Unsere WebSeite verwendet Cookies (kleine Textdateien, die sie auf Ihrem Rechner ablegt); dadurch bleibt bistum-trier.de für Sie möglichst leicht zugänglich und komfortabel. Näheres finden Sie in unserer Datenschutzerklärung . Sie können in den Einstellungen Ihres Browsers bestimmen, ob er Cookies akzeptiert oder nicht. Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.

Nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt – Ein Programm nur für die Kirche?

Reflexionen im Anschluss an die Rede von Papst Benedikt XVI. am 25. September 2011 im Konzerthaus in Freiburg

Ansprache beim Martinsempfang des Katholischen Büros am 14.11.2011 in Mainz

Der Besuch von Papst Benedikt liegt nun schon einige Wochen zurück. Er war sowohl Staatsbesuch in seiner deutschen Heimat als auch Pastoralbesuch in der Ortskirche. Nicht zuletzt durch diese doppelte Akzentsetzung war der Besuch, wie nicht anders zu erwarten, begleitet von einem hohen öffentlichen Interesse. Das galt sowohl im Vorfeld wie in den Tagen seines Besuchs selbst. Ihr besonderes Gepräge erhielt die Reise des Heiligen Vaters nicht nur durch ebenso festliche wie ermutigende Gottesdienste in drei verschiedenen Regionen Deutschlands sowie eine Vielzahl von Begegnungen mit Einzelpersonen und Gruppen, sondern vor allem durch zwei zentrale Reden, die der Papst im außerliturgischen Raum gehalten hat. Die Dramaturgie des Programms wollte es, dass die eine der beiden großen Reden gleich zu Beginn vor dem Bundestag in Berlin stattfand, die andere kurz vor dem Rückflug nach Rom in Freiburg.

Bizarre Diskussion im Vorfeld der Bundestagsrede

Dabei sorgte die Bundestagsrede vor allem im Vorhinein und unter den Abgeordneten selbst für eine kontroverse Diskussion über die Sinnhaftigkeit, ja die Erlaubtheit eines solchen Auftritts. Je länger sich die Diskussion hinzog, umso bizarrer mutete sie allerdings für den Beobachter an. Jedenfalls hatte der Bundestagspräsident Recht, als er in seiner Begrüßung sagte: »Selten hat in diesem Haus eine Rede, noch bevor sie gehalten wurde, so viel Aufmerksamkeit und Interesse gefunden – nicht nur in Deutschland, sondern weit darüber hinaus.« Die ebenso tiefgründigen wie überraschenden Gedanken, die Benedikt XVI. dann der Versammlung vortrug, ließ so manche aufgeregte Wortmeldung aus dem Vorfeld doch reichlich kleingeistig erscheinen.

I. In Freiburg: Inhaltlicher Akzent erwartet

Bei der Papstrede im Konzerthaus in Freiburg verhielt es sich nahezu umgekehrt: Selbstverständlich konnte der Papst auch hier auf eine erwartungsvolle Hörerschaft rechnen, doch der Kreis der Gäste, die man zu dieser letzten Veranstaltung des Papstbesuchs eingeladen hatte, repräsentierte mehr den Raum der Kirche selbst. Der Papst ließ keinen Zweifel daran, dass er mit seiner letzten Rede vor dem Abschiedszeremoniell noch einmal einen markanten inhaltlichen Akzent setzen wollte, was ihm zweifellos auch gelang. Die Rede, die dem Sendungsauftrag der Kirche gewidmet war und die wie die meisten der Ansprachen spürbar die persönliche Handschrift des Papstes trug, bot Anlass zu Diskussion. Freilich hat sie auch zu Irritationen innerhalb und außerhalb der Kirche geführt. Im Unterschied zur Ansprache im Bundestag sorgte die Freiburger Rede also im Nachhinein für Gesprächsstoff.

„Entweltlichung“: Rückzug hinter Kirchenmauern?

