Lebensqualität im Ländlichen Raum - Möglichkeiten und Wege zur Verbesserung der Strukturen

Dokumentation und Ergebnis der Arbeit des Katholikenrates zum Thema Lebensqualität im Ländlichen Raum in der Legislaturperiode 2012-2016

Inhaltsübersicht

  • I Einleitung Switch

    „Öde Dörfer“ - so titelt die Süddeutsche Zeitung vom 10. September 2013 einen Bericht über die Entwicklung der ländlichen Gebiete in Deutschland und weist darauf hin, dass die „Abwanderung junger Menschen vom Land in die Städte hohe Kosten verursachen würde“. Von der zurückbleibenden weiter schrumpfenden Bevölkerung müssen dann unter Beibehaltung der vorhandenen Infrastruktur höhere kommunale Umlagen getragen werden. Die politischen Parteien, Landesregierungen, Forschungsinstitute usw. befassen sich schon seit Jahren mit den demografischen Veränderungen in unserer Gesellschaft – und besonders mit gravierenden Folgen für die ländlich geprägten Sozialräume, die heterogene Strukturen aufweisen.

    Die Raumordnungsstruktur des Bistums Trier und die Tatsache, dass ca. 2/3 der Fläche zu den eher ländlich geprägten Lebensräumen zählt, ist Anlass, dieses Thema aufzugreifen. Für das Einzugsgebiet unseres Bistums ist festzustellen, dass die ländlich geprägten Regionen sehr heterogen sind und von ländlichen Räumen in unmittelbarer Nähe zu Verdichtungsräumen bis hin zu dünn besiedelten ländlichen Räumen in ungünstigen Lagen reichen.

    Bereits in Artikel 72 Abs. 2 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, den Landesverfassungen von Rheinland Pfalz und dem Saarland und den Raumordnungsgesetzen ist die Herstellung der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse verankert.

    Der allgemeine gesellschaftliche und demografische Wandel, die Veränderungen im kirchlichen Bereich wie auch der Strukturwandel im Bereich der Landwirtschaft und des Weinbaus treffen insbesondere die Lebenssituation der Menschen „auf dem Land“.

    Wir sind der Meinung, dass ein weiterer politischer wie auch kirchenpolitischer und wissenschaftlicher Handlungsbedarf besteht, um die Lebensqualität für die Menschen in den unterschiedlich ländlich strukturierten Lebensräumen nachhaltig und adäquat zu gestalten.

    Ziel dieses Positionspapiers ist es, die Lebenssituationen von Menschen und die allgemeinen strukturellen Entwicklungen in den ländlich geprägten Regionen in unserem Bistum zu beleuchten und Lösungsansätze vorzuschlagen.

  • II. Gegenwärtige gesellschaftliche und demografische Tendenzen in ländlichen Räumen Switch

    Trotz der beschriebenen Heterogenität der ländlich geprägten Lebensräume lassen sich Entwicklungstendenzen feststellen, die insbesondere in den dünn besiedelten Räumen in ungünstigen Lagen zu Problemen führen und hier stichwortartig genannt werden:

    Veränderte Familien- und Lebensstrukturen

    ·  Rapide Abnahme der Mehrgenerationenhaushalte und der familiären Wirtschafts- und Versorgungsgemeinschaften

    ·  Abwanderung von jungen Menschen und jungen Familien

    ·  Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist schwieriger

    ·  Trennung von Arbeits-, Lebens- und Freizeitstätten (Schlafstätte, Regenerationsort, fehlende Zeit für Kontaktpflege)

    ·  Trennung, Scheidung und Patchwork-Familien

     

    Ältere Menschen

    ·  Die Zahl älterer und alleinstehender Menschen in den Dörfern nimmt zu

    ·  Bedarf an Fremdhilfe im Alter steigt

    ·  Gefahr der Altersarmut (Lücken in der Vorsorge, Alternative Altersversorgung greift auf Grund des Strukturwandels nicht)

    ·  Gefahr der Vereinsamung und Isolation im Alter

    ·  Problematische Wohnsituation und Versorgung von alten Menschen

     

