Bistum Trier
Freitag, 18. November 2016

Auch Gefühlen Raum und Sprache geben

Traditioneller St. Martinsempfang des katholischen Büros in Mainz

Mainz/Trier - Mit Blick auf die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika hat der Trierer Bischof Dr. Stephan Ackermann, sich dafür ausgesprochen, der Bedeutung von Gefühlen in der Gesellschaft wieder mehr Beachtung zu schenken. Beim traditionellen St. Martins-Empfang am Donnerstagabend, 17. November, im Erbacher Hof in Mainz sagte er: „Bei allen Zahlen, Fakten und Sachthemen sind Gefühle als Wirklichkeit - individuell und sozial - ernst zu nehmen. Ich meine auch, dass es über das Ernstnehmen hinaus wichtig ist, ihnen Raum und Sprache zu geben. Das gilt natürlich nicht nur für andere, sondern auch für uns selbst, also auch für Menschen, die politische und gesellschaftliche Verantwortung tragen.“ Der Vortrag von Bischof Ackermann stand unter der Überschrift „Leidenschaften und Verantwortung – Überlegungen zur gesellschaftlichen Macht von Emotionen“.

Wörtlich sagte er: „Bei allen notwendigen und auch einzufordernden Regeln von Respekt und Anstand und der gehörigen Sensibilität für das Gegenüber darf nicht eine vermeintliche politische Korrektheit wie ein Fallbeil über allem hängen und das Gespräch verunmöglichen. Das erfordert eine hohe Kultur des Dialogs, die bereit ist, dem anderen auch in seinem Anderssein, in seiner Verschiedenheit von mir zu begegnen, sei diese Verschiedenheit weltanschaulich, religiös, generationenbedingt, ethnisch-kulturell bedingt oder einfach dadurch, dass mir Gedanken und Gefühle des Anderen fremd sind und auch bleiben.“

Bei der US-Wahl scheine das Gefühl der Angst vor dem gesellschaftlichen und sozialen Abstieg eine große Rolle gespielt zu haben. Das „Erfolgsrezept“ eines Donald Trump und auch europäischer Populisten liege darin, „diesen Menschen ein Sprachrohr zu geben“. Weiter sagte Ackermann: „Das erschreckt uns, und darüber mokieren wir uns, aber Gesellschaft und politische Verantwortliche müssen sich selbstkritisch fragen lassen, warum Menschen, die sich in der beschriebenen Gefühlslage befinden, kein seriöseres Sprachrohr finden.“ Aus der Angst und Wut der Menschen entspringe oft auch ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber vermeintlich oder tatsächlich übermächtigen Institutionen, sagte Ackermann. „Der Begriff des ‚Wutbürgers’ ist ja inzwischen auch bei uns zu einer festen Vokabel geworden.“ Dieser versuche, „in unserer globalisierten Welt die verloren gegangene Erfahrung von Selbstwirksamkeit wiederzugewinnen, also das Gefühl, etwas bewegen zu können“.

Gleichzeitig sei es aber auch notwendig, die „vielen Beispiele einer positiven Emotionalität“ wahrzunehmen. Ackermann nannte unter anderem das große Engagement von Kirchengemeinden für Flüchtlinge: „Indem Ehrenamtliche einen neuen, gemeinsamen Auftrag für sich entdecken, ist an nicht wenigen Stellen neuer Schwung in Pfarrgemeinden gekommen. Sicher hat dies auch mit dem guten Gefühl zu tun, mitten in der Zerrissenheit und Komplexität dieser Welt, etwas Sinnvolles tun und bewirken zu können. Für mich ist das Engagement in der Flüchtlingsarbeit ein sehr positives Beispiel für eine Selbstwirksamkeitserfahrung, ohne Wutbürger werden zu müssen.“

Bischof Ackermann plädierte ebenso für eine Wiederentdeckung großer biblischer Erzählungen als sinngebende Texte, die in der Gesellschaft Emotionen wecken können. Etwa die Bergpredigt mit den Seligpreisungen, und die Gleichnisse vom verlorenen und wiedergefundenen Sohn oder vom barmherzigen Samariter seien „ein Menschheitserbe“. Wörtlich sagte er: „Sie bleiben Grundnarrative für das, was wir als europäische Werte bekennen: Den Respekt vor der unantastbaren Würde und den unveräußerlichen Rechten jedes Menschen, die Sorge um sein Wohlergehen, den Kampf gegen Ungerechtigkeit, Hunger und Armut, den Einsatz für Frieden und Freiheit.“

Bischof Stephan Ackermanns Rede im Wortlaut

Dreyer würdigt gute Zusammenarbeit

Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer würdigte in ihrer Ansprache „das gute Verhältnis“ zwischen staatlichen und kirchlichen Institutionen in Rheinland-Pfalz. „Die katholische Kirche und die Landesregierung arbeiten auf vielen Ebenen und an vielen Stellen eng und vertrauensvoll zusammen und tauschen sich regelmäßig zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen aus“, sagte Dreyer. Es sei ein zentrales Anliegen für sie, Spaltungstendenzen zu verhindern und den Zusammenhalt in allen Bereichen der Gesellschaft zu stärken, betonte Dreyer. Deshalb habe sie ihr neues Amt als Bundesratspräsidentin unter das Motto „Zusammen sind wir Deutschland“ gestellt. Und weiter: „Wo immer es mir möglich ist, werbe ich für mehr Leidenschaft für unsere offene Gesellschaft und unser demokratisches System. Dabei ist es mir besonders wichtig, vor allem junge Menschen zu ermutigen, sich in Politik und Gesellschaft einzubringen“, betonte die Ministerpräsidentin.

Der Mainzer Diözesanadministrator, Prälat Dietmar Giebelmann, bezeichnete den St. Martinsempfang in seinem Schlusswort als „wichtige Tradition in unserem Land“. Den Vertretern von Landesregierung, Landtag und den Fraktionen dankte er für die gute Zusammenarbeit im vergangenen Jahr.

200 Gäste aus Politik, Kirche und Verwaltung

Zu der traditionellen Begegnung hatte der Leiter des Katholischen Büros Mainz, Ordinariatsdirektor Dieter Skala, fast 200 Gäste aus Politik, Kirche und Verwaltung im Ketteler-Saal des Erbacher Hofes begrüßt. Neben Ministerpräsidentin Dreyer waren unter anderen die Staatsministerinnen Doris Ahnen, Sabine Bätzing-Lichenthäler, und Anne Spiegel sowie die Staatsminister Roger Lewentz und Professor Dr. Konrad Wolf gekommen. Neben Landtagspräsident Hendrik Hering und dem Präsidenten des Verfassungsgerichtshofes Rheinland-Pfalz, Dr. Lars Brocker, waren außerdem folgende Vorsitzende der im Landtag vertretenen Fraktionen gekommen: Alexander Schweitzer (SPD), Julia Klöckner (CDU), Thomas Roth (FDP) und Dr. Bernhard Braun (Bündnis 90/Die Grünen).

Aus den rheinland-pfälzischen Bistümern waren neben Diözesanadministrator Giebelmann und Bischof Ackermann unter anderen der Erzbischof von Köln, Kardinal Rainer Maria Woelki, der Bischof von Speyer, Dr. Karl-Heinz Wiesemann, und der Bischof von Limburg, Dr. Georg Bätzing, gekommen. Musikalisch gestaltet wurde der Abend vom Streichquartett des Bischöflichen Angela Merici-Gymnasiums in Trier unter Leitung von Oberstudienrat Ulrich Krupp.

(red)

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