Bistum Trier
Mittwoch, 13. Dezember 2017

Sehnsucht nach einer heiligen, heilenden Zeit

Weihnachten in Glaube, Kultur und Gesellschaft

Koblenz – „Christstollen werden schon im Spätsommer verkauft, am 1. Juli gab es in Freiburg schon einen Weihnachtsbaum, auch der Weihnachtsmarkt in Koblenz fängt schon weit vor dem eigentlichen Fest an – aber hatte Weihnachten nicht immer schon eine weit über das Religiöse hinausgehende Bedeutung?“ Das fragte Professor Dr. Stephan Wahle die rund 50 Besucher, die auf Einladung des Katholischen Forums Koblenz ins Bischöfliche Cusanus Gymnasium gekommen waren. Er nahm sie mit auf eine Reise von der Entstehung des Festes im 4. Jahrhundert bis heute.

Im Gegensatz zu vielen heutigen Überzeugungen stellte der Referent klar, dass Weihnachten nicht einfach das heidnische Fest des unbesiegten Sonnengottes ablöste, sondern dass das Licht und Sonnenmotiv, der Sonnenkult, sowohl im politischen als auch kulturellen Rom eine besondere Rolle spielte. Nicht nur von Christus, auch von den Kaisern Aurelian und Konstantin fänden sich Darstellungen, die sie mit einem Strahlenkranz zeigten. Es handele sich also um eine damals populäre Frömmigkeitshaltung. Bis zum 6. Jahrhundert habe sich Weihnachten auf der Grundlage des älteren Johannesevangeliums weiterentwickelt, zu einem Fest der Menschwerdung Gottes, einem Fest des Wortes Gottes, das „herabgestiegen ist in die menschliche Welt, um sie zu erlösen. Vom kleinen Kind in der Krippe war da überhaupt nicht die Rede“, so der Referent. Das habe sich erst im Mittelalter und in der Neuzeit geändert. Neue Lieder, neue Riten und neue Brauchtümer hätten einen „intimen Grundzug“ in die Weihnachtsfrömmigkeit gebracht. Deutlich machte Wahle das, als er die Besucher „In dulce jubilo“, das Weihnachtslied aus dem 15. Jahrhundert, singen ließ. „Haben Sie die andere Spiritualität gespürt?“, fragte er das Publikum. Das „Ich“ präge jetzt den Sprachstil, und das Ineinander von Profan- und Sakralsprache, eine „Hinwendung zum Kind“. Bei aller „Vereinigung mit dem Kind“ bleibe aber – auch durch die lateinischen Einsprengsel – eine „gewisse Hoheit Christi“ gewahrt.

Ab der Biedermeierzeit um 1800 habe sich Weihnachten dann zum „Familienfest“ gewandelt. Haus und Familie wurden immer stärker der Mittelpunkt des Festes, das Wohnzimmer entwickelte sich zur „Privatkathedrale“. Das Gemälde von Carl August Schwerdtgeburth, das Luther im Kreise seiner Familie um den Weihnachtsbaum, Kerzen und Geschenke zeige, stehe sinnbildlich dafür.

Heute bedeute Weihnachten ein „globales Fest“, ein Fest der Globalität, das unabhängig von Glaube und Religion weltweit gefeiert werde. Weihnachtsmärkte und auch Weihnachtsbäume hätten dazu beigetragen, dass „Gefühlsräume“ entstanden seien. Deswegen sei es so tragisch gewesen, dass ausgerechnet ein Weihnachtsmarkt Ort eines Terroristenanschlags wurde. Der Weihnachtsbaum stehe für all das, was die Gesamtgesellschaft an Weihnachten ausmache: Die Sehnsucht nach Gefühl, Glück, Geborgenheit. Diese Sehnsucht finde ihren Höhepunkt am Heiligen Abend, zu Hause, beim Liedersingen, Geschenke auspacken, oder sogar auch mal in einem anderen „Sehnsuchtsraum“ wie einem Weihnachtsgottesdienst. „Dort wo Gott Mensch wird, kann auch der Mensch Mensch werden“, resümierte Wahle. Glaube sei als Antwort auf eine sich nimmer verzehrende Sehnsucht zu verstehen, sodass Weihnachten nicht unbedingt am zweiten Weihnachtstag enden müsse, sondern als Idee „nachwirken“ könne. (red)

Weiteres:

News Details