    Bisherige "Traditionen" brechen weg

    ·  Gelebte Traditionen und Dorfkultur sind gefährdet

    ·  Vereinswesen und Nachbarschaftshilfe nimmt ab

    ·  Abwendung vom Ehrenamt und Hinwendung zum Dienstleistungsgedanken - Veränderung des Freizeit- und Konsum-verhaltens

    ·  Wegfall von Begegnungs- und Kommunikationsstätten (Kirche, Geschäft, Gaststätten, Wartezimmer)

     

    Kirche

    ·  Pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht mehr vor Ort persönlich ohne Terminvereinbarung erreichbar

    ·  Neue pastorale Strukturen führen zu weniger kirchlichen Angeboten vor Ort, Kirchenschließungen, geringeren persönlichen Beziehungen zur örtlichen Kirche

    ·  Kirche im Alltagsleben im Ort wenig präsent bzw. nur zu bestimmten Gottesdienstzeiten in der Kirche

     

    Arbeitsplätze und (bisherige) dörfliche Infrastruktur

    ·  Angebote der Grundversorgung fallen aus wirtschaftlichen Gründen weg (z. B. Bäckerei, Metzgerei, Lebensmittelgeschäft)

    ·  Schließung von Klein- / und Handelsbetrieben (als Arbeitsplatz, für die Grundversorgung, als Gewerbesteuerzahler)

    ·  Kommunale Einnahmen gehen zurück

    ·  Landarztpraxen wegen fehlender Nachfolge geschlossen

    ·  Landwirtschaftsbetriebe nehmen im gesamten Dorfgefüge kaum noch einen Platz ein

    ·  Wegfall von Struktur gebenden Institutionen (z. B. Schließung von Bundeswehrstandorten, Schließung eines traditionellen Großbetriebes)

    ·  Schließung von Schulstandorten auf Grund geringer Schülerzahlen und Fehlen eines differenzierten Betreuungsangebotes

    ·  Öffentliche Dienstleistungen werden zentralisiert (Behörden, Polizei, usw.)

     

    Mobilität / Verkehrsinfrastruktur

    ·  Fehlende Mobilität im Alter

    ·  ÖPNV nicht vorhanden oder auf Grund der rückläufigen Schülerzahlen zurückgebaut, schlechte Verkehrsanbindungen,

    ·  Vernachlässigte Verkehrswege (baulicher Zustand der Straßen)

     

    Moderne Kommunikationsmittel

    ·  Moderne Medien schaffen andere soziale Kontakte außerhalb des familiären / dörflichen Umfeldes

    ·  unzureichend ausgebaute Kommunikationsnetze

     

    Die Beispiele verdeutlichen, dass ländliche Räume an einem Scheideweg stehen.

    Je häufiger und stärker die o. g. Merkmale auftreten, umso schneller und stärker wird sich die Lebensqualität der Menschen in ländlichen Räumen verschlechtern. Hierbei bestehen Wechselwirkungen zwischen den allgemeinen gesellschaftlichen und kirchlichen Veränderungen in den ländlichen Regionen.

    Die nachhaltige Weiterentwicklung der Lebensbedingungen der Menschen in ländlich geprägten Sozialräumen ist sowohl Aufgabe und Herausforderung für die Kirche ( vor Ort und überörtlicher Ebene ) wie auch für die Politik und jede einzelne und jeden einzelnen als Bürgerin und Bürger sowie Christ und Christin.

  • III. Anregungen, Handlungsempfehlungen und Möglichkeiten zur Verbesserung der Situation von Menschen in ländlich geprägten Lebensräumen in unserem Bistum Switch

    In Zeiten begrenzter finanzieller Mittel sind die regional vorhandenen Ressourcen in Kirche und Gesellschaft optimal und abgestimmt zu nutzen, Dialoge und Vernetzungen anzustreben, gemeinsame Ziele zu definieren und in transparenten Prozessen unter Beteiligung der Menschen im Sozialraum zu gestalten.

