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Offener Brief von Bischof Stephan Ackermann an Peter Frey, Mainz

Lieber Herr Frey,

in der vorletzten Ausgabe von Christ und Welt (DIE ZEIT, Nr. 7, 11. Februar 2021) haben Sie unter dem Titel „Tage der Demut“ Erfahrungen und Reflexionen in der Zeit der Corona-Pandemie veröffentlicht. Ich habe diesen „persönlichen Essay“ mit Interesse gelesen.

"Vielen Ihrer Beobachtungen stimme ich zu..."

Ihr Beitrag hat mir gut gefallen, weil er nicht auf einfache Antworten setzt, sondern in einer assoziativen, nachdenklichen und an manchen Stellen auch selbstkritischen Art nicht die Widersprüchlichkeit verdeckt, die sich aktuell in vielen Erfahrungen in Gesellschaft und Kirche findet. Dabei denken Sie offenbar, wenn Sie von der Kirche sprechen, an die katholische Kirche, Ihre Kirche.

Vielen Ihrer Beobachtungen stimme ich ganz zu. Die Lektüre hat mich aber auch angeregt, Ihnen diesen Brief zu schreiben, in dem ich einige Aspekte hinzulegen möchte, die aus meiner Sicht zum größeren Ganzen unserer derzeitigen Situation hinzugehören.

Aussage in ihrer Pauschalität unzutreffend

Sie schreiben: „Ich erlebe in der Corona-Zeit eine Kirche, die verzagt auf Tauchstation geht, die Türen zumacht, an Ostern sogar auf die Feier ihrer heiligsten Feste verzichtet, bereitwillig staatsloyal, aber ohne sichtbare Trauer über den Verlust. Die Entschlossenheit, keine Sonderrolle für sich zu fordern, ist so groß, dass sie dabei auch ihre Kernaufgaben vernachlässigt, nicht nur im liturgischen Angebot, sondern auch in Fürsorge und Beistand für die von der Pandemie bedrängten Menschen.“

Eine Reihe von Abschnitten später vermerken Sie zwar, dass „kirchliche Kitas, Alten- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Beratungsstellen“ geholfen haben, die Krise zu überstehen, dennoch empfinde ich Ihre Aussage in ihrer Pauschalität als unzutreffend. Denn ich denke an die vielen Priester und anderen Hauptamtlichen in der Pastoral, an die vielen Ehrenamtlichen in den Gremien unserer Pfarrgemeinden, die sich mit großer Energie darum bemüht haben und bemühen, mithilfe von ausgefeilten Schutzkonzepten die Feier von Gottesdiensten weiter zu ermöglichen und dabei eine Corona-Bekämpfungsverordnung nach der anderen in die Tat umsetzen. Ich denke an die kirchlichen Dienststellen, die sich in zum Teil mühsamen Verhandlungen mit den Gesundheitsämtern, Ordnungsämtern und Landesministerien auseinandergesetzt haben, um das kirchliche Leben auch unter massiven Einschränkungen aufrechtzuerhalten.

Ungezählte Beispiele, wie ganze Gemeinden oder Gruppen versuchen, sich nicht aus den Augen zu verlieren

Ich denke an die vielen Aktiven, die sich mit großer Kreativität darum bemühen, trotz äußerem Abstand in Kontakt zu bleiben, und das beileibe nicht nur über das Streaming von Gottesdiensten. „Ein paar positive Beispiele“ gäbe es, geben Sie zu. Einige Gemeinden hätten „versucht, kommunikativ zusammenzubleiben, zum Beispiel durch die Verteilung von Predigten per E-Mail.“ Nach meiner Wahrnehmung gibt es ungezählte Beispiele, wie ganze Gemeinden oder Gruppen versuchen, sich nicht aus den Augen zu verlieren: Pfarrgremien tagen inzwischen regelmäßig per Videokonferenz, Menschen verabreden sich zu einer festen Gebetszeit über Telefon oder Internet, packen Mutmach-Tüten für Senioren, bieten speziell für junge Leute pfiffige digitale Austauschformate gegen die Einsamkeit an, bilden virtuelle Chöre, entwickeln neue Formen der Vorbereitung auf die Sakramente und, und, und … 

Ich denke an die Seelsorgerinnen und Seelsorger, die sich mit hohem Einsatz darum bemühen, organisatorische und rechtliche Hindernisse zu überwinden, um Menschen in stationären Einrichtungen zu besuchen, dort die Sakramente zu spenden und für Trauernde da zu sein.

Natürlich gibt es auch das Andere

Natürlich gibt es auch das Andere. Ich erlebe, wie Haupt- und Ehrenamtlich von Angst bestimmt werden: Häufig ist es weniger die Angst um die eigene Gesundheit, als die Angst, etwas falsch zu machen; die Angst zum Hotspot zu werden, die Angst, für Zusammenkünfte eine bisher nicht dagewesene Verantwortung zu übernehmen. Aber ist das verwunderlich angesichts einer Berichterstattung, die von Dauerdramatisierung lebt und den permanenten Warnungen zur Vorsicht?

Wie alle Bistümer versuchen wir im Bistum Trier, auch unter Corona-Bedingungen Firmfeiern anzubieten. Wir verpflichten niemanden, sondern machen Feier und Gestaltung von den Wünschen und Möglichkeiten vor Ort abhängig. Es gehört für mich zu den schönen Erfahrungen in der Pandemie, dass die überwiegende Mehrheit der vorbereiteten Jugendlichen die Firmung empfangen möchte, auch wenn eine größere Familienfeier nicht möglich ist.

