Situation und Bedeutung von katholischen Vereinen und Verbänden in den ländlichen Regionen

Christsein in der Welt von heute

Beschluss der Vollversammlung des Katholikenrates vom 23. Oktober 2010 in Trier, als Antrag vom Sachausschuss "Ländlicher Raum"


Vorwort

Die Mitglieder des SA Ländlicher Raum, die größtenteils auf Pfarr- und Dekanatsebene in ländlichen Gemeinden aktiv sind, nehmen in ihrem Umfeld wahr, wie wichtig Vereine und Verbände für das Gemeinschaftsleben gerade auf dem Land sind. Sie sind „tragenden Säule der dörflichen Gemeinschaft und des dörflichen Lebens, und sie tragen in hohem Maße zur Lebensqualität auf dem Land bei.“ (Vgl. Dorf und Verein - Tradition und Zukunft, Agentur ländlicher Raum im Ministerium für Umwelt, Saarbrücken 2006, S. 6-7) Auch lässt die Mentalität der Landbevölkerung eine große Vielfalt von Vereinen und Verbänden entstehen.
„Wir leben in einer organisierten Gesellschaft mit einer Fülle von Verbänden, Vereinen, Gesellschaften und Organisationen“, so beschreibt die Bundeszentrale für Politische Bildung die Lage (Von Alemann, Ulrich: Die Zukunft der Verbändegesellschaft, in: Informationen zur politischen Bildung Nr. 253, S. 45.). In Deutschland gibt es ca. 600 000 eingetragene Vereine (zählt man die nicht eingetragenen Gruppierungen dazu, sind es etwa 1 Mio.)(Bericht zur Lage und zu den Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland, Berlin 2009, S. 5 und 64). Der größte Teil unserer Bevölkerung ist als aktives oder passives Mitglied in einem Verband oder Verein mit den unterschiedlichsten Zielrichtungen wie Musik, Sport, Tier- und Umweltschutz, Freizeit, Bildung, Politik, Kultur, Religion, Caritas, usw. engagiert. Dabei gibt es (unabhängig von der Rechtsform) Vereine, die eher auf lokale Bindung und gesellige Zwecke fokussiert sind, sowie Verbände, die sich auf die Vertretung bestimmter Bevölkerungsgruppen, sozialer, kultureller und gesellschaftspolitischer Ziele, überregionaler Interessen und die Herstellung von Öffentlichkeit für ihre Anliegen ausgerichtet haben.

Vereine und Verbände in unserer Gesellschaft

  • fördern das Gemeinschaftsgefühl und damit die soziale Verantwortung für die Menschen, in deren Umfeld der Einzelne lebt.
  • holen junge Menschen "von der Straße" und binden sie ins Dorfgeschehen ein.
  • verhelfen insbesondere jungen und auch älteren Menschen dazu, einen Platz in der Gesellschaft zu haben, wertvoll für die Gemeinschaft zu sein und fördern somit ein gesundes Selbstbewusstsein.
  • bilden und befähigen Menschen in praktischen, organisatorischen, persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Fragen.
  • geben Menschen, ob jung oder alt, ob vor, während oder nach dem Berufsleben die Möglichkeit, Aufgaben für die Gemeinschaft zu übernehmen.
  • vermitteln Werte und Traditionen.
  • setzen sich mit veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinander und stellen sich neuen Entwicklungen und Herausforderungen.

Mit dem Pastoralschreiben „Als Gemeinschaft in Bewegung – nach innen und außen“ (Pastoralschreiben "Als Gemeinschaft in Bewegung - nach inne und außen", Bistum Trier (Hg.), 2005)hatte der damalige Bischof Reinhard Marx 2005 eine Neustrukturierung des Bistums eingeleitet. Die Umsetzung ist auf Dekanats- und Pfarreienebene weit voran geschritten; zahlreiche neue, überwiegend vergrößerte, pastorale Einheiten wurden gebildet. Auch Verbände und Vereine im Bistum werden in dem Pastoralschreiben und in den Leitlinien aufgefordert, sich in diesen Umstrukturierungsprozess aktiv einzubringen.
Der Sachausschuss Ländlicher Raum hat sich mit dieser Thematik befasst und möchte einige Anregungen zur Umsetzung der Leitlinien geben.