Verantwortlich dafür war vor allem der Begriff von der »Entweltlichung« der Kirche, den der Papst gleich sechs Mal in seiner Ansprache verwendete und seinen Zuhörern als notwendiges Ideal vor Augen stellte. Was meint der Papst, wenn er sagt: »Um ihre Sendung zu verwirklichen, wird sie [die Kirche] ... immer wieder Distanz zu ihrer Umgebung nehmen müssen, sich gewissermaßen ›ent-weltlichen‹«? Für Benedikt XVI. ist es an der Zeit, »die Weltlichkeit der Kirche beherzt abzulegen.« Doch was bedeutet das? Wird damit der Rückzug hinter die geschützten Kirchenmauern propagiert? Die Antwort ist eindeutig. Sie lautet: Nein. Denn an anderer Stelle seiner Rede macht Benedikt XVI. unmissverständlich klar: Entweltlichung »heißt natürlich nicht, sich aus der Welt zurückzuziehen, sondern das Gegenteil.« Die Kirche muss offen sein für die Anliegen der Welt, ja sich »immer neu den Sorgen der Welt öffnen, zu der sie ja selber gehört.«

Kirche gehört zur Welt

Der letzte Halbsatz klingt wie nebenbei gesagt, und er klingt wie ein Widerspruch; aber die Formulierung von der Welt, zu der die Kirche »ja selber gehört«, ist dem Papst sicher nicht unbedacht hineingerutscht. Die Dialektik, die in diesen Sätzen schwingt, ist gewollt. Umso mehr ist die Papstrede Anlass, einmal darauf zu schauen, wie das Urdokument des christlichen Glaubens, die Heilige Schrift, konkreter gesagt: das Neue Testament, das Verhältnis zwischen den Christen, der Kirche und der Welt beschreibt. Im Rahmen dieses Vortrags kann dies natürlich nur fragmentarisch und mit einigen wenigen ganz groben Strichen geschehen.

II. Blick in die Schriften des Neuen Testaments

Besonders plastisch beschrieben wird das Verhältnis von Kirche und Welt in dem Vergleich von Salz und Licht, das sich in der Bergpredigt bei Matthäus findet: »Ihr seid das Salz der Erde«, sagt Jesus. »Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.« (Mt 5,13f), Die Existenz der Jünger ist also eindeutig auf die Welt und die Menschen hingeordnet. Die innere Logik des Bildes vom Salz legt sogar nahe, dass sich die Jünger Christi derart in die Welt »einmischen« sollen, dass sie geradezu ununterscheidbar werden, so wie das Salz in einer Speise nicht mehr sichtbar ist. Eine ganz ähnliche Aussage liegt übrigens auch in dem Bild vom Sauerteig, der ganz unter das Mehl gemischt wird (Mt 13,33), bis alles durchsäuert ist.

Alles durchdringen – allen leuchten…

Schauen wir auf das zweite Bildwort: Fast hat man den Eindruck, Jesus wolle eine ergänzende Korrektur anbringen, indem er das Bild von der Stadt auf dem Berg einführt. Doch auch wenn mit diesem Bild irgendwie der Eindruck einer Entrückung aus den »Niederungen« der Welt erweckt wird, so ist die leuchtende Stadt auf dem Berg doch deutlich sichtbar für die Welt, kann sich gerade nicht vor ihr verstecken. In diesem Sinn trägt Jesus den Jüngern auf: »So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.« (Mt 5,16)

Muss ich besonders betonen, dass Jesus in seiner gesamten Verkündigung die Welt nicht dämonisiert, dass er die Schöpfung in ihrer Pracht würdigt (vgl. etwa Mt 6,28ff), dass er weder den Kontakt mit den Leidenden scheut, noch Berührungsängste gegenüber den Sündern hat, von denen er sich zum Mahl einladen lässt, so dass er sich der Beschimpfung ausgesetzt sieht, ein allzu weltlicher »Fresser und Weinsäufer« zu sein (vgl. z. B. Mt 8,2f; 11,19/ Lk 7,36-50), wie Matthäus und Lukas berichten.

Ambivalentes Urteil über „die Welt“ bei Johannes?