    In Anbetracht der unterschiedlichen Formen der ländlich geprägten Sozialräume und der erforderlichen Einbeziehung der Menschen vor Ort können keine Patentrezepte gegeben werden. Wie bereits im Grundgesetz verankert, gilt es die Menschen und Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft zum gemeinsamen und abgestimmten Handeln zu motivieren, damit gelingendes Leben in den ländlich geprägten Sozialräumen unseres Bistums auch in Zukunft möglich ist. In diesem Prozess sind die jeweils örtlichen Rahmenbedingungen und Potentiale zu analysieren und gemeinsame Ziele zu vereinbaren.

     

     

    1. Erhalten und Fördern sozialer Strukturen

    Der Anteil der älteren Bevölkerung nimmt stetig zu, sie ist auch stärker heimatverbunden bzw. weniger mobil. Entsprechende gute soziale Strukturen sind auch für die Jüngeren und Familien von Vorteil und führen u. U. auch zu neuen Arbeitsplätzen. Als beispielhafte Möglichkeiten seien hier genannt:

     

    Einrichten von Mehrgenerationen – Treffpunkten

    Im Rahmen des Aktionsprogramms „Mehrgenerationenhäuser“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurden auch im Bistum Trier Modelle erfolgreich umgesetzt. Es sollte geprüft werden, ob derartige Mehrgenerationshäuser, verstanden als Beratungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte, an anderen Orten vergleichbar kostengünstig umgesetzt werden können, sofern örtlich keine Begegnungsstätte vorhanden ist.

     

    Einrichten und Nutzen von Tausch- und Ehrenamtsbörsen

    In einigen Regionen haben sich Tauschbörsen im Sinne einer erweiterten Nachbarschaftshilfe gebildet. Über eine zentrale Stelle werden gegenseitig Dienstleistungen aller Art angeboten ( z.B. Bügelhilfe gegen Rasenmähen). Auch diese Form der gegenseitigen Hilfe sollte auf die Übertragbarkeit hin geprüft werden.

     

    Betreuung von Hilfe- und Pflegebedürftigen Menschen

    Der Betreuungsbedarf wird aufgrund der demografischen Entwicklung steigen. Zwar wird man auf dem Land noch eher die Form der „häuslichen Pflege“ und verschiedene Formen der Nachbarschaftshilfe antreffen, jedoch hat sich auch hier die Situation durch die geänderten Familien- und Arbeitsstrukturen verändert. Es gibt flächendeckend ein Netz an professionellen Unterstützungsstrukturen. Die durch Sozialversicherungen finanzierten Leistungen umfassen jedoch selten Zeiten für ein Gespräch u. ä. mit den hilfebedürftigen Menschen. Hier kann das unterstützende ehrenamtliche Engagement für die hilfebedürftigen Menschen eine Möglichkeit der christlichen und gesellschaftlichen Teilhabe sowie der Verbesserung der Lebensqualität sein.

     

     

    2. Erhaltung einladender pastoraler Strukturen

    Durch die Umsetzung 2011 der bereits im Jahre 2007 beschlossenen Strukturveränderungen wurden die pastoralen Strukturen im Bistum gravierend geändert. Viele Gemeinden wurden zu teilweise flächenmäßig sehr großen Pfarreiengemeinschaften zusammen gefasst. „Die neuen pastoralen Räume als zukünftige kirchliche Strukturen werden größer, anonymer und unüberschaubarer. Daher gilt es wahrzunehmen, dass es für viele Menschen, besonders für Suchende, Enttäuschte und Fernstehende, schwieriger wird, „Kirche am Ort“, Kirche als Glaubens- und Weggemeinschaft (Volk Gottes) konkret, positiv und ganzheitlich zu erfahren.“ urteilte der Sachausschuss Ländlicher Raum bereits im Jahre 2010 als er sich mit der „Situation und Bedeutung von katholischen Vereinen und Verbänden in den ländlichen Regionen“ befasst und als Ergebnis die Broschüre: „Christsein in der Welt von heute“ erarbeitete.

