Mittwoch, 15. Juli 2015

„Wir hecheln den Fragen der Zeit hinterher“

Heinz-Günther Schöttler spricht in Boppard über Tradition und Moderne in der Kirche

Boppard – „Glaube muss vor allem lebensdienlich sein“: So hat Professor Heinz-Günther Schöttler seinen Vortrag am 15. Juli anlässlich der Erhebung der Pfarrkirche St. Severus in Boppard zur „basilica minor“ zusammengefasst. In der gut besetzten Pfarrkirche sprach der Pastoraltheologe der Universität Regensburg unter dem Titel „Von Riesen und Zwergen“ über Tradition und Moderne in der katholischen Kirche.

Den Titel habe er bewusst gewählt, denn er spiele auf ein mittelalterliches Bild für den Widerstreit zwischen Traditionalisten und Modernisten an: Die Riesen stünden für die Tradition, auf deren Schultern sich die pfiffigen Zwerge setzen, um mehr und weiter Entferntes zu sehen, führte Schöttler aus. Vor diesem Hintergrund könne auch St. Severus stellvertretend für eine lange und bedeutende Glaubenstradition stehen, der Respekt und Wertschätzung gebühre. Gleichzeitig gelte es, die Weitsicht der Modernisten ernst zu nehmen.

Kirche und Glaubensleben hätten sich in den letzten 70 Jahren unbestreitbar völlig verändert. Eine Studie des Bistums Bamberg habe hierzu drei signifikante Merkmale herausgearbeitet: Erstens sei die Teilhabe der Menschen am kirchlichen Leben von „regelmäßig“ auf „gelegentlich“ gesunken. Gelegentlich – das heiße zu besonderen Anlässen wie Taufen, Kommunion, Hochzeiten oder auch Beerdigungen. „Dabei zeigte die Studie, dass die Menschen das nicht weniger ernsthaft tun. Früher waren es oft normierte Standards – man ging zur Kirche, weil es jeder im Dorf tat. Heute sind die Gründe viel familiärer und individueller“, betonte Schöttler. Häufig seien Seelsorger enttäuscht, wenn sie nach Taufen und Hochzeiten die Paare und Familien nicht mehr im Sonntagsgottesdienst sehen. Doch dafür gebe es Gründe: In der Studie hoben die Leute besonders die persönliche Gestaltung solcher Gottesdienste hervor, im Sonntagsgottesdienst hingegen fanden sie einfach keine Anknüpfungspunkte. „Glaube muss etwas mit dem eigenen Leben zu tun haben, womit wir beim zweiten Merkmal sind – der Motivation. Ob die Menschen sich angesprochen fühlen, hat auch viel mit Nähe zu tun – deshalb verstehe ich den Trend zu immer größeren Seelsorgeeinheiten nicht“, monierte Schöttler.

Drittens änderten sich auch Glaubensformen und Inhalte: Seit zwei Generationen sei die institutionelle Glaubensvermittlung durch die Kirche nicht mehr so gefragt. „Der Glaube muss für die Menschen alltagsrelevant sein, sie müssen konkrete Erfahrungen mit der Botschaft des Evangeliums machen.“ Die Bibel und auch die Tradition böten mehr Spielraum als derzeit kirchenpolitisch umgesetzt werde, etwa beim Thema geschiedene Wiederverheiratete oder Einheit der christlichen Kirchen. Schöttler zitierte Kardinal Walter Kasper, der bereits vor 50 Jahren forderte, die Kirche müsse ihr Bekenntnis immer wieder prüfen. Dogmen seien geschichtliche Ereignisse, die immer einer Interpretation bedürften. „Kirche darf nicht verholzen, nur um sich selbst zu bewahren, denn zuallererst geht es um die Botschaft des Evangeliums.“ Dazu solle die Kirche sich endlich aus der Opferrolle befreien und nicht alles auf die Säkularisierung schieben, so Schöttler.

Am Ende seines Vortrags gab er zu bedenken: „Wir hecheln den Fragen der Zeit hinterher. Sollten wir nicht vielmehr ganz selbstbewusst sagen: Wir sind die Avantgarde und gehen die Fragen mutig an?“ Im Anschluss an den Vortrag, der von Organist Klaus Schüller musikalisch untermalt wurde, lud Dechant Hermann-Josef Ludwig zum kritischen Austausch in eine Bopparder Gaststätte ein.