Situation und Entwicklungen in Gesellschaft und Kirche – Herausforderungen für eine Pastoral der Zukunft
Die gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen und deren Auswirkungen prägen das soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben in den ländlichen und städtischen Räumen insgesamt. Dies trifft selbstverständlich auch auf die bisher eher traditionellen geographischen, sozialen und kulturellen Lebensräume, Sozialstrukturen und Milieus zu. Insbesondere in den ländlichen Räumen sind die Auswirkungen zu spüren (Veränderungen im Wohnort, Marginalisierung der Landwirtschaft, Verödung der Räume, Anpassung der Lebensstile an städtische Vorbilder).
Besonders zu nennen sind:

  • die demographische Entwicklung
  • die soziale und multikulturelle Zusammensetzung der Bevölkerung
  • die zunehmende Vielfalt von familiären Lebensformen
  • die Veränderungen in Arbeitswelt und Wirtschaft
  • daraus resultierende Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse wie auch hoher Arbeitslosigkeit und steigender Armut
  • soziale, familiäre, materielle Probleme, Nöte und Konfliktlagen von Familien, jungen und alten Menschen, von Kranken und Pflegebedürftigen, Alleinerziehenden und Alleinstehenden sowie Menschen mit Migrationshintergrund
  • Veränderungen von Freizeit- und Konsumverhalten (zunehmende Konkurrenz der Freizeitangebote, Einfluss der (neuen) Medien)
  • die zunehmende Globalisierung sowie die Ökonomisierung aller Lebensbereiche
  • die Folgen der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise
  • Überschuldung der öffentlichen Haushalte (Bund, Länder und Kommunen)
  • die Unsicherheit der Zukunft der sozialen Sicherungssyteme und des Sozialstaates
  • die Zunahme der Kinder- und Altersarmut als einer neuen „sozialen Frage“ unserer Zeit

Diese Entwicklungen und Veränderungen prägen die Lebenseinstellungen, Interessenlagen und „Leitbilder“ vieler Menschen. Festzustellen sind ein sich veränderndes Wertebewusstsein, sowie eine Pluralisierung und Individualisierung der Lebensstile und die Veränderungen der traditionellen sozialen, gesellschaftlichen und kirchlichen Milieus.
Von diesen Entwicklungen „in unserer Welt von heute“ ist zunehmend auch die Situation von Kirche, Glaube und Religion betroffen: „Volkskirche“ geht zu Ende mit gleichzeitig abnehmender Kirchenbindung und Glaubenspraxis. Die Anzahl der Christen und die aktive Beteiligung am kirchlichen Leben, sei es in der Gemeinde, sei es in Gruppen, Verbänden und Gremien, sinkt. Der Anteil der „Andersgläubigen“ und Religionslosen sowie derjenigen, die sich von Kirche und Glauben aktiv oder passiv entfernen, nimmt zu.
Hinzu kommt: Die neuen pastoralen Räume als zukünftige kirchliche Strukturen werden größer, anonymer und unüberschaubarer. Daher gilt es wahrzunehmen, dass es für viele Menschen, besonders für Suchende, Enttäuschte und Fernstehende, schwieriger wird, „Kirche am Ort“, Kirche als Glaubens- und Weggemeinschaft (Volk Gottes) konkret, positiv und ganzheitlich zu erfahren.