    Die pastorale Neuordnung stößt bei vielen Gläubigen immer noch auf Skepsis und Sorge. Ein „Rückzug“ der Kirche würde die Lebensqualität im ländlichen Räumen zusätzlich vermindern. Auf folgende Aspekte soll hier nochmals exemplarisch hingewiesen werden:

    Konzept Landpastoral

    Im Rahmen der Pastoralen Neustrukturierung wurden die besonderen strukturellen Gegebenheiten in den ländlichen Räumen nicht ausreichend berücksichtigt. Es gibt kein spezielles Konzept für die Landpastoral. Diese kann nicht mit der Citypastoral gleichgesetzt werden.

    Die oft flächenmäßig sehr großen Pfarreien und Pfarreiengemeinschaften erfordern einen besonderen pastoralen Handlungsansatz, der sich nicht nur an der Anzahl der Seelen orientieren darf. Vor allem ältere, oft auch alleinstehende Menschen sowie Menschen in besonderen Lebenssituationen brauchen Lebensbegleitung, wollen persönlichen Kontakt zu den Seelsorgerinnen und Seelsorgern. Geringer werdende Mobilität oder fehlende öffentliche Verkehrsmittel erschweren zusätzlich die weiten Wege zum Gottesdienst. Eine Person, die lediglich als Ansprechpartnerin/ Ansprechpartner der Gemeinde wirkt („Klingel vor Ort “), ist unzureichend. Die Frage ist, ob diese Aufgaben nicht von hauptamtlichen Laienseelsorgerinnen und -seelsorgern bzw. Diakonen übernommen werden können.

     

    Ehrenamt fördern

    Die neuen Gemeindestrukturen bedürfen noch mehr der Mitarbeit von Ehrenamtlichen. Dazu sind diese durch die Hauptamtlichen zu fördern und eigenverantwortlich einzusetzen. Die wachsende Zahl der alten Menschen und allein lebenden Menschen, die ansteigenden Armutszahlen, fordern gerade im ländlichen Raum einen besonderen ehrenamtlichen seelsorgerischen Einsatz (z.B. Betreuungs-, Besuchsdienste, Begegnungsmöglichkeiten, Fahrdienst zu Gottesdiensten und Feiern u. a.).

     

    Vernetzung der Dienste

    Um Synergieeffekte optimal zu nutzen und die vorhandenen Ressourcen schonend einzusetzen, sollte eine stärkere Vernetzung zwischen kategorialer Seelsorge, die in unterschiedlichen Größen und Formen bistumsweit tätig ist, und der territorialen Seelsorge erfolgen. Eine Steuerung dieser Zusammenarbeit zwischen „oben und unten“ (Leitungsebene und Basis) wäre wichtig.

     

     

    3. Aufrechterhalten und Sicherstellen einer flexiblen Grundversorgung

    Es ist verständlich, dass nicht in jedem Dorf eine „Rund-um-Grundversorgung“ im Sinne des Grundgesetzes sichergestellt werden kann. Auf Grund von einer örtlichen Analyse ließe sich jedoch ein konkreter Bedarf ermitteln. Beispiele dazu könnten sein:

    Nahversorgung

    Gute Einkaufsmöglichkeiten sollten von der Wohnung/ dem Wohnort leicht erreicht werden können. Eine Möglichkeit stellen die modern gemanagten „Dorfläden“ dar. Diese können auch einer Verödung des Ortes entgegenwirken und bieten einen sozialen Begegnungsraum. Daneben stellen alternative Versorgungsangebote, wie z.B. mobile Kaufläden oder aber Fahr- bzw. Bestelldienste zu Supermärkten wichtige Elemente der Nahversorgung dar. Jede Gemeinde sollte die bestehenden Möglichkeiten der Nahversorgung prüfen und ggf. weiterentwickeln.

     

    Medizinische Versorgung

    In vielen ländlichen Gegenden ist die medizinische Versorgung gefährdet. Der Einsatzbereich des ärztlichen Bereitschaftsdienstes ist oft sehr weiträumig. Eine Verbesserung könnte durch den Aufbau von „Mobilen Arztpraxen“ oder Fahrdiensten zu den Praxen erreicht werden.

