Erlasse des Bischofs - Donnerstag, 1. Februar 2018 - Jahrgang: 162 - Artikel: 27

Hirtenbrief zur österlichen Bußzeit

Mit Jesus „Vater unser“ beten

Liebe Schwestern und Brüder,

wir stehen wieder am Beginn der vierzigtägigen Vorbereitungszeit auf Ostern. Das Evangelium des 1. Fastensonntags erzählt davon, dass der Geist Gottes Jesus vor Beginn seines öffentlichen Wirkens in die Wüste treibt, wo er vom Satan in Versuchung geführt wird. Vielleicht hören wir das Evangelium über die Versuchung Jesu dieses Mal mit einer besonderen Aufmerksamkeit.

Denn seitdem Papst Franziskus sich bei einem italienischen Fernsehsender zur sechsten Bitte des Vaterunsers geäußert hat, wird darüber diskutiert, wie diese Gebetsbitte Jesu zu verstehen ist. Während wir im Deutschen, aber z. B. auch im Englischen und im Italienischen beten: „und führe uns nicht in Versuchung“, zieht der Papst die Formulierung vor: „und lass uns nicht in Versuchung geraten“. Sie entspräche mehr dem Gott, den Jesus Christus verkündet hat, so der Papst.

Angeregt durch diese Diskussion haben mich in den letzten Wochen eine Reihe von Mails und Briefen erreicht, in denen Menschen mir zum Teil sehr persönlich von ihrer Gebetserfahrung und von ihrem Gottesbild berichtet haben. Einige teilen die Ansicht des Papstes, die Bitte umzuformulieren und so die Barmherzigkeit Gottes herauszustellen, zu dem es nicht passe, dass er die Menschen in Versuchung führt. Andere wiederum baten, mich dafür einzusetzen, dass diese Bitte nur ja nicht verändert und das Vaterunser leichtfertig „geglättet“ werde. Auch aus ökumenischer Sicht ist diese Frage gut zu bedenken, beten wir doch im Deutschen über die Konfessionsgrenzen hinweg mit denselben Worten.

„Lasst uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat“

„Lasst uns beten, wie der Herr uns zu beten gelehrt hat“, so lautet eine der Gebetseinladungen zum Vaterunser, die unser Messbuch   vorsieht. Durch diese Formulierung wird das Gebet in besonderer Weise an den Wortlaut Jesu zurückgebunden. Schauen wir also auf diesen Wortlaut, wie er uns von Matthäus und Lukas in ihren Evangelien überliefert ist. Obwohl beide griechischen Textfassungen des Vaterunsers sich in manchem unterscheiden, benutzen sie bei dieser Bitte dieselben Formulierungen. Das entscheidende Wort, das sie verwenden, heißt auf Deutsch: „hineintragen“, „hineinbringen“. Damit ist eindeutig, dass es hier nicht um eine Sache geht, in die ich wie zufällig hineingerate, sondern um eine Situation, in die ich hineingeführt werde. „Und führe uns nicht in Versuchung“ ist die getreue Übersetzung des griechischen Originals. Und da diese Wendung auf die älteste Sammlung von Jesusworten zurückgeht, dürfen wir annehmen, dass sie das wiedergibt, was auch das Aramäische, die Muttersprache Jesu, ausdrücken wollte. Sicher, eine Übersetzung stößt immer an Grenzen. Sie ist in einem gewissen Sinn immer schon eine Interpretation. Darum ist es wichtig, den Zusammenhang zu betrachten, in dem Jesus diese Bitte gesprochen hat.

Wie Jesus selbst ist auch das Vaterunser verbunden mit der Glaubenserfahrung des Volkes Israel. Wir finden sie in den Schriften des Alten Testaments. Dort ist an vielen Stellen davon die Rede, dass Gott seine Frommen auf die Probe stellt. Schon Adam und Eva wird der Baum der Erkenntnis, von dem sie nicht essen dürfen, buchstäblich vor die Nase gepflanzt. Sie können der Versuchung nicht widerstehen und werden zur Strafe aus dem Paradies vertrieben. Denken wir an Abraham, der in seinem Gehorsam erprobt wird, indem er seinen einzigen Sohn opfern soll. Oder an Hiob, der sein Vertrauen zu Gott nicht aufkündigt, obwohl ihm alles genommen wird. Hier wird die Versuchung sogar positiv gesehen: Sie stärkt das Vertrauen in Gott, indem sie den Menschen vor Herausforderungen stellt, in denen er sich im Glauben bewähren und reifen kann.

Vielleicht kennen Sie, liebe Schwestern und Brüder, solche Situationen der Erprobung aus Ihrem eigenen Leben. Damit meine ich Herausforderungen oder Krisen, an denen Sie letztendlich gewachsen und reifer geworden sind. Wenn der Psalmist beten kann: „Erprobe mich, Herr, und durchforsche mich. Prüfe mich auf Herz und Nieren“ (Ps 26,2), dann legt er es förmlich darauf an, versucht zu werden, um sich im Glauben bewähren zu dürfen.

Vertrauen auf Gottes Hilfe

Können wir Gott gegenüber eine solche Selbstsicherheit haben? Der Begriff der Versuchung ist für uns doch eindeutig negativ belegt. Wer in Versuchung geführt wird, der wird vom Guten abgebracht und zum Bösen verführt. Papst Franziskus hat Recht, wenn er sagt, dass Gott so etwas nicht tut. Gott spielt nicht mit dem Menschen. Gott will den Menschen nicht zum Bösen verführen. Aber wenn Gott der Allmächtige ist, dann sind auch die Situationen der Versuchung im Tiefsten von ihm mitgetragen. Wie das geht, ist für uns letztlich ein Geheimnis. Deshalb erinnert uns die sechste Vaterunser-Bitte auch daran, dass Gott all unser menschliches Verstehen übersteigt. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege“, heißt es beim Propheten Jesaja (Jes 55,8). Und Menschen fragen sich ja, ob die schlimme Lebenssituation, in der sie stecken, ursächlich mit Gott zusammenhängt oder warum er sie denn zugelassen hat.

