Meditation zum Sonntags-Evangelium...

Im selben Boot...

Es ist eine Ur-Angst von Menschen - jedenfalls hier im Binnenland: Die Erfahrung, dass Wasser keine Balken hat und dass es über einem zusammenschlagen und zur tödlichen Bedrohung werden kann. Ganz abgesehen von Wind oder Sturm und Wellen: Die machen alles noch schlimmer...

„Wir sitzen alle im selben Boot“– das stand vor Jahren als Graffito in einer Gasse in Trier an der Wand der Domprobstei – in der Windstraße, genau parallel zum Dom. „Wir sitzen alle im selben Boot – warum rudert bloß keiner!?“

Wasser als tödliche Bedrohung – das erleben auch die Männer (und vielleicht Frauen), die mit Jesus zusammen im Boot sitzen und nachts über den See Gennesaret fahren. Eine kurze Strecke an sich - aber damals war das doch ein größerer Akt. Außerdem: Diesen See in Galiläa können wirklich tückische Winde blitzschnell in ein tobendes Ungeheuer verwandeln. Ich hab es selber mal erlebt – in Sicherheit allerdings, am Ufer in Tiberias.

Die Wellen schlagen schon über die Bordwand. Alle glauben, ihr Boot muss untergehen. Alle? Einer jedenfalls nicht, erzählt das Evangelium: Jesus liegt hinten im Boot auf dem Kissen und schläft. Ruhig und sicher, wie in Abrahams Schoß. Während die anderen sich abkämpfen, um irgendwie Land zu gewinnen! Klar, dass die sich aufregen. „Kümmert es dich denn gar nicht, dass wir untergehen!?“ Wie kannst du da seelenruhig schlafen?

„Da stand er auf“, so übersetzt Walter Jens die entscheidende Szene dieser Geschichte; „und seine Stimme wurde laut, und er schrie gegen den Wind an und brüllte zum Meer hin: Still, sage ich! Stumm sollt ihr sein! Und der Wind flaute ab, und das Meer wurde ruhig.“

Und dann fragt er die Freundinnen und Freunde im Boot, warum sie so feige sind - ob sie immer noch kein Gottvertrauen haben...

Ich könnte auch nicht in der Bootsecke schlafen, wenn alles drunter und drüber geht. Ich mische mich auch lieber ein und nehme die Sache in die Hand, wenn irgendwo was schief läuft oder zu scheitern droht. Aber als Lebenshaltung wäre es doch wirklich ganz schön: Diese Gelassenheit, diese Ruhe; und die strahlt Jesus ja auch aus: er erwacht, und gleich ist Ruhe im Boot und ums Boot herum.

Gottvertrauen – ja; und zudem verlässt Jesus sich in dieser Geschichte auf die Jünger und Freunde. Die sind jetzt dran an der Arbeit; und sie tun ja auch, was sie können. Und zugleich vertraut Jesus auf Gottes Schutz. Bis sie ihn herausholen aus seiner gelassenen Ruhe - und damit auch herausfordern.

Natürlich: ein Mensch kann nicht wirklich einen Sturm anhalten. Einen solchen Wüstensturm dort am Gennesaret nicht – und manche andere Verwirrung oder gar Lebensgefahr auch nicht. Aber erlebt haben die Freundinnen und Freunde des Jesus von Nazaret im Boot damals: Wenn ich mich auf Gott verlasse, bin ich nicht verlassen.

Na gut: Immerhin hatten sie Jesus in ihrer Nähe.  Schwieriger ist es für alle, die ihn nicht direkt bei sich sehen. Die das Gefühl haben: nicht nur, dass er schläft – er ist anscheinend gar nicht da! Es ist gut möglich, dass das biblische Gemälde vom schlafenden Jesus im Boot genau diese Erfahrung der Christengemeinde wiedergibt: Wir haben uns für Jesus entschieden – und das hat schon in den ersten Jahren ziemlich viele Probleme gemacht. Christinnen und Christen sind schon gleich zu Anfang verfolgt und bedrängt worden – Sturm und Dunkelheit und Wellengang sind auch Bilder für diesen Zustand der frühen Gemeinde. Und Jesus: schien eben nicht da zu sein – oder wenigstens schien er zu schlafen. Und da kann ein so bedrängter Christenmensch durchaus beten und klagen: Herr, kümmert es dich nicht, dass wir untergehen!

Manchmal geht es den Christen auch heute wieder so: Stürmische Wellen, drängende Fragen machen wirklich große Angst. Und das alles  beruhigt sich, klares Denken und neue Anfänge sind möglich, die Probleme lassen sich bearbeiten, wenn der Glaube neu entdeckt: Gott ist bei uns. Das sagt mir die Geschichte vom Sturm auf dem See: Gott kümmert sich, selbst wenn er scheinbar schläft.

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