     

    Öffentliche Ordnung und Sicherheit

    Feuerwehren, Not- und Rettungsdienste und vor allem die Polizei sind in vielen Regionen des ländlichen Raumes immer weniger präsent; dies verunsichert insbesondere auch ältere, oft allein wohnende Menschen. Die Sicherheit der Menschen in ländlichen Räumen muss in gleicher Weise wie in Ballungszentren gewährleistet sein.

     

    Angepasste Verwaltungs- und Dienstleistungseinrichtungen

    Leistungen der öffentlichen Verwaltung und Dienstleister (z.B. Banken, Post) sind möglichst bürgernah vorzuhalten. Eine Zentralisierung von Verwaltungsorganen und Dienstleistungseinrichtungen sind vor allem auf dem Land problematisch (lange Wege, schlechte Verkehrsanbindungen, fehlende „Vorort-Kenntnisse“ der Bearbeiter, komplizierte Zuständigkeiten usw.). Abhilfen dazu könnten sein: Einrichtung von Bürgerbüros und mobilen Beratungsstellen, Service-Punkten oder Bürgersprechstunden. Zudem könnten Verwaltungswege vereinfacht, Entscheidungskompetenzen nach „unten“ abgegeben und damit mehr Transparenz und Bürgernähe erreicht werden.

     

    4. Erhalt bzw. Verbesserung der Verkehrsinfrastrukturen

    Sanierung und Ausbau der öffentlichen Verkehrswege

    Die Straßen im ländlichen Raum sind überwiegend in einem schlechten Zustand. Ein gutes Straßennetz macht das Wohnen in ländlicher Region auch für denjenigen attraktiver, der in der Stadt oder in Ballungsgebieten arbeitet.

    Auch für junge Menschen sind Mobilität und Flexibilität heute selbstverständlich und für eine Wohnsitznahme im ländlichen Raum maßgeblich. Für den Erhalt einer selbständigen Lebensführung sind Senioren in ländlichen Lebensräumen oftmals bis ins hohe Alter auf gut ausgebaute und verkehrssichere Straße angewiesen (z.B. Einkäufe zu tätigen, Arztbesuche).

    Gut ausgebaute Verkehrswege stärken die Attraktivität des ländlichen Raums sowohl als Freizeit und Erholungs- wie auch als Wirtschaftsraum.

     

    Öffentlicher Personen- und Nahverkehr (ÖPNV)

    Berufspendlerinnen und Berufspendler, Schülerinnen und Schüler sowie Bewohnerinnen und Bewohner des ländlichen Raumes sind auf funktionierende Verkehrswege und ÖPNV – Strukturen angewiesen. Der ÖPNV ist Aufgabe des Landes und der Städte und Landkreise und muss eine kostengünstige und flächendeckende Anbindung jeder Gemeinde gewährleisten. In ländlichen Gegenden fahren Busse oftmals nur noch um Schüler zu transportieren. Durch die demografischen Veränderungen werden die Schülerzahlen geringer und gleichzeitig die Kosten für die Linienbetreiber höher. Dies bedeutet, dass die Linien künftig nicht mehr betrieben werden. Durch die älter werdende Bevölkerung könnte es jedoch zu Verschiebungen – hin zum ÖPNV – kommen.

    Wenn aus Gründen dieser Veränderungen der ÖPNV künftig nicht mehr flächendeckend aufrecht erhalten werden kann, müssen, aus der Verpflichtung des Landes, den ÖPNV auf dem Lande zu gewährleisten, Möglichkeiten geschaffen werden, sogenannte „Bürgerbusse“/ “Flexi-Busse”/ Sammel-Taxi zu fördern und zu bezuschussen.

