Zum Eigentlichen kommen - zum Ursprung des Glaubens

Predigt von Bischof Stephan Ackermann in der Christmette 2011 im Trierer Dom

Schriftlesungen: Jes 9,1-6/ Tit 2,11-14/ Lk 2,1-14

Liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Mitfeiernde!

Zu später Stunde haben wir uns hier im Dom eingefunden. Die allermeisten von Ihnen werden schon an festlichem Tisch gesessen und sich beschert haben. Ist damit nicht schon das Eigentliche geschehen, was man allgemein mit dem Heiligen Abend verbindet: familiäres Miteinander und der Austausch von Geschenken?

Und doch konnten Sie, konnten wir es nicht lassen, hierher zu kommen. Warum? Warum sind wir hierher gekommen? Wir sind gekommen, weil wir zum Eigentlichen gehen wollen, zum Ursprung des Weihnachtsfestes. Mit unserer Präsenz hier im Dom dokumentieren wir, dass wir nicht an der Oberfläche bleiben wollen, nicht nur die äußere Schale der Feier haben wollen, so schön und wohltuend auch sie schon ist. Nein, wir wollen mehr. Wir wollen Verbindung aufnehmen zum ursprünglichen Kern und Inhalt der Weihnachtsbotschaft. Dazu helfen uns die großen Formen des Domes und der Liturgie: Raum und Feier sprechen von dem, was uns Menschen übersteigt, was wir nicht einfach selbst machen können.

Schauen wir näher hin auf den eigentlichen Kern der Heiligen Nacht, die Weihnachtsbotschaft selbst, die der Diakon uns verkündet hat. Warum zieht uns diese alte, schon so oft gehörte Erzählung des Evangelisten Lukas bis heute so an – trotz aller Verkitschungen, die die Frömmigkeitsgeschichte hervorgebracht hat, trotz aller Übermalungen, trotz ihrer gigantischen Vermarktung? Ich glaube, es sind vor allem drei Gründe, die dabei eine Rolle spielen:

  • Die Botschaft der Hl. Nacht macht keine Angst: Das Kind in der Krippe ist ein königliches Kind, »seine Herrschaft ist groß«, prophezeit Jesaja, aber dieses Königskind kommt eben nicht in dröhnenden Militärstiefeln daher (Jes 9,4.6), sondern liegt auf einem Bett aus Stroh, wehrlos, offen, durch keinen Hoftstaat abgeschirmt. Ein Bild, das keine Angst macht.
  • Und dann: Die Botschaft der Hl. Nacht ist einfach. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes kinderleicht. Um zu verstehen, was von der Nacht in Bethlehem berichtet wird, braucht man nicht erst studiert zu haben. Es ist ein Vorgang, der auf unserer Erde heute mehr als 150 Mal pro Minute vorkommt, allzu oft leider auch heute noch unter ähnlich schwierigen Bedingungen: Menschen sind auf der Flucht, sind heimatlos, in prekären Lebensverhältnissen. Irgendwie geht es im Weihnachtsevangelium also um einen sehr menschlichen, einen geradezu alltäglichen Vorgang. Das will uns sagen: Die christliche Religion ist nicht zuerst und vor allem ein System von komplizierten Lehren, sondern sie ist einfach und menschlich.
  • Und schließlich ist die Botschaft der Hl. Nacht eine Botschaft, die von Zuwendung und Annahme spricht. »Wie das?«, werden Sie vielleicht fragen. »Es ist doch vom genauen Gegenteil die Rede. Ausdrücklich vermerkt der Evangelist, dass in der Herberge kein Platz war, dass die werdenden Eltern keine Aufnahme fanden.« Umso mehr aber ist gerade deshalb das Bild der Krippe ein Bild der Zuwendung für denjenigen, der nicht an dem Kind vorbei geht, sondern es anschaut und sich anschauen lässt. Das Kind reckt seine Hände nach uns aus. Wer kann sich schon einem kleinen Kind entziehen, das uns anlächelt und seine Arme nach uns ausstreckt?! Es ist ein Anblick, der uns entzückt, weil da ein Mensch ist - und sei er noch so klein -, der sich darüber freut, dass ich da bin, der Kontakt mir aufnimmt, ohne Bedingungen zu stellen, der keine Fremdheit kennt, obwohl er meine Sprache vielleicht überhaupt nicht versteht. Was spielt das in solchen Momenten für eine Rolle?

Gott bedient sich genau dieser dieser Sprache. Das ist seine göttliche List. Er wird Kind, um mit mir Kontakt aufzunehmen, mich mit der Geste des Kindes zu locken, dass ich nicht einfach an ihm vorbeigehe, sondern mich ihm zuwende, um mir seine Zuwendung schenken zu lassen.

