Zeuginnen und Zeugen sein für die Auferstehung

Predigt am siebenten Ostersonntag im Hohen Dom - von Bischof Dr. Stephan Ackermann im Gottesdienst zu seiner Amtseinführung

Lesungs-Texte: Apg 1,15-17.20a.c-26/ 1 Joh 4,11-16/ Joh 17, 6a.11b-19

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Festgemeinde,
liebe Schwestern und Brüder, die Sie via Fernsehen, Hörfunk oder Internet an unserer Feier teilnehmen,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Ist es für diese Feier nicht eine wunderschöne Fügung, dass die Leseordnung der Kirche für diesen siebten Ostersonntag ausgerechnet den Bericht über die Wahl des Apostels Matthias vorsieht! Für uns hier in Trier hat dieser Abschnitt aus dem Neuen Testament einen ganz besonderen Klang, verehren wir doch in dieser Stadt das Grab des Apostels. Gestern Nachmittag hatte ich die Freude, mich zusammen mit den Mitbrüdern des Domkapitels und einer stattlichen Zahl von Gläubigen einzureihen in die Scharen von Pilgerinnen und Pilgern, die in diesen Tagen wie in jedem Jahr nach St. Matthias wallfahren. Der Gang zum hl. Matthias und zu den Gräbern der ersten Trierer Bischöfe, die in der Krypta der Abteikirche begraben liegen, hat mich sehr bewegt und gestärkt. Ich und alle, die dabei waren, durften erleben: die Kirche der Gegenwart berührt ihren Ursprung.

Personen wechseln - der Auftrag bleibt

Der Abschnitt der Apostelgeschichte lässt aber nicht nur unser trierisches Herz höher schlagen, sondern zeigt auch grundlegende Kriterien auf für den Dienst des Bischofs in der Nachfolge der Apostel. Auch deshalb sind die Verse der ersten Lesung ein Wort, das uns in dieser Stunde viel zu sagen hat. Ich denke dabei weniger an die Beschreibung des Wahlvorgangs selbst, obwohl auch der bei näherem Hinsehen einen wirklich tiefen Sinn enthält: Lukas berichtet uns, dass die Apostel zwei Männer aufstellen, beten und dann die beiden Kandidaten Lose ziehen lassen. Das Trierer Kapitel hat bei der entscheidenden Sitzung auch gebetet, dann aber keine Lose geworfen, sondern gewählt. Das darf man, ohne das Kapitelsgeheimnis zu verletzen, verraten. In einer solch gewichtigen Frage zu losen, das käme uns unseriös vor. Und doch hat das Vorgehen der Elf in Jerusalem einen tiefen spirituellen Sinn. Es zeigt nämlich auf ganz eigentümliche Weise das Zusammenwirken von Gott und Menschen, wie es für unsere Glaubensvorstellung charakteristisch ist: Nicht die Apostel wählen einen bestimmten Kandidaten, sondern sie lassen Gott die Wahl. Sie tun dies allerdings nicht, als ob sie unbeteiligt seien oder gar fatalistisch. Nein, sie haben vorher klare Kriterien aufgestellt und zwei konkrete Personen benannt. Beide erscheinen ihnen geeignet. Der eine trägt sogar den Ehrentitel »Justus«, der Gerechte. Das Los fällt aber auf den anderen, Matthias. Was sich wie ein nüchterner Wahlbericht anhört, ist ganz und gar Frohbotschaft. Sie sagt – gerade mir heute: Die Personen, die ein Amt in der Kirche innehaben, sind wichtig, aber sie sind nicht alles. Die Personen wechseln, das Entscheidende ist der Auftrag, den es auszuführen gilt. Das ist keine Geringschätzung der Amtsträger, sondern heilsame Relativierung.