     

     

    5. Verbesserung bzw. Ausbau der Kommunikationsstrukturen

    Eine wichtige Voraussetzung zur Teilhabe am kulturellen, gesellschaftlichen und täglichen Leben ist ein flächendeckender Zugang zu modernen Kommunikationsnetzen (vor allem Breitband-gestütztes Internet und Mobilfunk). Diese Maßnahmen sind umso wichtiger, weil Behörden, Unternehmen, Geschäfte, Banken etc. vermehrt voraussetzen, dass der Bürger über eine entsprechende Kommunikationseinrichtung verfügt (z.B. Steuerprogramm ELSTER, Online- Banking). Deshalb müssen Junge und Alte, Familien, Unternehmen und Schulen, etc. Zugang zum Datennetz haben. Die entsprechende Infrastruktur ist zeitnah flächendeckend zu schaffen.

     

    6. Erhaltung und Schaffung attraktiver Wohnräume

    Bezahlbares Wohnen anbieten

    Der Vorteil des ländlichen Raumes, preiswerten und großzügigen Wohnraum für alle Bevölkerungsschichten anbieten zu können, muss deutlicher beworben werden.

    Faire Grundstückspreise und Baukosten, kurze Behördenwege (für Genehmigungen, Förderprogramme), niedrige Mieten können ein Wohnen auf dem Land interessant machen.

    Neu aufgelegte Bauförderprogramme für die ländlichen Regionen können zusätzlich einen Anreiz für den Zuzug von Familien geben.

    Die „Dorfinnenentwicklung“ muss in Sinne von Ressourcenschonung und Umweltschutz Vorrang vor Erschließung / Ausweitung von Neubaugebieten haben.

     

    Attraktives Wohnen für alle Generationen

    Ein familienfreundliches Umfeld ist notwendig. Dazu gehören vor allem bedarfsgerechte, flexible und gut erreichbare Betreuungsangebote für Kinder sowie attraktive Schulangebote bis zur Hochschulreife. Kultur- und Freizeitangebote sollten für Jung und Alt vorhanden sein.

    Der älter werdende Dorfbewohner wird sich sicherlich in Eigeninitiative auf mögliche Beschwerden und Einschränkungen im Alter einstellen. Jedoch sind auch die Kommunen und die Kirchen etc. aufgefordert, dies in den Planungen zu berücksichtigen: z. B. Umsetzen der „Barriere-Freiheit“ bei öffentlichen Einrichtungen, Schaffen von behindertengerechtem Wohnraum, Fördern von Projekten wie Seniorenheimen und Betreutem Wohnen.

     

    7. Unterstützen und Fördern der wirtschaftlichen Entwicklung

    Ansiedlung von Unternehmen und Betrieben

    Der Entstehung/ Erweiterung von großen Einkaufszentren im ländlichen Raum am Rande von kleineren Städten und Gemeinden sollte gegen gesteuert werden.

    Förderprogramme für Mittelstands- / Kleinbetriebe sind wichtig für die Erhaltung eines „aktiven“ Lebensraumes. Es müssen finanzielle Anreize für die Gründung von neuen Betrieben angeboten werden.

    Land- und Forstwirtschaft sowie Weinbau

    Große Teile unseres Bistums sind durch Land- und Forstwirtschaft sowie Weinbau gestaltet.

    Sie prägen und erhalten unsere Kultur und Landschaft in unserem Bistum und stellen einen wichtigen Erwerbszweig dar. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Produktion von hochwertigen Lebensmitteln und Rohstoffen, elementaren Lebensgrundlagen und zur regenerativen Energieversorgung. Der nachhaltige Umgang mit der Schöpfung stellt ein wichtiges Anliegen für einen dauerhaften Erhalt des natürlichen Lebensraums dar.

    Diese Wirtschaftsbereiche gestalten den ländlichen Lebensraum nachhaltig mit, sichern Arbeitsplätze und bereichern das Gemeindeleben.

    Der dadurch erbrachte Wert muss entsprechend honoriert und gefördert werden. Dies sollte Niederschlag in den entsprechenden Förderprogrammen von EU, Bund und Ländern finden.

