Universelles Leben

Gründerin

Plakatwerbung des "Universellen Lebens" in Trier

An der Spitze der Glaubensgemeinschaft „Universelles Leben" steht nach wie vor unangefochten die Würzburger „Prophetin" Gabriele Wittek (geb. 1933). Als 1970 ihre Mutter verstarb, glaubte Frau Wittek Stimmen aus anderen Welten zu hören. Seit 1975 versteht sie sich als „Sprachrohr Gottes", als „Posaune Gottes in dieser Zeit", als „das größte Gottesinstrument nach Jesus von Nazareth". Gabriele Wittek behauptet, durch ihre Offenbarungen würde Christus frühere Offenbarungen und damit auch die Bibel „erklären, berichtigen und vertiefen".

Entstehung und Geschichte

Bereits 1975 entstanden in Würzburg und Nürnberg Ortsgruppen von Wittek-Anhängern (sog. „Christuszellen"), die wöchentlich zusammenkamen, um die auf Tonband aufgezeichneten „Offenbarungen" anzuhören. 1977 schlossen sich die bestehenden Zellen unter dem Namen „Heimholungswerk )esu Christi" (HHW) zusammen und verbreite- ten ihr Gedankengut fortan auch schriftlich. Der Beginn der 80er Jahre war von reger Werbetätigkeit und damit einhergehender Ausbreitung des HHW im In- und Ausland geprägt. In diesen Jahren wurde die Ideologie des HHW mit verschiedenen esoterischen Elementen bis hin zum UFO-Spiritismus angereichert. Trotz zahlreicher nichtchristlicher Inhalte verstanden sich die im HHW zusammengeschlossenen Anhänger Witteks nunmehr als „Urchristen der Berg- predigt". Die gottesdienstlichen Versammlungen wurden in „Innere Geist = Christus-Kirche" umbenannt. 1984 erfolgte die (angeblich von „Christus" geforderte) Umbenennung des HHW in „Universelles Leben" (UL). Damit begann auch die Kommerzialisierung der nach wie vor rechtlich nicht verfassten Gruppierung. In Würzburg und Umgebung entstanden zahlreiche sog. „Christusbetriebe". Mit ökologischen Agrarprodukten kontrollieren dem UL nahe stehende Firmen („Gut zum Leben", „Lebe Gesund", „Hin zur Natur") inzwischen ein erhebliches Marktsegment für Ökoprodukte in Süddeutschland. Auf medizinischem Gebiet ist man u.a. seit 1986 durch eine „Christusklinik" in Marktheidenfeld bei Würzburg tätig. Hier befindet sich seit 1991 außerdem ein Gewerbezentrum mit einer Vielzahl weiterer, zum Umfeld des UL zählender Betriebe verschiedenster Sparten. Parallel dazu wurden mit Kindergärten und -horten sowie einer 1991 gegründeten „Christusschule" pädagogische Einrichtungen ins Leben gerufen, in denen auch die UL-Ideologie vermittelt wird. In Marktheidenfeld und Hettstadt bei Würzburg siedelten sich gegen Ende der 80er Jahre UL-Anhänger in größerer Zahl an, zum Teil gegen den erbitter- ten Widerstand der Bevölkerung. Ziel der vielfältigen Aktivitäten ist die Vorbereitung auf ein „Friedensreich", in dem der 1988 ins Leben gerufenen „Bundgemeinde Neues Jerusalem" eine Vorreiterrolle zukommen soll. Bei der „Bundgemeinde" handelt es sich um einen inneren Kreis von einigen Hundert Anhängern des UL, die auf der Basis einer „offenbarten" Gemeindeordnung in Wohngemeinschaften zusammenleben. Ende der 90er Jahre wurde die „Innere Geist = Christus-Kirche" in „Treffen aller Gottsucher/Kosmische Lebensschule" umbenannt. Der „Christusstaat" als offizielles Presseorgan der „Bundgemeinde" wurde 1997 durch die Zeitung „Das Weiße Pferd" ersetzt, ab 2001 durch „Das Friedensreich" (eingestellt 2004).

Lehre und Praxis

Wesentlicher Bestandteil der UL-Lehre ist ein mit der Vorstellung von Reinkarnation und Karma verbundenes schlichtes Entsprechungsdenken, das jeglichen Zufall ausschließt. Im Zentrum steht der Gedanke einer göttlichen „Buchhaltung", in der alles menschliche Handeln minutiös aufgezeichnet wird, um (in einem späteren Leben) präzise vergolten zu werden. Nach dem „Gesetz von Ursache und Wirkung" sind Krankheiten, Schicksalsschläge und Naturkatastrophen ausnahmslos das Resultat von früherem menschlichem Fehlverhalten der Betroffenen. Durch eine „Umprogrammierung der Gehirnzellen" im Sinne einer „Reinigung von allen Prägungen dieser Welt" soll ein von Leid und Schmerz gänzlich unbelastetes Leben möglich sein. Traditionelle Institutionen wie Ehe und Familie werden abgewertet oder - wie Staat, Kirche und Gesellschaft - abgelehnt bzw. bekämpft, soweit sie sich nicht den Vorstellungen des UL fügen. Um durch ein reines Leben im Diesseits nach möglichst wenigen Wiedergeburten in die ursprüngliche Einheit mit Gott zurückzukehren, ist neben dem Aufgeben der individuellen Persönlichkeit vor allem die uneingeschränkte Verinnerlichung der Wittek-Lehre nötig. Dazu bietet das UL Kurse an: Über einen sieben stufigen „Inneren Weg" soll das Bewusstsein geläutert und der Mensch vom „Gesetz von Ursache und Wirkung" befreit werden. Vegetarische Ernährung sowie der Verzicht auf persönliche Bindungen und materielles Vermögen zugunsten des UL-„Gemeinwohls" sind weitere wesentliche Elemente eines Lebens im Sinne Gabriele Witteks. Aufgrund der menschlichen Kollektivschuld rechnet das UL mit dem baldigen Eintreffen endzeitlicher Katastrophen. Dadurch soll die Welt endgültig vom Bösen gereinigt werden. Anschließend soll ein 1000-jähriges Friedensreich entstehen, verbunden mit der Wiederkunft Christi im Geiste.