Bistum Trier – eine ländliche geprägte Diözese
Vorweg: Für den ländlichen Raum gibt es keine eindeutige und allgemeine Definition. Der Übergang von Städten zu Verdichtungsräumen und ländlichen Räumen ist fließend. Ländlicher Raum wird meist durch negative Abgrenzung und Defizitaussagen definiert. Er ist da, wo nicht Stadt mit ihrem Einzugsgebiet ist. Er ist da, wo wenig Menschen in weit verstreuter Siedlungsweise leben. Er ist da, wo das Arbeitsplatzangebot und die Versorgungseinrichtungen gering sind. Er ist da, wo es an Infrastruktur (z.B. schnelles Internet, Kindergärten und Schulen oder Einkaufsmöglichkeiten) mangelt. Was es ausreichend gibt, ist Platz: ein hohes Potential für Landnutzung, viel Natur und damit auch Tourismus (Landesentwicklungsprogramm IV (LEPIV) der Landesregierung Rheinland-Pfalz, 2008, S. 39; Landesentwicklungsplan des Saarlandes vom 14. Juli 2006 im Amtsblatt vom 14. Juli 2006, S. 978).
Das Bistum Trier hat eine Fläche von 12.870 km² und umfasst geopolitisch den größten Teil des Saarlandes sowie ca. 50 % des Bundeslandes Rheinland-Pfalz. Von den ca. 2,5 Mio. Einwohnern im Bistum Trier sind 1.525 Mio. Einwohner katholisch; 600.000 davon leben im Saarland (ohne Saarpfalz-Kreis) (Die älteste Diözese Deutschlands - Geschichte Bistum Trier, 2007, S. 14). Fragt man nach dem Katholikenanteil in den ländlichen Räumen, so ist auch hier - wie zuvor beschrieben - eine eindeutige Abgrenzung zwischen Stadt und Land nicht möglich. Etwa 70 % der Fläche ist in Rheinland-Pfalz ländlich strukturiert, insbesondere trifft dies für die großen Regionen Eifel und Hunsrück zu. “90 Prozent der Gemeinden in Rheinland-Pfalz haben weniger als 2000 Einwohner und in 10 von 24 Landkreisen haben wir eine Einwohnerdichte von weniger als 150 Einwohnern je Quadratkilometer.“(Dokumentation Forum Ländlicher Raum, ministerium für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau, Mainz 2007, S. 14) Das Saarland ist durch seine Ballungsgebiete im Bereich Saarbrücken, Neunkirchen und Saarlouis geprägt. In diesen Verdichtungsräumen leben ca. 60 % der Bevölkerung; der restliche Anteil lebt in ländlichen Gebieten (Loth, Wilfried: Land Saarland, in: Bundeszentrale für politische Boldung (Hg.) Handwürterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik, Bonn 2003, S. 353.). Die Deutsche Bischofskonferenz ordnet Trier eindeutig den ländlich geprägten Diözesen zu (Katholische Kirche in Deutschland - Statistische Daten 2007, Arbeitshilfe 231 der Deutschen Bischofskonferenz, bonn 2009, S. 15).