    Für landwirtschaftliche Betriebe in schwierigen Situationen sollte die Landwirtschaftliche Familienberatung der Kirchen erhalten und ausgebaut werden.

    Bürgerstiftungen

    Bürgerstiftungen sind eine neue Form des bürgerschaftlichen Engagements und können in Zeiten immer knapper werdenden Finanzen eine innovative Ressource insbesondere auch für „Gemeinwohl – Projekte“, Infrastrukturelemente in ländlich strukturierten Lebensräumen sein. Es sollte stärker über bestehende Bürgerstiftungen informiert und die Gründung neuer Bürgerstiftungen oder auch Zustiftungen unterstützt werden. Auch das Stiftungszentrum des Bistums könnte im Bereich der Pfarrgemeinden aufklärend wirken.

  • IV. Schlussbemerkungen Switch

    Die Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse, wie im Grundgesetz und den Landesverfassungen festgeschrieben, muss ein zentrales Ziel für die Entwicklung des ländlichen Raumes sein. Dies braucht nicht bedeuten, dass sämtliche Möglichkeiten der Grundversorgung in unmittelbarer Nähe zur Verfügung stehen, sondern mindestens ein Zugang zu den Einrichtungen der Daseinsvorsorge gewährleistet sein sollte – und zwar in zumutbarer Entfernung. Die aufgezeigten Lösungsmöglichkeiten und Empfehlungen erwecken eventuell den Eindruck, dass nur mit Strukturplänen, Förderprogrammen, Bewilligungsverfahren und vor allem auch mit finanziellen Mitteln Abhilfe erreicht werden kann.

    Dies ist aus unserer Sicht zu eng gesehen. Eine tragfähige Erhaltung oder Verbesserung der Lebensqualität in den ländlichen Räumen kann nur gelingen, wenn die Betroffenen „vor Ort“ bei der Gestaltung und lokalen Entwicklung mit einbezogen werden. Aktives Mitgestalten bedeutet aber auch, dass alle Bewohnerinnen und Bewohner einer Dorfgemeinschaft sich angesprochen fühlen. Sie sollten sich zusammen mit den Gemeindevertretern, Verbänden, Vereinen, Kirchenvertretern, etc. in den örtlichen Gestaltungsprozess einbringen (z.B. beim „Runden Tisch“, durch Bürgerbefragung, Kooperationstreffen mit Nachbargemeinden). Dadurch wird das Bewusstsein für das Miteinander gestärkt und solidarisches Handeln sichtbar. Vieles, was an diesem „Runden Tisch“ vereinbart wird, kann bereits ohne oder mit geringen finanziellen Mitteln und ohne großen Aufwand angepackt und so die dörfliche Gemeinschaft gefördert werden. In vielen weiteren Fällen sollte die staatliche Seite aber auch gezielt mit finanziellen Mitteln Projekte im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe unterstützen. Aktionsprogramme wie z.B. initiiert vom Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz des Saarlandes „ Mich hat ja keiner gefragt …. Mitmacher gesucht“ oder auch „Tatort Dorfmitte – Selbst ist das Dorf“ sind sehr gute Beispiele, wie man das vorhandene Engagementpotenzial in den Dörfern des ländlichen Raumes nutzen kann.

    Ein nachahmenswertes Beispiel für das gemeinsame Bemühen den ländlichen Raum zu stärken ist das Projekt „Leben in Aach“. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt, dass vom Dekanat Schweich-Welschbillig initiieret wurde, suchen Kirche und Kommune nach Lösungen wie Leben und Zusammenleben in Aach als eine ländlich geprägten Gemeinde gelingen kann.

    Mit Unterstützung der Universität Trier wollen Kirche und Kommune erfahren, wie die Bürgerinnen und Bürger von Aach sich ihr Leben und Zusammenleben vorstellen und erhalten Anregungen dazu, ob und wie dieses Leben gefördert werden kann.

    Der Katholikenrat ist mit der Katholischen Landvolkbewegung (KLB) im Bistum Trier der Meinung, dass die wesentlichen Grundlagen für eine zukunftsfähige Pastoral ein solidarisches Miteinander und verantwortliches Handeln in der dörflichen Gemeinschaft sein müssen. Dies gilt nicht nur für den pastoralen Bereich.

