Bistum Trier
Montag, 27. November 2017

„Für die Integration entscheidend“

5. Flüchtlingskonferenz im Bistum Trier fordert Familienzusammenführung

Trier – „Flucht ist immer ein Familienprojekt“: So hat Professor Dr. Dieter Filsinger von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes die Thematik der 5. Flüchtlingskonferenz am 25. November in der Richterakademie in Trier auf den Punkt gebracht. Eingeladen hatte das von Caritas und Bistum gemeinsam getragene „Willkommensnetz“ der Flüchtlingshilfe. Thematisch ging es um Familie und ihre Bedeutung für die Integration. Atmosphärisch herrschte eine lebendige Stimmung der Offenheit und des Austausches zwischen Menschen, die haupt- oder ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit vor Ort tätig sind, und Flüchtlingen, die an der Konferenz teilnahmen.
Weihbischof Franz Josef Gebert, der Vorsitzende des Diözesan-Caritasverbandes Trier, bekräftigte zu Beginn noch einmal die Forderung, den Familiennachzug für subsidiär Geschützte wieder zu ermöglichen. Er ist zurzeit noch bis März 2018 ausgesetzt. „Wir brauchen eine vernünftige Regelung des Familiennachzuges, um Menschen aus unerträglichen Spannungen herauszuholen“, so Gebert. Das Willkommensnetz bezeichnete er als nachhaltiges Hilfeangebot. Allen Anwesenden, die stellvertretend für die vielen Engagierten des Willkommensnetzes stehen, dankte er herzlich.

Weihbischof Franz Josef Gebert zum Thema "Familiennachzug"

Familiennachzug braucht Unterstützung und Begleitung

Die Referenten des Tages betrachteten das Thema „Familie“ unter rechtlichen, kulturellen und theologischen Blickwinkeln. So lenkte Professor Dr. Filsinger den Blick auf die hohe Solidarität in Migrantenfamilien, die als großes Potenzial gesehen werden könne. Er wies beim Thema Familiennachzug aber auch darauf hin, dass Generationenkonflikte entstehen können, wenn Jugendliche mit ihrer Familie nach Deutschland nachziehen. Deshalb sei es eine wichtige Aufgabe, Familien auch nach ihrer Zusammenführung gut zu begleiten und zu beraten. Unterstützung für Familien ist auch nach Ansicht von Dr. Andreas Zimmer, Abteilungsleiter Beratung und Prävention im Bischöflichen Generalvikariat, maßgeblich für eine gelungene Integration. Oft gebe es in den Familien traumatische Erlebnisse, die vor oder während der Flucht entstanden sind. Hier sei das Angebot einer behutsamen Trauer- und Erinnerungsarbeit eine Möglichkeit, den Migranten zu helfen und sie psychisch zu stabilisieren. Weitere Informationen rund um das Thema Familie gaben Aloys Perling, Pastoralreferent im Arbeitsbereich Familienbezogene Dienste im Bischöflichen Generalvikariat, sowie die Juristen Helmut Mencher, Direktor des Amtsgerichtes Bitburg a.D., und Roland Graßhoff, Geschäftsführer des Initiativausschusses für Migrationspolitik in Rheinland-Pfalz.

Erfahrungen von Geflüchteten und HelferInnen

Im zweiten Teil der Konferenz kamen Geflüchtete und Ehrenamtliche zu Wort und gaben Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Familie und Integration. Für Familie Alhajji-Hamwi etwa war die Flucht aus ihrer Heimatstadt Damaskus in Syrien eine Zerreißprobe: Alle Ersparnisse und bei Freunden geliehenes Geld ermöglichten Maisaa Hamwi und ihren damals zehn- und fünfjährigen Söhnen gemeinsam mit der Großmutter und einem ihrer Brüder die Flucht, während Ehemann Raed in dem größtenteils zerstörten Haus in Damaskus bleiben musste: Als Regierungsbeamter waren ihm wegen der Fluchtgefahr seine Ausweispapiere weggenommen worden. Über Umwege kamen die Familie und weitere Verwandte nach Kell, wo sie auf den Ehrenamtlichen Dittmar Lauer trafen, der sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Lilli seit 2015 in der Flüchtlingshilfe einsetzt.

Lauer half der Familie nicht nur bei der Wohnungssuche und –einrichtung, bei den Sprachkursen und vermittelte Kontakte zu Vereinen, sondern übernahm vor allem die schwierigen Behördengänge und nötigen Schritte für den Familiennachzug. Für Maisaa Hamwi waren die eineinhalb Jahre bis zum Nachzug ihres Ehemanns eine Zeit der Sorge und Angst: „Ich hatte Kontakt zu ihm über das Internet, aber ich habe jeden Abend geweint.“ Zurück nach Syrien wolle sie zunächst nicht – dort sei alles zerstört, sie wolle eine gute Zukunft für ihre Kinder, die hier zur Schule gehen und schon sehr gut Deutsch sprechen. Dittmar Lauer und die anderen Ehrenamtlichen der Gesprächsrunde waren sich dabei einig, dass vor allem die gute Zusammenarbeit mit den Hauptamtlichen ein wichtiger Erfolgsfaktor sei, um Flüchtlinge gut betreuen zu können. Ehrenamtskoordinator Andreas Flämig vom Caritasverband, der gemeinsam mit Dittmar Lauer Familie Alhajji-Hamwi begleitete, bestätigt das. „Wir wollen vor allem verlässliche Partner für die Ehrenamtlichen sein. Es ist wichtig, alle Informationen, vor allem zu neuen rechtlichen Grundlagen, so schnell wie möglich weiterzugeben und die Ehrenamtlichen mit ihren Fragen nicht alleine zu lassen.“ Beim Thema Familiennachzug sei die Lage klar: „Stellen Sie sich vor, sie sollen eine neue Sprache erlernen, einen Integrationskurs besuchen, obwohl sie ständig nur von der Sorge bestimmt sind, ob es ihren Lieben gut geht. Da müssen wir nicht lange diskutieren, dass das die Integration viel schwieriger macht.“ 

Heute sei die Familienzusammenführung nach den Asylverfahren einer der Schwerpunkte der Arbeit des Willkommensnetzes, informierte anschließend Mitarbeiterin Sanaz Khoilar. Die Mittel des Bundes dafür seien sehr begrenzt und 2017 schon im März aufgebraucht gewesen. Das Willkommensnetz bezuschusse daher pauschal mit 500 Euro pro Fall die Kosten der Familienzusammenführung, also etwa Flugkosten. Insgesamt stünden 50.000 Euro aus dem Flüchtlingsfonds dafür zur Verfügung. Bisher habe es 16 Anträge auf den Zuschuss gegeben, in acht Fällen sei die Zusammenführung erfolgt. Für den Leiter des Bereichs Ehrenamt, Bildung und Gesellschaft im Bistum Trier, Dr. Hans Günther Ullrich, hat die Flüchtlingskonferenz die Haltung der katholischen Kirche zum Familiennachzug noch einmal bestärkt: „Familie ist ein zentrales Thema im Leben jedes Menschen, das haben wir heute aus sozialer, theologischer und juristischer Perspektive gehört. Die heutige Realität auseinander gerissener Flüchtlingsfamilien ist also beschämend. Wir brauchen endlich eine transparente, weniger komplizierte rechtliche Regelung zum Familiennachzug und keine Lippenbekenntnisse der Parteien zur Wichtigkeit der Familie.“ Mit dem Willkommensnetz werde die Kirche sich weiterhin für den Schutz der Ehe und Familie der Flüchtlinge einsetzen und die Hilfsangebote ausbauen.

(sb)

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