Predigt im Oster-Hochamt 2017 - im Trierer Dom

Ostern: Wenn Wissen zusammenwächst

Liebe Schwestern und Brüder!

Immer wenn ich am Ostersonntag das Evangelium höre, bleibe ich an seinen letzten Sätzen hängen, weil sie irgendwie widersprüchlich klingen: Von Johannes, der nach Petrus in das Grab hineingeht, heißt es: Er sah und glaubte. Und dann schiebt der Evangelist wie eine entschuldigende Begründung hinterher: Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er (Jesus) von den Toten auferstehen musste. Was ist das für eine Begründung? Bestätigt sie nicht genau das alte Vorurteil, dass Glauben das Gegenteil von Wissen ist?! Kein Wunder, dass Religionskritiker sagen: Der Glaube fängt da an, wo das nachprüfbare Wissen aufhört. Der Glaube ist eben ein schwacher Ersatz für das Nicht-Wissen. Sobald ich etwas weiß und sicher bin, brauche ich keinen Glauben mehr. Dann kann ich ihn hinter mir lassen. Dann wird er entbehrlich.

Sollte das etwa der Evangelist gemeint haben? Und was heißt im Übrigen: Sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste? Sie hätten es durchaus wissen können. Denn sie kannten die Schrift, kannten auch die Lieder vom Knecht Gottes im Buch des Propheten Jesaja, die Lieder über jene geheimnisvolle Gestalt, die sich ganz für das Volk aufopfert, obwohl er von allen verkannt wird, der aber schließlich von Gott gerettet und geehrt wird. Wie oft hat Jesus in seinem Leben Anspielungen darauf gemacht, hat er vorhergesagt, dass der Menschensohn von den Menschen verworfen und getötet werden, aber am dritten Tag auferstehen wird (Mt 17,22 / Mk 8,31; 9,31f und öfter). Die Jünger hätten also wissen können, dass er aufersteht. Wenn sie eins und eins zusammengezählt hätten, dann hätten sie darauf kommen können ... Am puren Wissen mangelte es nicht.

Wenn erst noch „ein Licht aufgehen“ muss

Nein, bei dem, was der Evangelist sagt, geht es um etwas Anderes. Vielleicht könnte man die Situation der Jünger und der Maria Magdalena am Ostermorgen vergleichen mit Menschen, die etwas zusammenbauen möchten und dazu auch alle Einzelteile in der Hand haben, aber nicht wissen, wie sie sie zusammensetzen sollen. Wir kennen das: Man will etwas montieren, hat dazu alle Teile und alles Werkzeug, vielleicht sogar auch die Anleitung und steht doch irgendwie hilflos davor. Dann braucht es den Moment, in dem es Klick macht und einem klar wird, wie die einzelnen Teile ein Ganzes ergeben und wo man anzufangen hat. Wie es zu dem so wichtigen Moment kommt, weiß man im Nachhinein oft nicht mehr zu sagen. In der Regel hat man aber den Eindruck, dass es nicht bloß eigene Leistung war, sondern einem – wie wir sagen – ein Licht aufgegangen ist.

… damit alles zusammenpasst

Am Ostermorgen ist den Jüngern im wahrsten Sinne des Wortes ein Licht aufgegangen: das Osterlicht. Dieses Licht, das ist der Glaube, von dem der Evangelist spricht. Dieser Glaube ist nicht Ersatz für ein Nichtwissen, sondern die Kraft, durch die die Wissensbruchstücke sich mit einem Mal zusammenfügen. Mit einem Mal ist alles klar. Der Osterglaube ist nicht das Ergebnis eigener Leistung. Er ist Geschenk des Auferstandenen: Für Johannes, der mit Jesus ganz besonders eng verbunden war und der als einziger der Apostel es gewagt hat, mit unter das Kreuz zu gehen, reicht es offensichtlich, zu sehen, dass das Grab leer ist. Für Maria Magdalena braucht es die Erfahrung, dass der Auferstandene sie mit Namen anspricht. Thomas kommt zum Glauben, als er sehen darf, dass das Scheitern, der Schmerz und die Wunden nicht nachträglich wegretuschiert werden, sondern auch nach der Auferstehung ihren Platz behalten.