Im Johannesevangelium erscheint das Urteil über die Welt ambivalenter: Einerseits ist sie der gottfeindliche Kosmos, der den Sohn Gottes, der in die Welt kommt, nicht erkennt und nicht aufnimmt. Die Welt ist der Raum der Finsternis, die das göttliche Licht zu verschlingen sucht, es letztlich aber doch nicht ersticken kann (vgl. Joh 1,5-11). Im Gegenteil, Jesus wird den Zwölf beim Abschied sagen: »Habt Mut: Ich habe die Welt besiegt« (Joh 16,33). Aber dieser Sieg ist kein gewalttätiger Sieg, der die Welt zugrunde richtet, sondern er ist der Sieg der Liebe. So findet sich bei Johannes auch das wunderbare Jesuswort: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.« (Joh 3,16f) Bei aller negativen Zuschreibung, die die Welt im Johannesevangelium erfährt, zielt die Sendung Jesu zuerst und zuletzt auf die Rettung von Welt und Menschen. Die Jünger bleiben allerdings zeit ihres Lebens in einer eigentümlichen Schwebe. Jesus beschreibt sie im Gebet Gott gegenüber so: »Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin«; zugleich aber gilt: »Wie du, Vater, mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.« (Joh 17,16.18)

Paulus: „Bürger zweier Welten“

Schauen wir noch auf das Zeugnis des Völkerapostels. Auch in den Briefen des Paulus stellt sich der Befund ambivalent dar: Einerseits verurteilt Paulus die Weisheit dieser Welt und mit ihr die Klugen und Gelehrten dieser Welt, die Wortführer, die Vornehmen und Mächtigen (1 Kor 1,18-28). Andererseits empfiehlt er im Römerbrief die staatliche Autorität als eine von Gott eingesetzte, ordnende Instanz, der der Christ Gehorsam zu leisten hat (Röm 13,1-7). Wie es zu dieser Ambivalenz kommt, wäre natürlich noch einmal eigens zu analysieren, wozu hier nicht der Ort ist. Summarisch sei gesagt: Paulus sieht sich als Bürger zweier Welten. Seine wahre Heimat liegt nicht in dieser Welt, sondern im Himmel (Phil 3,20). Dieser Himmel ist kein imaginärer Ort, sondern das unvergängliche Leben in der Verbundenheit mit Christus. Dieser Verbundenheit entspringt die spezifische Freiheit des Christenmenschen gegenüber dieser Welt. Paulus bringt es für die Christen in Korinth auf die triumphierende Formel: »Alles gehört euch; ... Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft ... Ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott.« (1 Kor 3,21ff).

Freiheit macht das Verhältnis zur „Welt“ dialektisch

Fassen wir unsere biblischen Beobachtungen zusammen, so zeigt sich für das Verhältnis des Christen zur Welt eine Dialektik, die sich zwischen zwei Polen bewegt. In ihren extremen Formen sind sie mit dem christlichen Selbstverständnis nicht vereinbar. Denn dem Christsein entspricht weder Welt-Vergötzung, noch Welt-Verneinung (Vgl. K. Woschitz, in: LThK3 10, 1061ff. Damit ist natürlich nicht ausgeschlossen, dass es immer wieder auch geschichtliche Situationen oder politische Systeme geben kann, denen gegenüber sich Christen eindeutig abzugrenzen haben oder denen sie in offenem Widerspruch entgegentreten müssen. Eine solche Haltung steht z. B. im Hintergrund des Buches der Offenbarung). Der Ursprung der christlichen Dialektik im Verhältnis zur Welt liegt in der von Christus her geschenkten Freiheit, so wie sie Paulus formuliert hat.

III. Angefochtene Freiheit

Kehren wir zu uns und zur Freiburger Rede des Papstes zurück: Die Erfahrung lehrt, dass die soeben beschriebene Freiheit des Christen leider nicht ein für allemal erworben wird. Sie bleibt angefochten. Sie ist gefährdete Freiheit sowohl beim Einzelnen als auch in der Gemeinschaft der Kirche. Darauf hat auch der Papst aufmerksam gemacht. Er beschreibt die Gefährdung christlicher Freiheit so: »In der geschichtlichen Ausformung der Kirche zeigt sich jedoch auch eine gegenläufige Tendenz, dass die Kirche zufrieden wird mit sich selbst, sich in dieser Welt einrichtet, selbstgenügsam ist und sich den Maßstäben der Welt angleicht. Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zu der Offenheit auf Gott hin, zur Öffnung der Welt auf den Anderen hin.« Dann verweltlicht die Kirche.

