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Zoff unter Christen:

Wie man als Christ richtig streitet, ohne ein Weichei zu sein
Beitrag für die Sendung »Spurensuche« in Radio Horeb am 3. Dezember 2007 von Weihbischof Dr. Stephan Ackermann


Liebe Hörerinnen und Hörer!

Gestritten wird überall, auch Christen streiten sich. Das erleben wir jeden Tag. Doch ist das eigentlich im Sinne Gottes? Ist Streit nicht vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Streitenden auf dem Weg des Glaubens noch nicht allzu weit fortgeschritten sind? Muss man als Christ nicht beim Streit ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn man an all die Aufrufe zu Liebe und Verständnis denkt, die sich im NT finden: »Wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt aus Gott«, sagt der Apostel Johannes (1 Joh 4,7). »Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander; denn die Liebe deckt viele Sünden zu«, sagt 1 Petr (4,8). Und wie oft ermahnt der Apostel Paulus die streitenden Parteien in seinen Gemeinden, eines Sinnes zu sein und Frieden zu halten: »In Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst und achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen« (Phil 2,3f); oder: »Ertragt euch gegenseitig, und vergebt einander, wenn einer dem andern etwas vorzuwerfen hat« (Kol 3,13). Und dieses Vergeben soll nach dem Wort Jesu nicht nur einmal, ja nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal, d. h. unbegrenzt oft geschehen (Mt 18,21f).

Die wenigen Zitate reichen schon aus, um uns ein schlechtes Gewissen zu machen, und oft genug werden sie auch so eingesetzt, um Streithähnen den Biss zu nehmen. Doch wenn wir genauer hinschauen, dann entdecken wir, dass diejenigen, die im NT zu Liebe, Frieden, Eintracht und Versöhnung aufrufen, selbst durchaus keine »Leisetreter« waren: In den Briefen des Paulus gibt es ganz kampfeslustige Töne, auch Ironie. Er war es schließlich, der in einem handfesten Streit um Zulassungsbedingungen zum Christsein Petrus ins Angesicht widerstanden hat. Auch wenn Petrus damals ja noch nicht Papst in unserem heutigen Sinn war, so war er doch in der frühen Kirche die Autorität. Paulus hat sich ihr nicht gebeugt und sogar noch eins oben drauf gesetzt, indem er Petrus vorwarf, sich unaufrichtig und heuchlerisch benommen zu haben (vgl. Gal 2,11-21). Und der Apostel Johannes, der in seinen Briefen so poetisch über die Liebe schreibt, war ja auch nicht von Pappe: Jesus hat ihm jedenfalls mit seinem Bruder Jakobus den Spitznamen »Boanerges« gegeben, was so viel bedeutet wie »Polterer«. Wir dürfen also davon ausgehen, dass die beiden nicht nur gesäuselt haben.

Wenn wir schließlich auf Jesus selbst schauen und einmal die Evangelien durchforsten mit der Frage, wie oft Jesus in Streit verwickelt ist, dann staunen wir, wie sehr sein Leben hier auf der Erde von Streit geprägt war: Im Johannesevangelium endet praktisch keines der zentralen Kapitel ohne Diskussion und Streit mit den Zuhörern und Schriftgelehrten: Nach der Brotvermehrung und Jesu Predigt über das wahre Brot des Lebens gibt es nicht nur Disput mit den Gegnern, sondern es gibt sogar eine Spaltung unter den Jüngern: Es ziehen sich viele Jünger zurück und wandern nicht mehr mit ihm, weil sie innerlich nicht mehr mitkommen (vgl. Joh 6). Kurz danach kommt es am Laubhüttenfest zu Auseinandersetzungen im Tempel (Joh 7). Dann blamiert Jesus die Pharisäer, die die Ehebrecherin vor ihn hinschleppen, um ihn auf die Probe zu stellen, indem er zu ihnen sagt: »Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie« (Joh 8,7). Die Pharisäer ziehen sich beschämt zurück. Und so geht es Kapitel um Kapitel weiter. Man hat fast den Eindruck, Jesus lege es darauf an, die führenden Leute seines Volkes herauszufordern, indem er von sich sagt: »Ich bin das Licht der Welt (Joh 8,12), ich bin der gute Hirt - im Unterschied zu euch (Joh 10,11). Ihr behauptet stolz, dass ihr Abraham zum Vater habt? Ihr habt den Teufel zum Vater (Joh 8,44). Mich aber gab es schon, bevor Abraham geboren wurde (vgl. Joh 8,58)«.

Wenn man das Evangelium unter dem Stichwort »Streit um Jesus« durchforstet, dann merkt man, dass Jesus nicht nur Auseinandersetzungen zu bestehen hatte, in die er passiv hineingezogen wurde. Nein, er selbst provoziert seine Landsleute durch gezielte Aktionen: Denken wir nur an die Krankenheilungen am Sabbat, an dem doch durch göttliches Gebot heilige Ruhe angeordnet war (Ex 20,8ff). Denken wir an die Missachtung von Fastengeboten, wo Jesus kritische Rückfragen zurückweist mit dem selbstbewussten Satz: »Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist« (Mk 2,19), und er meint mit dem Bräutigam sich selbst.

