Bistum Trier
Dienstag, 18. November 2014

„Ich bin aus dem Dorf in die Welt gefallen“

50 Jahre Freiwilliges Soziales Jahr – Rückschau mit einer Ehemaligen

Anja Werner vor der Uni Koblenz
Anja Werner arbeitet heute als Mentorin des Bistums Trier an der Uni Koblenz und als Lehrerin an einer Realschule Plus. Auch heute noch profitiert sie von den Erfahrungen des FSJ.

Koblenz – Ob in Krankenhäusern, Jugendzentren, Kitas oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderung: Junge Leute, die sich für ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) entscheiden, leisten einen Dienst an der Gesellschaft, können sich beruflich orientieren und dabei viel über die eigene Persönlichkeit lernen. In diesem Jahr feiert das FSJ seinen 50sten Geburtstag. Was 1958 als „freiwilliger Hilfsdienst in Flüchtlingslagern“ innerhalb der Kirche beworben und 1964 staatlich etabliert wurde, hat sich seither zu einem Erfolgsmodell entwickelt.

Wie sehr ein FSJ das eigene Leben prägen kann, berichtet die ehemalige FSJlerin Anja Werner. „Das Jahr war wirklich intensiv und hat meine Sicht auf die Welt verändert“, sagt die Frau mit den blonden kurzen Haaren und dem offenen Lachen im Rückblick. Ihren einjährigen Freiwilligendienst leistete die heute 42-Jährige 1991 im Bernardshof in Mayen, einem „Kinder- und Jugendheim“, wie die Einrichtung für Jungen mit Lernschwierigkeiten sich zu der Zeit nannte. Mit neun bis 16 Jahren waren die ältesten Jungs in Werners „Gruppe Florian“ nicht viel jünger  als die 19-jährige selbst. Die Erfahrungen dieser Kinder hätten sich jedoch nicht grundlegender von denen der Abiturientin unterscheiden können. „Ich bin aus der Welt gefallen. Oder besser, ich bin aus meinem Dorf in die Welt gefallen“, sagt Werner, die in Pleizenhausen in der Nähe von Simmern aufwuchs. „Ich hatte eine sehr behütete Kindheit, wir haben viel draußen in der Natur gespielt. Meine ganze Familie war in der Gemeinde und der Pfarrei engagiert. Der soziale Aspekt war bei uns immer ein Thema.“ Werner engagierte sich als Schülerin in ihrer Pfarrei, leitete eine Kindergruppe, organisierte zusammen mit anderen jungen Leuten Jugendgottesdienste. Auf dem Bernardshof erlebte sie plötzlich Kinder mit ganz anderen Biografien. Oft seien die Jugendämter involviert gewesen, manche Kinder hätten keinen Kontakt mehr zu ihren Familien gehabt. Die Gruppe „Florian“ war eine Gruppe mit weniger Kindern und dadurch auch mit anderen Fördermöglichkeiten, in der die Erzieher und Erzieherinnen mit den Jungen zusammenlebten wie in einer Familie. „Ich habe dort vor allem die Tage mit gestaltet, aber auch Nachtschichten übernommen, habe die Jungs dann morgens geweckt und versucht, sie aus dem Bett zu kriegen, Frühstück gemacht, nach ihren Schulsachen geschaut – wie in einer „normalen“ Familie auch“, sagt Werner. Ihr Team hätte ihr viel zugetraut, aber sie habe sich noch selbst wie eine Jugendliche empfunden. „Ich habe in meiner Gruppe mit gelebt und mit gefühlt. Vieles war erstmal irritierend, aber das hat mich im Endeffekt unheimlich verändert.“ Während des FSJ habe sie sich viel mit sich selbst beschäftigt, ihre Erfahrungen neu geordnet. „In dem Jahr bin ich um viele Perspektiven reicher geworden. Ich habe gemerkt: Die Welt ist einfach groß und ich kann vieles überhaupt nicht bewerten, weil ich nicht mal zehn Schritte in den Schuhen der anderen gegangen bin.“

Die Entscheidung für das FSJ sei zuerst eine Entscheidung gegen das Studium gewesen, da sie sich damals nicht sofort festlegen wollte. Heute sieht Werner den Freiwilligendienst als wichtige Praxiserfahrung im Blick auf ihre beiden späteren Diplomstudiengänge Theologie und Erziehungswissenschaft. Mit dem FSJ sei ihre Liebe zu Menschen mit „ihren unterschiedlichen Erfahrungen“ intensiviert worden, sagt sie.

Das Interesse an Menschen mit verschiedenen Lebensentwürfen kann Werner heute in ihrem Job als Pastoralreferentin weiterentwickeln: Nach einigen Berufsjahren in Kirn und Trier arbeitet sie jetzt als Mentorin des Bistums Trier an der Universität Koblenz und begleitet Lehramtstudierende, die später das Fach Religion unterrichten möchten. Dazu gehören Orientierungsgespräche, Veranstaltungen zur Einübung und Vertiefung geistlichen Lebens, Hilfe bei der Organisation und Reflexion des Kirchenpraktikums und auch Seelsorgegespräche. „Wir möchten als Kirche das Angebot machen, für die Studierenden da zu sein. Wir können sie darin unterstützen, das, was sie im Studium lernen, für das eigene Leben zu deuten und ihre eigene Identität - auch im Blick auf ihren künftigen Beruf - zu entwickeln.“ Werner arbeitet selbst noch für ein paar Stunden an einer Trierer Realschule Plus. Auf die Arbeit mit den Kindern wolle sie ungern verzichten: „Religion ist einfach ein Fach, mit lebensrelevanten Themen.“ In ihrem Job kann Werner häufig auf die prägenden Erfahrungen aus dem FSJ zurückgreifen. „Vieles im FSJ war existentiell für mich, vieles hat mich noch lange beschäftigt. Die Möglichkeit, die ganzen Begegnungen in diesem Jahr in ihrer Tiefe für mich einzuordnen, fehlte mir damals – aber das war ok so. Ich habe viele Erfahrungen gemacht, die dazu beigetragen haben, dass ich heute der Mensch bin, der ich bin.“

Wer sich für ein FSJ interessiert, hat heute bei den Sozialen Lerndiensten im Bistum Trier die Wahl zwischen dem halbjährigen „FSJ mini“ oder dem ganzjährigen „FSJ maxi“ jeweils mit der Option, zu verlängern. Die Einsatzstellen reichen von der Kinder- und Jugendarbeit über die Altenpflege, hin zu Bahnhofsmissionen, Hospizen, der Wohnungslosenhilfe oder Behindertenhilfe. Das Mindestalter für ein FSJ ist 16 Jahre. Fahrtkosten, ein monatliches Taschengeld und die Sozialversicherungsbeiträge werden übernommen und für die FSJler gibt es begleitende Seminare und Begleitung während des Dienstes. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.soziale-lerndienste.de

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