Entweltlichung als Gegenmittel zu Verweltlichung

Das Gegenmittel kann nach Benedikt XVI. nur heißen: »Entweltlichung«. So sagt er wörtlich: »Um ihrem eigentlichen Auftrag zu genügen, muss die Kirche immer wieder die Anstrengung unternehmen, sich von dieser ihrer Verweltlichung zu lösen und wieder offen auf Gott hin zu werden. Sie folgt damit den Worten Jesu: ›Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin‹.« »Entweltlichung« heißt für die Kirche, immer wieder auch auf Distanz zu der Umgebung zu gehen, in der sie lebt und für die sie da ist.

Entweltlichung durch Anstoß von außen

Nun ist das leichter gesagt als getan. Denn wir alle wissen: Soziale Systeme tun sich mit selbstkritischer Distanz und Veränderungen noch schwerer als einzelne Individuen. In der Regel geht es nicht ohne Hilfe, ohne Einwirkung – oder müssten wir nicht ehrlicher sagen – ohne Störung von außen. Das gilt für den Staat wie für die Kirche. Der Papst scheute sich nicht, diese Einsicht zu illustrieren, indem er auf verschiedene Epochen der Säkularisierung hinwies, die die Kirche schon durchlebt habe. Dadurch sei »die Geschichte« der Kirche in gewisser Weise zu Hilfe gekommen und habe »zu ihrer Läuterung und inneren Reform wesentlich beigetragen.« Der Papst wurde noch konkreter, indem er weiter sagte: »Die Säkularisierungen – sei es die Enteignung von Kirchengütern, sei es die Streichung von Privilegien oder ähnliches – bedeuteten nämlich jedes Mal eine tiefgreifende Entweltlichung der Kirche, die sich dabei gleichsam ihres weltlichen Reichtums entblößt und wieder ganz ihre weltliche Armut annimmt.« Am Ende werde durch einen solchen Prozess das missionarische Zeugnis der Kirche wieder neu glaubhaft. Es waren wohl diese Sätze der Rede, die inner- und außerkirchlich das meiste Erstaunen hervorgerufen haben.

In Deutschland: Positive Folgen der Säkularisierung für die Kirche

Was ist nun dazu zu sagen? Zunächst: Der Papst hat allgemein von der Kirche und ihrer Geschichte gesprochen, hat seine Analyse nicht explizit auf die Kirche in Deutschland beschränkt. Er will sie allgemeingültig verstanden wissen. Wie fällt aber das Urteil aus, wenn wir auf die einschneidendste Säkularisierungsepoche in unserem Land schauen, auf den geschichtlichen Prozess, den wir Säkularisation nennen und der im Kern die Enteignung von Kirchengut und die Aufhebung der Landeshoheit der geistlichen Stände durch den Staat meint?

Fragt man die Kirchenhistoriker, so bestätigen sie aus heutiger Sicht und aufs Ganze hin gesehen die Deutung des Papstes: Mit der Säkularisation, so etwa die Einschätzung unseres Trierer Kirchenhistorikers Bernhard Schneider, verlor die Kirche dramatisch an Macht und Besitz. Sie wurde damit etlicher Gestaltungs- und Einflussmöglichkeiten beraubt, wurde abhängiger und ärmer. Gleichzeitig aber wurde die Kirche aus der Verstrickung in ein Herrschaftsgefüge befreit, das ihre pastorale Aufgabe immer wieder behindert hatte. Der Zerfall der bestehenden Strukturen bot die Chance zu einem zukunftsfähigen Neuaufbau. Darüber hinaus wurde die Kirche im 19. Jahrhundert geistlicher und volkstümlicher zugleich. Das Erscheinungsbild einer Adelskirche, das bis dahin vorherrschte, verschwand. Die Kirche wurde geistlicher, »weil sie nun nicht [mehr] die Versorgung des Adels sicherzustellen hatte, nicht durch das hohe Gewicht politisch-herrschaftlicher Aufgaben belastet, sondern primär auf seelsorgliche Ziele ausgerichtet war.«
(Diese Einschätzungen verdanke ich dem ungedruckten Manuskript zur Vorlesung über das 19. Jahrhundert, das mir Prof. B. Schneider, Trier, dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat.)

