"Verleih deinem Diener ein hörendes Herz..."

Predigt von Bischof Stephan Ackermann zur Weihe der Ständigen Diakone am 2. Juni 2012 im Trierer Dom


Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Familien und Angehörige unserer Weihekandidaten,
liebe Weihekandidaten selbst!

Unsere Weihekandidaten haben sich als gemeinsamen Weihespruch das wunderbare Wort ausgesucht, das König Salomo Gott gegenüber ausspricht, als er sein Königsamt antritt. In diesem Wort bittet der König nicht um langes Leben, nicht um Reichtum oder den Tod seiner Feinde, nein, er bittet: Verleih deinem Diener ein hörendes Herz (1 Kön 3,9). Dieses Wort, das uns im ersten Buch der Könige überliefert ist, hatte auch Papst Benedikt an den Beginn seiner großen Rede gestellt, die er im Deutschen Bundestag gehalten hat. Denn es benennt die Haltung, die jeden auszeichnen sollte, der ein öffentliches Amt übernimmt. Sie, liebe Mitbrüder, haben dieses Wort an den Anfang ihres Amtes als Diakon gestellt. Sie verstehen es nicht nur als Wort für den Anfang, der schon bald hinter Ihnen liegt, sondern als ein Wort, das mitgeht und sie weiter prägen soll. Es ist eine Art Überschrift, die Sie über ihren gesamten Dienst als Diakon setzen.

Wir brauchen Menschen mit hörendem Herzen an unserer Seite

Das Wort des Salomo, das Sie sich zu eigen machen, ist eine Bitte an Gott. Nun wäre es aber irreführend, wenn es so klänge, als ob Sie um etwas bitten, was Gott Ihnen bisher noch gar nicht gegeben hätte. Im Gegegnteil: Gott hat Ihre Bitte schon erfüllt. Denn ohne ein »hörendes Herz« wären Sie jetzt nicht hier; ohne ein Herz, das bereit war auf den Ruf Gottes zu hören, der Sie getroffen hat. Sie können mir entgegnen, dass dies nicht immer und jederzeit so war. Und sicher werden Sie Recht haben. Deshalb ist es so wichtig, Menschen an unserer Seite zu haben, die die Gabe des »hörenden Herzens« besitzen, die uns aushelfen, wenn wir gerade schwerhörig oder taub sind. Bei den Ständigen Diakonen, die verheiratet sind, sind es nach meinem Eindruck nicht selten die Ehefrauen, die eher hören, was in den Herzen ihrer Männer vorgeht und sie ermutigen, das Wort der Berufung nicht nur anzuhören, sondern ihm auch zu folgen, nach ihm zu handeln, wie es eben in der Lesung aus dem Jakobusbrief hieß (Jak 1,22).

Sie haben, liebe Mitbrüder, mit der Entscheidung zum Diakonat ein hörendes Herz bewiesen, indem Sie nicht nur auf das Wort der Heiligen Schrift und die innere Stimme Gottes gehört haben, sondern auch auf die Sprache Gottes in den Menschen, mit denen Sie leben. Ich denke gerade an die Menschen, die - stumm oder hörbar - nach Hilfe und Zuwendung rufen. Mit ihnen hat sich Jesus ganz besonders identifiziert: die Kleinen, die Hilfsbedürftigen, die Armen, die Ausgegrenzten (vgl. Mt 18,5; 25,31-46).

Gehorsam: hörendes Herz konkret

Indem unsere Diakonandi bei ihrer Weihe bewusst das Wort von König Salomo aufgreifen, erneuern sie noch einmal ihre Bereitschaft zu einem hörbereiten Herzen. Die Weiheliturgie greift diese Bereitschaft auf, ja, sie fordert sie geradezu ein, wenn die Weihekandidaten gleich dem Bischof gegenüber das Gehorsamsversprechen ablegen: Im Gehorsam steckt ja das Hören. Gehorchen kommt von Horchen. Das eine ist letztlich nicht ohne das andere zu verstehen: Ohne die Bereitschaft zum Gehorsam besteht die Gefahr, dass die Rede vom »hörenden Herz« allzu leicht Poesie und ein bloßes Bild bleibt. Und umgekehrt: Wenn wir Gehorsam nicht von einem »hörenden Herzen« her verstehen, mutiert er schnell zu einer herzlosen und formalen Forderung.

