Montag, 17. Juli 2017

Mehr als 200 Gläubige schreiben ab

Cochem-Zeller gestalten 800 Seiten starkes Evangeliar

Pastoralreferent Rudolf Zavelberg hat das Abschreiben der Evangelien im Dekanatsbüro organisiert. Die Lehrerin Verena Laux hat das Projekt zum Thema in ihrer Klasse gemacht und sich selbst daran beteiligt.

Cochem – In der Regel werden Schülerinnen und Schüler für das Abschreiben getadelt, doch vom Reformationstag, dem 31. Oktober 2016, bis kurz nach dem diesjährigen Osterfest wurden Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis Cochem-Zell sogar zum Abschreiben ermuntert. Bei der Aktion „Cochem-Zell schreibt ab: Die Bibel“ haben sich neben Schülerinnen und Schülern mehr als 200 katholische und evangelische Frauen und Männer beteiligt. Das Ergebnis ist bei einem ökumenischen Gottesdienst am 2. Juli vorgestellt worden: Die vier Evangelien auf 800 handgeschriebenen Seiten.

Der Vorschlag kam aus dem damaligen Arbeitskreis Ökumene (seit 2016 „Fachkonferenz Ökumene“) und zwar von Rüdiger Lancelle, damals Presbyter der evangelischen Gemeinde Cochem. Nach einem ersten Treffen im Juni 2015 mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern aus den zwei evangelischen Gemeinden und den sieben katholischen Pfarreiengemeinschaften wuchs die Idee.

„Abschreiber“ seien schnell gefunden worden, berichtet Rudolf Zavelberg, der die Organisation im Dekanatsbüro übernahm. Der Pastoralreferent packte Mappen mit Textvorlagen aus der neuen Lutherbibel, speziellen Blättern, einem dokumentenechten Stift und einer Anleitung. Der evangelische Pfarrer von Zell, Thomas Werner, teilte die Evangelien in 300 Sinnabschnitte, die anschließend verteilt wurden.

„Ökumene ist für uns selbstverständlich. Wir sind in vielen Bereichen aktiv wie bei Schulgottesdiensten oder in der Flüchtlingshilfe. Das ökumenische Gebet gibt es bereits 25 Jahre und das Taizé-Gebet findet seit mehr als 15 Jahren abwechselnd in den katholischen und evangelischen Gemeinden statt“, zählt Zavelberg auf. „Die Zusammenarbeit ist ein Stück weit Tradition.“

Auch Lehrerinnen und Lehrer ließen sich von der Aktion inspirieren. „Manche übernahmen das Thema in den Kunstunterricht“, berichtet Zavelberg. Die Grundschullehrerin Verena Laux bereitete mit ihren jüngeren Schülerinnen und Schülern Schmuckbilder an, die sie mit nach Hause nehmen durften. In den Klassenstufen drei und vier war Martin Luther Thema und einige beteiligten sich auch am Abschreiben der Bibel. „Für die Kinder in den unteren Klassenstufen war das Abschreiben noch zu schwierig.“ Die Grundschüler zeigten sich beeindruckt von der Leistung der Gemeindemitglieder. „Und die Eltern waren glücklich zu hören, dass ihre Kinder bei dem Projekt dabei waren“, sagt die Pädagogin.

Innerhalb des vorgegebenen Platzes konnten die Abschreiberinnen und Abschreiber auch künstlerisch aktiv werden. „Das Schmücken der Seiten war gewünscht“, erklärt der Seelsorger. Wenn man in der einseitig beschriebenen Bibel blättert, sieht man geschnörkelte Anfangsbuchstaben (Initiale), verspielte Blumenranken, Hände, Vögel oder auch Brotlaibe – immer passend zum jeweiligen Text.

Verena Laux, die unter anderem katholische Religion lehrt, hat persönlich auch an dem Exemplar mitgeschrieben. Sie habe sich mit vielen unterschiedlichen Emotionen an den Text, die Seligpreisung im Matthäusevangelium, gesetzt. „Einmal hat es mich aus einer stressigen Situation zur Ruhe gebracht. Das Abschreiben war wie eine Tankstelle für mich und die Textstelle hat mir Mut gegeben.“ Sich ganz auf den Text einzulassen, sei eine neue Erfahrung für sie gewesen, obwohl die Lehrerin viel in der Bibel liest. „Man lässt sich mehr auf die Worte ein.“

Gebunden wurden die Seiten von Bruder Jakobus in Maria Laach. Zuvor hatten die Organisatoren einen Blick über jedes handschriftliche Papier geworfen. „Wir hatten drei falsche Abschnitte dabei. Darunter hatte jemand aus dem Buch Habakuk aus dem Alten Testament abgeschrieben. Dabei hatten wir uns auf die vier Evangelien Matthäus, Markus, Lukas und Johannes beschränkt, die sich im Neuen Testament befinden“, berichtet Zavelberg.

Der regionale Künstler Christoph Anders hat für den Einband eine Metallplatte mit den Symbolen der viel Evangelisten gestaltet.

Wer gerne ein „echtes Cochemer“ Evangeliar haben möchte, wird von Zavelberg enttäuscht: „Es ist ein Unikat. Wir haben bewusst auf Kopien verzichtet.“ Derzeit ist das Evangeliar in der evangelischen Gemeinde in der Oberbachstraße 59 in Cochem zu sehen. Dort können Interessierte während der Öffnungszeiten einen Blick in das Buch werfen.

(jf)