Jesus selbst hat diese Erfahrung der Prüfung im Garten Getsemani durchgemacht. Deshalb kann der Hebräerbrief von Jesus sagen: Er ist „in allem wie wir in Versuchung geführt worden“ (Hebr 4,15). Versuchung ist die Gefahr, aufgrund von Not, Krankheit, Einsamkeit, Verzweiflung und Todesangst an allem irre zu werden, was mir bisher im Leben Halt gegeben hat: an meinem Glauben, meiner Hoffnung, meiner Liebe. Jesus kennt diese existenzielle Herausforderung, in der ein ganzes Leben zu scheitern droht. Wer betet: „und führe uns nicht in Versuchung“, der bittet darum, an Gott nicht irre zu werden. Damit aber bringt er zugleich sein Vertrauen zu Gott zum Ausdruck: Er traut Gott zu, ihn zu bewahren. Darum nennt er ihn auch Vater.

Reich Gottes und Kreuz

In eine solche Situation treibt der Geist Jesus am Beginn seines öffentlichen Wirkens. In der Wüste soll Jesus sich seines Auftrags gewiss werden; er soll sich entscheiden. Anders als die Evangelisten Matthäus und Lukas erzählt Markus nicht, wie Jesus der Versuchung durch den Satan widerstanden hat. Aber das erste Wort aus Jesu Mund macht deutlich, wie er sich entschieden hat: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Das ist die Kernbotschaft des Evangeliums. Mit Jesus bricht dieses Reich Gottes in der Welt an. Und wie geschieht das? Indem Jesus sich den Armen zuwendet, den Schwachen, den Sündern, denen also, die durch ihre Lebenssituation besonders in der Gefahr stehen, an Gott zu verzweifeln. Jesus heilt. Er vergibt Sünden. Er treibt Dämonen aus. Damit zeigt er, dass Gottes Macht stärker ist als das Böse. Und doch gibt es in unserer Welt bis heute immer noch genügend Situationen der Versuchung: Krieg, Terror, Hunger, Leid, aber auch persönliche Enttäuschungen, Krisen und Rückschläge, an denen man irrewerden kann. Das Reich Gottes ist bis heute nicht vollendet. Deshalb beten wir immer noch um sein Kommen.

Der ärgste Prüfstein des Glaubens aber ist das Kreuz. Es ist Grund genug, an Gottes Macht und Gegenwart zu zweifeln. „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“, so ruft Jesus am Kreuz (Mt 27,46). Gerade dadurch aber ist das Kreuz für uns zugleich das Zeichen der Hoffnung. Denn Jesus ist nicht an Gott irregeworden, auch wenn sein Gebet im Sterben ein Gebet der Klage ist. Aber Jesus hat der Versuchung widerstanden, sich in der Situation der größten Prüfung von Gott abzuwenden. Das hat er nicht nur für sich getan, sondern stellvertretend für all jene, die dazu nicht die Kraft haben. So ist Gott noch in den Abgründen unseres Lebens da und lässt sich finden als Heiland und Erlöser.

Als Kinder Gottes dem Bösen widerstehen

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Osterfest, auf das wir zugehen, ruft uns jedes Jahr neu unsere Taufe in Erinnerung. In der Feier der Osternacht werden wir dem Bösen widersagen, unseren Glauben an Gott bekennen und dann mit dem neu geweihten Taufwasser besprengt werden. Der heilige Cyprian von Karthago ( † 258) interpretiert das Vaterunser von der Taufe her. Er sagt: „Der neue, wiedergeborene … Mensch sagt zu Gott als erstes: ‚Vater’, weil er bereits angefangen hat, sein Sohn [und seine Tochter] zu sein“ (Domin. or. 9). Das ist die Entscheidung, die uns in diesen 40 Tagen der Fastenzeit abverlangt wird: der Versuchung zum Bösen zu widerstehen und uns für Gott, unseren Vater, zu entscheiden. Wir können es. Denn durch die Taufe haben wir bereits angefangen, Kinder Gottes zu sein. Ich lade Sie ein, die Wochen der Vorbereitung auf Ostern als eine Zeit des Gebetes zu nutzen und im Glauben zu wachsen. Das Vaterunser mit seinen einzelnen Bitten kann uns dazu ein guter Leitfaden sein. Von Frère Roger Schutz, dem Gründer der Gemeinschaft von Taizé, stammt das schöne Wort: „Lebe das, was du vom Evangelium verstanden hast. Und wenn es noch so wenig ist. Aber lebe es.“ Wenn wir diesem Rat folgen, dann wächst das Reich Gottes in dieser Welt und mit ihm die Kraft, der Versuchung zu widerstehen.

Dazu segne Sie alle der dreifaltige Gott, der Vater und der Sohn und der Heilige Geist.

Amen.

Ihr

(Siegel)

Dr. Stephan Ackermann

Bischof von Trier

 

 

Vorstehender Hirtenbrief ist am 1. Fastensonntag, dem 18. Februar 2018 in allen Heiligen Messen einschließlich der Vorabendmessen zu verlesen.

Das Hirtenwort des Bischofs ist ab dem 5. Februar auch im Internet über die Homepage des Bistums Trier (www.bistum-trier.de ) abrufbar.

Weiteres:
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