Dennoch, das Gehorsamsversprechen gehört in dieser Weihehandlung wahrscheinlich zu den provozierendsten Handlungen für den Menschen unserer Zeit, selbst in unserer Kirche. Aktuell ist der Gehorsam wieder in der Diskussion. Es gibt Kleriker, die explizit zum Ungehorsam gegenüber der Gesamtkirche aufrufen. Denken wir etwa an die Initiative in Österreich. Sie, liebe Mitbrüder, versprechen mir gegenüber trotzdem heute Morgen Gehorsam. Sie tun es, davon gehe ich aus, nach reiflicher Überlegung.

Ein gefährliches Zeichen?

Trotzdem bleibt die Frage: Darf man das eigentlich? Darf man einem anderen den Gehorsam so in die Hand versprechen, wie es bei der Weihe geschieht? Und andersherum: Darf man einem anderen Menschen einen solchen Gehorsam abnehmen? Das Zeichen, das die Weihekandidaten vollziehen, wenn sie gleich ihre Hände in meine legen, ist noch stärker als beim Eheversprechen, bei dem sich die Brautleute einander »nur« die Hand reichen ...

Wie verstehen wir dieses Zeichen richtig? Wie verstehen wir es nicht zu stark und nicht zu schwach? Natürlich wäre es eine Verzerrung, dies so zu interpretieren, als ob sich ein Mensch einem anderen willen- und bedingungslos ausliefert oder ihn unterwirft. Der Gehorsam in der Kirche ist auch nicht dazu da, ein System zu etablieren, in dem die Untergebenen möglichst schnell und reibungslos die Anordnungen von oben ausführen. Nein, der erste und entscheidende Grund für den Gehorsam in der Kirche besteht in dem Bekenntnis, dass das entscheidende Wort, die entscheidende Wahrheit des Glaubens nicht aus mir selbst kommt. Sie tritt von außen an mich heran. Die Botschaft des Glaubens erdenken wir uns nicht selbst. Die müssen wir uns sagen lassen. Ähnliches gilt ja schon rein menschlich gesehen etwa für unseren eigenen Namen und unsere Herkunft. Auch sie müssen wir uns sagen lassen. Wer wir sind und woher wir stammen, müssen wir uns erzählen lassen. So ist es auch im Glauben. Denn der Glaube kommt vom Hören.

Gehorsam: Weil uns das Entscheidende von außen her trifft

Weil dies aber so ist, braucht es die Bereitschaft zum Gehorsam, braucht es die Haltung des hörenden Herzens, braucht es eine Hörfähigkeit, die nicht bloß äußerlich ist, sondern das Gehörte im Innersten aufnehmen will. Das Evangelium dieses Tages bietet uns dazu das Bild vom Schatz an und der Perle, die der Kaufmann nicht selbst produziert hat, sondern auf die er stößt. Sie fällt ihm von außen her zu. So ist das Gehorsamsversprechen das Bekenntnis dafür, dass die entscheidende Wahrheit meines Lebens nicht von mir gemacht und ausgedacht ist. Vielmehr ist sie mir von Gott her in Liebe zugedacht. Sie übersteigt mich, aber sie lässt sich finden, wenn ich aufmerksam für sie bin.

Liebe Schwestern und Brüder! Sie merken, die Bereitschaft zu einem so verstandenen Gehorsam ist kein Exklusivversprechen, das Diakone oder Priester ablegen müssten. Es ist von allen Christen gefordert. Ohne eine grundlegende Gehorsamsbereitschaft kann man nicht Christ sein.