So einfach, liebe Schwestern und Brüder, ist die Botschaft von Weihnachten. Doch gerade darin ist sie auch anspruchsvoll. Darin liegt ihre Herausforderung. Denn kann ich wirklich glauben, dass es nicht irgendein x-beliebiges Kind ist, dass mir da aus der Krippe zulächelt, sondern dass es Gott selbst ist? Kann ich glauben, dass – wie es die zweite Lesung aus dem Titusbrief ausdrückte – in diesem Kind die ganze Gnade Gottes erschienen ist (Tit 2,11)? Vermag ich zu glauben, dass mir hier der Ursprung des Lebens, ja das Leben (Joh 1,1) selbst entgegenlacht? Die Botschaft dieser Nacht lautet: Das Leben meint es gut mit mir. Mag es in meinem konkreten Alltag auch noch so viele Gründe geben, die dagegen sprechen -, in der Tiefe, im Letzten meint es das Leben selbst gut mit mir. Ich bin dem Leben nicht egal.

Eine atemberaubende Botschaft. Sagen wir sie noch einmal anders: Gott freut sich über mich wie ein Kind. Ist das nicht die Botschaft, nach der sich das Herz eines jeden Menschen sehnt? Ja, wir sehnen uns danach, weil wir unter Menschen so oft das Gegenteil erleben. Wie oft ist jemand für sein Gegenüber nur interessant, weil er oder sie Leistungsträger ist oder Kunde, Arbeitskraft oder Vorgesetzter ... Vom Philosophen Blaise Pascal gibt es den bitteren Spruch: »Wir lieben nie Personen, nur Qualitäten.« Mit anderen Worten: Einen anderen Menschen liebt man nur, weil er intelligent ist oder schön, witzig oder verlässlich, erfolgreich, hilfsbereit, einfühlsam usw. Wenn das wirklich stimmen würde, dann wäre es schlecht um diese Welt bestellt. Gott sei Dank gilt Pascals Überzeugung nicht pauschal. Wir dürfen das in diesen weihnachtlichen Tagen wieder erleben im Kreis von Familien, Freunden, Nachbarschaften. Die freien Tage um Weihnachten und das Neue Jahr tun ja nicht zuletzt deshalb gut, weil sich in ihnen Menschen weniger als sonst in Funktionen, die sie füreinander haben, begegnen, sondern zweckfrei. In diesem Sinne sollten wir die Tage auch nutzen.

Liebe Schwestern und Brüder, es braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass mit der Botschaft von Weihnachten ein bestimmtes Lebensgefühl verbunden ist. Denn es macht einen Unterschied, ob ich innerlich ganz darauf angewiesen bin, dass mich meine Mitmenschen bejahen oder ob ich über alle menschliche Bejahung hinaus noch die freudige Gewissheit haben darf, dass Gott selbst, der das Leben ist, mir zugewandt ist und mich anschaut.

Wer beides entbehren muss, steht leicht in der Gefahr zu resignieren. Wer in dem Gefühl lebt, weder als Person angenommen zu sein noch über die Qualitäten zu verfügen, die in einer Gesellschaft zählen, der steht in der Gefahr, Verachtung zu empfinden oder gar Hassgefühle zu entwickeln. Wohin das im schlimmsten Fall führen kann, wurde uns in diesem Jahr wieder schmerzlich vor Augen geführt. Ich denke etwa an das blindwütige Attentat auf die Jugendlichen in Norwegen, an den blutigen Selbstmordanschlag vor kurzem auf dem Weihnachtsmarkt in Lüttich, aber auch und besonders an die menschenverachtenden Morde der Rechtsterroristen von Zwickau.

Wo Perspektivlosigkeit, Einsamkeit und Isolation, gerade unter jungen Menschen, um sich greifen, da wächst auch die Versuchung zu Ideologie und Menschenhass. Die Weihnachtsbotschaft ist dagegen ein Kontrapunkt. Denn sie spricht von der vorbehaltlosen Zuwendung und Treue Gottes, die jedem Menschen gilt. Insofern ist sie dem, der ihr Glauben schenkt, ein Vorbeugungsmittel gegen Radikalismus, Fremdenfeindlichkeit und Menschenverachtung.

Liebe Schwestern und Brüder, im Kind von Bethlehem wendet Gott selbst sich uns zu. Nun haben wir aber kein Foto, kein Porträt vom Gesicht dieses Kindes. Wir wissen nicht, wie Jesus genau ausgesehen hat. Gerade deshalb dürfen wir ihn erkennen in all den Krippenkindern, die wir in diesen weihnachtlichen Tagen sehen, mehr noch: Wir dürfen ihn sehen in allen Kindern und schließlich im Gesicht eines jeden Menschen, der sich uns zuwendet, der uns meint als Person, der unser Herz ansprechen will. Entdecken wir darin den weihnachtlichen und zugleich stets neuen Anruf Gottes! Amen.

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in der Predigt