… nicht ohne destruktive Wirkungen

Wenn wir heute mit dem Papst aus geistlicher Perspektive und im sicheren Abstand von gut zweihundert Jahren auf diesen gewaltigen Umbruchsprozess schauen, dann darf doch zugleich nicht übersehen werden, dass die Säkularisation mit den positiven Wirkungen, die sie langfristig für Kirche und Gesellschaft (hier v. a. im Rechtswesen) hervorbrachte, auch destruktive Wirkungen hatte, indem sie rücksichtslos Altes und Gewachsenes beseitigte. Hans Maier hat Recht: »Wer die Segnungen der Säkularisation preist, der darf von ihrem Vandalismus nicht schweigen.«
(Säkularisation. Schicksale eines Rechtsbegriffs im neuzeitlichen Europa, in: zur debatte 3/2003, München)

Es gab nicht nur unersetzliche Verluste an Kulturgütern. Im Grunde wurde durch die Aufhebung von Klöstern und Universitäten die gesamte Bildungsinfrastruktur demontiert und auf lange Zeit hin massiv geschwächt. Das seit dem 19. Jahrhundert beklagte katholische Bildungsdefizit hat hier wohl eine seiner Wurzeln.

IV. Perspektiven

Fragen wir nun zum Ende hin nach den Perspektiven, die sich aus der Freiburger Rede des Papstes und den hier vorgetragenen Reflexionen ergeben. Manch einer glaubte schon, unmittelbar nach der Ansprache des Papstes konkrete Konsequenzen für die deutsche Kirche, insbesondere für die Bischöfe, herausgehört zu haben. Darüber hinaus erklärten einige Politiker, die sich ansonsten nicht gerade durch besondere Kirchennähe auszeichnen, medienwirksam die Bereitschaft, bei der Umsetzung des päpstlichen Auftrags behilflich zu sein und die deutsche Kirche von »materiellen und politischen Lasten und Privilegien« zu befreien als da wären Kirchensteuer, Körperschaftsstatus und Staatsleistungen ... Wer aus der Freiburger Rede des Papstes solche unmittelbaren Handlungsanweisungen ableitet, greift aber zu kurz. Denn er übersieht, dass hinter materiellen oder rechtlichen Vorteilen und Privilegien in aller Regel konkrete Engagements stehen, die die Kirche etwa in den Bereichen von Caritas und Bildung für Staat und Gesellschaft wahrnimmt.

Papst Benedikt: dankbar für die Möglichkeiten der deutschen Kirche

Spätestens im Nachhinein bestätigt sich auch noch einmal, dass Papst Benedikt die Beziehung zwischen Staat und katholischer Kirche in Deutschland durchaus nicht für untauglich hält, im Gegenteil. Als heute vor einer Woche der neue Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl dem Papst sein Beglaubigungsschreiben überreicht hat, sagte Benedikt XVI. wörtlich: »Es ist erfreulich, dass die katholische Kirche in Deutschland ausgezeichnete Möglichkeiten des Wirkens hat, dass sie das Evangelium frei verkünden und in zahlreichen sozialen und karitativen Einrichtungen bedürftigen Menschen helfen kann. Für die konkrete Unterstützung dieser Arbeit seitens des Bundes, der Länder und der Gemeinden bin ich wirklich dankbar.« Als Beispiele nennt er dazu den Schutz des kirchlichen Arbeitsrechts, die Unterstützung der kirchlichen Schulen und der Caritas, deren Arbeit letztlich dem Wohl aller diene.

