Predigt von Bischof Stephan Ackermann in der Osternacht-Feier am 4. April 2015 im Trierer Dom

Die Freiheit der Kinder Gottes - das österliche Wasserzeichen der Getauften

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Bis zu sieben Lesungen aus dem Alten Testament können in der Osternacht vorgetragen werden. Vier haben wir davon gehört. Eine Lesung darf allerdings nie ausfallen. Es ist die Lesung vom Durchzug durch das Rote Meer. Diese Anweisung zeigt, wie sehr wir uns als Christen in der Glaubenstradition Israels verwurzelt wissen. Das Pascha-Geschehen, d. h. der Vorübergang Gottes durch Ägypten und die Flucht durch das Rote Meer gehören zur Urerfahrung Israels. Bis heute bildet die Erinnerung daran den Kern der jüdischen Pessach-Feier.

Aber es sind nicht nur geschichtliche Gründe, die diese Lesung aus dem Buch Exodus so bedeutsam machen. Vielmehr gibt dieser Text so etwas ab wie einen Verstehens-Schlüssel, einen Code für das Verständnis der ganzen Osternachtfeier. Im Mittelpunkt steht die für die flüchtenden Israeliten völlig überraschende Erfahrung der Befreiung, mit der sie menschlich gesehen überhaupt nicht rechnen konnten. Wir müssen die Exodus-Lesung also vor allem verstehen als eine Erzählung über eine wundersame Befreiung aus der Situation von Knechtschaft und Unterdrückung; dann verstehen wir, warum sie sich so ins Gedächtnis des biblischen Glaubens eingegraben hat.

Auch heute: Menschen auf der Flucht

Wir können deshalb nicht anders, als in dieser Nacht auch zu denken an die Menschen, die in unseren Tagen ihr Heil in der Flucht suchen, weil sie bedrängt oder unterdrückt werden oder für ihr Leben keine Perspektive sehen. Wir denken an diejenigen, die den Weg über das Wasser des Mittelmeers nach Europa suchen. Wie viele müssen erleben, dass ihnen die Erfahrung von Rettung und Freiheit versagt bleibt. Über Tausenden schlagen die Fluten zusammen… Umso mehr verstehen wir, dass die Rettung aus den Fluten des Roten Meeres bis heute ein Urbild der menschlichen Sehnsucht nach Freiheit ist.

Geschenkte Freiheit

Geschenkte Freiheit: Das ist der Verstehens-Schlüssel, der innere „Code“ der Osternachtfeier. Dieser Code gilt auch für die Botschaft von der Auferstehung Jesu. Immer wieder heißt es: Gott hat Jesus von den Fesseln des Todes befreit. Auch die Auferweckung Jesu dürfen wir verstehen als ein Geschehen der Befreiung: Befreiung aus dem Gefängnis der Endlichkeit und der Sterblichkeit, das heißt aus dem Gefängnis, das allen Menschen gemeinsam ist, aus dem Gefängnis, das die undurchdringlichsten Mauern hat und aus dem es kein Entrinnen gibt. In seiner Auferstehung hat Jesus den Kerker des Todes aufgesprengt. Die Mauern haben ihre Undurchdringlichkeit verloren … Das ist der Grund für den österlichen Jubel.

Sehr bald wird es in der jungen Kirche nicht bloß heißen: Gott hat Jesus von den Banden des Todes befreit, sondern es wird heißen: Auch wir sind erlöst und befreit mit ihm. Die Christen sehen sich ermächtigt, so zu sprechen, hat doch Jesus gesagt, dass er nicht für sich selbst lebt, sondern alles mit denen teilt, die sich ihm anschließen. Er teilt das Los des Todes mit uns Menschen. Er teilt auch das Leben, das Gott, der Vater, ihm geschenkt hat: Mein Leib, mein Blut, alles was ich bin und habe: Hingegeben für euch (vgl. Lk 22,14-20). Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sich die Christen berechtigt sahen zu sagen: Auch wir sind mit ihm erlöst und befreit.

Auch die Christen: Jetzt schon befreit

Erstaunlicher ist, dass sie nicht im Futur sprechen („Einmal, nach unserem Tod, werden auch wir erlöst und befreit sein“), sondern dass sie es schon als Tatsache im Hier und Heute formulieren. Wir sind es schon jetzt: Erlöst und befreit. Wie soll man das verstehen? Die, die so sprechen, haben den Tod doch noch vor sich, sie sind eingebunden, ja eingezwängt in die Verhältnisse dieser Welt. Wir spüren es tagtäglich am eigenen Leib: Wir sind eingespannt in unsere Arbeitsverhältnisse, unsere Verbindlichkeiten, in Beziehungen, in so vieles, das wir uns nicht selbst gewählt haben, was man Sachzwänge nennt … Wie kann man da vollmundig von Freiheit sprechen? Christen geht es in dieser Hinsicht doch nicht anders als anderen Menschen!