Osterglaube – im Augenblick oder langsam gewachsen

Der österliche Glaube ist also alles andere als ein Wissensersatz. Vielmehr ist er die machtvolle Einsicht: Die Botschaft Jesu ist wirklich wahr. Die Dinge fügen sich, wenn auch unter Schmerzen und auf überraschende Weise, zusammen. Sie bekommen ihren Sinn, und alles ist gut. Das muss nicht die Sache eines Augenblicks sein wie bei Johannes. Der Osterglaube kann die Form einer behutsam wachsenden und doch zugleich starken Einsicht haben wie bei den Emmausjüngern: Was mit einem undefinierbaren Herzbrennen beginnt, bricht sich beim gemeinsamen Mahl Bahn. Es gehen ihnen die Augen auf.

Auch unsere Erfahrung

Liebe Schwestern und Brüder! Wären wir heute Morgen hier, wenn wir nicht selbst auf die eine oder andere Weise eine ähnliche Erfahrung gemacht hätten und machen würden?!

  • Etwa im Gebet: indem ich immer wieder ein festes und unmittelbares Vertrauen auf Gott spüren, das ich mir nicht selbst gebe und einrede.
  • Etwa in Gesprächen mit anderen, durch die mein Glaube gewachsen ist und sich gefestigt hat.
  • Oder etwa durch das Beispiel eines gläubigen Menschen, der auch in schwierigsten Lebensumständen sein Christsein nicht abgelegt und seine Beziehung zu Gott nicht aufgekündigt hat, sondern treu und stark geblieben ist und dadurch auch mir im Glauben geholfen hat.
  • Und nicht zuletzt kann es auch die Erfahrung eines Gottesdienstes, einer Liturgie wie die am heutigen Morgen sein, die meinen Glauben bestärkt. Die Lesungen, die Gebete, die Gesänge, der Schmuck und die Symbole, sowie die Feier insgesamt wollen dazu beitragen, dass aus den Fragmenten unseres Glaubens ein Ganzes wird. Dass auch in uns sich die Einsicht festigt: Ja, die Botschaft Jesu stimmt. Ostern ist wahr.

Sich ergreifen lassen – auch schon vor dem Begreifen

Das geschieht nicht nur, ja nicht einmal zuerst durch das intellektuelle Begreifen, sondern eher dadurch, dass wir uns von diesem Geschehen ergreifen lassen. So ist es im Glauben: Zuerst kommt das Sich-ergreifen-Lassen und dann das Begreifen (vgl. Phil 3,12f).

Und wenn ich vor der Ergriffenheit zurückschrecke, weil ich Angst habe, mich zu sehr aus der Hand zu geben? Dann muss ich auch vor der Liebe Angst haben! Bei ihr ist es nicht anders als beim Glauben. Denken wir daran, dass es bei allen wichtigen Erfahrungen und Entscheidungen des Lebens nie ausreicht, Fakten und Argumente zusammenzuzählen, um zu einer Klarheit zu kommen. Am Ende braucht es dazu eine innere Gewissheit und Überzeugung, die mehr ist als die Summe aller Argumente, und es braucht den Mut, den notwendigen Schritt auch zu tun. So auch beim Glauben.

Fakten? Argumente? Innere Gewissheit ist Geschenk…

Diese Klarheit ist den Jüngern durch Ostern zuteilgeworden. Sie war nicht die Summe ihrer eigenen Überlegungen. Sie ist das Geschenk des Auferstandenen, und sie ist zugleich der Beweis dafür, dass er lebt. Lassen auch wir uns von der österlichen Gewissheit der Jünger anstecken, damit in uns die freudige Überzeugung wächst: „Ja, der Glaube an Jesus ist wahr, denn er hat mich ergriffen.“ Amen. Halleluja.

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