Eine eindringliche Botschaft und ihre möglichen Auswirkungen

Gleichwohl hat Benedikt XVI. mit seiner Freiburger Rede Nachdenklichkeit erzeugen wollen. Mehr noch: Er hat eine eindringliche Botschaft hinterlassen, die sich natürlich zuerst und vor allem an seine Kirche richtet. Aber da, wo sie aufgenommen wird, hat sie auch Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft. Ich möchte folgende drei Punkte nennen:

  1. Nicht zu viel Angst vor Veränderung
    Zunächst und an die Adresse der Kirche sagt der Papst: Habt nicht zu viel Angst vor Veränderung, auch wenn sie beängstigend erscheint. Die lange Erfahrung der Kirchengeschichte zeigt, dass Verluste nicht nur Verluste sind, so schmerzlich sie auch sein mögen. Sie beinhalten in der Regel auch neue Chancen. Seid also als Kirche nicht zu sehr und vor allem auf die Sicherung eures Status quo bedacht. Zugespitzter formuliert heißt dies auch: Kirche in Deutschland gib darauf acht, dass du dich nicht in einer defensiven Abwehrhaltung verschanzt, die darauf hofft, dass bestimmte Themen (zu denen u. a. die Kirchensteuer, der Rechtsstatus der Kirchen, die Staatsleistungen etc. gehören) nicht allzu sehr in die öffentliche Debatte gebracht werden, ob von kirchenkritischen Politikern, oder gar vom Papst.
    (Anregungen hierzu verdanke ich D. Bogner: Weltdistanz und Weltengagement. Für ein Überdenken des gegenwärtigen staatskirchenrechtlichen Arrangements und einen »dritten Weg«, in: Salzkörner 17 (2011), 2-4, wenngleich ich nicht alle seine Schlussfolgerungen teile.)
    Nach meiner Wahrnehmung ruft der Papst zu einer offensiven Haltung auf, die nicht nur verbriefte Rechtsansprüche der Kirche in Erinnerung ruft, so wichtig und notwendig das immer wieder auch ist. Entscheidender ist die die Frage, ob und wie wir als Kirche in einer Tag für Tag pluraler werdenden Welt die Sinnhaftigkeit unseres Einsatzes in den konkreten Strukturen und Institutionen, in denen wir arbeiten, vermitteln können. Das setzt freilich voraus, dass sich die Kirche, dass wir uns immer wieder neu unseres genuinen Sendungsauftrages vergewissern.

  2. Kirche bleibt Ressource für Orientierung
    Wo dies geschieht und in dem Maß, in dem die Kirche ihrem Sendungsauftrag nachkommt, stellt sie eine bedeutende Ressource für die Suche nach Orientierung des einzelnen wie für die gesamte Gesellschaft dar. Diese Bedeutung scheint mir angesichts zunehmender Orientierungslosigkeit auf ganz verschiedenen Ebenen unseres heutigen Lebens mehr zu wachsen als abzunehmen. Eine bloße, positivistisch verstandene Funktionalität reicht für das Zusammenleben der Menschen untereinander, aber auch der Staaten nicht aus. Das spüren wir jeden Tag. Fast anachronistisch wirkt da das aufklärerische Pathos, mit dem manch einer Religion zurückdrängen will (vor allem aus dem öffentlichen Raum), um so angeblich die wahre Befreiung des Menschen zu befördern.

  3. „Entweltlichung“ schärft den Blick und macht souverän
    Lassen Sie mich noch auf einen dritten Aspekt hinweisen: Der Gang meiner Überlegungen hat bisher den Eindruck erweckt, als ob Kirche und Welt, Kirche und Gesellschaft bzw. Kirche und Staat sich irgendwie als zwei in sich geschlossene Wirklichkeiten gegenüberstünden. Dies ist aber nur bedingt wahr. Es gilt vor allem im Blick auf den rechtlich-institutionellen Rahmen der beiden Größen. Doch viele der Menschen in unserem Land gehören beiden Größen an: für diejenigen, die Mitglieder der Kirchen sind, gilt das in jedem Fall. Insofern gilt der päpstliche Aufruf zur »Entweltlichung« nicht nur der Kirche als institutionell fassbarer Größe. Er gilt nicht einmal nur für Katholiken. Nein, er gilt letztlich jedem Christen über die konfessionellen Grenzen hinweg.