Kriterien für die Wahl eines Bischofs

Lassen Sie uns, liebe Schwestern und Brüder, noch ein wenig bei den Kriterien verweilen, die die Apostel für denjenigen aufstellen, der in den apostolischen Auftrag eintreten und den Zwölferkreis wieder vervollständigen soll. Denn die Kriterien scheinen mir noch gewichtiger als die Beschreibung des Wahlvorgangs selbst. Erstaunlicherweise sind es nur zwei Bedingungen, die aufgestellt werden: Erstens, sagen die Jünger, muss der Kandidat »einer von den Männern (sein), die die ganze Zeit mit uns zusammen waren, als Jesus der Herr bei uns ein und aus ging, angefangen von der Taufe durch Johannes«. Und zweitens muss er »Zeuge der Auferstehung« sein. Offensichtlich reicht es nicht bloß, den Auferstandenen erfahren zu haben. Nein, die österliche Erfahrung soll zurückgebunden sein an den konkreten Jesus der Geschichte. Der auferstandene Herr ist der Jesus, den die Jünger während seines irdischen Wirkens kennengelernt haben. Er ist der, der sie gerufen hat am See Gennesaret (vgl. Mk 1,16-20), am Jordanufer (vgl. Joh 1,35-51), an der Zollstation (vgl. Mt 9,9-13) und wo immer und dem sie gefolgt sind. Die Erfahrung der Auferstehung ist also nicht irgendein abstrakt-religiöses übersinnliches Erlebnis. Sie ist konkret-personale Begegnung. Deshalb ist dem Auferstandenen bei seinem Erscheinen vor den Jüngern auch so sehr daran gelegen, gegen alle Zweifel seine Identität unter Beweis zu stellen. Geradezu beschwörend sagt er zu Thomas und den anderen Jüngern: »Glaubt mir doch: Ich bin es selbst!« (vgl. Joh 20,24-29/ Lk 24,36-49).

Die Bedingungen, die an Matthias gestellt werden, wollen sicherstellen, dass die Botschaft von Ostern keine Erfindung religiös überhitzter Gemüter ist, sondern verankert in der realen Geschichte dieser Welt. Zugleich ist sie aber mehr als Geschichte: Denn sonst wäre sie ja Vergangenheit. Sie ist aber Gegenwart. Zeuge der Auferstehung zu sein, heißt also: Bezeugen, dass Jesus nicht Vergangenheit und damit tot ist, sondern lebendig, gegenwärtig, gleichzeitig mit uns. Nur so lässt sich auch der Titel »Zeuge der Auferstehung« richtig verstehen. Alles andere wäre übrigens eine Irreführung. Denn niemand war Zeuge der Auferstehung selbst. Zeugen der Auferstehung sind diejenigen, die die bleibende Lebendigkeit Jesu bekennen.

Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung sein - in der Gegenwart

Von hierher, liebe Schwestern und Brüder, Sie ahnen es, ist der Weg nicht nur für diejenigen eröffnet, die in amtlichem Auftrag in die Nachfolge der Apostel eintreten, sondern für alle, die glauben. Was sollen wir Christen im Kern anderes sein als Zeuginnen und Zeugen der Auferstehung Jesu Christi, das heißt: Zeugen seiner Lebendigkeit! Diejenigen, die Jesu Christus, den Menschgewordenen und Auferstandenen, amtlich bezeugen, tun dies im und als Dienst an der Zeugenschaft des ganzen Gottesvolkes, das bei der Wahl des Matthias repräsentiert ist durch die 120, die zusammengekommen waren.

Bischöflicher Dienst an der Zeugenschaft

Als Dienst an der Zeugenschaft des ganzen Gottesvolkes möchte ich meinen Dienst als Bischof verstehen. Ich möchte nach Kräften dazu beitragen, dass wir alle, als Gläubige in den Gemeinden, als Priester, als Diakone, als haupt- und ehrenamtlich Aktive in der Pastoral unseres Bistums, als Angehörige in den Orden und geistlichen Gemeinschaften, als Mitglieder in den Räten, Gremien und Gruppen mit erneuerter Dankbarkeit, mit Freude und mit neuem Mut den christlichen Glauben leben. Wir wollen diesen Glauben keinem aufnötigen, aber wir wollen und können auch nicht schweigen von dem, was wir gehört und gesehen haben, so sagen schon Johannes und Petrus, als sie nach der Heilung eines Gelähmten vom Hohen Rat vernommen werden (Apg 4,20).

Liebe Mitchristen, wir wollen den Glauben nicht verschweigen aus der Überzeugung heraus, dass dem Menschen in seiner Suche nach dem Sinn des Lebens nichts Besseres passieren kann, als Jesus Christus zu begegnen und seiner Botschaft. Der erste Johannesbrief fasst dies zusammen in die wenigen Worte: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,16) – »Deus Caritas est«. Nicht ohne Grund hat Papst Benedikt XVI. diese Worte als Titel für seine Antrittsenzyklika gewählt. Denn deutlicher als alles andere markieren diese drei Worte den universalen Charakter des Christentums. Die christliche Botschaft ist keine unverständliche Geheimlehre für einige wenige Eingeweihte. Nein, sie ist zugänglich für alle: Geliebt zu werden und lieben zu können, das ist die Ursehnsucht und die Urbegabung des Menschen. Darin sind wir Menschen über alle Grenzen von Sprache, Kultur, Ort und Zeit miteinander verbunden.