Kirchliche Verbände und Organisationen im Bistum Trier
Im Synodenbeschluss von 1975 heißt es bereits: „Für das Leben der Kirche und ihre Präsenz in der Gesellschaft ist die gemeinschaftliche und organisierte Form des Apostolats (AA 18) von besonderer Bedeutung. Ihre Träger sind vor allem die katholischen Verbände.“ (Verantwortung des ganzen Gottesvolkes für die Sendung der Kirche. Ein Beschluss der Gemeinsamen Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland, Heftreihe Synodenbeschlüsse 12, Bonn, 1975, S. 657.)
Im „Wort zur Stellung der Verbände in der Kirche“ schreibt die Deutsche Bischofskonferenz, dass in den Verbänden ein großes Potential für die Kirche liegt. Sie attestiert den Verbänden „eine große Bereitschaft (..), den Glauben an Christus gemeinsam und persönlich zu bezeugen und die Welt aus christlichem Geist zu gestalten“ und stellt auch fest, „daß wir die Verbände brauchen, um in unserer pluralistischen und differenzierten Gesellschaft die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebensweisen und Lebensräumen zu erreichen.“(Wort zur Stellung der Verbände in der Kirche, Die deutschen Bischöfe 45, Bonn 1990, S. 3-4)
Die Deutschen Bischöfe betonen die Bedeutung der Verbände, indem sie erklären: „Wir sind der festen Überzeugung, dass die katholischen Verbände einen unverzichtbaren Dienst für die Katholische Kirche und die Gesellschaft in Deutschland geleistet haben und leisten.“ Sie merken an, dass die Verbände „nicht nur kirchliche Strukturen in der Gesellschaft, sondern auch gesellschaftliche Strukturen in der Kirche“ sind (Wort zur Stellung der Verbände in der Kirche, a.a.O., S. 3).
Im Bistum Trier gibt es zurzeit 20 größere und kleinere Verbände und Organisationen, 15 davon sind im Katholikenrat vertreten. Die katholischen Verbände und Organisationen kooperieren in einer diözesanen Arbeitsgemeinschaft. Auch hier spiegelt sich die Vielfalt der Verbände in ihrer unterschiedlichen Struktur, ihrem unterschiedlichen Gemeindebezug sowie ihren unterschiedlichen Zielsetzungen, Themen und Arbeitsschwerpunkten. Die Farbigkeit der Verbände zeigt sich auch in unterschiedlich ausgeprägten pastoralen, sozialen oder gesellschaftspolitischen Schwerpunkten, in langer Tradition oder kurzer Geschichte. Diese Mannigfaltigkeit trägt positiv zur „Vielfalt in der Einheit“ unserer Kirche bei.
Die in den Verbänden aktiven Mitglieder spüren es leidvoll, die anderen nehmen es von außen wahr: Sie haben mit Schwierigkeiten und Unsicherheiten zu tun, die, wie es die Bischöfe ausgedrückt haben, „inmitten der allgemeinen Krise von Gesellschaft und Kirche“ angesiedelt sind (Wort zur Stellung der Verbände in der Kirche, a.a.O., S. 4). Vor allem ist bei den Verbänden festzustellen, dass die finanziellen Mittel weniger werden. Der „Verbindliche Entwurf zur Kostensenkung im Bistum Trier 2010“ (Finanzieren und Investieren. Verbindlicher Entwurf zur Kostensenkung im Bistum Trier 2010) wird diesen Prozess noch verschärfen. In der Stellungnahme des Katholikenrates zu den Kostensenkungsplänen wird befürchtet, dass „die angekündigten Kürzungen bei den Verbänden (..) sich (…) so auswirken, dass Personalstellen für Bildung und Unterstützung von Ehrenamtlichen wegfallen.“(Stellungnahme des Katholikenrates zu den Kostensenkungsplänen) Dies wird u. a. die zukünftige Arbeit der Erwachsenen- und Jugendverbände auf den verschiedenen Ebenen existentiell betreffen.
arüber hinaus leiden die Verbände unter sinkenden Mitgliederzahlen wie unter der allgemein schwindenden Bindungsbereitschaft (Tätigkeiten ohne lange Bindung werden eher angenommen). Auch sind die Angebote der Freizeitwelt und der Medienkonsum so gestiegen, dass die Veranstaltungen der Verbände oft nicht mehr genügend nachgefragt werden und „konkurrenzfähig“ sein können. Weil gut qualifizierte, junge Menschen häufig aus beruflichen Gründen abwandern und weil Ihnen hohe Flexibilität und voller Einsatz im Berufsleben abverlangt werden, sind sie für die Arbeit der Verbände vor allem in ländlichen Räumen nur noch schwer ansprechbar. Zur hieraus folgenden Überalterung trägt auch bei, dass die Mitgliedschaft in einem Verband nicht mehr quasi automatisch aus der Mitgliedschaft der Eltern entsteht, sondern zunehmend einer bewussten Entscheidung für eine selbstverantwortete Biographie entspringen muss (Vgl. Dorf und Verein - Tradition und Zukunft, S. 27).
Ein gravierender und bisher nicht ersetzter Verlust für die gesamte pastorale Arbeit des Bistums war die Schließung der Katholischen  Landvolkhochschule, dem zentralen Bildungshaus des Bistums im ländlichen Raum. Notwendige und bewährte Maßnahmen – gerade mit Blick auf die sich stark verändernde Situation auf dem Lande – mussten stark reduziert oder sogar ganz aufgegeben werden. Dies betrifft vor allem eine profilierte Landpastoral, die Erwachsenenbildung, Ausbildung und Begleitung von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die Arbeit der Katholischen Landvolkbewegung, die vielfältigen offenen und zielgruppenorientierten Angebote für Frauen und Männer vom Lande.