Wer einfache Antworten gibt, ist ein Scharlatan

Ein Zweites: In der Pandemie vermissen Sie die Bischöfe. Als gesellschaftliche Akteure seien sie kaum mit eigenen Positionen hör- oder sichtbar. Zwar finden Sie es gut, dass eine „aufgeklärte Kirche der Versuchung widerstanden hat, die Pandemie – wie in früheren Jahrhunderten üblich – als Gottesstrafe zu instrumentalisieren“. Andererseits seien nun Ethikräte im „medialen Vordergrund“, die trotz aller Expertise ein Vakuum hinterließen, in das nicht zuletzt wütende Demonstranten hineinstoßen. Die Kirche habe die Deutungshoheit ganz der Wissenschaft überlassen, sie falle bei der Antwort nach der Sinnfrage aus und überhaupt „fehle der Pandemie und ihren Folgen bis heute jede spirituelle Vertiefung.“

Lieber Herr Frey, können Sie verstehen, dass mich diese Thesen etwas ratlos zurücklassen? Einerseits finden Sie es gut, dass die Kirche, gerade in ihren Amtsträgern, keine vorschnellen und vollmundigen Antworten auf die Krise gibt. Das wäre auch tatsächlich nach unserem heutigen Verständnis völlig vermessen. Wer einfache Antworten gibt, ist ein Scharlatan oder ein Verschwörungstheoretiker oder beides. Wir Heutige setzen mehr auf Ratschläge, die das Ergebnis von redlichen Abwägungsprozessen sind. Zugleich haben Sie die Erwartung, dass die Bischöfe vernehmbar ihre Stimme erheben. Das ist Ihr gutes Recht als katholischer Christ. Allerdings glaube ich, dass wir Bischöfe (und nicht nur wir) uns seit dem Ausbruch der Pandemie in unserer Verkündigung durchaus darum bemühen, Anregungen anzubieten, um die globale Krisensituation nicht nur mit den Augen der Wissenschaft und der Politik, sondern im Licht der Glaubensbotschaft zu sehen und dadurch Kraft zu ihrer Bewältigung zu gewinnen. Natürlich beurteilen auch wir die Dinge nicht aus einer abgeklärten Distanz heraus, und es steht uns auch keine Art von göttlichem Sonderwissen zur Verfügung. Wie alle Zeitgenossen sind wir den aktuellen Verunsicherungen ausgesetzt. Ich bin mir aber sicher, dass sich allein in den veröffentlichten Predigten und Texten der deutschen Bischöfe aus den letzten zwölf Monaten genügend Belege für eine spirituelle Vertiefung dieser Krisenzeit finden lassen. Und: Ob nicht etwa auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in seiner Programmgestaltung die Möglichkeit hätte, über die üblichen Talkformate hinaus, ein Angebot für Sinnsucher zu kreieren, das gerade die von Ihnen vermissten Auseinandersetzungen und Akteure herausfordern könnte …?

Tage der Demut für alle Beteiligten

Besonders angesprochen hat mich in Ihrem Essay das Stichwort vom Erwachsenwerden. Sie haben es vor allem auf das Verhältnis zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und dem Staat bezogen. „Als Nachkriegs-Vollkasko-Generation“, so schreiben Sie, spüren wir „zum ersten Mal, dass der Staat Absicherung und Hilfe nur begrenzt leisten kann. Genau genommen ist es umgekehrt: Der Staat hängt vom guten Willen seiner Bürgerinnen und Bürger ab, um erfolgreich auf diese Krise reagieren zu können.“ Und Sie fragen sich, ob in der vielfältigen Kritik an der Politik und erst recht „in der Wut, mit der auf Beschränkungen und Kontaktsperren, auf Richtungswechsel und Unzulänglichkeiten der Politik reagiert wurde, nicht auch eine Menge kindlicher Kränkung und Beleidigung, Ausdruck einer bei Licht betrachtet unerwachsenen Erwartungshaltung gegenüber dem Staat“ steckt.

Ob sich nicht in der Kirche, verstärkt durch Erfahrungen, wie Sie selbst sie aktuell machen, und vor dem Hintergrund der nun schon jahrelang andauernden Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, Ähnliches abspielt? Übersteigerte Erwartungen an Priester und Bischöfe fallen zusammen wie ein Kartenhaus. Damit entschuldige ich in keiner Weise persönliches Fehlverhalten und klerikalistische Selbststilisierung! Aber gab und gibt es nicht gerade im Katholischen oft eine unheilige Allianz zwischen einem übersteigerten Selbstbild des Klerikers und überzogenen Erwartungen der Gläubigen? Dieses „System“ wird derzeit mit ungeahnter Wucht demaskiert. Sie haben Recht: Es sind „Tage der Demut“ für alle Beteiligten. Wenn wir uns das eingestehen, können wir es besser annehmen und zum Positiven wenden.

Aus Anpassung kann mit Gottes Gnade und ehrlicher Bereitschaft echte Veränderung werden

Lieber Herr Frey, aller kritischen Analyse von Kirche und Gesellschaft zum Trotz klingen Sie optimistisch, wenn Sie über die Herausforderungen der Corona-Zeit schreiben: „Im Grunde ist es eine sehr positive Erfahrung: Wir sind, wenn es sein muss, zu wirklichen Veränderungen in der Lage.“ Meine Bewertung der Lage fällt momentan noch etwas vorsichtiger aus. Bisher zeigen wir erst, zu welch ungeahnten Anpassungsleistungen wir auch als Menschen des 21. Jahrhunderts fähig sind. Aber, ja: Aus Anpassung kann mit Gottes Gnade und ehrlicher Bereitschaft echte Veränderung werden. Mit Ihnen glaube ich daran.

Ihr

+ Stephan Ackermann

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Offener Brief an Peter Frey

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