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Erschreckend und faszinierend, wie radikal Mutter Rosa ihre Haltung gelebt hat

Predigt von Weihbischof Stephan Ackermann im Abschluss- und Dankgottesdienst im Triduum

Schriftlesungen: Eph 3,14-19/ Joh 15,1-8


Liebe Mitbrüder im Bischofs-, Priester- und Diakonenamt,
liebe Franziskanerinnen von Waldbreitbach, liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Die festlichen Tage anlässlich der Seligsprechung von Mutter Rosa Flesch neigen sich hier in Trier ihrem Ende zu. Wir werden diese Dankmesse feiern und dann am Schluss den Schrein mit den Gebeinen von Mutter Rosa hinausbegleiten. Von dort wird er zur Kreuzkapelle im Wiedtal gebracht und dann, nach einer nächtlichen Gebetswache und verschiedenen Veranstaltungen am morgigen Tag ins Mutterhaus nach Waldbreitbach zurücküberführt.

In dieser Stunde des Abschieds legt sich das Evangelium nahe, das wir soeben gehört haben: ein Abschnitt aus den Abschiedsreden Jesu, gesprochen am Vorabend der Passion. Interessanterweise ist aber im Text nicht vom Gehen die Rede, sondern vom Bleiben. Bleiben ist das Schlüsselwort dieses Abschnitts. In acht Versen kommt es neun Mal vor. Um dieses Bleiben zu illustrieren, benutzt Jesus das Bildwort vom Weinstock und den Rebzweigen, ein Bild, das uns hier an der Mosel wahrhaftig nicht fernliegt. Mit diesem Bildwort will Jesus sagen: Was wie ein völliger Widerspruch klingt, ist keiner. Gehen und Bleiben schließen sich nicht einfach aus. Auch wenn ihr mich nach meiner Himmelfahrt nicht mehr so sehen könnt, wie ihr euch seht, so sind wir uns einander nicht automatisch fern. Wir bleiben beieinander, wir bleiben zusammen - mehr noch: Wir bleiben ineinander. Ihr könnt in mir bleiben und ich in euch (Joh 15,4). Was aber heißt das? Wie geht das? Wie können wir bleiben in Ihm?

Wir können es, indem wir in der Gemeinschaft der Kirche bleiben, die sein Leib ist. In-Ihm-Bleiben heißt zunächst und vor allem: in der Gemeinschaft mit denen bleiben, die zu Jesus gehören, die sein Wort in ihr Herz aufgenommen haben, die sich von ihm bewegen lassen und seinem Evangelium nachfolgen. So bleiben wir in Ihm. Was irgendwie bildhaft abstrakt klingt, ist also ganz konkret. Denn Jesu Wort und sein Geist leben in ganz besonderer Weise da, wo seine Frohe Botschaft durch die Zeiten hindurch bewahrt und verkündet wird. Das ist der Raum seines Bleibens unter uns. Es braucht den Anschluss an diesen Raum der Kirche und damit an die Gemeinschaft derer, in denen er lebt.

Freilich genügt dazu kein rein äußerlicher Anschluss, keine bloß formale Zugehörigkeit. Denn der Glaube ist eine sehr persönliche Sache. Ohne die persönliche Nähe zu Jesus Christus geht es nicht. Doch umgekehrt gilt immer noch die Warnung von D. Bonhoeffer: »Der Christus im eigenen Herzen ist schwächer als der Christus im Worte des Bruders/ der Schwester; jener ist ungewiss, dieser ist gewiss.« Wie leicht halten wir die Gedanken und Wünsche, die wir in uns tragen, für das einzig Richtige, das heißt für die Stimme Gottes!

Zu den zentralen Herausforderungen des Glaubens gehört es daher, sich immer wieder ausweiten zu lassen, seine eigenen Ideen in Frage zu stellen, womöglich sogar durchkreuzen zu lassen. Nur so bleibt die Verbindung zum größeren Ganzen des göttlichen Weinstocks offen. Wir stehen in der Gefahr, uns vorschnell zu verschließen: unsere eigene Gedankenwelt für das Ganze zu halten, uns einzubilden, den Überblick zu haben. Für diese Gefahr müssen gerade wir sensibel sein, die wir hauptamtlich in und für die Kirche arbeiten: in der Leitung, als Mitarbeiter in der Pastoral, in der Verwaltung, in der Caritas, als Ordensangehörige ... Klar, in so manchem Bereich haben wir einen tieferen Einblick bzw. einen größeren Überblick als viele andere Glieder des Leibes Christi. Das wird ja von uns erwartet. Und doch bleibt der Horizont auch unseres Geistes und die Kraft unseres Herzens begrenzt. Deshalb brauchen wir die Ausweitung, brauchen den Anschluss an das größere Ganze, brauchen auch die Durchkreuzungen. Sich in sich selbst zu verschließen, ist verhängnisvoll. Wer das als einzelner oder als Gruppe tut, schneidet sich selbst von der Quelle des Lebens ab, und wird über kurz oder lang verdorren, weil ihm keine anderen Kräfte zur Verfügung standen als die eigenen.