Der Spitzensatz des streitlustigen Jesus findet sich im 12. Kapitel bei Lukas, wo Jesus von sich selbst bekennt: »Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!« und dann: »Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, nicht Frieden, sondern Spaltung« (Lk 12,49.51). Das ist Klartext. So spricht wahrhaftig kein »Weichei«.

Nun müssen wir allerdings dieses Wort zusammenhören mit einem anderen Spitzensatz Jesu, der aus seinen Abschiedsreden stammt und lautet: »Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch« (Joh 14,27). Wenn wir das ganze Leben Jesu und seine Botschaft anschauen, dann müssen wir sagen, dass dieser Satz, der am Abend vor der Passion fällt, im Vergleich zur Ankündigung der Spaltung sicher der gewichtigere und weitreichendere Satz ist. Das zeigen die Evangelien ganz deutlich: Jesus ist kein Provokateur, der aus purer Lust am Streit und an der Selbstdarstellung, die Leute aufmischt. Sein tiefstes Anliegen ist der Friede und zwar in einem umfassenden Sinn, d. h. der Friede, der sich nicht nur auf die Gemeinschaft der Menschen erstreckt, sondern auch Himmel und Erde, Gott und Menschen wieder miteinander verbindet.

Papst Benedikt hat in einem seiner langen Interviews, die er als Kardinal dem Journalisten Peter Seewald gegeben hat, diesen Frieden einmal so charakterisiert: »Wir verstehen diesen von Christus gebrachten Frieden nur recht, wenn wir ihn nicht banal als Sich-vorbei-Mogeln an dem Schmerz auffassen, oder an der Wahrheit und an den Auseinandersetzungen, die sie mit sich bringt. Wenn eine Regierung jeden Konflikt vermeiden wollte und es jedem recht machen will, oder auch wenn ein einzelner Mensch das tut, dann funktioniert gar nichts mehr. Und so ist es auch in der Kirche. Wenn sie nur auf Konfliktvermeidung ausgeht, damit ja bloß nirgendwo Aufregungen entstehen, dann kann die eigentliche Botschaft nicht mehr zum Ziel kommen. Denn diese Botschaft ist eben auch dazu da, mit uns zu streiten, den Menschen aus der Lüge herauszureißen und Klarheit, Wahrheit zu schaffen. Die Wahrheit ist nichts Billiges. Sie ist anspruchsvoll, und sie brennt auch. Zur Botschaft Jesu Christi gehört eben auch die Herausforderung, die wir in diesem Streit mit seinen Zeitgenossen finden. Hier wird eine verkrustete Form von Glaube, ein selbstgerechter Glaube, nicht bequem übertüncht, sondern es wird der Streit damit aufgenommen, damit die Verkrustung aufgebrochen [wird] und die Wahrheit zum Ziel kommen kann« (Gott und die Welt, München 2000, 190f).

Christen, die keine Angst haben, miteinander und mit anderen zu streiten, liegen also richtig und sind wichtig, wenn der Streit dazu dient, der Wahrheit näher zu kommen. Weil wir dazu neigen, allzu schnell unsere Sicht der Dinge für die einzig richtige zu halten, braucht es den Streit der unterschiedlichen Perspektiven. Das muss nicht immer ein schmerzlicher Streit sein. Es wird aber auch nicht immer nur harmonisch-einvernehmlich vonstatten gehen. Doch nur im Verschnitt unterschiedlicher Sichtweisen und Standpunkte werden in der Regel die verschiedenen Perspektiven der Wirklichkeit sichtbar. Hier gilt die alte Faustformel: Wer mehr Seiten der Wirklichkeit sehen und zulassen kann, hat mehr Recht als der, der einseitig bleibt.

Wir sehen, sich zu streiten, ist also nicht von vorneherein unchristlich und daher zu vermeiden. Einem Streit aus dem Weg zu gehen, kann auch Feigheit sein oder Trägheit, weil man sich keinen Ärger einheimsen will. Diese Haltung ist aber weder hilfreich noch christlich. Deshalb stimmt der Spruch: »Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten, sondern jene, die ausweichen« (Marie von Ebner-Eschenbach). Umgekehrt kann sich natürlich nicht jeder Trotzkopf darauf berufen, dass auch Jesus viel gestritten habe.

Faustregeln für eine christliche Streit-Kultur

Ich meine, für eine gesunde christliche Streitkultur sollte man folgende Faustregeln beachten:

  1. Bevor ich ein Streitgespräch beginne, prüfe ich meine Motivation: Ist sie redlich, d. h. will ich der Sache, um die es geht, und damit der Wahrheit dienen? Oder will ich bloß Recht behalten, nicht unterliegen, den anderen meine Überlegenheit zeigen oder will ich - ganz schlicht, mein Gegenüber ärgern?