Die Liebe ist der Weg zu Gott

Im Tiefsten ist diese Verbundenheit Ausdruck unserer Verbindung mit Gott. Er selbst geht sie vom ersten Augenblick unseres Daseins an mit uns ein. Deshalb gilt: Wer sich ehrlich auf den Weg der Liebe begibt, ist auf dem Weg zu Gott. Ist es überflüssig daran zu erinnern, dass die Liebe, von der hier die Rede ist, keine Chiffre ist für Kitsch und Oberflächlichkeit? Die Liebe, die hier gemeint ist, ist Bewegung von mir weg auf den Anderen hin. Sie wird konkret in gegenseitigem Respekt, in Solidarität, in Wahrhaftigkeit, in Treue, in Barmherzigkeit und Versöhnungsbereitschaft. Gerne wollen wir als Kirche mit unseren Möglichkeiten Verbündete sein für alle Menschen guten Willens, die sich dafür einsetzen, dass diese Werte in unserer Welt mehr zur Geltung kommen.

Liebe Schwestern und Brüder, das Recht und die liturgische Ordnung der Kirche sehen vor, dass die Amtseinführung eines neuen Bischofs im Wesentlichen darin besteht, dass nach dem Vorlegen und Verlesen des päpstlichen Ernennungsschreibens der Bischof auf der Kathedra Platz nimmt, so wie wir es zu Beginn der Liturgie vollzogen haben, als Kardinal Joachim Meisner mich zur Kathedra geführt hat. In den zurückliegenden Monaten der Sedisvakanz blieb die Kathedra während der Gottesdienste immer frei. Dadurch ist mir ein Detail ins Auge gesprungen, das mir früher so nie aufgefallen war: Direkt hinter der Kathedra befindet sich in der zentralen Nische des alten romanischen Lettners die Gestalt Jesu Christi: die rechte Hand zum Segen erhoben, hält er in seiner linken das Buch der Schrift - Hinweis darauf, dass er das fleischgewordene Wort Gottes ist. Ein Foto davon haben Sie vielleicht schon im Heft zur Liturgie entdeckt. Sie werden es auch auf dem Gedenkbild, das im Anschluss an diese Feier ausgeteilt wird, finden.

Die Kathedra: Der Bischof hat Christus, den Lehrer, im Rücken

Die Architektur unseres Domes macht deutlich: Derjenige, der auf der Kathedra sitzt oder an ihr steht, befindet sich mit Christus in einer Linie. Er steht nicht mit dem Rücken an der Wand, sondern hat Christus im Rücken. Ist das nicht ein schönes und beruhigendes Symbol?! In ihm liegt zugleich aber eine Mahnung: Der, der auf der Kathedra sitzt, darf sich nicht vor den schieben oder gar den verdecken, dem dieser Platz eigentlich gebührt und für den er zu stehen hat. Nur wenn der Bischof das beachtet, entspricht er der Haltung Jesu Christi selbst, dessen ganzer Einsatz darin bestand, den Menschen Gott bekannt zu machen. Wir haben es im Evangelium gehört: »Vater, ich habe deinen Namen (d. h. dein Wesen) den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast« (Joh 17,6a). Mit diesen Worten fasst Jesus am Abend vor der Passion noch einmal seinen ganzen Auftrag zusammen. So sehr Jesus in seiner Verkündigung immer wieder von sich selbst gesprochen hat, so sehr ging es ihm in der Tiefe nicht darum, die Blicke auf sich zu ziehen, sondern transparent zu sein für Gott, seinen und unseren Vater.

Nur wenn also der Bischof nicht vor, sondern für Christus steht, wird er seiner Aufgabe gerecht. Was aber für den Bischof in besonderer Weise gilt, das gilt letztlich für alle, die den Namen Jesu Christi tragen: Denn sie alle, wir alle sollen auf unsere je eigene Weise und gemäß unserer je eigenen Berufung und Verantwortung dazu beitragen, dass Christus und seine Botschaft in unserer Zeit sichtbar und hörbar wird. Liebe Schwestern und Brüder, wenn wir dies gemeinsam tun, dann »verkörpern« wir den »ganzen Christus« mit Haupt und Gliedern, wie es der hl. Augustinus ausdrückt.

Den ganzen Christus verkörpern - miteinander

Unterstützen wir uns in diesem Auftrag gegenseitig, lassen wir uns neu begeistern und in unseren besten Kräften herausfordern! Gehen wir miteinander den Weg des Glaubens weiter, auf dem uns die Apostel und die Glaubenszeugen der Trierer Kirche vorangegangen sind. Bezeugen wir den Menschen, dass Jesus lebt und dass auch heute seine Verheißung gilt: Sie sollen meine Freude in Fülle in sich haben (Joh 17,13). Amen

Weiteres:

Zeuginnen und Zeugen sein für die Auferstehung

in der Predigt