erschließt, indem das, was scheinbar überhaupt nicht zusammenpasste, sich zusammenfügt. Es ist die ergreifende Erfahrung, dass alles stimmt und wahr ist.

Für Thomas ist es wichtig, dass der Glaube nicht einfach trennt zwischen einem Davor und Danach, zwischen der Welt der harten, schmerzlichen Realitäten und der Harmonie des Himmels. Die tödlichen Wunden dürfen nicht außen vor bleiben. Für Paulus – nehmen wir den noch hinzu – besteht die österliche Erfahrung ganz besonders darin, dass er sich befreit fühlt von seiner Gesetzlichkeit, d.h. von dem Drang, sein Leben perfekt und korrekt ordnen zu müssen.

Persönliche Erfahrung braucht Austausch, um sich zu klären

Liebe Schwestern und Brüder, Ostern und die österliche Erfahrung lassen sich nicht in ein einziges Schema und einen einzigen Rhythmus pressen, der für alle gültig wäre. Der Auferstandene respektiert den Weg und die Persönlichkeit eines jeden einzelnen. Das zeigen die Ostererzählungen. Sie zeigen aber auch, dass es den Austausch und die Vergewisserung untereinander braucht: Die Jünger sprechen miteinander, erzählen was ihnen passiert ist, sie teilen auch ihre Fragen und ihre Zweifel, sie berichten darüber, was ihre Herzen brennen ließ … Und: Sie halten die Gemeinschaft des Gebetes und des Mahles, so wie es Jesus aufgetragen hat. Indem sie das tun, verdichtet sich ihre je persönliche Erfahrung, wächst Ostern, wird es mehr und mehr Wirklichkeit.

Denn – das zeigt schon die Erfahrung der österlichen Urzeugen: mag auch die persönliche Erfahrung noch so intensiv sein, sie ist nicht eindeutig. Sie bleibt irgendwie auf der Schwelle zwischen Tag und Nacht. Begegnungen mit dem Auferstandenen geschehen im Morgengrauen und im Dunkel des Abends (Emmaus-Jünger). Die Konturen bleiben schemenhaft. Man muss erst lesen lernen. Für Petrus gilt das ja auch noch Tage nach dem ersten Tag der Woche: Als der Auferstandene den Jüngern am See von Tiberias schon zum dritten Mal (!) begegnet, muss Johannes den Petrus darauf hinweisen, dass der Unbekannte am Ufer Jesus ist (Joh 21,7).

Was aber für den Osterglauben gilt, gilt für den christlichen Glauben insgesamt. Denn das Zentrum des christlichen Glaubens ist der Glaube an die Auferstehung. Das heißt aber für unseren Glauben heute, wie für den Glauben aller Zeiten: Es braucht über die persönliche Erfahrung hinaus den gemeinschaftlichen Austausch.

Austausch und Gespräch: auch mit Zweifeln, Gegenstimmen, Kritik

Nach Jahrhunderten, in denen der Glaube dank eindeutiger Begriffe wie Auferstehung, Erlösung, Heil … ganz eindeutig zu sein schien, braucht es heute neu den Raum zur Vergewisserung, den Raum, der auch Raum für Fragen zulässt und Zweifel. Alles andere verhindert das Gespräch und das Wachstum des Glaubens! Mich schmerzt es zu erleben, wenn es gerade unter denjenigen, die sich fest im Glauben und in der Kirche beheimatet wissen, Befürchtungen gibt, allzu kritische Fragen zuzulassen. Dann wird schon einmal gern die Keule „Das ist unkatholisch!“ geschwungen. Diese Keule aber verhindert das Gespräch, verhindert Erfahrungen und damit auch Wachstum im Glauben.

Soll das Christentum in unserem Land Zukunft haben, müssen wir auch hier hinzulernen. Ich erhoffe mir von unserer Diözesansynode, dass sie uns Perspektiven aufzeigt, wie wir Räume zum Austausch eröffnen und auf Dauer zu einer größeren Sprachfähigkeit im Glauben zu gelangen. Die Osterberichte jedenfalls atmen eine ganz eigene Weite. Sie gestehen selbst den engsten Freunden Jesu Zweifel und Unverständnis zu. Darin besteht die Größe der Osterberichte. Das ist ihr bleibender Schatz. Damit machen sie Mut.

Dic nobis Maria, quid vidisti in via?, so hat eben die Kantorin in der Ostersequenz gesungen: Sag uns Maria, was hast Du auf dem Weg gesehen? Die Frage ist nicht bloß ein Zitat der Jünger von damals. Es ist die Frage der Glaubenden, die so singen durch die Jahrhunderte hindurch, weil sie wissen: Wir brauchen das Zeugnis der jeweils Anderen, um unsere eigene Erfahrung, unser eigenes Leben besser zu verstehen. Maria ist die Antwort nicht schuldig geblieben (Joh 20,18).

Seien auch wir bereit, in dieses österliche Spiel von Frage und Antwort einzusteigen. Dann geht der Weg von Ostern weiter. Amen. Halleluja!

Weiteres:

Oster-Hochamt 2015: Ostern geht weiter

in der Predigt