    Das mag überraschend klingen. Wenn wir aber die Heiligen Schrift des Neuen Testamentes anschauen, dann sehen wir, dass dort vor allem das Verhältnis des einzelnen Christen zur Welt im Blickpunkt steht, nicht das der Kirche als Institution. »Entweltlichung« gilt demnach auch für Christen, die politische Verantwortung tragen. Um mich nicht misszuverstehen: Dies nimmt nichts von dem Respekt gegenüber dem spezifischen Auftrag, den politische Mandatsträger haben. »Entweltlichung« im Sinne des Neuen Testaments als »In der Welt-«, aber nicht »Von der Welt-Sein« will vielmehr jedem Christen helfen zu einer größeren inneren Freiheit, die den Blick schärft, um das Wichtige vom weniger Wichtigen zu unterscheiden, um unabhängiger zu werden von den Tagesmeinungen, um - mit einem Wort: souveräner zu werden.

Ein heilsames Programm

So könnte man schließlich sogar versuchen, die Anregung des Papstes, die aufs Erste so weltflüchtig, gar weltfremd klingt, gänzlich ins Säkulare zu übersetzen und als ein heilsames Programm zu verstehen, das sogar einem jeden Menschen zugänglich ist, unabhängig von seiner Religion oder Weltanschauung. »Entweltlichung« in diesem ganz allgemeinen Sinne hieße, den Mut zu haben, immer wieder in kritische Distanz zu treten zu sich selbst, zu den Sachzwängen, zu den Systemen, den Koalitionen und Ansprüchen (zur Parteidisziplin?), in denen man steht, um sie auf ihre Tragfähigkeit und Sinnhaftigkeit hin zu prüfen. Ohne ein bestimmtes Maß an phasenweiser »Entweltlichung« kommt deshalb m. E. keine gute Politikerin, kein guter Politiker auf Dauer aus. Sonst wird am Ende alles immer kurzatmiger, kurzsichtiger und systemimmanenter.
  (Es gibt auch Säkularisierungen, die Politikern »zu Hilfe kommen«: Wir nennen sie »Wahlen« ...)

V. Reform kommt von außen – und innen

Aus dem sprituellen Weisheitsschatz der orthodoxen Kirche wurde mir vor Jahren folgender Dialog erzählt. »Wie kommt es eigentlich zu Reformen in unserer Kirche?«, so fragte jemand einen weisen Menschen. Dieser gab als Antwort zurück: »Reformen in unserer Kirche? Zur einen Hälfte kommen sie durch die Tataren, zur anderen durch die Mönche.« Reform, kirchliche Erneuerung, so will der ostkirchliche Weisheitsspruch sagen, kommt erfahrungsgemäß aus zwei Richtungen: Zum einen kommt sie von außen, mitunter gewaltsam, nicht nach dem Einverständnis fragend, in Form von Säkularisierungen. Dafür stehen die räuberischen Tataren. Zum anderen kommt Erneuerung ganz von innen, aus dem kontemplativ-betenden Herz der Kirche. Dafür stehen die Mönche.

Ich bin froh, dass wir als katholische Bistümer in Rheinland-Pfalz bei Regierung und Parlament nicht unter die Tataren gefallen sind. Im Gegenteil, ich darf noch einmal meinerseits – auch im Namen meiner bischöflichen Mitbrüder – danken für die traditionell vertrauensvolle, ja partnerschaftliche Beziehung zwischen dem Land und unseren Bistümern, die sich im Respekt vor dem je eigenen Selbstverständnis des Gegenübers realisiert. Vielleicht gibt es ja neben dem Weg kirchlicher Erneuerung durch die Kontemplativen, für den wir auch in der westlichen Kirche dankbar sind und den wir nicht missen möchten, noch einen anderen Weg als den der Tataren. Vielleicht gibt es ja doch einen »dritten Weg« des gemeinsamen Dialogs, der die gegenseitige Herausforderung, auch kritischer Art nicht ausschließt und damit zur Lebendigkeit beider Größen - Kirche und Staat - beiträgt.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Weiteres:

Nicht von dieser Welt, aber in dieser Welt – Ein Programm nur für die Kirche?

bei anderen Anlässen