Neuere Entwicklungen

Durch eine Ende 2000 gegründete „Gabriele-Stiftung" soll „die Vollendung" des Werkes Christi als „Werk der Nächstenliebe an Natur und Tieren" geschehen. Die Stiftung ist bestrebt, nordwestlich von Würzburg umfangreiche Ländereien aufzukaufen, um so das „Friedensreich" als ein von allem Negativen unbeeinflusstes Idyll entstehen zu lassen. Auch anderweitig versuchte man, durch Aktivitäten im Bereich Tier- und Naturschutz auf sich aufmerksam zu machen. Ein Beispiel ist die „Initiative zur Abschaffung der Jagd", mit der auch andere Tierschutzorganisationen zusammenarbeiten. In jüngerer Zeit wurden verschiedene Aktionen ins Leben gerufen, die dem UL und seiner Ideologie nahe stehen, jedoch als solche nur schwer zu erkennen sind. Diverse Gruppen von UL-Anhängern tun sich immer wieder durch hasserfüllte antikirchliche Propaganda hervor. Im Blick auf die Außenwirkung des UL ist außerdem bemerkenswert, dass die UL-Ideologie zunehmend über elektronische Medien verbreitet wird. Während die meisten UL-nahen Printmedien ihr Erscheinen einstellten, gibt es neben einer Vielzahl von Internetseiten inzwischen vier Fernsehsender im Bereich des UL („Sender Neu Jerusalem", „Die neue Zeit", „Erde und Mensch", „Sophia-TV" - alle via Satellit). Nach Einschätzung von Insidern hat das UL derzeit weltweit weniger als 10 000 Anhänger.

Beurteilung

Plakatwerbung für Gabriele Witteks Buch "Das ist mein Wort" in Trier

Das Universelle Leben ist eine in ihrer Konfliktträchtigkeit meist unterschätzte Gruppierung. Frau Wittek selbst versteht sich als das „absolute Gesetz" nicht nur für ihre Anhänger, sondern für die ganze Welt. Dieser Anspruch lässt zum Teil keinen Raum für die vom UL stets behauptete Freiheit der Anhängerschaft. Die Angst vor negativen Folgen von (vermeintlichem) Fehlverhalten führt zu erheblichem Konformitätsdruck. Aussteiger sprachen von einem „Klima der Angst und des Terrors" in der „Bundgemeinde". Hat sich das UL von der weitgehend als „dämonisch" verstandenen Außenwelt großenteils abgeschottet, so führt der totalitäre Anspruch der Gemeinschaft dazu, dass jede von außen kommende Kritik heftig bekämpft wird. So wurde auf missliebige Institutionen und Einzelpersonen - im Widerspruch zur angeblich praktizierten christlichen Nächstenliebe - mit Schmähschriften, Drohungen und Prozessen wiederholt Druck ausgeübt. Die christlichen Versatzstücke im Glaubenssystem des UL sind durchweg in ihrem ursprünglichen Charakter entstellt und reine Fassade. Faktisch steht Gabriele Wittek im UL an der Stelle Jesu Christi. Sie gilt als „Prophetin Gottes in der mächtigen Zeitenwende", als „Lehrprophetin und Botschafterin Gottes", als „hohes Geistwesen im Erdenkleid", als „Stamm-Mutter des Friedensreiches Jesu Christi". Ihren oft willkürlich anmutenden Entscheidungen wird allein letzte Gültigkeit in allen Glaubens- und Lebensfragen beigemessen. Das UL spricht vor allem idealistisch eingestellte und nach authentischem Christentum suchende Menschen an. Durch Schriften, Vorträge, Seminare, Rundfunk- und Fernsehsendungen, Heilungsveranstaltungen und Naturschutzaktivitäten versucht man diese bei ihren Lebens- und Glaubensfragen „abzuholen" und für das UL zu gewinnen. Viele Anhänger verlassen das UL jedoch früher oder später wieder, oft allerdings erst nach Jahren der Zugehörigkeit. So mancher, der erwartungsgemäß auch in finanzieller Hinsicht das „Gemeinwohl" des UL vor sein Eigenwohl gestellt hat, stand schließlich vor seinem wirtschaftlichen Ruin. Im Einzelfall muss auch mit der Gefahr schwerer psychischer Schäden gerechnet werden.

Michael Fragner/ Alfred Singer, im April 2010

Wir danken den Autoren für die Erlaubnis, diesen Text hier zu veröffentlichen.

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