IM WORTLAUT
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„Ein Segen wirst du sein“ (Gen 12, 2)
Hirtenwort des neuen Bischofs
Bischof Reinhard Marx, 02.04.2002


Liebe Schwestern und Brüder im Bistum Trier!

Am Ostermontag bin ich als neuer Bischof von Trier in mein Amt eingeführt worden. Ich möchte Sie alle herzlich grüßen zu Beginn meines Dienstes, auf den ich mich freue, dessen Herausforderung ich aber auch spüre.
Ich empfinde es als eine große Ehre, der ältesten Diözese Deutschlands vorzustehen und dort, wo die ersten Spuren des christlichen Glaubens in unserem Land zu finden sind, Zeuge des österlichen Glaubens zu sein, denn das ist die wichtigste Aufgabe des Bischofs. Die Botschaft von der Auferweckung Jesu von Nazaret aus dem Tod ist der Keim der Frohen Botschaft, des Evangeliums, durch das wir gerettet werden, wie der heilige Paulus sagt (vgl. 1 Kor 15, 2).

An dieses Evangelium zu erinnern, diese Frohe Botschaft zu bezeugen und in der heiligen Eucharistie zu feiern, das ist der zentrale Auftrag für den Bischof und auch für die anderen Amtsträger der Kirche. So freue ich mich auch besonders, dass meine Arbeit in Trier mit den Heilig﷓Rock﷓Tagen beginnt, denn der Heilige Rock, die Tunica Christi, ist eine Christus-Reliquie. Sie verbindet uns mit Jesus von Nazaret, der wirklich gelebt hat und einer von uns geworden ist, der gestorben ist und auferweckt wurde von den Toten. Dieser eine Jesus Christus ist für uns der Weg und die Wahrheit und das Leben (vgl. Joh 14, 6). Deshalb kann uns die Verehrung des Heiligen Rocks in die Mitte unseres Glaubens führen, in die Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn Jesus Christus. In ihm finden wir den Weg in die unendliche Liebe Gottes, mit ihm gehen wir zum Vater. Größeres kann nicht gedacht und nicht erfahren werden, so glaube ich fest.

Liebe Schwestern und Brüder, in diesem Jahr steht als Leitwort über den Heilig﷓Rock-Tagen die Verheißung aus dem Buch Genesis: „Ein Segen wirst du sein" (Gen 12, 2). Zu Beginn meines Dienstes in der Diözese Trier empfinde ich dieses Wort als eine ermutigende Zusage und Verheißung für das ganze Volk Gottes. Denn darum geht es ja letztlich: Die Kirche soll ein Segen sein für alle Menschen! Insofern steht das Volk Gottes auf den Schultern Abrahams, dem als erstem diese Verheißung zugesagt wurde. Nachdem die Menschen durch eigene Schuld die Schöpfung gefährdet hatten und durch die Sünde der ursprüngliche Heilswille Gottes in Frage gestellt war, setzt Gott ﷓ so erzählt uns die Heilige Schrift ﷓ mit Abraham einen neuen Anfang. An Abraham, den Vater unseres Glaubens, ergeht eine besondere Berufung, auf die er im Gehorsam antwortet. So beginnt die wunderbare Geschichte des Volkes Gottes, ein einzigartiger Weg, der seinen Höhepunkt findet im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu von Nazaret. Abraham steht für das Volk Gottes, das von Anfang an nicht alle Menschen umfasst, aber für alle Menschen ein Zeichen und ein Segen sein soll. Das gilt auch für das neue Volk Gottes, die Kirche.

Der verheißene Segen ist beides: Gabe und Aufgabe, Geschenk der Zuwendung und Sendung. Dieser doppelte Aspekt des Segens muss die Kirche prägen in all ihren Gliedern, Bewegungen und Gemeinschaften, besonders auch in unseren Pfarreien. Das erste wäre also: Immer wieder zu erkennen und zu begreifen, dass wir von Gott angesprochen und durch seine Liebe beschenkt sind. Die Kirche ist nicht ein von Menschen organisierter Verein zur Umsetzung religiöser Zwecke, sondern „Geschöpf des heiligen Geistes". Wir sind Volk Gottes, weil er uns anspricht und wir unser Ja und Amen dazu sagen. So entsteht Kirche. Diese Wirklichkeit wird am intensivsten sichtbar in der Feier der heiligen Eucharistie. Aus dieser Feier ergibt sich dann auch die Aufgabe, die Sendung. Denn das Volk Gottes ist ja nicht für sich selbst da, soll kein „Ofen sein, der sich selber wärmt“, wie der Theologe Karl Rahner einmal gesagt hat, sondem ist ein Werkzeug zur Rettung der Welt. Die Kirche soll in ihrer Lebensweise und in ihrer Verkündigung ein Zeichen sein, eine Einladung. Insofern darf man die Kirche vielleicht auch als ein „Lockmittel" Gottes bezeichnen, durch das die Welt neugierig gemacht werden soll auf den Gott und Vater Jesu Christi und auf die neue Lebensweise, die sich vom Evangelium her entwickelt. Die Kirche nimmt also dann ihre Aufgabe wahr, ein Segen für die ganze Weit zu sein, wenn sie in ihrer Liturgie, in ihrer Lebensweise, in ihrer Verkündigung und in ihrem Engagement deutlich macht, dass sie wirklich Volk Gottes, sein Eigentum und sein Werkzeug ist.