Gehorsam gegenüber der Gemeinschaft der Kirche – heute und gestern

Freilich würde es nicht reichen, wenn jeder nur separat für sich und auf sich hören würde. Dann entstünde keine Gemeinschaft. Dann gäbe es keine Einheit im Leibe Christi, der Kirche. Die Kirche wird nur Kirche, wenn sie eine Hörgemeinschaft ist, oder sagen wir es noch deutlicher: wenn sie eine Gehorsamsgemeinschaft ist. Dabei ist es nicht so, als ob nur die Gläubigen, die Diakone oder Priester die Gehorchenden wären und die Bischöfe diejenigen, die den Gehorsam einfordern. Nein, auch die Bischöfe müssen zum Gehorsam bereit sein, nicht einfach gegenüber dem Papst, sondern gegenüber dem Volk Gottes und seinem Credo. Mit dem Volk Gottes und seinem Credo ist freilich nicht nur die Kirche von heute gemeint. Unser Gehorsam gilt gegenüber dem Bekenntnis der Kirche durch die Zeiten hindurch. Die Generationen, die vor uns gelebt und geglaubt haben, sind nicht Vergangenheit, die wir hinter uns gelassen haben. Sie gehören dazu, sind Glieder am Leibe Christi. Ihnen gebührt Stimme, auf die wir auch zu hören haben. So ist die Bereitschaft zum Gehorsam eine Eigenschaft, die wesentlich ist für alle Glaubenden, auch wenn es unterschiedliche Formen von Gehorsam und Verantwortung gibt, je nach der Aufgabe, die dem Einzelnen in der kirchlichen Gemeinschaft zukommt.

Liebe Mitbrüder, am Tag der Weihe mag es nicht allzu schwierig sein, einem solchen Verständnis von Gehorsam zuzustimmen. Jedenfalls war das bei meiner eigenen Diakonenweihe so. Im Laufe der Zeit aber, wenn die Bereitschaft und der Schwung des Anfangs vorbei sind und das große Wort vom »hörenden Herzen« in die kleine Münze des Alltags umgewechselt werden muss, wird es mit dem Gehorsam schwieriger. Was kann uns helfen, die innere Spannkraft des Gehorsams zu bewahren?

Gehorsam aus Ehrfurcht & Staunen über Gottes großes Geschenk

Mir hilft dazu ein Wort aus dem Gehorsamsversprechen selbst, von dem man dies aufs erste Hören nicht vermuten würde. Versprichst du mir und meinen Nachfolgern Ehrfurcht und Gehorsam?, so werde ich die Kandidaten einzeln fragen. Die »Ehrfurcht«, von der hier die Rede ist, ist keine Anweisung dafür, wie man sich einem Bischof gegenüber korrekt benimmt. Hier geht es nicht um eine Frage des kirchlichen Protokolls. Hier geht es um viel mehr: Im Begriff der »Ehrfurcht« klingt das Staunen über die Größe dessen an, was Gott seiner Kirche geschenkt und anvertraut hat. Es ist ja nicht irgendetwas, das er uns gibt. Es ist Gott selbst, der sich uns schwachen Menschen in Jesus Christus anvertraut. Ihn dürfen wir aufnehmen, ihn sollen wir als Amtsträger hüten, ihn sollen wir mit den Anderen teilen, ja ihn in Wort und Sakrament sogar austeilen. Insofern gehören Gehorsam und Ehrfurcht zusammen, braucht der Gehorsam die Ehrfurcht, die staunt, die immer wieder zurücktritt im Blick auf das Wunder der Liebe Gottes.

Wer als Christ aus dieser Haltung heraus lebt, der ist wirklich Diakon. Der hat die Haltung des Dienens, die sich nicht vordrängt, die nicht rechthaberisch sich selbst zum Maßstab von allem macht, sondern sich immer wieder zurücknimmt aus dem Wissen, dass nur so - ehrfürchtig und staunend - der Blick frei wird für die Größe Gottes. Dies zu tun, liebe Brüder, ist der Dienst, den wir unserem Bistum schuldig sind und der Welt. Amen.

Weiteres:

"Verleih deinem Diener ein hörendes Herz..."

in der Predigt