Rolle und Bedeutung der Verbände für die neuen pastoralen Räume
Schon der Synodenbeschluss von 1975 hebt die Bedeutung der Verbände hervor: „Die Verantwortung für den Dienst an der Welt ist den Laien in besonderer Weise aufgegeben. Sie verwirklichen die Sendung der Kirche im christlichen Zeugnis des täglichen Lebens, in Ehe und Familie, Arbeit und Beruf, in gesellschaftlicher und politischer Tätigkeit. In all dem handeln die Laien in eigenständiger Verantwortung. Sie üben ihre Verantwortung als einzelne oder gemeinsam aus. Verbände und Gruppen sind in besonderer Weise geeignet, den Weltauftrag in den verschiedenen Bereichen zu verwirklichen.“ (Verantwortung des ganzen Gottesvolkes..., a.a.O, S. 654)
Die Synode sieht sowohl die Mitarbeit in den Gemeinden als Auftrag der Verbände, als auch einen hierüber hinausgehenden, eigenständigen Auftrag: „Räte und Verbände sind keine Gegensätze. Ebenso wenig wie die Verbände die Räte ersetzen können, können die Räte die Verbände ersetzen. Sie stehen nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen und fördern sich. Entsprechendes gilt im Verhältnis der Räte zu nicht verbandsmäßig organisierten freien Initiativen. „Die gesellschaftlichen und kirchlichen Aufgaben der Verbände gehen über ihren Beitrag zum gemeindlichen und übergemeindlichen Leben hinaus“. (Gemeinde des Herrn, 83. Deutscher Katholikentag, Trier 1970, „Die kath. Verbände im Wandel von Kirche und Gesellschaft, Nr. 9, S. 78f).“(Verantwortung des ganzen Gottesvolkes..., a.a.O, S. 658)
Es ist also nichts Neues, wenn die Bistumsleitung im Pastoralschreiben „Als Gemeinschaft in Bewegung – nach innen und außen“(Pastoralschreiben "Als Gemeinschaft in Bewegung - nach innen und außen", a.a.O.) die Bedeutung der Verbände betont. Sie fragt ihre Mitarbeit an bei der Bewältigung der Veränderungen, die die Vergrößerung der pastoralen Räume mit sich bringen wird. Das Pastoralschreiben spricht die Verbände vor allem durch folgende Leitlinien und konkreten Handlungsempfehlungen an.

Gemeinschaft in Bewegung - durch Neuordnung der Aufgaben
Leitlinie 1: Wir ordnen Aufgaben, Zuständigkeiten und Räume und gestalten so das Leben als Volk Gottes im Bistum Trier auf neue Weise.
Leitlinie 2: Wir überprüfen unsere Arbeit und nehmen Abschied von dem, was nicht zukunftsfähig ist.
Die Handlungsempfehlungen dazu sind u.a.:
a.) „Es sollen neue Formen der verbindlichen Zusammenarbeit zwischen dem Pfarrer, den Hauptamtlichen, den Ehrenamtlichen und gegebenenfalls den Verbänden und Gruppen erarbeitet werden.“
b.) Auf Dekanatsebene gehört zum „Ordnen“ u.a. die „intensivere Zusammenarbeit auch mit den Ordensgemeinschaften, kirchlichen Einrichtungen, den Verbänden und Religionslehrern.“
c.) Das Schreiben regt Studientage an „etwa zum Kirchenbild vom Volk Gottes, an denen Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Räte und Gruppen teilnehmen sollen.“