    Wichtig ist jedoch der Blick in die Zukunft: Die Trierer Synode hat sich u.a. auch den Schwerpunkt „Kirche in der Welt von heute“ gesetzt. Es ist zu hoffen, dass dabei auch die in diesem Positionspapier genannten Probleme und Sorgen der Menschen des überwiegend ländlich geprägten Bistums berücksichtigt werden und die Empfehlungen in den synodalen Prozess einfließen.

  • Quellenverzeichnis Switch

    1. Ländlicher Raum auf der Roten Liste. Der Beitrag der Integrierten Ländlichen Entwicklung zur Schaffung von Arbeitsplätzen unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung in Deutschland, Hrsg. DeutschLandeskulturgesellschaft (DLKG, Sonderheft 1 – 2006)

    2. Strategiepapier für die Entwicklung der ländlichen Räume in Rheinland-Pfalz, MinWVLW, 2008

    3. Für einen starken ländlichen Raum in Rheinland-Pfalz. Wohnen.Arbeiten.Mobil sein. Positionspapier CDU – Landtagsfraktion 13.6.2012

    4. Wege der Seelsorge in den neuen Strukturen. Katholikenrat im Bistum Trier Juli 2008

    5. Christsein in der Welt von heute. Situation und Bedeutung von katholischen Vereinen und Verbänden in den ländlichen Regionen, Katholikenrat im Bistum Trier, Okt. 2010

    6. Bistum Trier Pressedienst „Eine einzigartige Untersuchung . Forschungsprojekt über Leben auf dem Land in Aach gestartet. Vom 29.01.14

    7. www.paulinus.de. Bericht über die landpastorale Herbsttagung vom 16.12.2012

    8. www.landeszeitung.rlp.de , Malu Dreyer sieht den demografischen Wandel als Chance, Rede anlässlich der Abschlussveranstaltung Projekt „ZukunftsiDeeen“ der Ministerpräsidentin, 11.06.2013 in Simmern.

    9. Demografie und Wachstum in Deutschland. Perspektiven für wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt. WISO – Diskurs, April 2013, Friedrich - Ebert- Stiftung, Aufsatz: Der demografische Wandel als Katalysator gesellschaftlicher Innovationen.

    10. Bischof Reinhard Marx : Die Vergrößerung des pastoralen Raumes und die Nähe zu den Menschen, Deutsche Bischofskonferenz, April 2007

    11. www.invos.de, Vogelsberger Sozialarbeit, Arbeitskreis neue Wohnformen, 2/2010

    12. Den demografischen Wandel gestalten. Berichterstattung an den Landtag Sachsen-Anhalt, März 2013, verantwortliche Stabsstelle für demografische Entwicklung und Prognosen des MinLV des Landes Sachsen-Anhalt.

    13. Staatskanzlei Min für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau / Ministerium des Innern und für Sport: Landleben – Gutes Leben. 10 Punkte zur Sicherung der Mobilität im ländlichen Raum, 08.02.2011

    14. Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz des Saarlandes, Agentur ländlicher Raum, Februar 2013

    15. www.saarland.de, Landesamt für Agrarwirtschaft und Landentwicklung. 06.03.2009

    16. cms.bistum-trier.de, Auftrag der Synode : Kirche in der Welt von heute , Sept. 2013

  • Mitglieder des Sachausschusses Ländlicher Raum: Switch

    • Hans Fomin
    • Hildegard Frey
    • Ingrid Gayl
    • Karl Häfner
    • Annemie Knecht
    • Reimund Leg
    • Stephanie Nickels
    • Rudolf Schneiders
    • Hubert Stuhrmann

Herausgeber:

Katholikenrat im Bistum Trier, Mustorstraße 2, 54290 Trier, Tel.: 0651/ 7105-591Fax: 0651/ 7105-435, E-Mail: katholikenrat(at)bistum-trier.de 

 

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