Eine unverlierbare innere Freiheit

Von welcher Freiheit also sprechen wir, wenn wir von österlicher Freiheit sprechen? Der Glaube nennt sie die Freiheit der Kinder Gottes. Wir werden gleich bei der Tauffeier wieder von ihr hören und uns selbst zu ihr bekennen, wenn die Frage gestellt wird: „Widersagt ihr dem Bösen, um in der Freiheit der Kinder Gottes leben zu können?“ Liebe Schwestern und Brüder, wir wissen: Die Freiheit der Kinder Gottes ist nicht einfach identisch mit dem, was wir oft im Alltag unter Freiheit verstehen: Ganz ungebunden zu sein oder Macht zu haben, die Dinge und Menschen nach unseren Vorstellungen bestimmen zu können …

Die Freiheit der Kinder Gottes ist nicht einfach eine Freiheit im äußeren Sinn. Sie ist vor allem eine innere Freiheit. Diese innere Freiheit ist aber nicht weniger, sondern mehr als das, was wir gemeinhin unter Freiheit verstehen. Denn wem diese Freiheit gegeben ist, dem geht sie selbst in Situationen äußerer Unfreiheit nicht verloren.

Sie hat buchstäblich mit der Freiheit zu tun, die wir an Kindern beobachten können, die sich bei ihren Eltern, in ihrer Familie aufgehoben und angenommen wissen: Diese Kinder können mit einem ganz anderen Selbstvertrauen auf die Welt zugehen als diejenigen, die unsicher sind, ob jemand hinter ihnen steht. Die Freiheit der Kinder Gottes ist also eine Freiheit, die aus dem Bewusstsein entspringt, von Gott angenommen, ja geliebt zu sein. Paulus sagt: „Wenn Gott für uns ist, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont (Aber: Er hat in eben auch nicht untergehen lassen!) – Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Rom 8,31f) Das spricht die Freiheit der Kinder Gottes pur.

Taufe: Freiheit als neues Selbstverständnis von Leben

Liebe Schwestern und Brüder! An Ostern hat Gott seinem Sohn, Jesus Christus, neues Leben geschenkt. Dieses Leben ist auch uns versprochen. Im Hier und Heute der Christen zeigt sich das nicht darin, dass plötzlich alles anders würde, dass das Leben wieder ganz von vorne beginnen würde. Aber mit der Taufe auf den Tod und die Auferstehung Jesu beginnt ein neues Lebensgefühl. Die Erfahrung dieses neuen Lebensgefühls wünschen wir den Taufbewerbern, die gleich das Sakrament der Taufe empfangen werden.

Dieses Lebensgefühl ist mehr als bloße Emotion oder eine flüchtige Empfindung. Lebensgefühl meint hier ein neues Selbstverständnis. Dieses Selbstverständnis der Christen ist geprägt vom Bewusstsein der Freiheit, die etwas anderes ist als ein Sich-Losreißen, ein Gefühl der Ungebundenheit, als der Ausstieg in die Unverbindlichkeit. Die Freiheit der Kinder Gottes ist auch nicht Freiheit auf Kosten und unter Ausnutzung anderer. Nein, sie ist Freiheit, die sich geschenkt weiß, die weiß, dass sie ein Zuhause hat beim barmherzigen Vater im Himmel und die deshalb eine Form der Gelassenheit ist.

Freiheit, die sich verdankt und die gelassen macht

So ist sie eine Freiheit, die nicht kleinlich rechnet, sondern großzügig sein kann, weil sie weiß, dass sie sich selber der Güte Gottes verdankt. Diese Freiheit muss sich nicht immer in großartigen Taten äußern, vielmehr kann sie sich in ganz alltäglichen Situationen zeigen und auf diese Weise unser Zusammenleben verändern. Vor kurzem bin ich dazu auf folgendes Beispiel gestoßen, das jeder von uns in abgewandelter Form kennt. Ein Wortwechsel zwischen Eheleuten wurde berichtet: „‘Der Ehemann sagt: Liebling, weißt Du noch, wie wir vor vier Jahren in Tunesien waren. Sie: Schatz, Du irrst, es war vor fünf Jahren. Er: Vor vier Jahren, so steht es in meinem Kalender. Sie: Man sieht, dass Du alt wirst, Du verwechselst alles …‘ Nicht Recht haben müssen, das ist das Zeichen einer großen Freiheit“ (F. Steffensky). Eine ganz alltägliche Szene, die zum Sprungbrett einer Erfahrung des Glaubens werden kann: Wo ich nämlich vom Glauben her etwa die Freiheit spüre, nicht unbedingt Recht haben zu müssen - ohne dass ich selbst recht weiß, woher ich diese Gelassenheit nehme, da ist die Freiheit spürbar, von der die Texte und Lieder der Osternacht sprechen.

Das kleine Beispiel zeigt uns auch, liebe Schwestern und Brüder, dass die österliche Freiheit der Kinder Gottes ein Geschenk ist, das zugleich anspruchsvoll ist. Denn selbst beim besten Willen und beim heiligmäßigsten Menschen stellt sich dieser Impuls nicht immer und in jedem Fall ein. Das wissen wir. Deshalb braucht es immer wieder die Erinnerung und die gemeinsame Feier des Glaubens, damit die uns als Christen geschenkte Freiheit wachsen kann.

Dass sie wächst, ist mein Osterwunsch an Sie alle! Amen. Halleluja.

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Osternacht-Feier 2015

in der Predigt