Liebe Schwestern und Brüder, was heißt das nun konkret für unser Leben in den Pfarreien, Verbänden, Gruppen und Ordensgemeinschaften? Es heißt zunächst, dass wir uns auch in unserer so traditionsreichen trierischen Kirche nicht zufrieden geben mit dem was ist, sondern immer neu versuchen, Volk Gottes zu werden. Welche Punkte dabei wichtig sind, hat Papst Johannes Paul II. in seinem Apostolischen Schreiben zum Abschluss des Heiligen Jahres 2000 anschaulich gemacht. Für unsere Ohren fast provozierend hat er geschrieben: „Ohne Umschweife sage ich vor allen anderen Dingen: Die Perspektive, in die der pastorale Weg eingebettet ist, heißt Heiligkeit“ (Nr. 30). Heiligkeit ist natürlich nicht unsere moralische Leistung, sondern das Beschenktwerden von der Liebe Gottes. Deshalb führt der Papst weiter aus, dass dieser Weg nur in der Erneuerung und Vertiefung einer wirklichen Kultur des Gebetes, der Verlebendigung der sonntäglichen Eucharistiefeier und in der Feier der Versöhnung im Sakrament der Buße besteht.
Manche Kritiker haben gesagt, das seien ja nicht sehr neue Konzepte im Blick auf unsere pastorale Situation; aber gibt es dazu eine Alternative?
Die Kirche wird nur dann ein Segen für die Menschheit sein, und das gilt bis in unsere Pfarreien hinein, wenn sie zunächst in der lebendigen Kommunikation mit dem dreifaltigen Gott steht. Die Kirche wird niemals ihre Aufgabe erfüllen, wenn das Gebet und die Feier der heiligen Messe und auch das Sakrament der Versöhnung an Bedeutung verlieren, sondern umgekehrt! Ich bin überzeugt, dass eine vertiefte Spiritualität, eine erneuerte Freude am Gebet und an der Feier der heiligen Eucharistie uns nicht von den Problemen der Welt entfernen, sondern im Gegenteil unser Engagement für die Armen, die Kranken, die leiblich und seelisch Verwundeten unserer Gesellschaft intensiviert. Je tiefer die Kirche sich in die Gemeinschaft mit Christus begibt, desto mehr öffnet sich ihr Herz für die Wunden der Welt. Erst dann ist die Frömmigkeit und Spiritualität im christlichen Sinn echt. Und das geht dann auch bis zum politischen Engagement für eine Welt, die friedvoller und gerechter ist, als die Welt, die wir heute erleben. Gerade weil ich mich viele Jahre meines priesterlichen Lebens mit den Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der politischen Gestaltung der Gesellschaft beschäftigt habe, möchte ich betonen, dass beides unbedingt zusammengehört: Geistliches Leben, Spiritualität, Frömmigkeit und Nächstenliebe, Einsatz für die Armen und politischer Einsatz. In diesem Sinn gehören „Mystik" und „Politik" zusammen! Das gilt für die Kirche insgesamt: Für die Diözese, die Pfarreien, die Ordensgemeinschaften, die Verbände und die Bewegungen. So können wir in unserem Land, in unseren Städten und Gemeinden ein Segen für alle sein, besonders für die Armen.

Liebe Schwestern und Brüder!
Aufgabe des Bischofs ist es, Sorge dafür zu tragen, dass die Kirche auf ihrem Weg durch die Geschichte ein Segen bleibt, je immer neu wird und dass die Einheit mit dem Ursprung und mit dem Ganzen gewahrt ist. Dann kann vielleicht sogar für den Bischof das Wort gelten: Ein Segen wirst du sein! Jedenfalls wünsche ich mir das für mich und erbitte Ihr Gebet, damit wir im gemeinsamen Weg durch die Kraft des Heiligen Geistes füreinander ein Segen sind. Diesen Dienst des Bischofs haben viele vor mir in dieser Diözese ausgeübt. Seit dem heiligen Eucharius gab es über 100 Bischöfe in Trier. All diesen Vorgängern möchte ich danken, aber besonders meinem unmittelbaren Vorgänger Bischof Dr. Hermann Josef Spital, der 20 Jahre der trierischen Kirche in selbstlosem Einsatz vorgestanden hat, und dem auch Schmerz und Kummer nicht erspart geblieben sind. Ein herzliches Wort des Dankes gilt auch Weihbischof Leo Schwarz, der als Diözesanadministrator in der Zeit der Vakanz die Diözese mit vielen an seiner Seite umsichtig geleitet hat. Ich kann so auf einem guten Fundament weiter bauen, aber nicht allein, sondern mit Ihrer aller Hilfe, getragen durch das Gebet füreinander! In diese Gebetsgemeinschaft beziehe ich selbstverständlich die Patrone unseres Bistums - die Gottesmutter Maria und den Apostel Matthias - ein, denen ich meinen bischöflichen Dienst in Trier ganz besonders anvertraue.

Zu den schönsten Tätigkeiten des Bischofs gehört es, im Segensgebet den Menschen das Wohlwollen und die Liebe Gottes zuzusprechen, und so möchte ich Sie alle, liebe Schwestern und Brüder zum ersten Mal als Bischof von Trier auf die Fürsprache Mariens und des heiligen Matthias segnen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Trier, den 2. April 2002

Reinhard Marx
Bischof von Trier

Bischof Reinhard Marx


 
WWW-Links:
www.bistum-trier.de über Bischof Reinhard Marx

 
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