Das bedeutet aus unserer Sicht:

  • Es muss bewusst werden, dass auch Katholische Verbände, kategoriale Gemeinschaften und spirituelle Bewegungen Orte kirchlichen Lebens und Träger kirchlichen Handelns sind.(Vgl. Die Gemeinde von heute auf dem Weg in die Kirche der Zukunft, Thesen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Dokumentation des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 25. November 200, S. 4)
  • Verbände und Vereine vermitteln wichtige Werte. Wenn sie in einer Pfarrgemeinde aktiv sind, unterstützen und gestalten sie das Gemeindeleben mit.
  • Die Verbände ermöglichen durch ihre Struktur und ihre Aufgabenbereiche für eine Gemeinde auch den „Blick über den Zaun“.
  • Angesichts der neuen Entwicklungen und Herausforderungen in Gesellschaft und Kirche wird es notwendiger, die Verbände so auszustatten, dass sie die Gruppen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vor Ort noch stärker unterstützen und begleiten können.

Gemeinschaft in Bewegung - durch partnerschaftliches Miteinander von Gemeinden und Verbänden auf Ortsebene
Leitlinie 4: Wir unterbrechen unsere gewohnte Sichtweise und schauen mit den Augen Jesu in die Welt.
Die Handlungsempfehlungen dazu sind:
„Aufgrund der professionellen Dienste und Hilfswerke sowie der engagierten Arbeit der Orden und Verbände fühlen sich viele Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften auf dem Gebiet der Caritas und Entwicklungsarbeit (Eine-Welt-Arbeit) von ihrer Verantwortung entpflichtet.“ In manchen Pfarrgemeinden ist das Bewusstsein einer dienenden Kirche, die die Notleidenden im Blick hat – und dies als Aufgabe der Gemeinde und des Einzelnen – zurückgegangen. Zugleich ergeben sich durch die gesellschaftlichen Umbrüche neue soziale Probleme, besonders nenne ich die bedrückende Situation der Arbeitslosigkeit vieler Menschen.“ (Pastoralschreiben "Als Gemeinschaft in Bewegung - nach innen und außen", a.a.O.)

Das bedeutet aus unserer Sicht:

  • Nicht wegsehen, wenn Not, Einsamkeit, Leid, Benachteiligung und Ungerechtigkeiten sichtbar werden.
  • Initiativen ergreifen – Hilfen anbieten, bewusst „Sehen, Urteilen und Handeln“.
  • Tolerant sein gegenüber anderen Meinungen und Einstellungen und faire Auseinandersetzung suchen, insbesondere bei Konflikten, die konstruktiv zu lösen wären.
  • Diakonie als Dienst am Nächsten leben und soziales Lebens mitgestalten.
  • Gottes- und Nächstenliebe ernst nehmen, Einsatz für Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden.

Gemeinschaft in Bewegung - durch die Verbände als Träger christlicher Wertevermittlung für ländliche Gemeinden und durch Bildung von Netzwerken
Leitlinie 7: Wir bringen unseren Glauben und unsere Hoffnung ins Gespräch und laden zum Mitgehen ein.
Die Handlungsempfehlungen dazu sind u.a.:
„Die Verbände sollten sich auf allen Ebenen nach Partnern umsehen und Formen der ehrlichen Zusammenarbeit entwickeln und in unsere Bistumsgemeinschaft hinein kommunizieren.“

Das bedeutet aus unserer Sicht:

  • Die katholischen Verbände und Vereine haben eine große Bedeutung für die praktische Verknüpfung von Glauben und Leben, vor allem im konkreten Alltag. Sie sind Kommunikationsorte für den Glauben.
  • Die Verbände und Bildungseinrichtungen bieten sich mit ihrem Mitgliedernetz als Plattform der Lobbyarbeit für die Kirche auf dem Land an.
  • Da, wo es möglich und sinnvoll ist, sollten Verbände stärker miteinander kooperieren und Kontakte, Kooperationen auch mit anderen kirchlichen und gesellschaftlichen Gruppen und Einrichtungen, Initiativen und Netzwerken suchen.
  • Gruppierungen und Verbände bieten auch Nicht-Gottesdienstteilnehmern die Chance solidarischen Handelns durch Mitwirkung in Projekten und Aktionen der Kirche. (Vgl. Die Gemeinde von heute auf dem Weg in die Kirche der Zukunft, a.a.O., S. 7)
  • Die Verbände sollen gezielt ermutigt werden, in die Gemeinden zu gehen - diese sollen offen sein für die Verbände und deren Aufbau und Arbeit unterstützen.
  • Die Zusammenarbeit und Vernetzung zwischen Verbänden, Kirchengemeinden und Kommunen sollte verstärkt werden. Dies gilt vor allem für die Jugendarbeit, im sozialen und diakonischen Bereich sowie beim ökumenischen Engagement.
  • Bei allen Bestrebungen zur Zusammenarbeit sollte die Bedeutung der Gemeinde als „Kirche am Ort“ gefördert und gestärkt werden. Ziel muss sein, dass sich die Menschen in Gemeinden und Verbänden angenommen fühlen und dass sie konkret Kirche und Glauben erfahren und selbst leben können.

Weitergehende Anregungen und Gedanken zur Zusammenarbeit von Gemeinden und Verbänden
Können Verbände das überhaupt, was im Pastoralschreiben von Ihnen erwartet wird, angesichts der gesellschaftlichen und kirchlichen Gegebenheiten wie schwindende Mitgliederzahlen, geringere Finanzmittel, schwindende Bindungsneigung, fehlende Identifikation mit familiengeschichtlichen Traditionen hinsichtlich Verbandszugehörigkeit aber auch den flächenmäßig großen Pfarreien? Wenn die kirchlichen Verbände und Organisationen im Bistum sich das gemeinsame Ziel setzen, Formen der Zusammenarbeit unter sich und mit den Gemeinden zu entwickeln, könnten davon alle profitieren.

Die nachfolgenden Anregungen sollen Wege aufzeigen, diesem Ziel näher zu kommen:

  • Von zentraler Bedeutung für die zukünftige Arbeit der Kirche ist die Frage des „personalen Angebotes“. Die Verbandsarbeit vor Ort wird überwiegend von ehrenamtlich tätigen Frauen und Männern wahrgenommen. Leider ist festzustellen, dass ehrenamtlich engagierte Menschen sich häufig zu wenig wertgeschätzt und begleitet fühlen. Das fängt oft in der Gemeinde vor Ort an und endet auf der Diözesanebene. Unterstützung und Anerkennung sind unerlässlich für überwiegend von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragene Netzwerke in Gemeinden und Verbänden.
  • Verbände und Gemeinden „konkurrieren“ um Menschen, die bereit sind, sich ehrenamtlich zu engagieren. Dies ist eine Tatsache, die es bewusst zu machen gilt, um solche personellen Probleme gemeinsam lösen zu können. Absprachen und Arbeitsplanung sind gefordert, damit Kooperation und die gegenseitige Unterstützung verbessert und wirkungsvoll gestaltet werden kann.
  • Angebote und Arbeitshilfen für verschiedene Formen von Gottesdiensten (auch ohne Pfarrer) sind sinnvolle Unterstützung für die Gemeinden. Verbände, die Handreichungen und Modelle publizieren und gegebenenfalls auch bei der Durchführung vor Ort Hilfestellung geben können, werden leichter Kontakt zur Gemeinde knüpfen können. Diese pastoralen Angebote könnten z.B. über die Dekanate gesteuert werden.
  • Transparenz ist eine wichtige Grundlage für eine gute Zusammenarbeit. Die Angebote der Verbände an Pfarreien, Pfarreiengemeinschaften und Dekanate sollten nicht nur die jeweiligen zentralen Stellen, sondern ebenso direkt die ehrenamtlichen Vorsitzenden der pastoralen Gremien erreichen.
  • Es wird angeregt, dass auf den Internetseiten des Bistums ein Überblick über alle kirchlichen Vereine und Verbände gegeben wird. Er sollte einen kurzen Abriss über die Ziele, Aufgaben und Strukturen des Verbandes und eine Kontaktadresse enthalten.
  • Eine Broschüre aller Verbände im Bistum bzw. eine vollständige Übersicht im Internet würde es Pfarrgemeinden, Pfarreiengemeinschaften und Dekanaten möglich machen, sich Überblick zu verschaffen über kirchliche Verbände in ihrem Einzugsbereich. Diese könnten dann beraten, ob es Verbände und von ihnen vertretene Themen, Aktivitäten und Aufgaben gibt, die in der eigenen Region eine Rolle spielen könnten. Sie hätten damit die Möglichkeit Kontakt aufzunehmen bzw. den Verbänden Kontaktpersonen in ihrer Pfarrgemeinde, Pfarreiengemeinschaft oder ihrem Dekanat zu nennen.
  • Die Bistumsleitung sollte eine für alle zugängliche Anlaufstelle benennen für rechtliche, finanzielle und steuerliche Fragen und Rahmenbedingungen für die ehrenamtlich Engagierten im Bereich der Kirche. Diese Stelle sollte auch über die Rechte der Ehrenamtlichen und über Angebote und Hilfen für Ehrenamtliche im Bistum Auskunft geben können.
  • Die Verbände können in ihrer Arbeit vor Ort von den Gemeinden auch organisatorisch profitieren. Sie könnten vor Ort ermitteln, was in den Gemeinde gut läuft oder wo (noch) Bedarf besteht. Darauf aufbauend könnte man weitere Projekte - eventuell auch gemeinsam - entwickeln bzw. anbieten.
  • Die Ortsgruppen der Verbände sollten Verbindung zu den Pfarreien, Pfarreiengemeinschaften und Dekanaten suchen und verstärken, zum Beispiel zu den pastoralen Gremien der Mitverantwortung der Laien wie den Dekanats- und Gemeinderäten. Sie sollten dort auch die Interessen ihres Verbandes einbringen.
  • Aktuelle Informationen zu Arbeit und Angeboten der Verbände sollten soweit möglich auch im Pfarrbrief, im Schaukasten und auf anderen Wegen der Öffentlichkeitsarbeit in der Pfarrei veröffentlicht werden.
  • Wo immer möglich, sollte die ökumenische Arbeit durch gemeinsame Veranstaltungen im religiösen und sozialen Bereich verstärkt werden.
  • Vernetzung, Kommunikation und möglicherweise gemeinsame Planungen sollten nicht nur zwischen Pfarrgemeinden und Verbänden, sondern auch zwischen den Verbänden selbst und mit kommunalen Einrichtungen sowie anderen freien Trägern von Projekten stattfinden.
  • Bei der pastoralen Planung ist es sinnvoll, die Zusammenarbeit von Verbänden und Gemeinden zu berücksichtigen.

Schlussbemerkung
Bei der Bearbeitung des Themas ist deutlich geworden, dass die Problematik nicht nur den ländlichen Raum betrifft, sondern auf das gesamte Bistum übertragen werden kann. Aus diesem Grunde wird angeregt, die Gesamtthematik im Rahmen eines gemeinsamen Studientages von Verbänden und Räten zu beraten und in die Arbeit für eine Pastoral der Zukunft unseres Bistums einzubringen.

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