Genau darin besteht übrigens der Fluch der Sünde. Denn Sünde ist vor allen sündigen Einzelhandlungen, die jemand begeht, zunächst und vor allem eine Haltung: die Haltung der Selbstverschlossenheit. Das ist die Ursünde von Adam und Eva: Auf die Einflüsterung der Schlange hin, verschließen sie sich in sich selbst, wollen sie sich allein Erkenntnis und Leben sein. Der Sünder ist der Mensch, der seinen Mittelpunkt allein in sich selbst hat, um sich kreist, sich selbst Gott ist. Der Heilige hat (nach einem Wort von S. Weil) seinen Mittelpunkt aus sich heraus verlegt. So kann er auf überraschende Weise fruchtbar werden.

Für mich ist es erschreckend und faszinierend zugleich, zu sehen, wie radikal Mutter Rosa diese Haltung gelebt hat. Sie hat nicht stur auf ihrem eigenen Standpunkt beharrt, auch wenn er ihr sicher und klar erschien. Immer wieder hat sie ihre Überzeugungen durchkreuzen und ausweiten lassen. Nicht erst in den Jahren ihres Weggestelltseins durch den Rektor und ihre Mitschwestern. Nein, wie oft hat sie vorher ihren Plan der Ordensgründung aufschieben lassen, weil Jakob Gomm, der Pfarrer von Waldbreitbach, die Zeit nicht für gekommen hielt. Mutter Rosa bewies schier unglaubliche Geduld und Gehorsam gegenüber der Kirche, die ihr konkret in ihrem Heimatpfarrer entgegengetreten ist. Hier ist nicht darüber zu urteilen, ob Pfarrer Gomm mit seinen Bedenken Recht hatte. Entscheidend ist, dass Mutter Rosa nicht engstirnig auf ihrem Zeitplan beharrt hat oder gar bitter geworden ist. Stattdessen hat sie die immer neuen Hürden, die sich auftaten, als Gelegenheiten genommen, durch die ihre Gründung an innerer Tiefe, an Festigkeit und Weite gewinnen konnte. Das gilt natürlich in noch höherem Maße für die Jahre der Zurücksetzung und der Verborgenheit nach 1878. Wie wäre ein solcher Zustand auszuhalten gewesen, wenn Mutter Rosa nicht hätte glauben können, dass selbst in denen, die ihr so viel Unrecht taten, Jesus weiter am Werk ist! »Der Christus im Worte der Schwester« ... Wir wissen, dass sie um diesen Glauben hat ringen müssen. Mutter Rosa trug sich zeitweilig mit dem Gedanken, die Gemeinschaft zu verlassen und einen Neubeginn zu machen. Schließlich hat sie sich fürs Bleiben entschieden: Bleiben in ihrer Gemeinschaft und damit in dem, der in dieser Gemeinschaft trotz aller Fehler und Sünden lebendig ist: Jesus Christus.

Liebe Schwestern und Brüder! Am Weinstock Jesus Christus zu bleiben, immer wieder den Anschluss an ihn zu suchen, sich auf das größere Ganze Gottes und seines Evangeliums hin weiten zu lassen, das kann mitunter schmerzhaft sein. Die Gelegenheiten, in denen einem beglückend das Herz und der Verstand des Glaubens aufgehen, sind eher seltene Gnadenmomente. Wenn der Winzer naht, dann bringt das für die Reben in der Regel zunächst Unruhe: Dann wird umgegraben, hochgebunden, beschnitten ... Das ist beim göttlichen Winzer nicht anders.

Jesu Bildrede vom Weinstock und das Lebenszeugnis der Mutter Rosa laden uns ein, Schwieriges und Schmerzliches – gerade auch in unserem Einsatz für den Glauben - als Zeichen des Wachstums zu verstehen. Wo etwas wächst, gibt es Wachstumsschmerzen. Den verdorrten Reben macht der Schmerz des Feuers nichts mehr aus. Sie sind ohnehin schon tot. In diesem Sinn hat mir vor einigen Jahren einmal ein Exerzitienbegleiter gesagt: »Wenn Sie sich in Ihrem Dienst ärgern, wenn manches in der Kirche Sie schmerzt, dann denken Sie doch an das Bild des Wachsens und Reinigens. Vielleicht will Ihnen der Herr gerade durch die Schwierigkeiten sagen: Mit dir kann ich etwas anfangen. Bei dir ist noch mehr drin!«

Wäre das nicht eine Perspektive, die uns von diesen festlichen Tagen der Seligsprechung von Mutter Rosa in unsere unterschiedlichen Aufgaben- und Lebensbereiche innerhalb der Kirche begleiten könnte: Dass wir unser christliches Leben als stetiges Wachsen begreifen und auf diesem Weg dem nicht ausweichen, was uns als Herausforderung oder gar als Schmerz begegnet:

  • der Kluft zwischen dem klaren Anspruch des Evangeliums und unserem konkreten Leben;
  • der Überzahl derer, die Hilfe brauchen;
  • den Grenzen, an die wir tagtäglich stoßen: personell, materiell, spirituell, physisch und psychisch...;
  • den Schwierigkeiten, die wir im Umgang miteinander haben;
  • dem Unverständnis oder gar Unrecht, dem wir ausgesetzt sind ...

Wenn wir in all dem Gottes Hand zu sehen vermögen, die uns zu mehr Frucht bereit machen will, dann dürfen wir uns - zusammen mit Mutter Rosa Flesch – wirklich seligpreisen. Amen.

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