  2. Darüber hinaus halte ich für ein Streitgespräch immer noch den Grundsatz für empfehlenswert, den der hl. Ignatius von Loyola am Beginn seines Exerzitienbüchleins gibt. Dort heißt es: »Damit sowohl der, der die geistlichen Übungen [Exerzitien] gibt, wie der, der sie empfängt, einander jeweils mehr helfen und fördern, haben sie vorauszusetzen, dass jeder gute Christ mehr bereit sein muss, eine Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verdammen. Vermag er sie aber nicht zu retten, so forsche er nach wie jener sie versteht« (EB 22). Ignatius, der mehrere Male zum Verhör bei der spanischen Inquisition vorgeladen war, wusste, wovon er redete. Im Sinne Jesu sollten wir unserem Gegenüber zunächst eine gute Absicht und den Willen zur Verständigung unterstellen. Das heißt, dass ich dazu bereit bin, meine eigene Sicht der Dinge selbstkritisch immer wieder zu hinterfragen und zu verstehen versuchen, wie mein Gesprächspartner zu seiner Position kommt.

  3. Ein dritter Hinweis: Ich mag in einer Sache noch so sehr Recht haben, es wird mir nichts helfen, wenn ich dem anderen die Wahrheit wie einen nassen Waschlappen um die Ohren haue. »Der Ton macht die Musik«, sagt der Volksmund, und er hat Recht. Damit die Wahrheit eine Chance hat, gehört zu werden, ist Liebe gefragt. Oder, um es weniger hochtrabend zu formulieren: Respekt vor dem Anderen, Einfühlungsvermögen, Taktgefühl. Es gibt sogar Situationen, da würde die Wahrheit überfordern. Deshalb ist für eine christliche Streitkultur auch langer Atem gefordert und Ideenreichtum: Wie kann ich meinen »Streitpartnern« meine Überzeugung nahe bringen? Ohne Rückschläge und Missverständnisse wird es in der Regel nicht abgehen. Streitsituationen sind also auch Gelegenheiten, sich selbst besser kennen zu lernen und »das eigene Verhaltensrepertoire zu erweitern, Offenheit, Schlagfertigkeit, Einfühlungsvermögen und Verhandlungsgeschick zu schulen« (P. Ulrich, in: neue gespräche, Heft 5/ 2007, 3).

  4. Eigentlich ist es überflüssig zu sagen, dass es zu einer Streitkultur, zumal zu einer christlichen gehört, auch solch einfache Spielregeln zu beachten wie: den Anderen beim Sprechen anzusehen, ihm oder ihr nicht ins Wort zu fallen, sondern ausreden zu lassen, keine Seitengespräche zu führen, während der Andere spricht, und sich zurückzuhalten mit verallgemeinernden Unterstellungen wie etwa: »Du bist ja sowieso dagegen. Bei dir habe ich ja gar keine Chance. Du willst mich einfach nicht verstehen ...« Trotzdem wundere ich mich, wie oft in Gesprächen gegen diese Grundregeln verstoßen wird. Man braucht doch nur im Internet unter dem Stichwort »Gesprächsregeln« zu googlen: Im Nu hat man die entscheidenden Grundregeln auf dem Schirm.

  5. Wo leidenschaftlich gestritten wird, sind auch Gefühle im Spiel. Da redet man sich nicht nur die Köpfe, sondern leicht auch die Herzen heiß. Das ist einerseits gut, denn das belebt das Gespräch, aber es birgt auch eine Gefahr: Sache und Gefühle vermischen sich leicht. Dann können angeblich sachliche Argumente zu Totschlagargumenten werden und scheinbar harmlose Rückfragen zu Fangfragen. Deshalb raten uns erfahrene Gesprächsbegleiter, während eines Streits die aufkommenden Gefühle (wie Ärger oder Trauer) aufmerksam wahrzunehmen und sie frühzeitig zu äußern, damit sie sich nicht verselbstständigen und dann unkontrolliert entladen.

Man sieht, Streit ist eine anspruchsvolle Sache, und er ist doch so etwas wie das Salz in der Suppe des Lebens. Neulich las ich, dass nicht wenige Ehen nach Jahren scheitern, weil die Ehemänner zwar lieb und vernünftig, aber damit für ihre Frauen langweilig seien. Eine gute Beziehung brauche »Kampf, Streit und Auseinandersetzung. Wer für[einander] [...] interessant bleiben will, muss streiten. Auseinandersetzung macht das Leben spannender. Man muss miteinander reden, sich verändern, sich positionieren, spontan sein« (C. Seligmann, in: neue gespräche, Heft 5/ 2007, 10).

Ob das stimmt, lässt sich natürlich nicht zwingend beweisen, aber ich glaube, dass da etwas Wahres dran ist. Also ist Streit vielleicht wirklich so etwas wie das Salz in der Suppe des Lebens. Und vom Salz hatte Jesus eine hohe Meinung: Man schlage nur nach bei Mt 5,13!


Stephan Ackermann

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